Wunschzettel 2015

profilbild Dr. Uwe EbmeyerLiebe Kolleginnen und Kollegen,
„wer nicht redet, wird nicht gehört“ (H. Schmidt) – unter diesem Motto stehend haben die Mitglieder des Vorstandes in den zurückliegenden Monaten mit ihren Editorials Themen gewählt, die unser berufliches Miteinander und die Verankerung unseres Berufsstandes in der Gesellschaft aufgreifen.

Sie haben nunmehr die letzte Ausgabe des 25. Jahrganges unseres Ärzteblattes in Ihren Händen. Es ist Dezember. Es ist die Zeit des Rückblickens, des Besinnens und des Wünschens. Allerdings habe ich heute Wünsche an Sie.

Mehrmals wurde in diesem Jahr der Themenkreis Ärztemangel, Arbeitszeit und Generationswechsel aufgegriffen. Gerade das letzte Editorial machte noch einmal deutlich, dass das Thema „Ärztemangel“ dringend neu analysiert und erörtert werden muss. Ärztemangel?! Die Politik und die Kostenträger rechnen uns stets vor, dass heute mehr Ärzte denn je ihren Beruf ausüben. Ja, der nominelle Mitgliederbestand unserer Kammer hat in den letzten Jahren zugenommen. Aber wieviel Arzt-Arbeitszeit damit wirklich zur Verfügung steht, weiß niemand genau.

Es kann auch niemand verlässlich sagen, wo die Weiterbildungsassistenten geblieben sind? Freie Weiterbildungsplätze an Universitätskliniken – noch vor wenigen Jahren ein unvorstellbares Szenario, heute traurige Realität. Wir haben zwei medizinische Fakultäten im Land, die um ihr Überleben kämpfen. Trotz katastrophaler wirtschaftlicher Lage werden an beiden Unis Jahr für Jahr fast 400 gut ausgebildete Mediziner ins Berufsleben entlassen. Wohin gehen eigentlich unsere Absolventen? Es muss dringend darüber nachgedacht werden, wie zumindest ein Teil der abwandernden Absolventen in Sachsen-Anhalt gehalten werden kann. Darf/kann/ muss man da eventuell auch alte Tabus brechen?

Also, wie viele Ärzte braucht das Land? Um in Gesellschaft und Politik vernünftig argumentieren zu können, brauchen wir belastbare Fakten. Ich bitte Sie deshalb schon jetzt, die im Rahmen der Beitragserhebung 2015 geplante Erfassung der Arbeitszeiten unserer Kammermitglieder aktiv zu unterstützen. Das war mein erster Wunsch.

Auch mein zweiter Wunsch kostet Sie nichts. Lassen Sie uns im kommenden Jahr wieder mehr miteinander reden. Ja, ich weiß, die Bedeutung von Kommunikation wird häufig überbewertet. Aber lassen Sie es uns trotzdem versuchen. Ein Telefonat oder ein kurzer handgeschriebener Arztbrief tun manchmal Wunder. Der Hausarzt kann sich besser um seinen vorzeitig aus dem Krankenhaus entlassenen Patienten kümmern, der Kollege in der Fachambulanz erfährt, warum sein Kollege in der Praxis die von ihm zuvor angesetzte Therapie nicht fortgesetzt hat, die kleine Medikamentenliste hilft dem Notarzt bei der Erstversorgung ….

Lassen Sie es uns im kommenden Jahr doch einfach versuchen, ein paar alten Werten und Tugenden unseres Berufsstandes im täglichen Chaos des Arztseins wieder mehr Bedeutung zu geben. Dies sollte auch helfen, auf einer weiteren „Dauerbaustelle“ der Ärzteschaft weiter zu kommen: der Novellierung der Weiterbildungsordnung. Nicht zuletzt unter dem Einfluss zahlreicher Partikularinteressen hat sich nämlich die Novellierung de facto festgefahren.

Ob es die Ärzteschaft 2015 schaffen wird, sich bei diesem wichtigen Thema am Schopf zu fassen? Nun bin ich aber schon bei den ganz großen Wünschen angekommen. Für GOÄ, DRG und Gesundheitskarte bleibt hier leider kein Platz mehr.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen, Ihren Familien, Mitarbeitern und Kollegen eine frohe, sorgenfreie und besinnliche Weihnachtszeit. Für das kommende Jahr erhoffe ich für uns alle Gesundheit, Glück und persönliches Wohlergehen – und bitte vergessen Sie meinen kleinen Wunschzettel nicht.

