Gedanken zum Neuen Jahr

Dr. Peter Eichelmann
Dr. Peter Eichelmann

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

von einem Editorial, welches am Beginn eines Jahres erscheint, wird erwartet, dass es einen Ausblick auf das kommende Jahr gibt. Schwerpunkt in der ärztlichen Berufspolitik wird im neuen Jahr die endgültige Fertigstellung der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) sein. Schon jetzt steht fest, dass ein von drei Ärztekammern eingeforderter außerordentlicher Ärztetag 2016 stattfinden wird. Bei diesem Ärztetag geht es ausschließlich um die innerärztliche Diskussion der Ausgestaltung der GOÄ. Es bleibt abzuwarten, ob es gelingt, die Delegierten auf eine weitgehende Grundübereinstimmung zu bringen und ob es weiterhin gelingen wird, die sehr umstrittenen Steigerungsfaktoren abzugleichen. Bei der letzten öffentlichen Vorstellung der Novelle haben viele Vertreter der Berufsverbände Zweifel an dem Gesamtgebührenwerk gehabt. Es gilt jetzt, den geplanten Ärztetag abzuwarten.

In den ersten Tagen des Dezember 2015 erschütterten mich zwei Schlagzeilen in großen überregionalen Zeitungen mit den Titeln: „Zerfall des Ärztekartells“ und „Strafanzeige gegen ehemaligen Ärztechef“.

Es wird über den Streit an der Spitze des großen Selbstverwaltungsorgans KBV berichtet und die Frage gestellt, ob jetzt Auflösung droht. Das Grundproblem der KBV ist darin zu sehen, dass es Gruppen von Ärzten gibt, die in der Vertreterversammlung ein Stimmengleichgewicht zwischen Haus- und Fachärzten herstellen wollen. Hintergrund dieses Streites ist auch eine Frage der Honorarverteilung. Während traditionell die Fachärzte die Vertreterversammlung beherrschen, könnten sich die Hausärzte auch eine eigene „KBV“ vorstellen. Bei Nichteinigung der zerstrittenen Gruppen könnte jedoch auch die schlechteste Lösung reifen, die in einer Ersatzvornahme des Bundesgesundheitsministers bestehen könnte. Die Stimmung im Ministerium gegenüber der KBV und ihren führenden Vertretern scheint sich in der letzten Zeit deutlich verschlechtert zu haben. Dieses drückt sich auch in der Strafanzeige des Gesundheitsministers wegen „Untreue in einem besonders schweren Fall“ gegen den ehemaligen, langjährigen Vorsitzenden der KBV, Andreas Köhler, aus. Man kann diese Anzeige auch als deutliche Kritik der Aufsichtsbehörde an die KBV-Gremien verstehen. Es bleibt also zu hoffen, dass auf dem außerordentlichen Ärztetag eine praktikable GOÄ verabschiedet werden kann und dass die Einheit der KBV trotz vieler Interessenkonflikte erhalten bleibt. Für die Ärztekammer Sachsen-Anhalt hätte die KBV-Teilung möglicherweise Folgen. Es werden in bestimmten Ärztekreisen Forderungen laut, dass die Weiterbildung in andere Institutionen, wie z. B. in Berufsverbände, überführt werden soll. Die ärztliche Weiterbildung ist aber eine Kernaufgabe der Kammer und muss unbedingt eine Aufgabe der Körperschaft bleiben.

2016 wird die Novellierung der Muster-Weiterbildungsordnung mit der ersten aktuellen Version allen Interessierten zur Diskussion zur Verfügung gestellt. Nach dem Zeitplan soll, nachdem alle Meinungen von Kammern, Fachgesellschaften und Berufsverbänden eingeholt sind, eine Verabschiedung auf dem Ärztetag 2017 erfolgen. In Sachsen-Anhalt finden in diesem Jahr Wahlen zur Kammerversammlung statt und die Wahlvorschläge werden bald in Ihren Händen sein. Ich wünsche mir, dass Sie, verehrte Kolleginnen und Kollegen, in einer großen Anzahl von Ihrem Wahlrecht Gebrauch machen und mit Ihren Stimmen Vertreter aus Ihrem Wahlkreis in die Kammerversammlung wählen.

