Dr. med. Thomas Langer

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens ist in aller Munde. Wer sich dagegen stellt, ist offenbar von gestern und hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ich persönlich war bis dato ein Fan der Digitalisierung nicht nur im Gesundheitswesen. Die Entwicklungen beispielsweise im Bereich der künstlichen Intelligenz in der Medizin faszinieren mich geradezu. Außerdem habe ich mir stets neue Prozessoren und Motherboards verschafft und halbwegs aktuelle Rechner selbst zusammengebastelt. Auch im medizinischen Bereich konnte ich im engeren Verwandten- und Bekanntenkreis mitunter Tipps und Tricks an den Mann bringen. Mit dem komplizierteren Server-Client-System der eigenen großen Praxis auf Basis von Microsoft Windows mit entprechenden Datenbankstrukturen war ich dann zeitlich und intellektuell doch überfordert. Für einen gelegentlichen Plausch mit dem System­administrator unserer betreuenden IT-Firma fand sich aber hin und wieder etwas Zeit. Er überraschte mich neulich mit einem eher depressiven Gesichtsausdruck und der Bemerkung, dass er nicht wisse, was er uns nach 2020 bzw. dem Auslaufen des Supports für Windows 7, unserem aktuellen System auf den Client-Rechnern, bzw. nach der Ablösung von der Windows-Server-Software-2012 empfehlen solle. Die Nachfolgeprodukte hätten doch einige Eigenheiten, die unserer gegenwärtigen Sicherheitsstruktur diametral entgegenstünden.

Wir haben aktuell ein Praxisnetz, welches im Normalbetrieb völlig vom Internet getrennt ist. Ein davon physisch getrenntes Netz erlaubt uns gegenwärtig parallel das Internet und medizinische Datenbanken zu nutzen und den Patienten einen WLAN-Zugang zu ermöglichen. Ein abgeschottetes Praxisnetz sei z. B. mit Windows 10 nicht mehr möglich, da dieses Betriebssystem nach einer gewissen Zeit ohne Internetkontakt seinen Dienst einstellen würde. Nachdem ich mich belesen hatte, wurde auch mir klar, dass u. a. nach Erkenntnissen der EFF (electronic frontier foundation) regelmäßig Teleme­triedaten über die Rechnerverwendung, Internetanfragen, WLAN-Schlüssel, User-IDs und Passwörter sowie aufgerufene Internetadressen in die Cloud übermittelt werden, wobei diese Geschwätzigkeit voreingestellt ist und man sie zumindest in den Endbenutzerversionen von Windows 10 nicht abstellen könne. Langsam schwante mir, warum viele Universitätsmitarbeiter mit dem Erscheinen der neuen Windows-Version auf den „angebissenen Apfel“ auswichen, wobei ich nicht weiß, ob hier nicht ein nach Schwefel riechender Akteur durch einen anderen Bewohner der Unterwelt ausgetauscht wird. Vor dem Hintergrund dieser unangenehmen Überlegungen kam dann noch die Erzählung meines oben genannten Systemmenschen hinzu, dass er Nebenwirkungen der Umstellung auf das neue Betriebssystem schon in der freien Wildbahn gesichtet hätte.

So wurde eine (nichtmedizinische) Firma mit über 50 Rechnern während eines Zwangs-Updates durch Windows 10 im laufenden Betrieb über mehrere Stunden nahezu lahmgelegt, was sicherlich durch eine entsprechende Administration mit Planung des Updates während der Abend- oder Nachtstunden hätte vermieden werden können. Allerdings werden in vielen Firmen die Rechner nach Dienstschluss aus Sparsamkeit natürlich ausgestellt. Schwerwiegender war aber bei dieser Firma, dass nach dem Update mehrere Drucker und andere Geräte nicht mehr funktionierten und entsprechende Fachleute kostenpflichtig einschreiten mussten. Durch diese Informationen sensibilisiert fiel mir dann eine Nachricht in die Hände, die doch ein gewisses Geschmäckle hat. Um den Einsatz von Windows 10 rechtskonform und sicher zu gestalten, würde die Bundesregierung für ihre Verwaltung den sogenannten Bundesclient entwickeln: „...Der ‚Bundesclient‘ ist ein Standard-IT-Arbeitsplatz, wie ihn das Bundeskabinett bereits im Mai 2015 ... beschlossen hat. Er wird ausschließlich für die Beschäftigten der Bundesverwaltung konzipiert und soll ab 2019 ersten Behörden zur Verfügung stehen.“
(https://www.heise.de/ix/meldung/Bund-will-Windows-10-ueber-Bundesclient-sicher-nutzen-koennen-3907088.html)

Da ensteht also offenbar aus unsicherer Standardsoftware ein brauchbares Produkt, welches nur bestimmte Kreise nutzen können. Wie steht es aber mit den Bedürfnissen beispielsweise von Ärzten, Steuerberatern und Rechtsanwälten? Man kann nur hoffen, dass die entsprechenden Standesvertreter sich zu Wort melden werden. Ein blauäugiges Schwärmen für „Industrie 4.0“ oder für die „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ ist m. E. nicht angebracht.

Thomas Langer
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