PD DR. Uwe Ebmeyer
Foto: Autor

Ärztemangel und Generation Y

eine Generation von jungen Ärzten bringt die Medizin in Bewegung

Profilbild Prof. Dr. med. Udo Rebmann

Ärzte- und Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist nun auch von ewig Ignoranten nicht mehr wegzudiskutieren. 38 % der vakanten Stellen lassen sich nicht oder nur noch schwer besetzen. Junge Leute für Kliniken oder Praxen anzuwerben ist schwierig.
Betrachtet man die 100 beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland, stehen große Autofirmen und börsenorientierte Unternehmen an der Spitze. Das ist zwar gut für das Ingenieur-Land Deutschland, aber schlecht für das Gesundheitswesen, das weit abgeschlagen genannt wird. Das, trotz des hohen Ansehens des Arztberufes in der Bevölkerung. Woran liegt das?

Die heutigen Berufseinsteiger sind nach 1985 geboren, das Berufseintrittsalter wird im Vergleich zur Vergangenheit durch gesellschaftliche Veränderungen (keine Wehrpflicht) immer geringer, die generelle Lebenserfahrung damit auch – die sogenannte Generation Y. Aufgewachsen ist diese Generation ohne große wirtschaftliche Sorgen und immer gut behütet im Zeitalter der globalen Vernetzung. Bösartige Zeitgenossen bezeichnen das als „gut gepampert“. I-Phone und App machen alles möglich – diese Generation ist technologieaffin – „Wissen gibt’s im Internet“. Durch Facebook und Twitter ist sie total vernetzt.
Ist dabei aber ihre soziale Interaktion ausreichend? Diese Generation ist gekennzeichnet durch eine hohe Flexibilität zeitlich wie örtlich. Wenn ihre Erwartungen an einen Arbeitsplatz nicht erfüllt werden, ziehen sie einfach weiter. Anreizsysteme von „früher“ funktionieren nicht mehr – Karriere muss nicht zwingend sein. Das Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten nimmt ab, der Stellenwert von Promotion und Habilitation sinkt deutlich. Hierarchien werden abgelehnt, Kompetenz aber bevorzugt. „Von wem kann ich was lernen?“ Sie wollen eine „tolle“ Ausbildung, gutes Coaching, aber keine Bevormundung.
Für die Auswahl der Arbeitsstelle spielen ein gutes Arbeitsklima, eine strukturierte breite Ausbildung, soziale Einbindung, fachliche Führung und Freizeit eine entscheidende Rolle. Damit wird Karriere für Arzt und Pflegekraft neu definiert.
Eigene Erfahrung: Vorstellungsgespräch – 1 Tag – Hospitation – Abschlussgespräch: „Herr Professor, es war bei Ihnen gut, habe viel gesehen, nette Kollegen, guter Umgang miteinander – war toll. Ihre Klinik kommt für mich in die Auswahl meiner Ausbildungsstelle.“ So hat sich die Welt geändert!
Nach aktueller Umfrage wollen Ärzte eher angestellt arbeiten. Die Zeit der Gründer mit Risikobereitschaft scheint vorbei. Zunehmend wird Teilzeit zum Beschäftigungsstandard, vor allem bei weiblichen Kollegen. Daraus resultierend sind bereits Dienstplan, Ausbildung und Verfügbarkeit logistisch hoch aufwendige Themen. Strukturstarke Regionen, attraktive Städte, geregelte Arbeitszeiten und hoher Freizeitanteil bestimmen die Arbeitgeberwahl.
Was ist mit Engagement, Moral und Charisma dem ärztlichen Beruf gegenüber? Was ist zu tun, um diese Generation nicht zu verlieren? Grundsätzlich ist unsere Führungskultur den Gegebenheiten anzupassen. Während in der Industrie Mentorprogramme von Arbeitgeberseite angeboten werden, sind wir in der Medizin auf Führungsaufgaben nicht vorbereitet – „learning by doing“. Das muss sich ändern. Wir sollten Integrationsfigur im „Taubenschlag“ sein, vor allem um soziale Verantwortung und damit Teamkompetenz, die stellenweise erheblich ausbaufähig ist, zu stärken. Klare Ansprachen sind notwendig, müssen aber begründet werden. Ein individuelles Coaching ist dringend notwendig. Die Generation Y „will sofort alles machen“ kann aber noch nichts. Hands-on-Ausbildung steht im Vordergrund – weniger die Theorie. „Die steht ja im Internet“. Zusammengefasst „Selber lernen ist schwierig“.
Mit den vorgestellten Maßnahmen können Werbeträger für die eigene Klinik/Praxis im Wettbewerb um gutes Personal entstehen. Aber auch an Arbeitsplatz und Träger der Einrichtung werden zielgerichtete Erwartungen gestellt. Das betrifft sowohl die Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Kita-Platz), aber auch die soziale Einbindung mit strukturierter Einarbeitung, regelmäßigem Feedback und „der Chef muss präsent sein“. Der Chef als unumschränkter „Herrscher“ über Privat- und Berufsleben als Gladiator seines Faches hat ausgedient. Träger sind aufgefordert, neben Verbundstrukturen in der Ausbildung und Führungskräfteentwicklung „Werte der Unternehmenskultur“ zu schaffen, denn Menschen machen den Unterschied.