Eine weitere große Herausforderung wird es für die Ärztekammer sein, die Sprachkenntnisse für ausländische Ärzte, die aus sogenannten Drittstaaten (also nicht aus dem Europäischen Wirtschaftsraum) kommen, zu prüfen. Diese ausländischen Kollegen wollen in Deutschland arbeiten und ihre Fach- und Sprachkenntnisse müssen von der Approbationsbehörde nach Maßgabe der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie bewertet wer-
den. Die Beteiligung der Ärztekammer an den Sprachprüfungen ist dabei eine wichtige Aufgabe.

Unser Versorgungswerk ist seit seiner Gründung vor 25 Jahren sehr respektabel gewachsen und wirtschaftlich stabil. Ein Ausdruck dessen ist auch die leichte Erhöhung der Renten- und Anwartschaften 2016 trotz bestehender und weiter bestehender Niedrigzinsphase.

Ich wünsche mir für das neue Jahr eine kollegiale, ärztliche Zusammenarbeit, besonders in den Gremien der Selbstverwaltung, und ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein erfolgreiches und friedliches Jahr 2016.

Ihr Dr. Peter Eichelmann

Zum Jahreswechsel - Rückblicke und Ausblicke

Henrik Straub
Henrik Straub

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Beim anstehenden Jahreswechsel zum Jahr 2016 und dem damit verbundenen Rückblick auf das Jahr 2015 bleiben uns allen verschiedene Ansichten. Was bewahre und verinnerliche ich für das Jahr 2015? Bei mir sind es im Wesentlichen drei Punkte:

Erstens: Die schockierenden Terroranschläge arabischer Fanatiker, die hunderte unschuldiger Menschen das Leben kosteten. Auf der ganzen Welt ist offensichtlich kein wirksamer Schutz dagegen möglich und es fällt schwer, davon unbeeindruckt und unbeschwert den Urlaub für das kommende Jahr zu planen.

Zweitens: Ganz viele 25-Jahr-Feiern. Diese 25-Jahr-Feiern sind und waren angebracht, weil sie uns an all die wiederbelebten deutschen Gemeinsamkeiten der letzten 25 Jahre nach dem Mauerfall erinnern. Innerdeutsche Mauern wurden eingerissen, wir haben als Deutsche mit einigen Schwierigkeiten und Problemen voneinander gelernt und sinnvolle Lösungen in der Alltagsproblematik erarbeit. So heißen zum Beispiel unsere DDR-Polikliniken heute MVZ und bewähren sich im täglichen Leben, sind sogar bis in den Freistaat Bayern vorgestoßen. Auch das „Grillen bei Doctor Eisenbarth“ zum 25-jährigen Jubiläum der ärztlichen Selbstverwaltung war wichtig und fand eine angemessene Resonanz seitens unserer Landespolitiker und weiterer wichtiger Partner im Gesundheitswesen.

Drittens die Flüchtlingsproblematik. Während die 25-Jahr-Feiern 25 Jahre nach der deutschen Einheit noch verständlich sind, habe ich mit der Flüchtlingsfrage so meine Probleme. Die medizinische Betreuung der Betroffenen scheint durch den Einsatz auch von schon berenteten Ärzten abgesichert zu sein. Das erleben wir zumindest in der ZASt in Halberstadt. Auch die Versorgung bei den im alten Maritim-Hotel in Halle untergebrachten Menschen funktioniert. Hochmotivierte Ärzte treffen hier auf Menschen in Not und handeln menschlich, wie es sich für unseren Berufsstand gehört. Die Menschen in Not erfahren Zuwendung und Wärme, was uns Deutschen sicher die Achtung und Dankbarkeit der Betroffenen sichert. Ein großes Dankeschön an unsere Kollegen für ihr intensives Engagement, ohne das die Bewältigung der Situation kaum möglich wäre. Uns allen wäre eine ähnliche Kompetenz der in der Sache mehr als zerstrittenen Politiker sicher mehr als recht. Unsere gewählten Vertreter beschäftigen sich wie schon gewohnt mehr mit Parteienzwistigkeiten als mit den vordringlichen Problemen unserer Gesellschaft.
Für 2016 kann daher nur gelten: luminaire dominis regentis, wir hoffen darauf.

