Der niedergelassene Arzt im Spannungsfeld zwischen Freiberuflichkeit und Kassenzulassung

Petra Bubel
Petra Bubel

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ärztemangel – ja fast täglich können wir es hören/lesen und auch erleben. Aber wir haben eine ungebrochen hohe Nachfrage nach Medizinstudienplätzen. Dies spricht doch für die Attraktivität des Arztberufes. Aber was macht diese Attraktivität aus? Der Beruf scheint also mit einem starken Eros verbunden zu sein. Der Begriff „Eros“ meint im philosophischen Verständnis das Streben, das Getriebensein zu geistiger, schöpferischer Tätigkeit. Wie lässt sich dieses Streben erklären?

Die Anziehungskraft des klinischen Arzthandelns in der Behandlung und Begleitung der Patienten und die daraus resultierende Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit sind im Kern durch die Eigenart ärztlichen Handelns begründet. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Sachverhaltes liegt in der klinisch-hermeneutischen Methode zur Entwicklung von verantwortlichen und verantworteten individuellen klinischen Entscheidungen in der Behandlung jedes einzelnen Patienten. Diese urärztliche, klinische Elementarmethode ist uns Ärzten in der Regel nicht bewusst, wird von uns im ärztlichen Alltag aber intensiv gelebt und erlebt. Unser Arztberuf ist ein freier Beruf. Darunter verstehen wir von Seiten der Berufsordnung: Ein freier Beruf dient dem Wohl des Einzelnen und der Allgemeinheit. Für den Berufsverband der freien Berufe ist er gekennzeichnet durch Professionalität, Gemeinwohlverpflichtung, Selbstkon-trolle und Eigenverantwortlichkeit. Für Prof. Paul Unschuld umfasst der freie Beruf die Schaffung eigenen Wissens, die Autonomie über die Anwendung dieses Wissens, eine eigene Gebührenordnung und die Patienten- und Gemeinwohlverpflichtung. Die Freiberuflichkeit hat primär nichts mit selbständig niedergelassenem Arztdasein zu tun, sondern mit der Verpflichtung des Arztberufes gegenüber dem Einzelnen auf der einen und der Allgemeinheit auf der anderen Seite, durch professionelles Handeln.
Die Gesundheitsversorgung ist eine hoheitliche Aufgabe des Staates. Diese wird im Rahmen der Daseinsvorsorge im ambulanten Bereich auf die Ärzteschaft übertragen (gesellschaftliches Mandat). Die Ärzteschaft soll die irrationalen Potenziale der Gesellschaft wie Krankheit, Pflegebedürftigkeit und krankheitsbedingte Devianz bei psychischen Erkrankungen kontrollieren. Ziel ist die Vermeidung gesellschaftlich unauflöslicher Wertekonflikte, die entstehen, wenn der Staat diese Aufgabe selbst übernimmt oder sie dem freien Markt überlässt. Erreicht wird dies durch die Individualisierung der Verantwortung für die Kontrolle von Kollektivrisiken in der Person des einzelnen Arztes. Dafür erhalten Ärzte Unabhängigkeit von Patienten und Institutionen (KV!). Die privilegierte Stellung der Ärzte in der Gesellschaft und ihre Sonderrolle sind eben nicht historisch oder standeslyrisch zu erklären, sondern in der Übernahme einer schweren gesellschaftlichen Aufgabe mit Hilfe einer professionellen Arbeitsweise (individuelle klinisch-hermeneutische Fallarbeit) begründet. Die Übernahme dieser Arbeit löst in jedem Arzt bei jedem „Fall“ (Patient) einen Wertekonflikt aus. Dieser Wertekonflikt begründet sich aus der Erwartung der Gesellschaft und der des einzelnen Patienten. Die Gesellschaft erwartet, dass der Arzt festlegt, was Krankheit ist. Die Kosten im Einzelfall (im Rahmen von gesellschaftlich definierten WANZ-Kriterien) kontrolliert und begrenzt, sowie im Einzelfall die soziale Gerechtigkeit herstellt, dafür persönlich haftet und ggf. seine eigene Gesundheit riskiert und sich finanziell beschränkt. Der Patient erwartet, dass für ihn alles optimal gemacht wird (optimal vs. WANZ-Kriterien).