Die ältere Generation kann den Gedanken an „immer weiter pampern“ nicht los werden. Aber zu jeder Zeit gesellschaftlicher Umbrüche gab es dieses Phänomen. Schon 470 – 399 v. Chr. schrieb der griechische Philosoph Sokrates: „Die Jugend liebt heute den Luxus, sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte“. Betrachten wir es als unsere vornehmste Aufgabe, unsere jungen Kollegen situationsgerecht auszubilden und zu betreuen. „Ein Vorsprung hat, wer da anpackt, wo die anderen noch reden“. (J. F. Kennedy)

Prof. Dr. med. Udo Rebmann

IGeL – pro und contra

Dipl. Med. H. ThurowSehr geehrte Kolleginnen, sehr geehrte Kollegen,
das Thema individuelle Gesundheitsleistungen ist häufig in den verschiedensten Medien präsent und wird zunehmend kritisch betrachtet. In diesem Kontext wird dann auch schnell unser gesamter Berufsstand der Geschäftemacherei bezichtigt. Daher kommen wir nicht umhin, uns immer wieder mit diesem Thema auseinanderzusetzen, gehören doch bei den meisten von uns entsprechende Angebote zum Berufsalltag.

1998 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eingeführt, nachdem der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung überarbeitet und Leistungen gestrichen wurden, werden IGeL-Leistungen seitdem von Medizintechnikherstellern, der Pharmaindustrie und von Abrechnungsberatern forciert an uns Ärzte herangetragen.

Ende der 90er Jahre waren sie absolutes Neuland für uns, aber zugleich willkommen, um sinkende Honorare durch Streichung erstattungsfähiger Leistungen wenigstens teilweise ausgleichen zu können. Zweifelsohne haben viele dieser Angebote ihre Berechtigung, so zum Beispiel reisemedizinische Beratungen und Reiseimpfungen, Tauglichkeitsuntersuchungen für Sport oder Beruf, medizinisch kosmetische Leistungen oder erweiterte Vorsorgeuntersuchungen; sie werden von den Patienten gewünscht und benötigt. Andererseits gibt es auch Angebote, die kritisch diskutiert werden müssen. Am wichtigsten scheint mir aber, dass man uneingeschränkt überzeugt ist von dem, was man als IGeL anbietet und sich selbst oder seine Angehörigen einer solchen diagnostischen oder therapeutischen Maßnahme unterziehen würde. Es sollte im Regelfall der Patient sein, der an uns herantritt mit seinem Wunsch nach entsprechenden Leistungen, oder es sollte sich dieser Wunsch aus dem Arzt – Patienten – Kontakt heraus ergeben.

Informationen über das Angebotsspektrum in der Praxis sind legitim, die Konfrontation der Patienten bereits beim Erstkontakt am Praxisempfang jedoch kontraproduktiv, trägt derartiges Vorgehen doch ganz sicher nicht zur Vertrauensbildung bei, sondern festigt vielmehr das schlechte Image der IGeL.

Eine ausführliche Beratung ist unerlässlich, alternative Möglichkeiten, Risiken und Grenzen von Selbstzahlerleistungen müssen erläutert und über die anfallenden Kosten muss aufgeklärt werden. Im Idealfall erhalten die Patienten Informationsmaterialien in Textform. Anschließend sollte den Patienten genügend Zeit für ihre Entscheidungsfindung eingeräumt werden, vielleicht benötigen sie weiterführende Informationen oder möchten sich mit Angehörigen beraten.
Dies ist der Grundstein für ein vertrauensvolles Arzt – Patienten – Verhältnis und ich bin sicher, auch für den therapeutischen Erfolg. Außerdem macht uns ein besonnener Umgang mit IGeL weniger angreifbar durch die Medien.

