Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 05/2013

Dr. med. Petra BubelLiebe Kolleginnen und Kollegen,

„ vom Eise befreit ….“ - dabei sprach unser Dichterfürst vom Osterfest! Dennoch ist allenthalben die Freude groß, dass es doch noch Frühling geworden ist. Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass einem grünen verregneten Weihnachtsfest, einem verschneiten Osterfest ein „liebliches“ Pfingstfest folgt.
Im Hinblick auf 500 Jahre Thesenanschlag Martin Luther im Jahr 2017 kam in der Lutherstadt Eisleben zum Jahresbeginn eine besondere Attraktion hinzu. Im letzten Jahr war es die restaurierte Taufkirche Martin Luthers mit dem gewaltigen Taufbecken und dieses Jahr eröffnete das restaurierte Sterbehaus Martin Luthers mit einem formidablen Museumsneubau. Beides ist ausgesprochen sehenswert! Da fügt es sich gut, dass wir durch eine Verordnung des bajuwarischen Bundesverkehrsministers nun wieder unser „altes“ Autokennzeichen – EIL – verwenden dürfen. – „Passt schon“ – wie man bei ihm zu Hause sagt.
All jene, die jetzt Arges vermuten, möchte ich umgehend beruhigen: Ich stehe nicht auf der Gehaltsliste des Tourismusvereins unserer Stadt, sondern ich mag sie einfach, meine Lutherstadt.

Apropos: Immer öfter, wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, bekomme ich ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn ich lesen muss, was da alles über unseren Berufsstand geschrieben wird. Als Stichpunkte seien hier genannt der „Organtransplantationsskandal“, Korruption im Gesundheitswesen, unnötige Operationen, Kunstfehler, zu hohe Rechnungen etc. Es wird der Eindruck erweckt, als sei damit unser Berufsstand beschrieben, dabei geht es hier doch nur um wenige Ausnahmen. Wo bleibt eigentlich das Positive im Hinblick auf unsere verantwortungsvolle Tätigkeit zum Wohle unserer Patienten?
Pressefreiheit und Meinungsfreiheit sind ein hohes Gut, dennoch wünschte ich mir etwas mehr gründlichere Recher-che und weniger Meinungsmache!

Wer aus der Lutherstadt kommt, der weiß ein klares, ehrliches und vor allem offenes Wort immer zu schätzen. Lesen Sie Luthers Tischreden und Sie wissen, wovon ich rede.
Dr. Martin Luther: Bei ihm haben glücklicherweise alle passionierten Plagiatsjäger und Doktorarbeitsüberprüfer Sendepause – ihn können sie nicht zurücktreten – Halleluja!
Nun also auf ein herrliches Frühjahr, auf ein frohes Pfingstfest. Ich möchte endlich draußen sitzen können, ein Glas Wein trinken und warum nicht auch eine Pizza oder Lasagne essen? Diese allerdings nur frisch zubereitet z. B. bei meinem Lieblingsitaliener und nicht aus dem Tiefkühlfach. Schließlich erzählt man ja gern in froher Runde durchaus mal „vom Pferd“. Da will man schließlich nicht erleben, dass selbiges bereits vor einem auf dem Teller liegt.
Wie immer empfehle ich Ihnen nun die fachlich fundierten Artikel dieser Ausgabe unseres Ärzteblattes.
Es grüßt Sie herzlich

