Ein Interview mit Prof. Dr. jur. Ruth Rissing-van Saan

Im Jahr 2012 wurde in der Bundesärztekammer eine unabhängige Vertrauensstelle Transplantationsmedizin eingerichtet. Dort werden Hinweise auf Unregelmäßigkeit bzw. Informationen im Bereich der Organspende und der Organtransplantation entgegengenommen. Die Leitung wurde Frau Prof. Dr. jur. Ruth Rissing-van Saan anvertraut. Mit der Chefredakteurin des Ärzteblatts Sachsen-Anhalt, Dr. med. Simone Heinemann-Meerz, sprach Sie über ihre dortige Arbeit.

Die Vertrauensstelle wurde vor etwas mehr als 3 Jahren ins Leben gerufen. Was waren die ausschlaggebenden Ursachen für die Gründung der Stelle?
Der Einrichtung gingen Unregelmäßigkeiten in einzelnen Transplantationszentren voraus, die sich einige wenige Mediziner in der Vergangenheit geleistet hatten und die im Sommer 2012 bekannt geworden waren. Aufgedeckt wurden sie durch eine anonyme Anzeige, die bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) eingegangen war und von dort an die Bundesärztekammer bzw. die Prüfungs- und Überwachungskommission weitergeleitet wurde. Vielen Menschen stellten sich darauf Fragen hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit der Transplantationsmedizin. Die Spenderzahlen brachen dramatisch ein.

Sie sind pensionierte Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof. Wie führte Sie der Weg zur Bundesärztekammer?
Ich bringe Erfahrungen als Sonderprüferin und in der Ermittlungstätigkeit mit, weil ich früher auch als Tatrichterin und Staatsanwältin gearbeitet habe. Während meiner Zeit als Richterin am Bundesgerichtshof und Vorsitzende des 2. Strafsenats habe ich 2010 ein viel beachtetes Urteil zur Zulässigkeit von Sterbehilfe bei schwerkranken Patienten verabschiedet, durch das ich mit den Themen Sterbehilfe, Palliativmedizin und Hospizarbeit intensiv in Berührung kam. Deshalb war ich in der Bundesärztekammer auch bekannt und hat man mich schließlich angefragt.

Worin besteht Ihre Aufgabe als Leiterin der Stelle?
Meine Aufgabe als Leiterin der Vertrauensstelle, die inzwischen aus mehreren Mitarbeitern besteht, sehe ich über die Koordination der Bearbeitung der verschiedenen Anfragen und Beschwerden hinaus darin, auf die Klärung der oft auf vertraulicher Basis mitgeteilten Hinweise auf Unregelmäßigkeiten und Auffälligkeiten mit Hilfe der Prüfungs- und Überwachungskommission hinzuwirken. Nicht selten benötigen die Anrufer auch in eigener Sache Informationen zu den Abläufen einer Organspende und -transplantation oder einen vertrauenswürdigen Ansprechpartner.

Was ist das genaue Ziel der Vertrauensstelle?
Das Ziel der Vertrauensstelle besteht darin, durch Aufklärung und Transparenz das verlorene Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Redlichkeit der Transplantationsmedizin wieder zurückzugewinnen. Genauso wichtig ist es aber, die Sorgen und Nöte der Menschen, die sich an die Vertrauensstelle wenden, ernst zu nehmen und ihnen so effektiv wie möglich Hilfestellung zu geben. Die Vertrauensstelle trägt mit ihrer Arbeit auch zur Ordnung und Versachlichung der Diskussion über die Transplantationsmedizin bei. Das ist dringend erforderlich, weil es um das Schicksal schwerkranker Menschen geht, die dringend auf die Spende eines Herzens, einer Niere oder Leber usw. angewiesen sind, um weiter leben zu können.

Welche Personen wenden sich an die Vertrauensstelle Transplantationsmedizin?
Anfragen erhalten wir von vielen Seiten, dies reicht von Patienten und deren Angehörigen, über Ärzte oder Pflegepersonal bis hin zu allgemein an Fragen der Transplantationsmedizin interessierten Bürgern.

Der Tätigkeitsbericht 2014 der Bundesärztekammer informierte über 69 eingegangene Meldungen. Wie sieht dies bis heute aus?
Insgesamt sind bis Mitte 2016 244 Eingaben und Anfragen für die Vertrauensstelle Transplantationsmedizin eingegangen, davon 23 in anonymer Form.