Wäre es nicht eine Errungenschaft, wenn wir als Ärzteschaft und Anbieter dieser Leistungen ein geeignetes Forum finden, objektiv über das Thema zu informieren und zu beraten?

Dipl. Med. H. Thurow
Geschäftsstelle Dessau

Der Sommer neigt sich dem Ende zu und die meisten haben ihren wohlverdienten Urlaub hinter sich

Dr. Med Peter Wolf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
der Sommer neigt sich dem Ende zu und die meisten haben ihren wohlverdienten Urlaub hinter sich. Die Arbeit und der Alltag haben uns wieder. Die Kinder müssen wieder in die Schule. Die jüngeren meist erwartungsfroh, die älteren routiniert gelangweilt. Ein neues Schuljahr beginnt. Auch für die Lehrer geht es wieder los. Aber was man von den Kollegen an der pädagogischen Front hört, stimmt schon nachdenklich. Da las ich von „Krankenstand bei Lehrern auf Rekordniveau“. Der MDR titelte „Macht Schule Lehrer krank?“ Immer mehr Lehrer sind länger als 6 Wochen krankgeschrieben. Während der allgemeine Krankenstand seit Jahren mit 5 % im allgemeinen Normalbereich liegt, hat sich die Zahl der Langzeiterkrankten in nur 6 Jahren verdoppelt. Neben Muskel- und Skeletterkrankungen sind vor allem psychische Leiden dafür verantwortlich. Als Ursache werden der Lehrermangel und die zunehmende Heterogenität der Klassen genannt. Die Zahl der Integrationsschüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf steigt von Jahr zu Jahr. In Sachsen-Anhalt war das 2012 etwa jeder 12. Grundschüler. Zwei Drittel davon werden z.Z. in Sonderschulen unterrichtet. Dabei ergibt sich der Förderbedarf bei etwa 15 % der Kinder aus den Bereichen Hören, Sehen und körperlich-motorische Entwicklung, 20 % haben den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und 13 % Sprache. Über 50 % des Förderbedarfs ergibt sich durch Lern- sowie emotionale und soziale Störungen. Laut Bundespsychotherapeutenkammer sind etwa 18 % der Kinder und Jugendlichen in der BRD psychisch auffällig, 5 % behandlungsbedürftig.

Werden auch unsere Kinder immer kränker? Welchen Anteil haben wir als Ärzte. Den Eltern ist es natürlich lieber, ihre Kinder haben eine schwer auszusprechende Krankheit als dass man ihr Kind für unerzogen hält. Da gibt es eine Pille und die Lernerfolge stellen sich unverzüglich von selbst ein. Gern wird man auch aufgefordert, alle möglichen Unpässlichkeiten zu attestieren: Kind kann nicht laufen, rennen, springen. Spielen erlaubt. Andererseits muss man sich schon fragen, wie sich die enorme Zunahme der Kinder mit ADHS, AWVS oder diversen Teilleistungsstörungen und die Abnahme der sozialen Kompetenz erklären lässt. Aber das ist wohl ein weites Feld.

In Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonventionen sollen nun auch in Sachsen-Anhalt die Sonderschulen abgeschafft werden. Inklusion heißt das Zauberwort. „Aber wird eine Behinderung dadurch besser, wenn man Behinderteneinrichtungen schließt? Werden Kranke dadurch gesund, dass man Krankenhäuser schließt?“ Oder geht es dabei wieder nur ums Sparen? Förderschulen sind natürlich pro Schüler gerechnet sehr viel teurer. Wie soll es aber einem einzelnen Regelschullehrer gelingen, Unterrichtsinhalte zu vermitteln, wenn in der Klasse neben notorischen Störern und Lustlosen noch Kinder mit vielfältigen Störungen zu fördern sind. Von Begabtenförderung ganz zu schweigen. Es kann nicht ausbleiben, dass auch bei gutem Willen irgendwann Überforderung zu Frustration führt.

Nein, das ist kein Editorial einer Lehrerzeitung. Aber Bildung und Gesundheit sind zwei der wichtigsten Säulen der Gesellschaft. Was uns mit den Lehrern verbindet, ist der ständige Sparzwang und der Regulierungs- und Profilierungswahn der Politik. Schulreformen gab es wenigstens so viele wie Gesundheitsreformen. Anstatt über Krieg und Auslandseinsätze der Bundeswehr zu debattieren, sollte man seine Hausaufgaben im eigenen Land machen. Da wäre das Geld sicher besser angelegt, damit wir wieder ein Land der Dichter und Denker werden.