Was erwartet uns 2016? Ganz sicher noch mehr Flüchtlinge, die dann einen nicht unbeachtlichen Teil der in Deutschland ansässigen Gesamtbevölkerung stellen werden und mit uns in Wohlstand leben wollen. Hoffentlich keine weiteren Terroranschläge.

Was noch? Im Jahr 2016 haben wir Wahlen in Sachsen-Anhalt. Wir wählen einen neuen Landtag und sicher nicht nur ich fürchte einen verstärkten Einfluss von Außenseitern wie der AfD, die mit ihrem rechten Gedankengut zur Verschärfung der Flüchtlingsproblematik beitragen werden und dennoch Zuspruch von so einigen Menschen unserer Gesellschaft erhalten.
Aber wir wählen auch unsere eigenen Interessenvertreter. Sowohl die Kammerversammlung der Ärztekammer als auch die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen-Anhalt werden als Legislative unserer Ärzteschaft neu gewählt. Bitte beteiligen Sie sich an diesen Wahlen! Wählen Sie aus Ihren Regionen die Vertreter, die für Kontinuität UND Wandel stehen. Wir benötigen in der Berufspolitik sowohl erfahrene Kollegen als auch „junge Wilde“, die die zu erwartenden Änderungen konstruktiv begleiten und sich mit den Nicht-Standespolitikern produktiv auseinandersetzen. Also wählen Sie klug auf allen Ebenen, damit es bei uns in Sachsen-Anhalt vorwärts geht.

Uns allen einen friedlichen Jahreswechsel und ein erfolgreiches 2016.

Ihr Henrik Straub

Der niedergelassene Arzt im Spannungsfeld zwischen Freiberuflichkeit und Kassenzulassung

Petra Bubel
Petra Bubel

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ärztemangel – ja fast täglich können wir es hören/lesen und auch erleben. Aber wir haben eine ungebrochen hohe Nachfrage nach Medizinstudienplätzen. Dies spricht doch für die Attraktivität des Arztberufes. Aber was macht diese Attraktivität aus? Der Beruf scheint also mit einem starken Eros verbunden zu sein. Der Begriff „Eros“ meint im philosophischen Verständnis das Streben, das Getriebensein zu geistiger, schöpferischer Tätigkeit. Wie lässt sich dieses Streben erklären?