Das tägliche „Entscheiden müssen“ in diesem Zentralwertekonflikt ist das eigentliche Ethos des Arztes. Die theoriegeleitete klinisch-hermeneutische Fallarbeit und Entscheidungsfindung im Widerstreit von evidenzbasiertem Wissen, ärztlichem Fallverstehen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kennzeichnet den Beruf des Kassenarztes und machen sein Eros aus. Das Ethos des Kassenarztberufes liegt in der Übernahme der Bürde dieses ärztlichen Handelns und in der Bereitschaft zur Übernahme der Individualisierung gesellschaftlicher Kollektivrisiken in der Kassenpraxis begründet. Darin sind die notwendigen Sonderrechte des Arztes und seine Autonomie gegenüber Patient und Institutionen begründet. Dies setzt staatlichen Steuerungsphantasien deutliche Grenzen und Grenzüberschreitungen fordern den Widerstand der Ärzte heraus.

Fazit: Der Kassenarzt lebt die Freiberuflichkeit in nahezu idealer Weise. Er braucht dazu eine funktionierende Selbstverwaltung, Regelungsarmut und Freiheit. Die Gesellschaft und die Politik sollten dies anerkennen und begreifen. Eine Deprofessionalisierung der niedergelassenen Kassenärzte, wie sie im Krankenhaus bereits geschieht, wird letzten Endes in einer Staatsmedizin mit einem ausgeprägten kaufmännisch orientierten echten Privatmedizinsektor enden. Das nennt man dann eine echte Zweiklassenmedizin.

Ihre Petra Bubel

25 Jahre Ärzteblatt Sachsen-Anhalt – Ein Rückblick

Ass. jur. Tobias Brehme
Ass. jur. Tobias Brehme

„Die Herausgeber wünschen sich, dass dies eine Zeitschrift wird, die über den Rahmen eines Mitteilungsblattes hinausgeht.“

Dieser Satz stammt aus dem ersten Ärzteblatt Sachsen-Anhalt, welches am 8. Oktober 1990 erschienen ist. Gleichzeitig könnte dieser Satz auch heute, nach 25 Jahren, noch als Erklärung für die aktuellen Ärzteblätter stehen. Dennoch haben sich Zeit, Themen und das das Ärzteblatt betreffende Umfeld verändert. Das Ärzteblatt Sachsen-Anhalt selbst hat sich in Form und Inhalt weiterentwickelt.

Das erste Heft entstand in der Verantwortung von Dr. Henning Friebel als Chefredakteur. Diese Aufgabe nahm er 21 Jahre wahr. Zudem wirkte seit dem ersten Ärzteblatt ein Redaktionsausschuss bei der Erstellung der Zeitschrift mit. Dem ersten Redaktionsbeirat gehörten Dr. Dr. Reinhard Nehring, Dipl.-Med. Michael Gerber und Prof. Walter Brandstädter an. Zu diesem zählen heute – neben der Chefredakteurin Dr. Simone Heinemann-Meerz – auch Dr. Hans-Peter Bosselmann, Dr. Ilja Karl, Dr. Wolf-Rainer Krause, Prof. Frank Meyer, Dr. Rüdiger Schöning und immer noch Prof. Brandstädter. Der Inhalt der ersten Ärzteblätter war bestimmt von gesetzlichen und politischen Neuerungen, die das neue Gesundheitssystem und die neue Ärztekammer und deren Aufgaben mit sich brachte. Schnell wuchs der Umfang des Heftes. Dies führte etwa zu einem Inhaltsverzeichnis bereits im zweiten Heft oder zu einer Untergliederung in Rubriken ab dem September-Heft 1991. Das Layout des Heftes blieb über viele Jahre vertraut.

Erstes Ärzteblatt Sachsen-AnhaltAm 05.11.2011 benannte die Kammerversammlung Dr. Simone Heinemann-Meerz zur Chefredakteurin des Ärzteblattes. Nach einer durchgeführten Leserumfrage im darauffolgenden Jahr wurde das Layout des Heftes grundlegend überarbeitet. Zudem erschien mit dem Heft 7-8 das erste Doppelheft. Ab dem Jahr 2013 wurden nicht nur zwei Doppelhefte eingeführt. Das Heft erschien zudem erstmals im neuen Gewand. Neben der Veränderung des Ärzteblattes, veränderte sich auch die Pressearbeit insgesamt. Wie in den ersten Zeilen beschrieben, ging die Arbeit seit dem ersten Heft über die der Erstellung eines amtlichen Mitteilungsblattes hinaus. Diese Grundhaltung spiegelte sich dabei nicht nur in den unterschiedlichen Themen innerhalb des Ärzteblattes wider. Es änderten sich zudem die Informationswege innerhalb der letzten 25 Jahre. Daher wurde im Jahr 2000 das Angebot um eine Internetseite der Ärztekammer unter www.aeksa.de erweitert. Sieben Jahre später erhielt auch das Ärzteblatt eine eigenständige Internetseite. Neben der Nutzung der gedruckten Ausgabe, bestand nunmehr die Möglichkeit in einem Archiv auf vergangene Ausgaben zurückzugreifen oder das Ärzteblatt am PC anschaulich durchzublättern und als Datei herunterzuladen.