Literatur beim Verfasser
Dr. med. Peter Wolf

Die Besorgnisfalle

Dr. Michael BüdkeBesorgten Kranken Ängste und Befürchtungen zu nehmen, gehört zu unseren ureigensten Aufgaben. Die Therapie wirkt besser, wenn nicht Angst dagegen arbeitet. Auch besorgte Gesunde kennen wir alle. Ärztlicher Rat kann hier wichtig sein, um eine Fixierung und krankhafte Entwicklung zu vermeiden.

Viele körperliche Reaktionen auf das, was man heute Stress nennt, gehörten Jahrtausende lang zum Leben dazu, ohne dass man ärztliche Hilfe suchen musste. Die Menschen erbleichten und erröteten, fielen in Ohnmacht, es wurde ihnen speiübel oder das Herz klopfte. Meist wusste man, woran es lag und was dagegen hilft. Eine Ruhepause, ein Gespräch, ein Tee, Zuwendung durch Mitmenschen. Auch ein fälliger Streit, eine Trennung, Geschrei. Noch vor wenigen Jahren wussten fast alle, wie man Befindlichkeitsstörungen und Bagatellerkrankungen mit medizinischen Hausmitteln kuriert. Das ist heute vielfach in die Sphäre der medizinischen Behandlung verlagert. Schnell soll es gehen, damit man den Anforderungen gewachsen bleibt. Die Ursachen der Beschwerden – natürlich sind es stets äußere – hat man schnell online gefunden: Viren, Bakterien, Zecken, vielgestaltige seltene Syndrome, Tumore usw. Selbstverständlich macht das besorgt. Das Symptom ist da und es könnte ja die schlimmstmögliche gegoogelte Ursache haben. Nun muss der Arzt ran.

Nicht nur dieser Wandel in der Informationsflut und ihrer Wahrnehmung durch Patienten stellt uns vor neue Herausforderungen. Es gibt auch eine Besorgtheits-Medienlandschaft. Die arbeitet ganz gezielt und eng verflochten mit der Werbewirtschaft. Und im Internet findet man nicht nur alles Wissen dieser Erde, sondern auch die Potenzierung aller Ängste und die gesamte (vorher unveröffentlichte) Dummheit, die schon Einstein für unendlich hielt (beim Universum war er sich da nicht sicher). Da ist die bewährte Stufendiagnostik nicht mehr gefragt. Ärztliche Erfahrung, verantwortungsvolles Wahrscheinlichkeitsdenken, Vorgehen nach einem im konkreten Fall sinnvollen Plan? Zügiges Herausfiltern von funktionellen Beschwerden und leichten Erkrankungen? Wenige Chancen dafür. Es gibt zwar Medien, die das aufklärend unterstützen. Zunehmend aber Angstmacher und Sensationshascher. Jährlicher !!!ZECKENALARM!!! verkauft sich besser als sachliche Information. Den Leser mit der Frage nach einem Kardio-MRT zum Hausarzt, oder besser gleich zum Kardiologen, zu treiben, macht mehr her als geduldige Aufklärung über Ernährungsweise und Lebensstil. Da könnte sich der Konsument ja abwenden.

Manchen von uns kommt der Besorgnistrend nicht ungelegen. An besorgt Gemachte lassen sich IGeL-Angebote besser verkaufen, die sie, gut informiert und ohne Ängste, vielleicht gar nicht haben wollten. Damit laufen wir in eine Falle. Die ärztliche Arbeitszeit wird beansprucht zur Ausräumung künstlich erzeugter Besorgnisse oder für Kommerz. Sie wird noch knapper für die Behandlung Kranker. Statt mir für multimorbide alte Patientinnen Zeit nehmen zu können, erkläre ich einem ängstlichen Menschen mögliche Nebenwirkungen eines frei verkäuflichen beworbenen Schrott-Produktes („Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“). Wir werden Meister der nicht medizinisch begründeten Ausschlussdiagnostik. Das kostet nicht nur Zeit.

Apropos Zeit: ein guter Artikel in der ZEIT 20/2014 ist zwar lesenswert, weil er fundiert über Hypochondrie und Somatisierungsstörungen berichtet. Aber er berührt nicht unsere Hauptprobleme im ärztlichen Alltag. Die sind, was unnötige Besorgnisse und ihre medizinischen Folgekosten betrifft, gesellschaftlich, auch juristisch, verursacht und durch Medien geschürt. Oder sehen Sie das anders?

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Dr. Michael Büdke