Die Anziehungskraft des klinischen Arzthandelns in der Behandlung und Begleitung der Patienten und die daraus resultierende Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit sind im Kern durch die Eigenart ärztlichen Handelns begründet. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Sachverhaltes liegt in der klinisch-hermeneutischen Methode zur Entwicklung von verantwortlichen und verantworteten individuellen klinischen Entscheidungen in der Behandlung jedes einzelnen Patienten. Diese urärztliche, klinische Elementarmethode ist uns Ärzten in der Regel nicht bewusst, wird von uns im ärztlichen Alltag aber intensiv gelebt und erlebt. Unser Arztberuf ist ein freier Beruf. Darunter verstehen wir von Seiten der Berufsordnung: Ein freier Beruf dient dem Wohl des Einzelnen und der Allgemeinheit. Für den Berufsverband der freien Berufe ist er gekennzeichnet durch Professionalität, Gemeinwohlverpflichtung, Selbstkon-trolle und Eigenverantwortlichkeit. Für Prof. Paul Unschuld umfasst der freie Beruf die Schaffung eigenen Wissens, die Autonomie über die Anwendung dieses Wissens, eine eigene Gebührenordnung und die Patienten- und Gemeinwohlverpflichtung. Die Freiberuflichkeit hat primär nichts mit selbständig niedergelassenem Arztdasein zu tun, sondern mit der Verpflichtung des Arztberufes gegenüber dem Einzelnen auf der einen und der Allgemeinheit auf der anderen Seite, durch professionelles Handeln.
Die Gesundheitsversorgung ist eine hoheitliche Aufgabe des Staates. Diese wird im Rahmen der Daseinsvorsorge im ambulanten Bereich auf die Ärzteschaft übertragen (gesellschaftliches Mandat). Die Ärzteschaft soll die irrationalen Potenziale der Gesellschaft wie Krankheit, Pflegebedürftigkeit und krankheitsbedingte Devianz bei psychischen Erkrankungen kontrollieren. Ziel ist die Vermeidung gesellschaftlich unauflöslicher Wertekonflikte, die entstehen, wenn der Staat diese Aufgabe selbst übernimmt oder sie dem freien Markt überlässt. Erreicht wird dies durch die Individualisierung der Verantwortung für die Kontrolle von Kollektivrisiken in der Person des einzelnen Arztes. Dafür erhalten Ärzte Unabhängigkeit von Patienten und Institutionen (KV!). Die privilegierte Stellung der Ärzte in der Gesellschaft und ihre Sonderrolle sind eben nicht historisch oder standeslyrisch zu erklären, sondern in der Übernahme einer schweren gesellschaftlichen Aufgabe mit Hilfe einer professionellen Arbeitsweise (individuelle klinisch-hermeneutische Fallarbeit) begründet. Die Übernahme dieser Arbeit löst in jedem Arzt bei jedem „Fall“ (Patient) einen Wertekonflikt aus. Dieser Wertekonflikt begründet sich aus der Erwartung der Gesellschaft und der des einzelnen Patienten. Die Gesellschaft erwartet, dass der Arzt festlegt, was Krankheit ist. Die Kosten im Einzelfall (im Rahmen von gesellschaftlich definierten WANZ-Kriterien) kontrolliert und begrenzt, sowie im Einzelfall die soziale Gerechtigkeit herstellt, dafür persönlich haftet und ggf. seine eigene Gesundheit riskiert und sich finanziell beschränkt. Der Patient erwartet, dass für ihn alles optimal gemacht wird (optimal vs. WANZ-Kriterien).

Das tägliche „Entscheiden müssen“ in diesem Zentralwertekonflikt ist das eigentliche Ethos des Arztes. Die theoriegeleitete klinisch-hermeneutische Fallarbeit und Entscheidungsfindung im Widerstreit von evidenzbasiertem Wissen, ärztlichem Fallverstehen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kennzeichnet den Beruf des Kassenarztes und machen sein Eros aus. Das Ethos des Kassenarztberufes liegt in der Übernahme der Bürde dieses ärztlichen Handelns und in der Bereitschaft zur Übernahme der Individualisierung gesellschaftlicher Kollektivrisiken in der Kassenpraxis begründet. Darin sind die notwendigen Sonderrechte des Arztes und seine Autonomie gegenüber Patient und Institutionen begründet. Dies setzt staatlichen Steuerungsphantasien deutliche Grenzen und Grenzüberschreitungen fordern den Widerstand der Ärzte heraus.

Fazit: Der Kassenarzt lebt die Freiberuflichkeit in nahezu idealer Weise. Er braucht dazu eine funktionierende Selbstverwaltung, Regelungsarmut und Freiheit. Die Gesellschaft und die Politik sollten dies anerkennen und begreifen. Eine Deprofessionalisierung der niedergelassenen Kassenärzte, wie sie im Krankenhaus bereits geschieht, wird letzten Endes in einer Staatsmedizin mit einem ausgeprägten kaufmännisch orientierten echten Privatmedizinsektor enden. Das nennt man dann eine echte Zweiklassenmedizin.

