Dr. med. Thomas Langer
Dr. med. Thomas Langer

Unlängst verfingen sich meine Augen beim Surfen im Internet an einer Schlagzeile. Der unmittelbar bevorstehende Durchbruch bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen sei zu erwarten. Der Angsthase in mir assoziierte sofort und unwillkürlich mit diesem Wort den Begriff Dammbruch und verheerendes Hochwasser. Die genaue Lektüre des Textes einer Bank, der sich auf eine Befragung unter Medizinern bezog, konnte meine primäre Skepsis aber auch nicht ganz auslöschen. Alles Mögliche wurde da in einen Topf geworfen: Telemedizin und Vernetzung, Assistenzsysteme ärztlicher Leistungen, Patientenplattformen, computergestützte Diagnostik und Therapie. Letzlich belegte aber das Ergebnis der Befragung keinen Hype, der mir immer verdächtig wäre. Lediglich 30 Prozent der Mediziner rechnen damit, das sich die „Digitalisierung“ im Gesundheitswesen in den nächsten vier Jahren durchsetzt.

Sicherlich ist eine gesunde Skepsis immer angezeigt, wenn es um angesagte Techniken geht. Schließlich werden auch neue Medikamente auf Herz und Nieren geprüft, bevor diese auf die Menschheit und auf das Krankenkassenbudget losgelassen werden. Negative Beispiele aus jüngster Zeit belegen diese These. So hat der sogenannte Autopilot des Elektroautos Tesla S einen tödlichen Unfall nicht verhindern können. Ganz aktuell war die Nachricht, dass selbst Apples iPhone eine Sicherheitslücke aufwies. Der medizinische Sektor wurde nicht verschont. So hatte in diesem Jahr ein Erpressungstrojaner mehrere Kliniken in Deutschland durch Verschlüsselung der Datenträger zeitweise lahmgelegt.

Wie ist der Stand der Dinge bei robotergestützten Eingriffen? – wobei der Begriff Roboter hier ebensowenig passt wie das Etikett „Autopilot“ für ein Spurhalte- und Geschwindigkeitsregelsystem im Kraftfahrzeug. Nach dem initialen Versagen der robotergestützten Technik im Bereich der Hüftchirurgie scheint im Besonderen das DaVinci-System bei abdominellen und speziell urologischen Eingriffen hilfreich zu sein. Ein natürliches Zittern der Hand des Chirurgen wird kompensiert und die vielfache optische Vergrößerung des Operationsgebietes bringt Vorteile. Allerdings gehört auch zu dieser Methode eine Lernkurve. Gut zu wissen, auf welchem Punkt dieser Kurve sich der jeweilige Akteur befindet. So mancher Operateur, der sowohl mit konventioneller Technik als auch mit dem neuen Verfahren mehrhundertfache Erfahrungen hat, stellt fest, dass bei ihm die medizinischen Ergebnisse beider Verfahren auf gleichem Niveau liegen. Aufgrund der Außenwirkung wirbt natürlich jede Klinik mit dem Zugpferd neuer Technik, was andere dazu zwingt, gleichfalls aufzurüsten.
Viel spannender als die schon heute im Feldversuch eingesetzten Techniken ist für mich die Frage nach dem Stellenwert der künstlichen Intelligenz in der Medizin. Sind Menschen und damit auch Ärzte algorithmisierbar? Nach den Schach- und Go-Weltmeistern könnten vielleicht in Zukunft auch Mitglieder der Zunft der Mediziner geschlagen werden. Bemerkenswert ist, dass z. B. die auf Gesundheits- und Biotechnologie spezialisierte chinesische Fondsgesellschaft Deep Knowledge eine Software namens VITAL (Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences) als stimmberechtigtes Mitglied in ihren Vorstand aufgenommen hat. Das System soll Markttrends besser als entsprechende Analysten erkennen können.

Um noch einmal auf die Assistenzsysteme im Straßenverkehr zurückzukommen: auch hier ist der Trend zur (teilweisen) Autonomie der Fahrzeuge unverkennbar. Eine Vielzahl von Sensoren am Fahrzeug und Programme auf der Grundlage neuronaler Netze haben vermutlich das Potenzial, trotz aller noch zu lösender Fragen den Straßenverkehr sicherer zu machen.

Droht also auch mancher ärztlichen Profession das Schicksal von Milchmann, Weber und Gaslaternenanzünder? Nun, wenn wir uns auf ökonomisch ausgerichtete „Behandlungspfade“ reduzieren lassen (z. B. DRG-System), wenn wir rein abrechnungsgesteuert agieren, wird es eine Ärzte-App möglicherweise auch richten können.

Nutzen wir hingegen das uns eigene neuronale Netzwerk zwischen den Schultern, verbunden mit den über Tausende von Jahren evolutionserprobten biologischen Sensoren, sind wir so schnell nicht zu schlagen. Natürlich sind elektronische Assistenzsysteme nach adäquater Evaluierung hoch willkommen. Pure Modetrends sollten wir allerdings nicht bedienen.

Vielleicht ist es aber gerade die uns mögliche Empathie für den Patienten, so sie denn zur Anwendung kommt, die uns vor der künstlichen Intelligenz noch viele Jahre Vorsprung gewährt.

Dr. med. Thomas Langer