Ihre Petra Bubel

Kommunikation und kollegiale Zusammenarbeit

Dipl.-Med. H. ThurowIch finde es wichtig, im Bedarfsfall einen kompetenten Kollegen in der niedergelassenen Praxis oder im Kranken-haus ans Telefon zu bekommen, der mein Anliegen sofort versteht und gewillt ist, mir zu helfen, zum Beispiel bei Fragen zum Entlassungsbericht, Medikation, sozialer Nachsorge, Verordnung von Hilfsmitteln usw. Es geht einfach um notwendige Informationen und deren Übermittlung.
Im Idealfall funktioniert alles. Ich erreiche meinen Kollegen, habe alle gewünschten Informationen in kürzester Zeit vorliegen. Das bedeutet für mich wenig Zeitaufwand, keinen Frust und eine sichere Versorgung des Patienten, geringe Kosten, keine Doppeluntersuchungen. Damit kann ich gut arbeiten.
Wie sieht die Realität aus?
Im Krankenhaus nimmt ein Kollege einen Patienten stationär auf. Auf dem Einweisungsschein fehlen die bisherige Medikation, Allergiehinweise bzw. Unverträglichkeiten, wegweisende Laborbefunde – ganz einfach relevante krankheitsbezogene Informationen. Der stationär tätige Kollege versucht Rückfragen zu stellen – vergeblich:
niemand geht ans Telefon, ständig ist besetzt, außerhalb der Sprechzeiten ist niemand zu erreichen usw..
Im anderen Fall wird der Patient Freitagmittag entlassen mit Pflegebett und anderem Hilfsmittelbedarf sowie umfang-reicher, meist neuer Medikation. Der Hausarzt ist nicht mehr erreichbar. Das Dilemma ist vorausbestimmt, diesmal für den Patienten und dessen Angehörige. Umfangreiche und belastende Improvisationen sind die Folge.
Ein weiterer Casus soll hier beschrieben werden:
Ein Patient wird aus dem Krankenhaus entlassen. Da der Stationsarzt nicht zur Verfügung steht, muss ein Kollege, der den Patienten nicht kennt, die vorläufige Epikrise schreiben. In dieser finden sich Ungereimtheiten bezüglich der weiterführenden Therapie. Mittels Telefonat versucht nun der weiterbehandelnde Arzt, die offenen Fragen zu klären. Der Kollege, welcher die Entlassung vorgenommen hat, ist inzwischen in Folge dienstlicher Aktivitäten nicht erreichbar. Zum Leidwesen von Hausarzt und Patient ist es nur in sehr aufwendigen Schritten möglich, eine definitive Auskunft zu bekommen.
Aus den hier angeführten Beispielen ist zu erkennen, wie nützlich und wichtig eine gute Kommunikation und kollegiale Zusammenarbeit ist. Nur leider funktioniert sie in der Realität oft nicht.

Was können wir tun und was wären mögliche Ansatzpunkte, um dem gewünschten Ziel näher zu kommen?

-     gemeinsame Themenabende im kleinen Kreis (Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte einer Region) mit Fehler-und Konfliktanalysen,
-      Suche nach Vernetzungsmöglichkeiten von stationärer und ambulanter Versorgung mit oder ohne Gesundheitskarte,
-     interdisziplinäre Stationsvisiten für niedergelassene Kollegen,
-     Abrechnungstechnische Anreize für bessere Kommunikation,
-     wiederkehrende Appelle für mehr kollegiale Achtung

Dies sind Vorschläge, die diskutiert werden sollten. Fest steht bei alledem jedoch, dass eine bessere Kommunikation und kollegiale Zusammenarbeit uns mehr Sicherheit, persönliche Zufriedenheit, weniger Zeitaufwand, geringeren finanziellen Aufwand, mehr Patientenzufriedenheit und weniger Konfliktpotential bringen.
Auf gute Zusammenarbeit!

Dipl.-Med. H. Thurow
Geschäftsstelle Dessau

Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 03/2013

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich bin es zunehmend leid, auf die Fragen von Freunden und Bekannten: „Hast du das gelesen?“, Hast du das gehört?“ zu antworten. Es geht, wie einfach zu erraten, immer wieder um die unendliche Diskussion um die korrupte geldgierige Ärzteschaft im Allgemeinen und dann um die zahllosen publizierten Einzeldelikte. Dabei werden Vergehen und Verfehlungen einzelner Kollegen zu Ärzteskandalen hochstilisiert im Sinne eines Generalverdachts gegen die Ärzteschaft. Schon beim ersten Hinweis und weit bevor irgendwelche Ermittlungen abgeschlossen sind, gefallen sich Politiker und Möchtegernexperten vor laufender Kamera mit gewichtiger Miene, drakonische Strafen zu fordern. Der Spitzenverband der Krankenkassen forderte gar öffentlich eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren für korrupte Mediziner.  Ich bin weit davon entfernt, hier Dinge wie sie im Rahmen z.B. des aufgedeckten Transplantationskandals zu Tage getreten sind, bagatellisieren oder entschuldigen zu wollen. Das gehört selbstverständlich lückenlos aufgeklärt und berufsrechtlich bzw. strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Mich wundert nur immer wieder, warum die Gesellschaft nicht genauso rigoros und konsequent die Strafverfolgung von Bankern und anderen fordert, die das Geld anderer verzocken, bewusst falsch beraten, um sich maximale Provisionen zu sichern. Und es sind sicher nicht wenige von uns, die durch falsche Anlageberatung zumindest um einen Teil ihrer Altersvorsorge gebracht wurden.
Was mich mehr beschäftigt, ist die Frage: Was denkt ein Patient, wenn er ständig konfrontiert wird mit Schlagzeilen wie: „Kampf gegen korrupte Ärzte stockt“, Frankfurter Rundschau, 02.01.2013, oder „Union droht korrupten Ärzten mit dem Strafrecht“, FAZ 02.01.2013 und „Wie korrupt sind Ärzte?“, Stuttgarter Zeitung 04.01.2013? Wir alle wissen, wie wichtig ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient für die Genesung ist. Eine gute Patient-Arzt-Beziehung ist ein wesentlicher Faktor für den Krankheitsverlauf, Gesundungswillen und Behandlungserfolg. Ohne sie können therapeutische Maßnahmen erfolglos bleiben, weil der Patient nicht kooperiert, ärztliche Ratschläge nicht versteht bzw. befolgt oder verordnete Medikamente nicht einnimmt. Aber wie soll das funktionieren, wenn der Patient bei jeder Verordnung im Hinterkopf hat, ob der Arzt sich davon einen Wellnessurlaub auf Pharmakosten organisiert, bei jeder Operationsaufklärung sich das Misstrauen einschleicht, dass der vorgeschlagene Eingriff eher dem Wohle des ärztlichen Geldbeutels als der eigenen Gesundheit dient? Zweifel an der ärztlichen Autorität und Aufrichtigkeit stören nachhaltig das Verhältnis von Arzt und Patient. Gelungen fand ich in diesem Zusammenhang auch die Titelseite des Magazins der Spiegel „Pfuscher oder Retter? Wie Patienten den richtigen Arzt finden“. Da fragt man sich doch sofort, auf welcher Seite man steht.