Es besteht also die Möglichkeit sich anonym an die Vertrauensstelle zu wenden. Wer nutzt diese Möglichkeit?
Die anonymen Anzeigen kamen offenbar alle aus medizinisch sachkundigen Kreisen, also der Ärzteschaft oder von Pflegekräften, da Art und Inhalt der Informationen oder Beschwerden medizinische Kenntnisse voraussetzten.

Was beinhalteten diese Meldungen explizit?
Anschuldigungen wegen Richtlinienverstößen bei postmortalen Organspenden oder -transplantationen, aber in der jüngeren Zeit vermehrt auch im Zusammenhang mit Lebendorganspenden. Diese richteten sich gegen konkret benannte Transplantationszentren und vereinzelt auch gegen namentlich genannte Ärzte.

Wie gehen Sie bei der Bearbeitung der Angelegenheiten vor?
Viele Fragen kann ich als Juristin zu großen Teilen natürlich nicht aus eigenem Wissen und eigener Berufserfahrung beurteilen. Ich ziehe medizinische Experten hinzu, die die eingereichten Unterlagen und die von den betroffenen Zentren angeforderten Patientenunterlagen hinsichtlich der erhobenen Vorwürfe überprüfen. Das Ergebnis teile ich den nicht anonymen Anzeigenden mit. Ich lege dann auch offen, dass ich mich sachkundig habe beraten lassen.

Es liegt selbstverständlich im Interesse der Vertrauensstelle und der Transplantationsmedizin, dass viele Bürger wissen dass es diese Möglichkeit gibt. Wie generieren Sie mehr Bekanntheit in der Öffentlichkeit?
Durch Interviews wie dieses, durch die Teilnahme an Podiumsdiskussionen oder Informations- und Patientenveranstaltungen. Auch in der Fortbildungsveranstaltung Ihrer Ärztekammer im Juni, habe ich gerne unsere Arbeit erläutert. Unser, wie ich meine, für alle Beteiligten hilfreicher Einfluss wird wahrscheinlich noch weiter zunehmen, sofern unsere Aktivitäten bekannter werden bei den Bürgern. Der Faktor Zeit ist dabei wichtig.

Die Vertrauensstelle ist unabhängig von Strafverfolgungsbehörden. Jedoch leiten Sie strafrelevante Anzeigen weiter. Wie läuft das ab?
Ich habe mehrere Vorgänge an die jeweils örtlich zuständigen Staatsanwaltschaften weitergeleitet, weil sich der Verdacht eines strafbaren Verhaltens ergab und die Prüfungs- und Überwachungskommission sowie die Vertrauensstelle keine Strafverfolgungskompetenzen haben.

Das Thema Organspende bleibt ein Dauerbrenner in der öffentlichen Diskussion. Wie beurteilen Sie diese Diskussion?
Die Medien haben – jedenfalls in der jüngeren Vergangenheit – diese zum Teil sehr unsachlich geführt. Es erscheint mir manchmal so, als würde man die Transplantationsmedizin diskreditieren und generell in Frage stellen wollen. Das verunsichert nachvollziehbar viele Menschen, vor allem jene, die auf ein Organ angewiesen sind. Dies sind jedoch schwerkranke Menschen, für die ein Organ die letzte Hoffnung ist. Dessen muss man sich bewusst sein. Wer nicht konstruktiv daran mitwirkt, Vertrauen wieder herzustellen, schadet in erster Linie den Kranken und nicht den Medizinern. Deshalb sind Vernunft und klarer Verstand angesagt, wenn es darum geht, aufgetretene Probleme zu lösen. Emotionen und Hetze sind kontraproduktiv.

Welche Bilanz ziehen Sie nach etwas mehr als 3 Jahren Vertrauensstelle Transplantationsmedizin?
Die Vertrauensstelle ist gut angenommen worden und hat sich bewährt. Vor allem auch deshalb, weil sie Patienten, Angehörigen, interessierten Bürgern und nicht zuletzt Ärzten und anderen Personen aus dem medizinischen Bereich die Möglichkeit bietet, persönliche Beschwerden anzubringen, Informationen weiterzugeben oder Fragen zu stellen, die durchgeführte oder bevorstehende Transplantationen oder allgemein die Transplantationsmedizin betreffen.