Am 27.05.2019 fand in Vorbereitung auf den 122. Deutschen Ärztetag in Münster wieder das Dialogforum der jungen Ärzteschaft statt. Mittlerweile fand das Forum zum vierten Mal vor einem Ärztetag statt und wurde von allen Beteiligten als etabliert bezeichnet. Über 200 Gäste, vor allem aus der jungen Ärzteschaft, aber auch diverse Landesärztekammerpräsidenten, Berufsverbandsvorsitzende und andere Funktionäre sind der Einladung des Bundesärztekammerpräsidenten gefolgt.

Dieses Jahr standen zwei große Themen auf der Tagesordnung – die Kommerzialisierung der Medizin und die Zukunft der Niederlassung. Dabei moderierte Dr. Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg, in eloquenter Art und Weise beide Diskussionen.

Junge Ärzte
links: Martin Lohrengel und Dr. Tim Leber im Austausch mit Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery; rechts: Podiumsdiskussion u. a. mit Martin Lohrengel

Unter dem Titel „Ärzte als Renditebringer – Patientenwohl und Freiberuflichkeit gefährdet?“ begann die Podiumsdiskussion. Zum Einstieg referierte Helmut Laschet, ehemaliger Ärzteblatt-Redakteur und diplomierter Volkswirt, in einem Impulsvortrag über die Wirtschaftstheorie des Kapitalismus und inwiefern sich Angebot und Nachfrage (nicht) auf das Gesundheitswesen übertragen lassen. Deutlich wurde, dass eine reine Renditeorientierung immer auch zu Verlierern führt. Wichtig war ihm aber auch die Differenzierung zwischen ökonomischem Handeln – etwas, was wir in unserer täglichen Praxis bei begrenzten Gütern tun müssen – und der Kommerzialisierung, also der Gewinnorientierung. Neben dem Referenten nahmen an der Podiumsdiskussion auch Inna Agula-Fleischer, Chirurgin und Vorsitzende des Arbeitskreises Junge Ärztinnen und Ärzte der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Jana Aulenkamp, Medizinstudierende und Dr. Thorsten Kehe, Internist und aktuell Vorsitzender der Geschäftsführung der „Märkischen Gesundheitsholding“ teil. Schnell herrschte Konsens, dass die zunehmende Merkantilisierung des Gesundheitswesens weder im Interesse der Patienten, noch in unserem Interesse als Ärzte sei. Somit war die Diskussion zwar Balsam für die vom Kommerz geschundene ärztliche Seele, jedoch wenig kontrovers. Spannend zeigte sich hier jedoch die unterschiedliche Sichtweise zwischen Geschäftsführer (wenn auch mit ärztlichem Background) und Klinikern. So fühle sich Kehe als Geschäftsführer aufgrund der stetig fallenden DRG-Erlöse und der ständig sinkenden Investitionen in die Krankenhäuser durch die Länder und Kommunen deutlich dem Lopez-Effekt ausgeliefert und zu einer regelrechten Opelisierung der Krankenhäuser gezwungen. Die unzureichende Krankenhausplanung würde dabei die Abwärtsspirale durch unnötige Konkurrenz noch beschleunigen.

Weiter zeigte sich in der Diskussion, dass Ärzte und Geschäftsführer oft in unterschiedlicher Sprache miteinander kommunizieren und dabei aus Unverständnis füreinander gegeneinander arbeiten. Offen blieb die Frage, wie wir die bodenlose Sprachlosigkeit zwischen Ärzten und Geschäftsführern überwinden.

In der zweiten Diskussionsrunde debattierten das Publikum und Eva-Maria Ebner, niedergelassene HNO-Fachärztin, Aline Tiegelkamp, Assistenzärztin in der Chirurgie, Max Tischler, Assistenzarzt in der Dermatologie und Dr. Anne Wichels-Schnieber, ehemalige Ärztin und jetzt Personalberaterin die Frage „Niederlassung: Für junge Ärztinnen und Ärzte ein Auslaufmodell?“. Zum Einstieg berichtete Wichels-Schnieber aus ihrem Erfahrungsschatz als Head-Hunterin über den stetigen Wandel der Arbeitswelt im Allgemeinen und in der Medizin im Speziellen, über die unterschiedlichen Erwartungen der verschiedenen Ärztegenerationen und die Ansprüche ihrer Klienten an neue Stellen (Stichwort Work-life-balance).

Die folgende Diskussion dürfte deutlich zur Beruhigung vieler niedergelassener Kollegen beitragen. Auch für uns, die junge Ärztegeneration bleibt die Niederlassung attraktiv. Die flexiblere Arbeitszeitgestaltung und die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, welche Therapien wann ergriffen werden, übt nach wie vor Strahlkraft aus. Dabei werden wir uns aber, zumindest dem Tenor der Diskussion nach, weg von der Einzelpraxis mehr zur Gemeinschaftspraxis hin orientieren. Wahrscheinlich ist aber auch, dass sich in Zukunft die Rahmenbedingungen ändern werden. Die Sektorengrenzen zwischen stationärem und ambulantem Sektor werden sich weiter aufweichen, die Digitalisierung wird weiter Einzug halten, Apps und Online-Sprechstunden werden sich ebenfalls nicht dauerhaft aufhalten lassen.

In beiden Diskussionen zeigte sich deutlich, welchem Wandel die Medizin aktuell unterlegen ist und auch in Zukunft unterlegen sein wird. Unser Beruf wird sich auch in Zukunft ändern. Solange das vertrauensvolle Arzt-Patienten-Verhältnis dabei die Konstante bildet, müssen wir diesem Wandel nicht mit Angst begegnen, sollten jedoch darauf achten, dass wir als Ärzte das Ruder in der Hand behalten. Es gilt, diesen Wandel aktiv mitzugestalten. Wer dabei auf einen Deus ex machina hofft, der die Probleme im Gesundheitswesen löst und die Kommerzialisierung beendet, wird aber bitter enttäuscht werden.

Die Verantwortung, die Zukunft zu gestalten, obliegt vor allem auch uns, der jungen Generation der Ärzteschaft. Sonst werden andere die Zukunft für uns gestalten und wir werden nur noch die passiven Leistungserbringer in einem System sein, welches uns von Politik und Konzernen vorgeschrieben wird. Dieser Zustand wird dann auf ein Erleiden der Zukunft hinauslaufen.

Die Ärztekammern und Berufsverbände, das hat die Diskussion in Münster wieder deutlich gezeigt, haben hier offene Ohren für Ideen und Sorgen – und hier können wir als junge Ärzte mitgestalten!

Martin Lohrengel und Dr. med. Till Leber
aus der Arbeitsgruppe „Junge Ärzte“ der Ärztekammer Sachsen-Anhalt