Das Ärzteblatt Sachsen-Anhalt war zu keiner Zeit nur ein amtliches Mitteilungsblatt. Es hat sich stetig weiterentwickelt. Die Pressearbeit insgesamt ist sehr vielfältig geworden. Es werden fast alle Medienanfragen bedient, was zumeist ein schnelles und ausgewogenes Reagieren erfordert. Dabei sind die Printmedien sehr umfangreich vertreten, aber auch Radio und Fernsehen. Die Ärztekammer ist ein gern gesehener Gesprächspartner geworden und das wird auch so bleiben.

Ass. jur. Tobias Brehme
Pressesprecher

Krankenhausstrukturgesetz - Wie viel Ökonomie kann Medizin ertragen?

Prof. Dr. Udo Rebmann
Prof. Dr. Udo Rebmann

Das Krankenhausstrukturgesetz instrumentalisiert nun auch das Thema Qualitätsorientierung per Gesetz, um unter anderem die Zahl der Krankenhäuser weiter zu reduzieren. Das darf so formuliert werden, da die gesetzliche Festlegung der Form der Qualitätsmessung fehlt. Die QM erfolgt derzeit manipulativ auf den Webseiten diverser Gesundheitskassen und in sozialen Netzwerken. Des Weiteren bleiben demographische Entwicklungen, unzureichende Finanzierung, fehlende Investitionen und Betriebskosten unbeantwortet. Gezielt wird außerdem die Konzentration von Versorgungsstrukturen gefordert.

Jedermann wird zustimmen, dass nur Ärzte, Praxen und Krankenhäuser, die die angemessenen Qualitätsanforderungen (welche?) erfüllen, an der Versorgung teilnehmen sollten. Ist das bisher nicht erfolgt? Haben wir bisher keine medizinische Qualität erlangt? Haben wir wirklich ein Qualitätsproblem oder doch ein Verteilungsproblem der Finanzen? Der Raum, den der Begriff Qualität im neuen Gesetz einnimmt, täuscht den Bürger. Die hohe Qualität der Krankenhausversorgung in Deutschland ist international anerkannt. Ziel des Krankenhausstrukturgesetzes ist lediglich eine Kostenreduktion durch Reduktion der vorhandenen Anbieter (sprich: Praxen und Kliniken vom Markt zu nehmen). Man hat den Eindruck, dass Mechanismen aus der Wirtschaft Eins-zu-Eins ins Gesundheitswesen übertragen werden. Dies impliziert, dass der Patient ein Kunde ist. Der Kunde kauft Gesundheit, die vorher, von wem auch immer, als exakte Ware definiert ist. Der Kunde, sprich Patient, ist aber keine Ware und auch nicht uniform. Damit definieren Manager, was und wer das auch immer sein mag, die ärztliche Ethik. Wirtschaftliche Ethik wird gleichgesetzt mit akzeptierter medizinischer Ethik. Ärztliche Kunst, Einfühlungsvermögen, Zuneigung, Humanität und vor allem Nachhaltigkeit scheinen in diesem System unterzugehen.

Man hat das Gefühl, unterstützt von Politik und Kassen, zu Werkzeugen anderer Professionen umfunktioniert zu werden. Qualität des ärztlichen Handelns wird gesehen als Strukturqualität, zweifellos dringend notwendig, aber für den Patienten nur Voraussetzung für die wichtige Ergebnisqualität hinsichtlich der Behandlung seiner Krankheit. Für den Patienten ist nur wichtig, wie er in seiner Situation die passende Hilfe erfährt. Das kann für „Müller“ ganz anders sein als für „Meier“, beide mit der gleichen Erkrankung. Moral und Fürsorge hätten sich dem Konzept von Medizin als Ware zu unterwerfen. Praxen und Krankenhäuser werden als konkurrierende Fabriken verstanden, Mitarbeiter als anonyme Kostenstelle gesehen. Insgesamt muss von einem gelebten Wertewandel ausgegangen werden. Im Zeitalter der begrenzten Ressourcen, dieses Zeitalter gab es übrigens immer, wird die Diskussion um eine qualifizierte hochwertige Gesundheitsversorgung erneut aufgemacht. Folge ist, dass medizinische Leistungen nicht mehr unter der Prämisse bestmöglicher Heilung, sondern zu stark unter ökonomischen Kriterien Wirtschaftlichkeit und Effizienz betrachtet werden sollen. Das impliziert eine Kontrolle des ärztlichen Handelns durch Nichtexperten. Junge „Healthcare“-Manager meinen, sie haben nach ihrem Kurs die Medizin verstanden. Medizin wird definiert über Fallzahlen (Begrenzung der Mengenausweitung) und Gewinne. Patienten sind keine Patienten mehr, sondern Kunden oder Konsumenten. Ärzte und Pflegekräfte sind medizinische Leistungserbringer.