Ihre Petra Bubel

25 Jahre Ärzteblatt Sachsen-Anhalt – Ein Rückblick

Ass. jur. Tobias Brehme
Ass. jur. Tobias Brehme

„Die Herausgeber wünschen sich, dass dies eine Zeitschrift wird, die über den Rahmen eines Mitteilungsblattes hinausgeht.“

Dieser Satz stammt aus dem ersten Ärzteblatt Sachsen-Anhalt, welches am 8. Oktober 1990 erschienen ist. Gleichzeitig könnte dieser Satz auch heute, nach 25 Jahren, noch als Erklärung für die aktuellen Ärzteblätter stehen. Dennoch haben sich Zeit, Themen und das das Ärzteblatt betreffende Umfeld verändert. Das Ärzteblatt Sachsen-Anhalt selbst hat sich in Form und Inhalt weiterentwickelt.

Das erste Heft entstand in der Verantwortung von Dr. Henning Friebel als Chefredakteur. Diese Aufgabe nahm er 21 Jahre wahr. Zudem wirkte seit dem ersten Ärzteblatt ein Redaktionsausschuss bei der Erstellung der Zeitschrift mit. Dem ersten Redaktionsbeirat gehörten Dr. Dr. Reinhard Nehring, Dipl.-Med. Michael Gerber und Prof. Walter Brandstädter an. Zu diesem zählen heute – neben der Chefredakteurin Dr. Simone Heinemann-Meerz – auch Dr. Hans-Peter Bosselmann, Dr. Ilja Karl, Dr. Wolf-Rainer Krause, Prof. Frank Meyer, Dr. Rüdiger Schöning und immer noch Prof. Brandstädter. Der Inhalt der ersten Ärzteblätter war bestimmt von gesetzlichen und politischen Neuerungen, die das neue Gesundheitssystem und die neue Ärztekammer und deren Aufgaben mit sich brachte. Schnell wuchs der Umfang des Heftes. Dies führte etwa zu einem Inhaltsverzeichnis bereits im zweiten Heft oder zu einer Untergliederung in Rubriken ab dem September-Heft 1991. Das Layout des Heftes blieb über viele Jahre vertraut.

Erstes Ärzteblatt Sachsen-AnhaltAm 05.11.2011 benannte die Kammerversammlung Dr. Simone Heinemann-Meerz zur Chefredakteurin des Ärzteblattes. Nach einer durchgeführten Leserumfrage im darauffolgenden Jahr wurde das Layout des Heftes grundlegend überarbeitet. Zudem erschien mit dem Heft 7-8 das erste Doppelheft. Ab dem Jahr 2013 wurden nicht nur zwei Doppelhefte eingeführt. Das Heft erschien zudem erstmals im neuen Gewand. Neben der Veränderung des Ärzteblattes, veränderte sich auch die Pressearbeit insgesamt. Wie in den ersten Zeilen beschrieben, ging die Arbeit seit dem ersten Heft über die der Erstellung eines amtlichen Mitteilungsblattes hinaus. Diese Grundhaltung spiegelte sich dabei nicht nur in den unterschiedlichen Themen innerhalb des Ärzteblattes wider. Es änderten sich zudem die Informationswege innerhalb der letzten 25 Jahre. Daher wurde im Jahr 2000 das Angebot um eine Internetseite der Ärztekammer unter www.aeksa.de erweitert. Sieben Jahre später erhielt auch das Ärzteblatt eine eigenständige Internetseite. Neben der Nutzung der gedruckten Ausgabe, bestand nunmehr die Möglichkeit in einem Archiv auf vergangene Ausgaben zurückzugreifen oder das Ärzteblatt am PC anschaulich durchzublättern und als Datei herunterzuladen.

Das Ärzteblatt Sachsen-Anhalt war zu keiner Zeit nur ein amtliches Mitteilungsblatt. Es hat sich stetig weiterentwickelt. Die Pressearbeit insgesamt ist sehr vielfältig geworden. Es werden fast alle Medienanfragen bedient, was zumeist ein schnelles und ausgewogenes Reagieren erfordert. Dabei sind die Printmedien sehr umfangreich vertreten, aber auch Radio und Fernsehen. Die Ärztekammer ist ein gern gesehener Gesprächspartner geworden und das wird auch so bleiben.

