An dieser Stelle des Ärzteblattes sollen zukünftig in Abständen Informationen des Ausschusses Qualitätssicherung erscheinen. Im Fokus werden dabei vor allem Fragen rund um das Thema Patientensicherheit stehen, mit denen sich der Ausschuss auf Grund der Aktualität des Themas vor allem beschäftigt. Das bevorstehende neue Patientenrechtegesetz wird uns alle vor neue Aufgaben stellen. Unsere Hinweise werden deshalb auch aktuelle Fragestellungen, welche sich in diesem Zusammenhang aus den neuen gesetzlichen Verpflichtungen ergeben, entsprechend berücksichtigen.

Was versteht man eigentlich unter Patientensicherheit?
Per definitionem ist dies zunächst „die Abwesenheit unerwünschter Ereignisse während des Behandlungs- und Versorgungsprozesses.“ Als wohl kaum erreichbares Ideal wird Patientensicherheit deshalb auch definiert als „Reduktion des Risikos vermeidbarer Patientenschäden auf ein akzeptables Minimum. Patientensicherheit ist einerseits das Ergebnis des klinischen Risikomanagements, andererseits das Resultat optimaler Behandlungspraxis.“ (Quelle: Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V., 2010)

Die Sicherheit der Patienten im Rahmen medizinischer Maßnahmen stellt ein ureigenstes ärztliches Anliegen dar, welches bei der Entwicklung neuer und Durchführung erprobter Behandlungsverfahren stete Berücksichtigung erfährt. Davon zeugen die Sicherheitsvorkehrungen bei den vielseitigen Formen der Diagnostik und Therapie. Langwierige Erprobungen neuer Medikamente unter Studienbedingungen und Zulassung nach strenger Prüfung, Arzneimittelgesetz oder die Vorschriften zur Gerätenutzung zu medizinischen Zwecken sind da nur einige Beispiele.

Doch trotz teilweise strenger Vorschriften und auch Behandlungsleitlinien sowie Beachtung der Sorgfalt bei der Planung und Durchführung ärztlicher und pflegerischer Maßnahmen kommt es immer wieder zu Gefährdungen von Patienten verschiedenster Art. Dabei spielen unterschiedliche Einflussfaktoren eine große Rolle. Die Entwicklungen der modernen Medizin haben stellenweise zu einer Komplexität von medizinischen Behandlungsprozessen geführt, welche die Berücksichtigung sicherheitsgefährdender Risikofaktoren immer schwieriger macht. Denken wir nur an die zunehmende Therapie mit Antikoagulantien im weiteren Sinne. Sinnvolle Therapie und Prophylaxe stehen hier im engen Widerstreit mit Gefährdung durch Wechselwirkungen und Interaktionen mit anderen Medikamenten, aber auch teilweiser extremer Erhöhung des Blutungsrisikos bei nachfolgenden Verletzungen oder operativen Eingriffen. Auf der anderen Seite haben wir die Zunahme des Altersdurchschnittes der Patienten mit höherer Gefährdung per se als auch die zunehmende kritische Bewertung medizinischer Maßnahmen oder eintretender Komplikationen durch die Patienten selbst oder deren Angehörige. Immer häufiger werden wir deshalb, aber auch gefördert durch Veröffentlichungen in der Presse oder teilweise nicht sachkundige Äußerungen von Mitarbeitern der Krankenkassen mit Beschwerden und Klagen über Behandlungsfehler oder mangelnde Sorgfalt konfrontiert. Nur in wenigen Fällen liegen jedoch tatsächlich Umstände vor, welche diese Vorwürfe auch berechtigt erscheinen lassen.
Schon sehr früh haben sich deshalb auch die Landesärztekammern mit der Aufklärung ärztlicher Behandlungsfehler beschäftigt und bieten so den Patienten über die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen Möglichkeiten zur Klärung von Behandlungsfehlervorwürfen an. Dabei geht es zum einen darum, Patienten die Möglichkeit einzuräumen, in begründeten Fällen auch eine entsprechende Entschädigung zu erfahren. Andererseits sollen jedoch auch die Rechte unserer Berufsgruppe insgesamt und jedes Einzelnen gewahrt werden.