Diese Ausdrücke sind Synonym dieser Krise. Standardisierte Verfahren wie Disease-Management fassen Krankheiten zusammen, individuelle Eigenheiten werden nicht gefragt. Die wichtigsten psychologischen, spirituellen und humanistischen Aspekte in der Beziehung Arzt-Patient gehen verloren. Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Versorgung statt individueller Zuwendung, die sich am Patientenbedürfnis orientiert, ist Kennzeichnung dieser neuen zu erwartenden Medizin. Mit der Neuorientierung der Medizin geht die Geringschätzung dessen einher, was lange als klinisches Urteil der Ärzte hoch geachtet war. Jetzt dominieren Leitlinien, wie in Fabriken Gebrauchsanweisungen für Geräte.

Das klinische Urteil wird als subjektiv und unwissenschaftlich diskreditiert. Dabei wird verkannt, dass es in der Medizin nie objektive Daten geben kann, sondern Befunde immer in den individuellen Kontext eingeordnet werden müssen. Begriffe wie Markt und Mehrwert haben in der Ökonomie, aber nicht im Krankenhaus ihren Platz. Diese Betrachtungsweise klammert die wirklichen existentiellen Erkrankungen völlig aus. Aber wirklich kranke Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Wohlergehen Priorität vor wirtschaftlichen Überlegungen hat. Und wer krank ist und was er braucht, kann und sollte nur der Arzt entscheiden. Es fällt dabei völlig unter den Tisch, dass der kranke Mensch weit mehr als eine defekte Organmaschine ist, die nichts weiter braucht als eine in Effizienz und Ökonomie optimierte Reparatur. Der Arzt heilt selbstverständlich mit Hilfe der Technik, er heilt aber auch gerade dadurch, dass es ihm gelingt, eine heilende von Empathie und Vertrauen geprägte menschliche Beziehung aufzubauen.

Was bedeutet das für das Selbstverständnis für uns Ärzte? Sind wirklich Krankheit, Schwäche, Alter, Behinderung Störfälle in unserer alltäglichen Betriebsamkeit, die es zu eliminieren gilt, oder müssen wir Ärzte anerkennen, dass Krankheit und körperlicher Verfall zum Leben des Menschen gehören und eben nicht technisch an- und abschaltbar sind. Wir dürfen unseren Patienten nicht vorgaukeln, dass Krankheiten eigentlich nur ein Missverständnis sind, „das wir gleich wieder hinkriegen“. Wir müssen den Menschen erkennen lassen, dass sie auch in ihrer Not- und Hilfebedürftigkeit wertvoll und angenommen sind und vor allem ernst genommen werden, Ärzte sind keine Kaufleute. Selbstverständlich muss ärztliches Handeln ebenfalls wirtschaftlich verantwortungsvoll und nicht zuletzt mit dem von der Solidargemeinschaft bereitgestellten Mitteln und den damit endlichen Ressourcen umgehen, um allen die bestmögliche Behandlung zugängig zu machen.

Qualität, Sicherheit und Erreichbarkeit – Kernziele der Krankenhausreform kann es nur geben, wenn Ärzte, Praxen, Krankenhäuser gut genug ausgestattet und finanziert werden. Der Referendenentwurf sieht stattdessen zusätzliche Dokumentation und Kontrollen vor, Wertschätzung gegenüber der Leistung der Ärzte, der Praxen und Krankenhäuser sowie ihrer Mitarbeiter, wie sie noch im Koalitionsvertrag betont wird, sieht anders aus. Ändern kann sich das nur, wenn der Gesundheitsbereich wieder ein Non-Profit-Bereich, und zwar gesetzlich, wird.