Ass. jur. Tobias Brehme
Pressesprecher

Krankenhausstrukturgesetz - Wie viel Ökonomie kann Medizin ertragen?

Prof. Dr. Udo Rebmann
Prof. Dr. Udo Rebmann

Das Krankenhausstrukturgesetz instrumentalisiert nun auch das Thema Qualitätsorientierung per Gesetz, um unter anderem die Zahl der Krankenhäuser weiter zu reduzieren. Das darf so formuliert werden, da die gesetzliche Festlegung der Form der Qualitätsmessung fehlt. Die QM erfolgt derzeit manipulativ auf den Webseiten diverser Gesundheitskassen und in sozialen Netzwerken. Des Weiteren bleiben demographische Entwicklungen, unzureichende Finanzierung, fehlende Investitionen und Betriebskosten unbeantwortet. Gezielt wird außerdem die Konzentration von Versorgungsstrukturen gefordert.

Jedermann wird zustimmen, dass nur Ärzte, Praxen und Krankenhäuser, die die angemessenen Qualitätsanforderungen (welche?) erfüllen, an der Versorgung teilnehmen sollten. Ist das bisher nicht erfolgt? Haben wir bisher keine medizinische Qualität erlangt? Haben wir wirklich ein Qualitätsproblem oder doch ein Verteilungsproblem der Finanzen? Der Raum, den der Begriff Qualität im neuen Gesetz einnimmt, täuscht den Bürger. Die hohe Qualität der Krankenhausversorgung in Deutschland ist international anerkannt. Ziel des Krankenhausstrukturgesetzes ist lediglich eine Kostenreduktion durch Reduktion der vorhandenen Anbieter (sprich: Praxen und Kliniken vom Markt zu nehmen). Man hat den Eindruck, dass Mechanismen aus der Wirtschaft Eins-zu-Eins ins Gesundheitswesen übertragen werden. Dies impliziert, dass der Patient ein Kunde ist. Der Kunde kauft Gesundheit, die vorher, von wem auch immer, als exakte Ware definiert ist. Der Kunde, sprich Patient, ist aber keine Ware und auch nicht uniform. Damit definieren Manager, was und wer das auch immer sein mag, die ärztliche Ethik. Wirtschaftliche Ethik wird gleichgesetzt mit akzeptierter medizinischer Ethik. Ärztliche Kunst, Einfühlungsvermögen, Zuneigung, Humanität und vor allem Nachhaltigkeit scheinen in diesem System unterzugehen.

Man hat das Gefühl, unterstützt von Politik und Kassen, zu Werkzeugen anderer Professionen umfunktioniert zu werden. Qualität des ärztlichen Handelns wird gesehen als Strukturqualität, zweifellos dringend notwendig, aber für den Patienten nur Voraussetzung für die wichtige Ergebnisqualität hinsichtlich der Behandlung seiner Krankheit. Für den Patienten ist nur wichtig, wie er in seiner Situation die passende Hilfe erfährt. Das kann für „Müller“ ganz anders sein als für „Meier“, beide mit der gleichen Erkrankung. Moral und Fürsorge hätten sich dem Konzept von Medizin als Ware zu unterwerfen. Praxen und Krankenhäuser werden als konkurrierende Fabriken verstanden, Mitarbeiter als anonyme Kostenstelle gesehen. Insgesamt muss von einem gelebten Wertewandel ausgegangen werden. Im Zeitalter der begrenzten Ressourcen, dieses Zeitalter gab es übrigens immer, wird die Diskussion um eine qualifizierte hochwertige Gesundheitsversorgung erneut aufgemacht. Folge ist, dass medizinische Leistungen nicht mehr unter der Prämisse bestmöglicher Heilung, sondern zu stark unter ökonomischen Kriterien Wirtschaftlichkeit und Effizienz betrachtet werden sollen. Das impliziert eine Kontrolle des ärztlichen Handelns durch Nichtexperten. Junge „Healthcare“-Manager meinen, sie haben nach ihrem Kurs die Medizin verstanden. Medizin wird definiert über Fallzahlen (Begrenzung der Mengenausweitung) und Gewinne. Patienten sind keine Patienten mehr, sondern Kunden oder Konsumenten. Ärzte und Pflegekräfte sind medizinische Leistungserbringer.

