Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich bin es zunehmend leid, auf die Fragen von Freunden und Bekannten: „Hast du das gelesen?“, Hast du das gehört?“ zu antworten. Es geht, wie einfach zu erraten, immer wieder um die unendliche Diskussion um die korrupte geldgierige Ärzteschaft im Allgemeinen und dann um die zahllosen publizierten Einzeldelikte. Dabei werden Vergehen und Verfehlungen einzelner Kollegen zu Ärzteskandalen hochstilisiert im Sinne eines Generalverdachts gegen die Ärzteschaft. Schon beim ersten Hinweis und weit bevor irgendwelche Ermittlungen abgeschlossen sind, gefallen sich Politiker und Möchtegernexperten vor laufender Kamera mit gewichtiger Miene, drakonische Strafen zu fordern. Der Spitzenverband der Krankenkassen forderte gar öffentlich eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren für korrupte Mediziner.  Ich bin weit davon entfernt, hier Dinge wie sie im Rahmen z.B. des aufgedeckten Transplantationskandals zu Tage getreten sind, bagatellisieren oder entschuldigen zu wollen. Das gehört selbstverständlich lückenlos aufgeklärt und berufsrechtlich bzw. strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. Mich wundert nur immer wieder, warum die Gesellschaft nicht genauso rigoros und konsequent die Strafverfolgung von Bankern und anderen fordert, die das Geld anderer verzocken, bewusst falsch beraten, um sich maximale Provisionen zu sichern. Und es sind sicher nicht wenige von uns, die durch falsche Anlageberatung zumindest um einen Teil ihrer Altersvorsorge gebracht wurden.
Was mich mehr beschäftigt, ist die Frage: Was denkt ein Patient, wenn er ständig konfrontiert wird mit Schlagzeilen wie: „Kampf gegen korrupte Ärzte stockt“, Frankfurter Rundschau, 02.01.2013, oder „Union droht korrupten Ärzten mit dem Strafrecht“, FAZ 02.01.2013 und „Wie korrupt sind Ärzte?“, Stuttgarter Zeitung 04.01.2013? Wir alle wissen, wie wichtig ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient für die Genesung ist. Eine gute Patient-Arzt-Beziehung ist ein wesentlicher Faktor für den Krankheitsverlauf, Gesundungswillen und Behandlungserfolg. Ohne sie können therapeutische Maßnahmen erfolglos bleiben, weil der Patient nicht kooperiert, ärztliche Ratschläge nicht versteht bzw. befolgt oder verordnete Medikamente nicht einnimmt. Aber wie soll das funktionieren, wenn der Patient bei jeder Verordnung im Hinterkopf hat, ob der Arzt sich davon einen Wellnessurlaub auf Pharmakosten organisiert, bei jeder Operationsaufklärung sich das Misstrauen einschleicht, dass der vorgeschlagene Eingriff eher dem Wohle des ärztlichen Geldbeutels als der eigenen Gesundheit dient? Zweifel an der ärztlichen Autorität und Aufrichtigkeit stören nachhaltig das Verhältnis von Arzt und Patient. Gelungen fand ich in diesem Zusammenhang auch die Titelseite des Magazins der Spiegel „Pfuscher oder Retter? Wie Patienten den richtigen Arzt finden“. Da fragt man sich doch sofort, auf welcher Seite man steht.

Nach dieser erneuten Welle medialer Demontage eines ganzen Berufsstandes meint nun Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) „Die Ärzte sind nun in der Pflicht, das Vertrauen der Patienten wieder herzustellen, …“ (Welt, 04.01.2013). Jedem, der sich ein Leben lang hat anstrengen müssen, um seinen Traum vom Arztberuf verwirklichen zu können, der ein schweres sechsjähriges Studium und die anschließenden Jahre der Weiterbildung hinter sich gebracht hat, mag das wie Hohn erscheinen.

Dr. med. Peter Wolf