Nach dieser erneuten Welle medialer Demontage eines ganzen Berufsstandes meint nun Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) „Die Ärzte sind nun in der Pflicht, das Vertrauen der Patienten wieder herzustellen, …“ (Welt, 04.01.2013). Jedem, der sich ein Leben lang hat anstrengen müssen, um seinen Traum vom Arztberuf verwirklichen zu können, der ein schweres sechsjähriges Studium und die anschließenden Jahre der Weiterbildung hinter sich gebracht hat, mag das wie Hohn erscheinen.

Dr. med. Peter Wolf

Kultursensibilität - Toleranz und ihre Grenzen

Dr. Simone Heinemann-Meerz ( SHM ) - PräsidentinLiebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich wünsche Ihnen allen ein gutes und vor allen Dingen ein gesundes neues Jahr. Gehen Sie es mit Schwung und Optimismus an. Auch in diesem Jahr werden wir uns wieder mit vielen Dingen auseinandersetzen müssen: Angenehmes, Unangenehmes, Nerviges, Erstaunliches, Positives. Das ist nicht immer so einfach. Die Bundestagswahl wirft ihre Schatten voraus. Im Gesundheitssektor unserer Republik wird es auch in diesem Jahr wieder turbulent zugehen. Erste Wahlgeschenke - Praxisgebühr - sind schon erfolgt.

Ich möchte heute ein Thema ansprechen, welches in Zukunft zunehmend eine Rolle spielen wird: der Umgang mit anderen Kulturen. Wir alle betreuen Patienten, die aus anderen Kulturkreisen stammen. Und wir haben auch täglich in zunehmender Zahl mit Kollegen zu tun, die andere kulturelle Wurzeln haben. Eines der wichtigsten Kulturgüter spielt dabei eine große Rolle : die Sprache. Im Jahr 2011 lebten ca. 16 Millionen Migranten in Deutschland. Ein Fünftel der Bevölkerung weist einen Migrationshintergrund auf. In der Altersgruppe der unter 5-jährigen Kinder hat ein Drittel einen Migrationshintergrund. Diese Situation lässt sich nicht zurückdrängen, ob es gefällt oder nicht. Im Gegenteil. Die demographische Entwicklung im Land, die Zuwanderung, der Fachkräftemangel u.v.a.m.zwingen uns, eine Form von Kultursensibilität zu entwickeln, mit der wir alle leben können. Kultursensibilität ist das Vermögen in Denken, Verhalten, Wahrnehmen und Kommunizieren im Umgang mit Menschen anderer Kulturkreise, sich sensibel auf diese einstellen zu können. Dabei darf aber auch erwartet werden, dass dieses aufeinander Einstellen auf Gegenseitigkeit beruht. Die Akzeptanz anderer Lebensmuster setzt aber auch die Selbstreflexion der eigenen persönlichen kulturellen Prägung voraus. Das eigene Denken, Handeln, Fühlen und das persönliche Handlungsmuster im täglichen Leben muss sich jeder selbst bewusst machen und dessen Wurzeln kennen.