Diese Ausdrücke sind Synonym dieser Krise. Standardisierte Verfahren wie Disease-Management fassen Krankheiten zusammen, individuelle Eigenheiten werden nicht gefragt. Die wichtigsten psychologischen, spirituellen und humanistischen Aspekte in der Beziehung Arzt-Patient gehen verloren. Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Versorgung statt individueller Zuwendung, die sich am Patientenbedürfnis orientiert, ist Kennzeichnung dieser neuen zu erwartenden Medizin. Mit der Neuorientierung der Medizin geht die Geringschätzung dessen einher, was lange als klinisches Urteil der Ärzte hoch geachtet war. Jetzt dominieren Leitlinien, wie in Fabriken Gebrauchsanweisungen für Geräte.

Das klinische Urteil wird als subjektiv und unwissenschaftlich diskreditiert. Dabei wird verkannt, dass es in der Medizin nie objektive Daten geben kann, sondern Befunde immer in den individuellen Kontext eingeordnet werden müssen. Begriffe wie Markt und Mehrwert haben in der Ökonomie, aber nicht im Krankenhaus ihren Platz. Diese Betrachtungsweise klammert die wirklichen existentiellen Erkrankungen völlig aus. Aber wirklich kranke Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Wohlergehen Priorität vor wirtschaftlichen Überlegungen hat. Und wer krank ist und was er braucht, kann und sollte nur der Arzt entscheiden. Es fällt dabei völlig unter den Tisch, dass der kranke Mensch weit mehr als eine defekte Organmaschine ist, die nichts weiter braucht als eine in Effizienz und Ökonomie optimierte Reparatur. Der Arzt heilt selbstverständlich mit Hilfe der Technik, er heilt aber auch gerade dadurch, dass es ihm gelingt, eine heilende von Empathie und Vertrauen geprägte menschliche Beziehung aufzubauen.

Was bedeutet das für das Selbstverständnis für uns Ärzte? Sind wirklich Krankheit, Schwäche, Alter, Behinderung Störfälle in unserer alltäglichen Betriebsamkeit, die es zu eliminieren gilt, oder müssen wir Ärzte anerkennen, dass Krankheit und körperlicher Verfall zum Leben des Menschen gehören und eben nicht technisch an- und abschaltbar sind. Wir dürfen unseren Patienten nicht vorgaukeln, dass Krankheiten eigentlich nur ein Missverständnis sind, „das wir gleich wieder hinkriegen“. Wir müssen den Menschen erkennen lassen, dass sie auch in ihrer Not- und Hilfebedürftigkeit wertvoll und angenommen sind und vor allem ernst genommen werden, Ärzte sind keine Kaufleute. Selbstverständlich muss ärztliches Handeln ebenfalls wirtschaftlich verantwortungsvoll und nicht zuletzt mit dem von der Solidargemeinschaft bereitgestellten Mitteln und den damit endlichen Ressourcen umgehen, um allen die bestmögliche Behandlung zugängig zu machen.

Qualität, Sicherheit und Erreichbarkeit – Kernziele der Krankenhausreform kann es nur geben, wenn Ärzte, Praxen, Krankenhäuser gut genug ausgestattet und finanziert werden. Der Referendenentwurf sieht stattdessen zusätzliche Dokumentation und Kontrollen vor, Wertschätzung gegenüber der Leistung der Ärzte, der Praxen und Krankenhäuser sowie ihrer Mitarbeiter, wie sie noch im Koalitionsvertrag betont wird, sieht anders aus. Ändern kann sich das nur, wenn der Gesundheitsbereich wieder ein Non-Profit-Bereich, und zwar gesetzlich, wird.

Prof. Dr. Udo Rebmann