Dr. med. Jörg Böhme
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Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, liebe Leserinnen, liebe Leser,

nach dem Scheitern der Sondierungsgespräche zu einer Jamaikakoalition zwischen CDU, CSU, FDP und Grünen hat der Sonderparteitag der SPD in Bonn am 21.01.2018 nach kontroverser Diskussion über das Ergebnis der Sondierungsgespräche grünes Licht gegeben, die Verhandlungen mit der CDU und CSU für eine große Koalition aufzunehmen. Die SPD nimmt Kurs auf eine Fortsetzung der großen Koalition. Nur 362 von 642 Delegierten haben dem Eintritt in Koalitionsgespräche mit der CDU/CSU zugestimmt. Die Intention ist eindeutig. Wird nicht an dem Sondierungsergebnis nachgebessert, wird es wohl kaum eine Mehrheit für die große Koalition in der SPD-Basis geben. Nachgebessert werden soll in drei Bereichen. Sie betreffen das Arbeitsrecht, die Flüchtlingspolitik und die Krankenversicherung.

Das Ziel ist der Abbau der Zweiklassenmedizin. Der Bürgerversicherung soll der Weg geebnet werden und damit die private Krankenversicherung in ihrer jetzigen Form abgeschafft werden. Schon heute bekommt jeder Patient die bestmögliche Therapie. Wir haben in Deutschland ein Gesundheitssystem, das mit seinen Leistungen und den Kosten in der Spitzengruppe in der ganzen Welt liegt. Das kann nur heißen, die scheinbar bessere Versorgung Privatversicherter soll fallen bzw. soll nur noch über eine private Zusatzversicherung möglich sein. Auch wenn es dies durch den unterschiedlichen Versichertenstatus tatsächlich gäbe, werden die Patienten niemals überall in Deutschland auf gleich hohem Niveau behandelt werden können.

In den großen Ballungsräumen sind pro Einwohner mehr Haus- bzw. niedergelassene Fachärzte, mehr hochspezialisierte ambulante und stationäre Einrichtungen zu finden. Die Wege für die Patienten z. B. aus der Altmark werden immer weiter. Oft spielt schon der Zeitverzug bis zum Beginn einer Behandlung eine entscheidende Rolle für die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit. Um die Zweiklassenmedizin, darunter verstehe ich die schlechtere Versorgung der Patienten in den ländlichen und strukturschwachen Gebieten, abzuschaffen, braucht es ganz andere Maßnahmen. Die Stärkung der wohnortnahen haus- und fachärztlichen Versorgung in der Fläche muss dabei im Vordergrund stehen. Nur mit guten und leistungsfähigen und leistungsbereiten Absolventen kann die flächendeckende hausärztliche Versorgung auf hohem Niveau fortgeführt werden. Nur durch eine entsprechende hausärztliche Versorgung werden die fachärztlichen Kollegen von Patienten mit Bagatellen entlastet und der Krampf um die Termine könnte sich entspannen. Die bisherigen Maßnahmen der Selbstverwaltung mehr Ärzte aufs Land zu bekommen, stoßen an ihre Grenzen und können nicht alleine durch diese gelöst werden. Zur Zeit sind deutschlandweit 2.613 Hausarztsitze nicht besetzt. Diese freien Sitze finden wir in erster Linie außerhalb der Ballungsräume. Bis 2030 könnten es 10.500 freie Hausarztsitze werden. Aber auch niedergelassene Fachärzte werden in der Fläche rar oder entscheiden sich für eine ausschließlich privatärztliche Tätigkeit. Wir brauchen jetzt und sofort die Landarztquote in allen universitären Einrichtungen um die Versorgung der Patienten auch bei uns in der Altmark auf diesem hohen Niveau fortführen zu können. Warum soll nicht die Verpflichtung zur Rückkehr aufs Land bei der Studienplatzvergabe Berücksichtigung finden. Mit der Entfernung des Studienortes vom Heimatort sinkt der Wunsch zur Rückkehr in die Heimat. Ob diese durch zusätzliche Studienplätze realisiert wird, hängt in erster Linie von der Politik ab. Für die Ausbildung von Absolventen für arztentlastende oder arztersetzende Tätigkeiten scheint es zukünftig ausreichend Studienplätze an den Fachhochschulen zu geben.

Mit der Einführung der Einheitsbürgerversicherung sehe ich den Weg auch für die Renteneinheitsversicherung geebnet. Was das für uns alle bedeutet, will ich hier nicht weiter ausführen...

Der 121. Deutsche Ärztetag vom 08. - 11.05.2018 in Erfurt wirft seine Schatten voraus. Eine neue Musterweiterbildungsordnung soll dort beschlossen werden. Die Vorbereitungen in den Weiterbildungsausschüssen der Landesärztekammern und der Bundesärztekammer laufen auf Hochtouren. Die Fachgesellschaften bemühen sich um Änderungen und Ergänzungen. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass wieder mehr Facharztbezeichnungen, Zusatzbezeichnungen ihren Weg in die Musterweiterbildungsordnung finden werden. Diese stellen natürlich die medizinische Versorgungsrealität noch besser als bisher dar. Ob es sich dabei um für die Versorgung der Patienten relevante Veränderungen bzw. Verbesserungen handelt oder nur um die bessere Darstellung und die Abgrenzung der Qualifikation zu den Kollegen handelt, sei dahingestellt. Die Kammerversammlung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt als höchstes Entscheidungsgremium der Ärztekammer wird nicht umhinkommen dies zu diskutieren. Hilfreich wäre es, wenn mehr Wert als bisher auf die Weiterbildung für die ambulante hausärztliche und fachärztliche Medizin gelegt wird.

Dr. med. Jörg Böhme