Thomas Dörrer
Thomas Dörrer

Konkurrenzdenken ist der falsche  Ansatz – und keine Lösung

Liebe Kollegen und Kolleginnen,

vor einiger Zeit veröffentlichte die KBV eine Statistik, wonach im Jahr 2020 bundesweit 7000 Hausärzte fehlen. Wir alle kennen die Zahlen aus Sachsen-Anhalt, über 800 vakante Hausarztstellen in den nächsten Jahren. Das ist eine erschreckende Zahl. Und dies in einer Zeit, wo immer höhere Spezialisierungen und immer komplexere und diffizilere diagnostische Mittel zur Verfügung stehen. Wer soll den Patienten durch dieses Dickicht der komplexen Medizin führen? Bitte fragen Sie sich, welcher Spezialist diese Aufgabe erfüllen soll? Oder soll der Patient dies in Eigenverantwortung selbst erledigen? Dies kann doch nur im Chaos enden, ganz zu schweigen von den explodierenden Kosten und den nicht abzusehenden gesundheitlichen Risiken für unsere Patienten. Nein, genau in dieser Zeit braucht es einen gut ausgebildeten Generalisten, der sich dazu noch mit den sozialmedizinischen und psychosomatischen Problemen dieser Gesellschaft und Zeit auskennt. Dies kann am besten ein Allgemeinmediziner und liebe Kollegen und Kolleginnen, Allgemeinmedizin ist kein Nebenfach eines anderen Faches! Ganz im Gegenteil! Dazu muss die Ausbildung schon im Studium beginnen!

Bedrückend für mich ist das Wissen, dass für diese Fehlentwicklung vor allem die Konkurrenz zwischen den Arztgruppen die Ursache ist. Schließlich steuern wir seit langem in Richtung Hausärztemangel und die ärztliche Selbstverwaltung ändert erst jetzt, nicht zuletzt auf Drängen des Gesetzgebers, ihren Kurs. Das ist beschämend! Ich frage mich, warum das so ist? In welcher Form bedroht denn eine gute Hausarztpräsenz die anderen Fachgruppen. Das Gegenteil ist doch der Fall. Der Großteil der Arzt-Patientenkontakte erfolgt doch wegen Bagatellerkrankungen. Möchte der Spezialist sich wirklich damit beschäftigen? Soll tatsächlich ein Patient mit einer Gastroenteritis beim Gastroenterologen oder gar in einer Notaufnahme versorgt werden? Meine lieben spezialisierten Kollegen, liebe Klinikärzte, das können Sie nicht wollen! Auf der anderen Seite stößt der Hausarzt natürlich an seine Grenzen. Jeder Spezialist stellt doch in seinem Fach, nicht zuletzt durch die immer höhere Spezialisierung ein Alleinstellungsmerkmal dar, welche wir in der Patientenversorgung brauchen und nicht missen dürfen. In meinen Augen stellt sich hier mitnichten eine Konkurrenzsituation dar.

Ganz im Gegenteil, die suffizienteste und auch kostengünstigste Patientenversorgung ist eine gute, breite Hausarztpräsenz in der Peripherie, mit Netzwerken und Kontakten zu den spezialisierten Gebietsärzten jeglicher Couleur. Und wenn beide an ihre Grenzen stoßen oder natürlich bei entsprechenden Indikationen benötigen wir gut ausgebildete Klinikärzte in den Krankenhäusern.

Meine Damen und Herren, liebe Kollegen, wir brauchen einander! Also lassen Sie uns bitte gemeinsam die Zukunft gestalten. Dies geht aber nur, wenn wir mit Vernunft und Objektivität, ohne persönliche Befindlichkeiten oder Polemik, auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Nennen Sie mich blauäugig oder naiv, aber ich glaube daran, dass das funktioniert.

Meine lieben Kollegen und Kolleginnen, ein sehr ereignisreiches Jahr liegt hinter uns. Das schönste steht uns aber erst jetzt bevor. Es ist an der Zeit, den Gang mal ein wenig raus zu nehmen. Richten Sie Ihre Konzentration auf die viel wichtigeren Dinge des Lebens, nämlich die Familie. Genießen Sie ein paar ruhige, besinnliche Tage im Kreise Ihrer Lieben und ohne den Alltagsstress. Erfreuen Sie sich an den strahlenden Augen Ihrer Kinder oder Enkel, wenn diese Ihre Geschenke auspacken. Entspannen Sie sich zusammen mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin am Weihnachtsbaum, auf dass wir alle wieder mit vollem Elan ins Jahr 2017 starten.

In diesem Sinne wünsche ich ein besinnliches und gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr. Ich freue mich auf ein Wiedersehen in 2017.

Ihr Thomas Dörrer