„Man soll die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Aber man soll auch dafür sorgen, dass die Dinge so kommen, wie man sie nehmen möchte.“ (Curt Goetz)

Wir müssen diese interkulturelle Begegnung auch als Chance begreifen. Die kommunikative Auseinandersetzung mit den sich hieraus ergebenden Themen ist unausweichlich.Ob ein Patient aus Glaubensgründen eine biologische Herzklappe aus Rinder- oder Schweineperikard erhält, ist für uns alle mit Sicherheit unproblematisch.Bei der Beschneidungsdebatte scheiden sich schon die Geister. Die Empfehlungen der Bundesärztekammer zu diesem Thema kann man sicher gut mittragen: umfassende Aufklärung der Eltern, Schmerzfreiheit und Einhaltung der Regeln der ärztlichen Kunst. Letzteres ist aber schon eine versteckte Unschärfe. Was ist ärztliche Kunst? Kann diese auch von Nichtärzten realisiert werden? Wenn Sie dieses Ärzteblatt in der Hand halten, wird das Gesetzt hierzu aller Wahrscheinlichkeit nach schon verabschiedet sein. Mehr Zeit für eine sachliche und vor allem prinzipielle Auseinandersetzung mit diesem Thema hätte ich mir gewünscht.

Wie verhalten wir uns als Ärzte, wenn ganz offensichtlich die Anerkennung der Frau und deren Gleichberechtigung nicht respektiert wird? Ich hatte in meiner Praxis schon einige solcher Erlebnisse, bei denen mir nicht ganz wohl war.
Die Säkularisierung ist von uns voll akzeptiert und wird schon fast intuitiv gelebt. Wie viele Ausnahmen hiervon darf der Staat machen? In welchem Umfang dürfen bestimmte Bevölkerungsgruppen hier Entgegenkommen erwarten?

Im Grundgesetz ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit verbürgt. Aber auch die Religionsfreiheit ist hier verankert.
Müssen wir in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte einige Dinge neu oder zumindest schärfer definieren? Es herrscht in der Bevölkerung eine lebhafte Debatte über die interkulturelle Kompetenz von Ärzten mit Migrationshintergrund. Zurecht wird betont und eingefordert, dass die Beherrschung der Sprache als Schlüssel zur Integration und Verständigung eine herausragende Bedeutung hat.

In diesem Kulturdialog haben sich inzwischen viele Instanzen zu Wort gemeldet. Dieser Dialog muss inner- und außereuropäisch geführt werden. In erster Linie müssen jedoch unsere eigenen kuturellen Wurzeln, Werte und Ansprüche definiert werden, sonst wird uns der Blick über den Tellerrand nicht gelingen. Nur dann ist die Bestimmung von Toleranzgrenzen möglich.

Ich würde mich freuen, wenn ich den einen oder anderen Kollegen zu einem Leserbrief animiert habe.
Auf ein gutes neues Jahr mit Weitblick.

Dr. Simone Heinemann-Meerz ( SHM ) - Präsidentin

Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 12/2012

Liebe Kolleginnen und Kollegen
nach einem mit Arbeit vollgestopften Jahr freuen sich alle auf ein bisschen Regeneration über die Feiertage. Die verantwortungsvollen Ärzte haben mit ihren fachgleichen Kollegen schon die Urlaubsvertretung koordiniert und ihre Terminkalender entsprechend aufgestellt.

Nun gibt es natürlicherweise immer wieder Patienten, die genau in dieser Zeit der Besinnung akut erkranken. Schwierig gestaltet sich zunehmend das Problem, wenn man im Altenheim untergebracht ist. Zum Glück für den Patienten aber zum Leidwesen der Ärzte gibt es die Möglichkeit, dann einen Haus,- bzw. Heimbesuch anzumelden.