Prof. Dr. Udo Rebmann

Hochachtung

Dr. med. Lutz Lindemann-Sperfeld
Dr. med. Lutz Lindemann-Sperfeld

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

der 118. Deutsche Ärztetag vom 12. bis 15. Mai 2015 in Frankfurt am Main ist Geschichte. Hier wurden wichtige Entscheidungen getroffen. Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt mit ihrer Präsidentin, Frau Dr. Simone Heinemann-Meerz, hat Impulse gegeben. Die Arbeitsgruppe zur Neustrukturierung der BÄK-Gremien wird von ihr und ihrer Amtskollegin aus Bremen, Frau Dr. Heidrun Gitter, geleitet. Zu diesen und den weiteren, für unseren Berufsalltag wichtigen Entscheidungen fanden Sie im letzten Ärzteblatt Informationen auf den Seiten 18 und 19.

Mich hat aber ein anderes Thema besonders bewegt. Das war der Tätigkeitsbericht des Vorsitzenden der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, Herrn Dr. Tankred Stöbe, über den Einsatz zur Hilfe bei der Ebola-Katastrophe in Westafrika. Was die Ärzte und ihre Helfer dort geleistet haben und leisten, verdient meine absolute Hochachtung. Wie erkläre ich meiner Familie, dass ich aus humanitären Gründen mein trautes Heim und mein geregeltes Arbeitsumfeld verlasse, um totgeweihten Menschen auf einem anderen Kontinent zu helfen und dabei mein eigenes Leben riskiere.

Ich finde, diesen mutigen, aufopferungswilligen, tatkräftig Helfenden, die in schwierigster Umgebung, auch unter härtesten äußeren Bedingungen freiwillig helfen, gilt unser höchster kollegialer Respekt. Die deutsche Sektion „Médecins Sans Frontières“ („Ärzte ohne Grenzen“) wurde 1993 als gemeinnütziger Verein gegründet. Als Teil des internationalen Netzwerkes verfolgt sie das Ziel, Menschen in Not, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, religiösen oder politischen Überzeugung medizinisch zu helfen und zugleich auf ihre Lage aufmerksam zu machen.

Die deutsche Sektion beteiligt sich an den Hilfseinsätzen des internationalen Netzwerkes auf vielfältige Weise. Sie stellt qualifiziertes Personal ein, wirbt Spenden und andere Gelder ein und informiert die Öffentlichkeit über die Aktivitäten der Organisation. „Ärzte ohne Grenzen“ leistet medizinische Hilfe in Ländern, in denen das Überleben von Menschen durch Konflikte, Epidemien oder natürliche Katastrophen gefährdet ist. Je nach Bedarf leistet sie basismedizinische Grundversorgung oder eine chirurgische Nothilfe, bekämpft Epidemien, führt Impfkampagnen durch, betreibt Ernährungszentren, konzentriert sich auf die Mutter-Kind-Versorgung. „Ärzte ohne Grenzen“ bietet aber auch psychologische Hilfe an und behandelt Infektionskrankheiten, wie HIV/Aids, Tuberkulose, Kala-Azar oder eben Ebola. Obwohl „Ärzte ohne Grenzen“ vorrangig medizinisch arbeitet, sorgt sie auch für sauberes Trinkwasser, Nahrungsmittel, Unterkünfte oder allgemeine Hilfsgüter, wenn Menschen dies zum Überleben benötigen. Für dieses Engagement wurde die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ 1999 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

Das Ziel von „Ärzte ohne Grenzen“ ist es, in Krisensituation schnell und professionell auf akute medizinische Bedürfnisse der Bevölkerung zu reagieren. Da der Einsatz je nach Kontext unterschiedlich ist, sammelt „Ärzte ohne Grenzen“ vor jedem Hilfseinsatz Daten zu Art und Umfang der benötigten Hilfe. Anhand klar festgelegter Indikatoren treffen die Verantwortlichen daraufhin die Entscheidung, ob und wann ein Nothilfeeinsatz stattfinden soll. Anhand dieser Indikatoren werden die Strategien und Ziele eines Projektes definiert. Wichtig ist es auch, einheimische Ärzte und Assistenzpersonal zu schulen und auszubilden, so dass diese nach Beendigung eines Projektes die Vorortbetreuung auch weiterführen können. Dies ist extrem wichtig für die entsprechenden Länder. Diese Hilfe zur Selbsthilfe ist ein Markenzeichen von „Ärzte ohne Grenzen“. Unser Kollege Tankred Stöbe erhielt für seinen Vortrag einen langanhaltenden Beifall. Dieser herzliche Beifall galt aber nicht nur seinem Vortrag, sondern dem hervorragenden Engagement seiner Kollegen von „Ärzte ohne Grenzen“, den sie unter Verzicht auf Familie, geregelte Arbeitsverhältnisse, unter widrigsten Bedingungen, mit bis zur Erschöpfung gehendem körperlichen Einsatz und unter eigener Lebensgefahr leisten. Dieser lange Beifall war auch Ausdruck der Dankbarkeit der deutschen Ärzteschaft an ihre vorbildlichen Helfer.

