Dr. med. Peter Wolf
Dr. med. Peter Wolf

... sicher haben Sie auch in unserem Deutschen Ärzteblatt vom 16. Januar 2015 auf der Titelseite die Überschrift „Social freezing“ gesehen. Nachdem über die Medien bereits im Oktober des letzten Jahres die Meldung verbreitet wurde, dass die Firmen Apple und Facebook ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen, bekamen wir nun die wissenschaftlichen Aspekte nachgereicht. Hinter der harmlos klingenden Überschrift „Anlage einer Fertilitätsreserve bei nicht medizinischer Indikation“ verbirgt sich ein soziales Problem. Manche Zeitungen titelten auch „Social freezing – soziale Eiszeit“. Und tatsächlich ist das Handeln vieler (notgedrungen) in privaten Bereichen, wie der Familienplanung, zunehmend von ökonomischen Aspekten dominiert. Und so wird eine Methode, die ursprünglich für krebskranke Frauen entwickelt wurde, zum Karriereplaner.

Die Grundlagen für eine erfolgreiche Karriere legt man in den Jahren zwischen 20 und Mitte 30. Wer sich nicht gleich zwischen Familie und Beruf entscheiden möchte, kann einfrieren. Das scheint heute so legitim wie die Empfängnisverhütung mit der Pille davor oder danach. Das entspricht unserer Vorstellung von Gleichberechtigung, Selbstbestimmungsrecht und Fortpflanzungsfreiheit der Frau. Was keiner fragt ist, wie sich die Kinder entscheiden würden. Die Nachricht in der MZ, dass eine 50 Jahre alte Italienerin nach Gerichtsentscheid sich ihre 20 Jahre eingefrorenen befruchteten Eizellen auftauen und einsetzen lassen darf, nachdem ihr Mann bereits seit 4 Jahren tot ist, löste in mir dann doch etwas Unbehagen ob der Wertigkeit des individuellen Selbstbestimmungsrechts aus. Konsens ist aber, dass Social freezing die Probleme nicht löst, sondern nur verschiebt. Doch ganz so einfach ist das mit dem Verschieben auch nicht. Es sind heute eher Frauen um die 35+, die sich für das Einfrieren entscheiden. In diesem Alter nimmt die Stimulierbarkeit schon deutlich ab, oft sind mehrere Stimulationszyklen notwendig (die haben ja auch Risiken!). Letztendlich aber werden die Frauen in einer falschen Sicherheit bezüglich ihrer Schwangerschaftsoptionen gewogen bis zu dem Moment, wo wirklich keine „natürliche“ Schwangerschaft mehr eintreten kann, und sie merken, dass die eingefrorenen Eizellen nicht ausreichen.

Neben den bekannten medizinischen Problemen und Risiken einer späten Schwangerschaft kommt es noch zu einem weiteren Phänomen. In den nächsten Generationen werden Enkel ihre Großeltern, wenn überhaupt, erst jenseits des
80. Lebensjahres kennenlernen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben in unserem Land dazu geführt, dass, wie das Statistische Bundesamt anhand der Ergebnisse des Zensus 2011 mitteilt, der Singlehaushalt mit mehr als einem Drittel der häufigste Haushaltstyp in Deutschland ist. In 60,3 % der Privathaushalte leben Personen als Familien zusammen. Unter den Familien mit Kindern dominiert die Ein-Kind-Familie (54,4 %). Die Ergebnisse einer kinder- und familienfreundlichen Politik sehen anders aus. Die kann man sich im Ausland ansehen, wo junge Familien mit mehreren Kindern die Städte bevölkern. Wie schwer es ist, Beruf und Kind zu managen, erlebe ich gerade bei unseren Enkeln, die wir regelmäßig betreuen, weil z.B. in Bayern die Kindergärten im Jahr über 25 Schließtage haben oder Weiterbildungsveranstaltungen an Wochenenden stattfinden. Da haben wir es in Sachsen-Anhalt häufig besser, wo es, wie zum Beispiel am Städtischen Klinikum Dessau, Betriebskindertagesstätten gibt, deren Öffnungszeiten den Arbeitszeiten der Eltern angepasst sind.

Noch eine andere Beobachtung zum Thema Familienplanung und Freiheit der Entscheidung. In unserem Land, wo Schwangerschaften wie Krankheiten behandelt werden und häufig die Empfängnis zum Arbeitsverbot führt, entscheiden sich dennoch zunehmend Mütter zur Hausentbindung. Ich sehe die Kinder dann häufig zum Neugeborenen-Hörscreening und wundere mich immer wieder, dass die angehenden Eltern nach so behüteter Schwangerschaft solch ein hohes Risiko eingehen, auch wenn aufgrund der wissenschaftlichen Daten ein generelles Abraten von Hausgeburten nicht zu vertreten ist.

Freiheit und Selbstbestimmung sind in unserer Gesellschaft ein hohes Gut. Der wissenschaftliche Fortschritt eröffnet ständig neue Chancen. Was heute auch medizinisch möglich ist, hätten unsere Großeltern nicht zu träumen gewagt. Ich befürchte allerdings, dass nicht alles, was heute machbar, auch für jeden sinnvoll ist. Und das betrifft letztendlich alle Bereiche und Fachgruppen. Die medizinischen Aspekte der Familienplanung sind dabei nur ein Feld. An uns Ärzten ist es, unsere Patienten bei den vielfältigen schwierigen Entscheidungen des Lebens unabhängig hilfreich zu begleiten.

Dr. med. Peter Wolf

(function(i,s,o,g,r,a,m){i['GoogleAnalyticsObject']=r;i[r]=i[r]||function(){ (i[r].q=i[r].q||[]).push(arguments)},i[r].l=1*new Date();a=s.createElement(o), m=s.getElementsByTagName(o)[0];a.async=1;a.src=g;m.parentNode.insertBefore(a,m) })(window,document,'script','//www.google-analytics.com/analytics.js','ga'); ga('create', 'UA-46536808-1', 'aerzteblatt-sachsen-anhalt.de'); ga('set', 'anonymizeIp', true); ga('send', 'pageview');