am 13. Januar 2016: Heilberufe setzen auf Vereinheitlichung der Leistungsangebote für Flüchtlinge

Zum Beginn des neuen Jahres haben die Heilberufe Sachsen-Anhalt auf Ihrem Neujahrsempfang und Ihrer Pressekonferenz, die in diesem Jahr unter der Federführung der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt und des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt ausgerichtet wurden, die Flüchtlingsproblematik und deren Folgen für die Heilberufe hervorgehoben.

In der gemeinsamen Pressemitteilung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten und Apotheker unter dem Titel „Leistungsangebote für Flüchtlinge und Asylsuchende landesweit vereinheitlichen“ forderten sie eine einheitliche und weitgehend unbürokratische medizinische Versorgung von Flüchtlingen und Asylbewerbern im gesamten Bundesland, die insbesondere durch die landesweit einheitliche Einführung einer Gesundheitskarte erreicht werden kann. Zudem ist im Sinne der Flüchtlinge eine schnelle und einheitliche Behandlungs- und Kostenerstattungsregelung erforderlich.

Mit Blick auf die Versorgung der Flüchtlinge betonte der Präsident der Apothekerkammer Sachsen-Anhalt, Dr. Jens-Andreas Münch, auf der Pressekonferenz, dass es weiterhin Lieferengpässe von Arzneimitteln insbesondere bei Mehrfachimpfstoffen mit dem Wirkstoff gegen Polio gebe, welche jedoch nicht durch das vermehrte Aufkommen der Asylsuchenden verursacht wird und vor allem auch die ganz normale Bevölkerung trifft.

Dr. Burkhard John, Vorsitzender des Vorstandes der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt stellte klar, dass die Flüchtlinge bisher keine große Belastung für die Praxen sind. Dennoch ist im Jahr 2025 bei den Hausärzten ein Defizit von 225 Arztstellen zu erwarten.

Dr. Heinemann-Meerz: „Die Gesundheitskarte für Flüchtlinge ist überfällig“
Die Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt, Dr. Simone Heinemann-Meerz, könne es nicht verstehen, dass sich die Einführung der Gesundheitskarte für Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt noch immer im parlamentarischen Abstimmungsverfahren befindet und noch kein genaues Einführungsdatum dafür benannt worden ist. Denn in Hamburg, Bremen, Berlin und Nordrhein-Westfalen sei sie bereits realisiert und u. a. in Schleswig-Holstein, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen geplant. Problematisch sieht die Kammerpräsidentin zudem die mehrfache Registrierung der Flüchtlinge aufgrund der fehlenden Weitergabe von Daten. Dadurch werden Gesundheitsleistungen mehrfach vergeben, was wiederum die Ressourcen im Gesundheitssystem belastet. „Es muss ein länderübergreifender Datenaustausch sichergestellt werden, um z. B. den Impfstatus der Flüchtlinge untereinander austauschen zu können“, so die Kammerpräsidentin. Unterstützung erfahren die Ärzte auch durch ihre Kammer, wie z. B. auf der gemeinsamen Fortbildung der Ärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung zur „Medizinischen Behandlung von Asylsuchenden und Flüchtlingen“, die jeweils in Magdeburg, Halle (Saale) und Dessau stattfand.

„Die positiv zu verzeichnende Zunahme der Facharztprüfungen in der Allgemeinmedizin ist ein großer Erfolg“, betonte Frau Dr. Heinemann-Meerz. Ebenso ist der Quereinstieg Allgemeinmedizin für Fachärzte aus Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung seit der Einführung 2012 ein Erfolgsmodell. Bisher haben 81 Ärzte diese Möglichkeit genutzt. Ebenso verläuft die Deutsch-Fachsprachenprüfung – seit Anfang 2015 im Zuständigkeitsbereich der Ärztekammer – erfolgreich. Diese ist für ausländische Berufsangehörige vor Erteilung einer Approbation oder Berufserlaubnis in Sachsen-Anhalt obligatorisch.

Als große Herausforderung für die zahnärztliche Versorgung sieht die Zahnärzteschaft ebenso die Verständigungsprobleme. Dr. Frank Dreihaupt, Präsident der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt, wies darauf hin, dass dem Patienten die Behandlung von der Diagnose bis zur Therapie verständlich erklärt werden müsse. Dies sei bei der Behandlung von Flüchtlingen nur schwer bzw. gar nicht umzusetzen, da es an Sprachmittlern mangelt. Der Aufklärungspflicht muss durch eine ordentliche Verständigung Rechnung getragen werden, was bei einer fehlenden Verständigung kaum praktizierbar ist.

Bischoff: Arbeit ist die beste Integration
Der Minister für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt, Norbert Bischoff, betonte auf dem Neujahrsempfang die Relevanz des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patient. Er drückte sein Bedenken darüber aus, dass sich der finanzielle Druck auf das ärztliche Handeln mehr verstärken und dadurch das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt schädigen könnte. Sehr freudig zeigte er sich über die Gründung der Allianz für Allgemeinmedizin und dankte allen daran Beteiligten.

Minister Bischoff hob hervor, dass der anhaltende Zustrom von Asylsuchenden alle Beteiligten vor ungewohnte Aufgaben stellt. Die beste Prävention ist es, mutig zu sein, Dinge anzugehen und keine Angst vor dem Fremden zu haben.

Als beste Integration in unserer Gesellschaft sieht der Minister die Arbeit an, da dadurch der Mensch Wertschätzung und Anerkennung erfährt. Dabei muss besonders allen Beteiligten (ZASt, Kliniken usw.) gedankt werden, die sich um die Versorgung der Asylsuchenden kümmern. Ohne sie als Partner wäre deren Versorgung nicht denkbar.

Die Heilberufler und geladenen Gäste durften sich abschließend über einen Festvortrag der Berliner Pharmakologin Prof. Dr. Marian Schaefer freuen.

Ein zentraler Punkt in ihrem Festvortrag war die ganzheitliche und individuelle Betreuung von Patienten. Hier wäre es wünschenswert, wenn alle Beteiligten bei der Betreuung von Menschen noch mehr zusammenarbeiten würden.