Wieso eigentlich zum Leidwesen der Ärzte?
Akut angeforderte Heimbesuche werden relativ gut honoriert, aber sie sind Bestandteil des Regelleistungsvolumens und unterliegen demnach der Budgetierung. Außerdem gestalten sich Heimbesuche extrem zeitaufwendig. Oft muss erst einmal die Stationsschwester gefunden werden, dann geht man auf die Suche nach dem Patienten. Nebenbei müssen Angehörige besänftigt werden, und dann beginnt nach der klinischen Untersuchung ein bürokratischer Kraftakt. Für jedes Altenheim unterschiedlich müssen in den buchdicken Betreuungsakten diverse für die Heimleitung extrem wichtige Papierblätter ausgefüllt werden. Oft wird man dann auch noch gebeten, zu Bagatellstörungen anderer Heimbewohner Stellung zu nehmen und natürlich dabei nicht die diversen Papierblätter zu vergessen. Wer schreibt, der bleibt, im wahrsten Sinne des Wortes. Für Patienten mit Pflegestufe 2 aufwärts gibt es die gesetzlich geregelte Erstattung der nötigen Transportkosten zu ambulanten ärztlichen Behandlungsstellen. Dies ist aber mit erheblichem organisatorischen und zeitlichen Aufwand des Pflegepersonals verbunden, für akut Erkrankte physisch und psychisch erheblich belastend und ethisch nur vertretbar, wenn unabdingbar eine Diagnostik mit nicht transportablen Geräten erforderlich wird. Trotzdem schleicht sich in zunehmendem Maße unter den Kollegen ein Trend ein, die Diagnostik und Behandlung in den Arztpraxen zu fordern, und das nicht nur bei fachärztlichen, sondern auch hausärztlich tätigen Kollegen. Oft aus zeitlichen und Ohnmachtsgründen wird dieses Problem dann durch das Heimpersonal in den kassenärztlichen Notdienst verlagert, der bekanntlich außerbudgetär vergütet wird, mit dem Ergebnis, dass der Bereitschaftsarzt einen ihm völlig unbekannten Patienten vorfindet und dadurch die Hemmschwelle zur stationären Einweisung erheblich niedriger liegt.

Wie kann man der Problematik Herr werden?
Bestimmt nicht mit Ethikappellen an die Kollegen, wohl aber durch Änderung der Vergütungsanreize und Verkürzung des zeitlichen Aufwandes eines Heimbesuches. Ich möchte nicht über das Wort „Bürokratieabbau“ philosophieren. Jeder Versuch, hier tätig zu werden, wird sofort mit noch mehr Bürokratie belohnt. Aber vielleicht kann sich die Kassenärztliche Vereinigung für die Möglichkeit der außerbudgetären Vergütung für angeforderte Pflegeheimbesuche erwärmen!? Weiterhin sollten wir auf die jeweiligen Altenpflegeheimleitungen zugehen, und vermehrt Visitenabläufe und Zeiten absprechen. Ich weiß, wie schwierig das momentan ist, wenn z.B. in größeren Städten manche Heime von mehr als 15 verschiedenen Hausärzten und zusätzlich noch von Fachärzten aufgesucht werden. Wir haben in Deutschland das hohe Gut der freien Arztwahl zu verteidigen. Aber wo endet das? Bis zu welcher Entfernung von der Arztpraxis ist dies einhaltbar? Bei dementen Patienten, die ihren Arzt nicht mehr erkennen, ist es da nicht wichtiger, dass sie gut betreut werden als von wem?

In Halberstadt haben die Hausärzte sich mit den Pflegedienstleitungen der Heime an einen Tisch gesetzt und nach Lösungen gesucht. Für Neubewohner ohne Hausarzt stehen jetzt pro Heim nur noch 2-3 Kollegen als Ansprechpartner zur Verfügung, bei Einwilligung des Heimbewohners oder des Betreuers ebenfalls. In den Arztpraxen können sich die Patienten informieren, in welchen Heimen ihr Hausarzt regelmäßig anwesend ist. Hierdurch verringert sich schrittweise die Anzahl der Ärzte pro Heim. Die Anzahl der Patienten pro Heim erhöht sich. Dadurch können Visiten besser organisiert werden, gleichlautende Absprachen mit dem Heimpersonal getroffen werden. Der Hausarzt braucht nicht mehr alle Heime der Region anfahren, das Pflegeheimpersonal kann die Visite besser vorbereiten, es resultiert eine erhebliche Zeitersparnis. Nebenbei haben wir eine gerechtere Verteilung auf alle Hausarztschultern erreicht.

Wie hieß eigentlich das Thema? Ach ja, Weihnachten im Altenpflegeheim!
Vielleicht können wir so in Zukunft noch mehr Heimbewohnern zu einem ungestörten Weihnachtsfest in ihrem persönlichen Umfeld verhelfen. Und vergessen wir nicht, in 20 bis 40 Jahren sitzen wir dort und freuen uns, wenn uns mit fieberhaftem Infekt oder Bauchschmerzen vor Ort geholfen wird.

 

In diesem Sinne möchte ich allen Kolleginnen und Kollegen einen guten Rutsch durch die Feiertage und ins neue Jahr wünschen!

 

Stefan Andrusch, Halberstadt