Dr. med. Lutz Lindemann-Sperfeld
Vizepräsident

Verstehen wir uns? - Über Verständigungsprobleme mit unseren ausländischen Kolleginnen und Kollegen

Dipl.-Med. H. Thurow
Dipl.-Med. H. Thurow

Viele von Ihnen werden das kennen: Beim Klassentreffen wird auch über die Zeiten des Studiums im In- und Ausland geredet. Wer vor 1989 im Osten Deutschlands lebte und im Ausland studieren wollte, musste vorher das einjährige intensive Sprachtraining an der sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Halle absolvieren. Dennoch kam es, so berichten ehemalige Mitschüler heute schmunzelnd, zu erheblichen sprachlichen Schwierigkeiten bei Prüfungen oder auch bei Praktika am Krankenbett.

Während meiner Weiterbildung in den 90er Jahren arbeitete ich auch mit ausländischen Kollegen zusammen. Kommunikationsprobleme wurden damals vor allem im Gespräch zwischen den Ärzten und Patienten deutlich. Gemeinsam konnten wir schnell für Klarheit sorgen.

Zum 31.12.2014 waren in Sachsen-Anhalt 965 ausländische Ärzte gemeldet. Sie kommen vorwiegend aus osteuropäischen Ländern und arbeiten meist in Krankenhäusern und Rehabilitationskliniken, einige wenige als niedergelassener Arzt oder in der Niederlassung eines MVZ.

Auch heute kommt es zu Verständigungsproblemen. Sprachliche Defizite fallen z. B. bei handgeschriebenen Kurzbefunden für die weiterbehandelnden Ärzte, aber auch bei telefonischen Kontakten mit ausländischen Kollegen in den Krankenhäusern auf.

Auch Patienten klagen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus über sprachliche Barrieren während ihres Aufenthaltes. Was ist zu tun?

Bisher war für die Approbation ausländischer Ärzte in Deutschland eine Sprachkundigenprüfung auf dem Niveau B2, für eine Anstellung in der Regel C1 erforderlich. Die Bundesärztekammer fordert seit Jahren nicht nur einheitliche Regelungen für die Überprüfung der Sprachkenntnisse in den Bundesländern, sondern außer den allgemeinen Sprachkenntnissen auch einen Kenntnisnachweis in der Fachsprache.

Die Landesärztekammer Sachsen-Anhalt führt seit Januar 2015 Fachsprachenprüfungen (Sprachniveau C1) für ausländische Ärztinnen und Ärzte zur Erlangung der Approbation durch. Diese Prüfung beinhaltet neben einem Arzt-Patienten-Gespräch auch das Erarbeiten eines Anamnesebogens, die mündliche und schriftliche Wiedergabe von Befunden und Untersuchungsergebnissen sowie ein Arzt-Arzt-Gespräch. Die damit nachzuweisende sprachliche Kompetenz ist sowohl für das Gespräch mit den Patienten als auch unter uns Kollegen dringend notwendig. Ich meine, eine solche Sprachprüfung sollte niemand als überflüssige Belastung oder gar als Schikane empfinden. Sie ist ein Teil der Qualitätssicherung in der ärztlichen Praxis und dient vor allem der Patientensicherheit.

Versuchen wir unsere ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch außerdienstlich zu integrieren, können diese schneller in unserer Sprache heimisch werden und aus der Pflicht zum Spracherwerb wird eine positive Erfahrung. Vielleicht können Sie sich von meinem Vorhaben, ausländische Kolleginnen und Kollegen der einzelnen Einrichtungen des Wahlkreises Ost zu einer Gesprächsrunde bei Kaffee und Kuchen in die Geschäftsstelle nach Dessau einzuladen, inspirieren lassen. Oder Sie haben schon längst eigene Ideen in die Tat umgesetzt? Wenn Sie die Leser an ihren Erfahrungen teilnehmen lassen, ist das für uns alle ein Gewinn.

Dipl.-Med. H. Thurow
Geschäftsstelle Dessau