Dr. med. Anna-Elisabeth Hintzsche erhält das Ehrenzeichen der Ärztekammer Sachsen-Anhalt vom Vizepräsidenten der Ärztekammer, Thomas Dörrer (Foto: ÄKSA)
Dr. med. Anna-Elisabeth Hintzsche erhält das Ehrenzeichen der Ärztekammer Sachsen-Anhalt vom Vizepräsidenten der Ärztekammer, Thomas Dörrer (Foto: ÄKSA)

Ich möchte mit meiner ersten Begegnung mit Frau Dr. Hintzsche beginnen. Im Oktober 2007 trat ich in die ambulante Weiterbildung ein. Noch in den ersten Wochen begleitete ich meinen Weiterbilder zu einer Sitzung in die Geschäftsstelle der Ärztekammer in Halle. Ich betrat einen Raum mit Kolleg:Innen, welche sich in der Weiterbildung zum Allgemeinmediziner befanden und deren Weiterbilder. Bemerkenswert war, dass in diesem Raum ein familiäres Klima herrschte und das vor allem, weil die Sprecherin dieser Veranstaltung alle mit herzlicher, freundlicher, teilweise fast liebevoller Stimme begrüßte. Eine Eigenschaft, die ich seither an Frau Dr. Hintzsche sehr bewunderte.

Frau Dr. Hintzsche wurde 1956 in Halle geboren. Sie erlangte ihre Approbation am 01.01.1983 und begann ihre Weiterbildung zur Allgemeinmedizinerin in Halle an der Poli Süd, was so nicht geplant war, denn sie war für eine Stellung in Bitterfeld vorgesehen. Durch die seinerzeitige Städteerweiterung mit der Silberhöhe änderte sich jedoch der Bedarf und Frau Dr. Hintzsche durfte in Halle ihre Facharztweiterbildung absolvieren. Diese beendete sie am 05.12.1990 mit dem Ablegen der Facharztprüfung zur Fachärztin für Allgemeinmedizin. Daraufhin ließ sie sich am 01.01.1991 mit der noch heute bestehenden Praxis für Allgemeinmedizin in Halle nieder. Ihre Promotion erhielt sie am 06.03.1991 in Halle.

Ziemlich schnell nach ihrer Niederlassung begann sie, Student:Innen der Martin-Luther-Universität im Rahmen der Approbationsordnung auszubilden, was sie bis heute mit voller Hingabe und Überzeugung tut. Daraus folgte, dass sie 1995 zur Sprecherin der Lehrbeauftragten für Allgemeinmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg gewählt wurde. Als solche sah sie sich immer mehr mit dem mangelnden Interesse der Student:Innen an dem Fach Allgemeinmedizin konfrontiert, was in ihren Augen absolut ungerechtfertigt war. Auch sah sie schon damals die zunehmende Versorgungslücke mit Hausärzten kommen. Einer der Gründe war die mangelnde Präsenz des Fachgebietes Allgemeinmedizin in der universitären Lehre. So überzeugte sie Professor Lübbe, dem damaligen Geschäftsstellenleiter der Geschäftsstelle der Ärztekammer in Halle, in langen Gesprächen, Kontakt zum Studiendekan aufzunehmen und die Anerkennung der Lehrtätigkeit der Allgemeinmediziner sowohl in der Fakultät zu veröffentlichen, als auch im Wartezimmer der Kollegen aushängen zu dürfen. So wurde Frau Dr. Hintzsche zusammen mit 38 weiteren Praxen für Allgemeinmedizin im Sommer 2004 der Titel „Akademische Lehrpraxis“ verliehen, eine erstmals öffentliche Würdigung für außeruniversitäre Lehrbeauftragte.

In Folge ihrer Anstrengungen beschloss die Kammerversammlung 2002 die Gründung eines Fördervereins zur Errichtung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin in Sachsen-Anhalt, woraus die Errichtung einer Stiftungsprofessur Allgemeinmedizin an der Universität Magdeburg resultierte. Zeitgleich erfolgte durch die Kammer die Zusammenlegung des Faches zum Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin. Dies durchkreuzte die Bemühungen, das Fachgebiet der Allgemeinmedizin zu stärken. Auch hier wurde Frau Dr. Hintzsche, in Absprache mit der Fachkommission und der Fachgesellschaft für Innere Medizin, aktiv und wandte sich an den damaligen Ärztekammerpräsidenten Friebel. Dank ihres Engagements wurden die Fachgebiete wieder getrennt.

Trotz allem besserten sich die Aus- und Weiterbildungszahlen zum Facharzt für Allgemeinmedizin nicht. Woran das lag, wollte Frau Dr. Hintzsche in Gesprächen mit anderen Kolleg:Innen in Erfahrung bringen. Aus diesen regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen in den Räumlichkeiten der Ärztekammer, gründete sich 2007 die Verbundweiterbildung Halle, später Halle-Saalkreis. Seitdem treffen sich einmal im Quartal Weiterbilder und Weiterzubildende an einem Tisch, vernetzen sich und suchen nach Lösungen für Probleme.

Dank ihrer Bemühungen wurde die zunehmende Vernetzung der Fachgruppen vorangetrieben. Auch für die finanzielle Ausstattung scheute sich Frau Dr. Hintzsche nicht, den Weg in die Landespolitik zu wählen. So forderte sie 2009 in einem Schreiben an Frau Dr. Klein, Vorsitzende des Finanzausschusses des Landes, die „Aufnahme einer Förderung des ambulanten Teiles der Weiterbildung Allgemeinmedizin“.

Neben ihrem Engagement für die Allgemeinmedizin und die Weiterbildung ist Frau Dr. Hintzsche auch in der Gesellschaft aktiv. Sie unterstützte aktiv den Erhalt und die Restaurierung des historischen Stadtbades Halle und den Botanischen Gartens in Halle. Sie ist Vorsitzende der Internationalen Georg-Wilhelm-Steller-Gesellschaft. Für ihr gesamtes Wirken und ihr Engagement erhielt sie am 21.01.2016 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

Frau Dr. Hintzsche verfolgte mit ihrer berufspolitischen Arbeit das Ziel, die Verbesserung der Wahrnehmung und Gleichstellung der Allgemeinmedizin mit anderen Fachrichtungen voranzutreiben. Eine Folge ihrer Bemühungen ist die Institutionalisierung der Allgemeinmedizin und somit auch die Anpassung der Approbationsordnung. Sie blieb dabei stets sachlich und stellte nie eine Fachgruppe vor die andere. Sie hat damit einen wesentlichen Anteil an der Befriedung der doch teilweise tiefen Gräben zwischen den verschiedenen Fachrichtungen. Ihre stetige Arbeit, die Situation der Ärzte in Weiterbildung zu verbessern, half, mehr Ärzte für die Weiterbildung im Fachgebiet Allgemeinmedizin zu gewinnen. Vor allem ebnete sie damit den Weg der ambulanten Weiterbildung für alle Fachrichtungen! Auch das ist ein wichtiger Verdienst, von dem wir alle profitieren.

Frau Dr. Hintzsche schied mit der neuen Legislatur geplant aus der Kammerversammlung aus, in der sie durchgehend seit 2007 aktiv war. Für ihr herausragendes Engagement zur Verbesserung des Ansehens der Ärzteschaft sowie für ihren unerschütterlichen Einsatz für deren Situation, wird Frau Dr. med. Hintzsche mit dem Ehrenzeichen der Ärztekammer Sachsen-Anhalt geehrt.

Thomas Dörrer
Vizepräsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt
Magdeburg, 6. November 2021