Petra Bubel
Petra Bubel

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ärztemangel – ja fast täglich können wir es hören/lesen und auch erleben. Aber wir haben eine ungebrochen hohe Nachfrage nach Medizinstudienplätzen. Dies spricht doch für die Attraktivität des Arztberufes. Aber was macht diese Attraktivität aus? Der Beruf scheint also mit einem starken Eros verbunden zu sein. Der Begriff „Eros“ meint im philosophischen Verständnis das Streben, das Getriebensein zu geistiger, schöpferischer Tätigkeit. Wie lässt sich dieses Streben erklären?

Die Anziehungskraft des klinischen Arzthandelns in der Behandlung und Begleitung der Patienten und die daraus resultierende Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit sind im Kern durch die Eigenart ärztlichen Handelns begründet. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Sachverhaltes liegt in der klinisch-hermeneutischen Methode zur Entwicklung von verantwortlichen und verantworteten individuellen klinischen Entscheidungen in der Behandlung jedes einzelnen Patienten. Diese urärztliche, klinische Elementarmethode ist uns Ärzten in der Regel nicht bewusst, wird von uns im ärztlichen Alltag aber intensiv gelebt und erlebt. Unser Arztberuf ist ein freier Beruf. Darunter verstehen wir von Seiten der Berufsordnung: Ein freier Beruf dient dem Wohl des Einzelnen und der Allgemeinheit. Für den Berufsverband der freien Berufe ist er gekennzeichnet durch Professionalität, Gemeinwohlverpflichtung, Selbstkon-trolle und Eigenverantwortlichkeit. Für Prof. Paul Unschuld umfasst der freie Beruf die Schaffung eigenen Wissens, die Autonomie über die Anwendung dieses Wissens, eine eigene Gebührenordnung und die Patienten- und Gemeinwohlverpflichtung. Die Freiberuflichkeit hat primär nichts mit selbständig niedergelassenem Arztdasein zu tun, sondern mit der Verpflichtung des Arztberufes gegenüber dem Einzelnen auf der einen und der Allgemeinheit auf der anderen Seite, durch professionelles Handeln.
Die Gesundheitsversorgung ist eine hoheitliche Aufgabe des Staates. Diese wird im Rahmen der Daseinsvorsorge im ambulanten Bereich auf die Ärzteschaft übertragen (gesellschaftliches Mandat). Die Ärzteschaft soll die irrationalen Potenziale der Gesellschaft wie Krankheit, Pflegebedürftigkeit und krankheitsbedingte Devianz bei psychischen Erkrankungen kontrollieren. Ziel ist die Vermeidung gesellschaftlich unauflöslicher Wertekonflikte, die entstehen, wenn der Staat diese Aufgabe selbst übernimmt oder sie dem freien Markt überlässt. Erreicht wird dies durch die Individualisierung der Verantwortung für die Kontrolle von Kollektivrisiken in der Person des einzelnen Arztes. Dafür erhalten Ärzte Unabhängigkeit von Patienten und Institutionen (KV!). Die privilegierte Stellung der Ärzte in der Gesellschaft und ihre Sonderrolle sind eben nicht historisch oder standeslyrisch zu erklären, sondern in der Übernahme einer schweren gesellschaftlichen Aufgabe mit Hilfe einer professionellen Arbeitsweise (individuelle klinisch-hermeneutische Fallarbeit) begründet. Die Übernahme dieser Arbeit löst in jedem Arzt bei jedem „Fall“ (Patient) einen Wertekonflikt aus. Dieser Wertekonflikt begründet sich aus der Erwartung der Gesellschaft und der des einzelnen Patienten. Die Gesellschaft erwartet, dass der Arzt festlegt, was Krankheit ist. Die Kosten im Einzelfall (im Rahmen von gesellschaftlich definierten WANZ-Kriterien) kontrolliert und begrenzt, sowie im Einzelfall die soziale Gerechtigkeit herstellt, dafür persönlich haftet und ggf. seine eigene Gesundheit riskiert und sich finanziell beschränkt. Der Patient erwartet, dass für ihn alles optimal gemacht wird (optimal vs. WANZ-Kriterien).

Das tägliche „Entscheiden müssen“ in diesem Zentralwertekonflikt ist das eigentliche Ethos des Arztes. Die theoriegeleitete klinisch-hermeneutische Fallarbeit und Entscheidungsfindung im Widerstreit von evidenzbasiertem Wissen, ärztlichem Fallverstehen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen kennzeichnet den Beruf des Kassenarztes und machen sein Eros aus. Das Ethos des Kassenarztberufes liegt in der Übernahme der Bürde dieses ärztlichen Handelns und in der Bereitschaft zur Übernahme der Individualisierung gesellschaftlicher Kollektivrisiken in der Kassenpraxis begründet. Darin sind die notwendigen Sonderrechte des Arztes und seine Autonomie gegenüber Patient und Institutionen begründet. Dies setzt staatlichen Steuerungsphantasien deutliche Grenzen und Grenzüberschreitungen fordern den Widerstand der Ärzte heraus.

Fazit: Der Kassenarzt lebt die Freiberuflichkeit in nahezu idealer Weise. Er braucht dazu eine funktionierende Selbstverwaltung, Regelungsarmut und Freiheit. Die Gesellschaft und die Politik sollten dies anerkennen und begreifen. Eine Deprofessionalisierung der niedergelassenen Kassenärzte, wie sie im Krankenhaus bereits geschieht, wird letzten Endes in einer Staatsmedizin mit einem ausgeprägten kaufmännisch orientierten echten Privatmedizinsektor enden. Das nennt man dann eine echte Zweiklassenmedizin.

Ihre Petra Bubel