Dipl.-Med. H. Thurow
Dipl.-Med. H. Thurow

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

diesmal kein klagen über Ärztemangel in der Niederlassung, im Krankenhaus oder im öffentlichen Gesundheitswesen. Es geht mir vielmehr um diejenigen, ohne die unsere ärztliche Arbeit undenkbar wäre. Es geht mir um die Krankenschwestern, MFA/MTA, Kranken- und Altenpfleger und Physiotherapeuten etc.

Vor ca. 8 Wochen haben viele von ihnen ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, haben Arbeitsverträge unterschrieben, sind an den Ausbildungsplätzen geblieben oder haben neue Arbeitsorte gefunden. Jetzt, Anfang September, hat der Unterricht für die neuen Azubis begonnen. Für viele von ihnen ist es die erste Ausbildung, einige haben aber auch die Chance ergriffen, einen Neustart in einem völlig neuen Beruf zu wagen. Die allermeisten von ihnen werden, so die Prognose, keine Probleme haben, nach der Ausbildung eine Anstellung zu finden.

Eine steigende Zahl von Anrufen in der Geschäftsstelle und auch Gespräche mit Kollegen weisen darauf hin, dass der Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal zunimmt und die Suche danach ein immer größeres und zudem zeitraubendes Problem darstellt.

Auch in unserer Praxis vollzieht sich gerade aus Altersgründen ein Personalwechsel. Ich weiß also, wovon ich spreche. Durch Kontakt zur Jobbörse, durch Stellenausschreibung im Internet und in den lokalen Medien gingen eine Reihe von Bewerbungen bei uns ein. Interessant sind die mitunter „bunten“ beruflichen Biographien! So vollziehen einige Bewerber/innen, aus gesundheitlichen Gründen oder aufgrund des Wunsches nach beruflicher Neuorientierung, spannende Wechsel zwischen den Berufszweigen (z. B. von einem Handwerk in den Gesundheitsbereich).

Hierbei stellt sich mir jedoch die Frage, ob diese Quereinsteiger die erforderlichen Qualifikationen in der kurzen Zeit einer Einarbeitung in ausreichendem Maß erlangen können, um einen direkten Einstieg zu bewältigen und vor allem den hohen fachlichen Anforderungen gerecht zu werden. Ich gebe zu bedenken: in vielen anderen Ausbildungsberufen ist es undenkbar, ungelerntes Personal in kurzer Zeit anzulernen, um es dann hochqualifizierte Tätigkeiten ausführen zu lassen.

Andererseits verlassen viele Fachkräfte des sogenannten „mittleren medizinischen Personals“ den Beruf. Und die Zahl der Bewerber/innen für einen Ausbildungsplatz im medizinischen Bereich schwindet. Was sind die Ursachen? Sicher ist dies vor allem der demographischen Entwicklung geschuldet. Aber warum sind vormals so attraktive und begehrte Berufe heute so viel weniger gefragt? Ist es zu geringe Entlohnung, sind es die unregelmäßigen Arbeitszeiten, die permanente Überbelastung, zu viele Überstunden und Dienste, psychische Überforderung, die scheinbar nicht mehr zu bewältigende überbordende Bürokratie, durch die die eigentliche Arbeit am Patienten immer mehr in den Hintergrund rückt!

Sicher spielt all das, für jeden Einzelnen in unterschiedlichem Maß, eine Rolle – und nicht alles können wir ändern. Aber wir müssen uns, so denke ich, in nächster Zeit Gedanken machen, wie wir die Attraktivität der medizinischen Fachberufe verbessern können, so dass sich eine gesunkene Zahl von Bewerber/innen wieder mehr für diese interessiert. Sonst stehen wir vielleicht in absehbarer Zeit ohne qualifiziertes Personal in der Praxis oder am Krankenbett.

Dipl.-Med. H. Thurow
Geschäftsstelle Dessau