Durch die schon beschriebene zunehmende Komplexität der modernen Medizin ist es deshalb erforderlich geworden, neben der rückblickenden Einzelfallaufklärung auch vorausschauende Präventionsinstrumente zu entwickeln, um die Gefahren für die Patienten, damit aber auch für die Ärzte zu minimieren. So hat der Deutsche Ärztetag von 2005 die Einführung von Critical Incident Reporting Systems (CIRS) befürwortet, die dabei helfen können, Zwischenfälle und Fehler rechtzeitig zu erkennen, noch bevor sie zu einem Schaden für den Patienten geführt haben. Im Auftrag von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung wird ein solches Fehlerberichtssystem nunmehr seit April 2005 durch das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) allen deutschen Ärzten zur Verfügung gestellt.
Weiterhin haben sich Vertreter der Gesundheitsberufe, ihrer Verbände und der Patientenorganisationen im Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Plattform zur Verbesserung der Patientensicherheit in Deutschland aufzubauen. Regelmäßig werden Handlungsempfehlungen veröffentlicht, die allen Einrichtungen im deutschen Gesundheitswesen kostenlos zur Verfügung stehen. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit wird vom Bundesministerium für Gesundheit unterstützt.

Im Mittelpunkt jeder qualitätsorientierten Gesundheitsversorgung steht die Sicherheit des Patienten. Unerwünschte Ereignisse, die das ungewollte Ergebnis einer Behandlung sind, gefährden die Patientensicherheit. Deshalb setzt sich das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. für Strategien zur Vermeidung unerwünschter Ereignisse ein. Das wichtigste Instrument zur Verbesserung der Patientensicherheit ist das gemeinsame Lernen aus Fehlern.
Die Zusammenarbeit vieler Menschen in komplexen Systemen, hohe Arbeitsbelastung und die Erfordernis teilweise schneller Entscheidungen in Krisensituationen sind beispielhafte Risikokonstellationen, die für Gesundheitsberufe charakteristisch sind. In solchen Arbeitsumgebungen steigt auch die Gefahr von Fehlentscheidungen und -handlungen. Und Menschen machen eben auch Fehler. Entscheidend ist, dass die Analyse dieser Fehler zeigen kann, an welchen Stellen es Schwachpunkte gibt und welche Mechanismen greifen, um Schadensfolgen letztlich zu verhindern. Nur wer anerkennt, dass auch in der Gesundheitsversorgung Fehler passieren, wird deshalb die Fähigkeit haben, erfolgreiche Strategien zur Verbesserung der Patientensicherheit zu entwickeln.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Fehler zu entdecken und auszuwerten. Geeignete Instrumente sind freiwillige Berichtssysteme, Schadensfallbewertungen, Fallbesprechungen und Ursachenanalysen (root cause analysis). Die künftige Fortentwicklung und Anwendung dieser Instrumente wird für den Erfolg der Patientensicherheit in Deutschland von entscheidender Bedeutung sein.
Darüber hinaus kommt es darauf an, das eigene Wissen mit anderen zu teilen. Wer anderen die Möglichkeit gibt, aus erlebten Fehlern zu lernen, hilft ihnen, diese Fehler nicht selbst zu machen. Offener Austausch und gemeinsames Lernen sind der Schlüssel für gelebte Patientensicherheit.
Die Sicherheitskultur ist Bedingung für ein erfolgreiches Fehlermanagement. Die offene Auseinandersetzung mit Fehlern liefert das nötige Wissen für ihre Handhabung. Fehlermanagement umfasst im Einzelnen das frühzeitige Erkennen von Fehlern sowie die Einleitung von Maßnahmen, sie zu verhindern oder ihre schädlichen Folgen abzuwenden.
Ein wichtiges Praxisinstrument sind hierbei u.a. die Handlungsempfehlungen des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS). Experten beraten sich in interdisziplinären Arbeitsgruppen und erstellen Anleitungen zur Umsetzung von Sicherheitsstrategien. Begleitdokumente (z.B. Infoflyer, Hintergrundbroschüren) ergänzen die Handlungsempfehlungen. Bisher stehen Empfehlungen zur Vermeidung von Eingriffsverwechslungen, zur Einführung von Critical Incident Reporting Systems (CIRS) in Krankenhäusern und zur Medikationssicherheit zur Verfügung.

In Folge wird der Ausschuss an dieser Stelle über einzelne Aktivitäten und resultierende Handlungsempfehlungen ausführlicher berichten.

Dr. Walter Asperger, Vorsitzender des Ausschusses
Qualitätssicherung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt
Dr. Manuela Wolf, Leiterin der Abteilung Qualitätssicherung