Dr. med. Gunther Gosch
Dr. med. Gunther Gosch
Foto: Archiv

Der Präsident der Bundesärztekammer hält das vor fast 15 Jahren ersonnene System der elektronischen Gesundheitskarte für völlig veraltet und fordert einen Neubeginn. Der Bundesgesundheitsminister hält die Karte – einzulesen ausschließlich an Kartenlesegeräten von Desktop-Rechnern in Praxen – für nicht mehr zeitgemäß und fordert alternative, zumindest jedoch ergänzende Zugangsmöglichkeiten. Die Bundeskanzlerin redet einer konsequenten Digitalisierung der Verwaltung auch im Gesundheitswesen das Wort und fordert, neue und weit über den bisherigen Leistungsumfang der eGK hinausgehende digitale Gesundheitslösungen mit einem geplanten zentralen Bürgerportal zu koordinieren. Die Delegierten des 121. Deutschen Ärztetages in Erfurt fordern per Entschließung den Stopp der Anbindung der Praxen an die längst überholte Telematikinfrastruktur (TI), die momentan kaum mehr als den Abgleich von Versichertendaten zu leisten in der Lage ist. Funktionen wie elektronische Patientenakte und Medikationsplan oder ein Notfalldatensatz sind nicht ansatzweise realisiert.

Die Vertreterversammlungen von KBV wie auch die der Landes-KVen warnen vor der Anschaffung von Konnektoren, solange nicht sicher funktionstüchtige Geräte mehr als eines Herstellers auf dem Markt breit zur Verfügung stehen. Zwar haben sich KBV und GKV-Spitzenverband inzwischen auf eine Verlängerung pauschaler Erstattungsregelungen geeinigt, trotzdem wird die gesetzlich vorgesehene komplette Gegenfinanzierung der TI-Anbindung illusorisch bleiben. Das Marktrisiko der Einführung veralteter Hard- und Software-Lösungen werden besonders niedergelassene Ärzte genauso zu tragen haben wie die Folgekosten offensichtlich nicht seltener Systemausfälle. Bei aller Notwendigkeit einer sinnvollen Vernetzung der Akteure des Gesundheitswesens untereinander und selbstredend mit Patienten verweisen eine Reihe von Fachverbänden auf gravierende Nachteile des geplanten Versichertenstammdaten-Managements bis hin zum Data Mining für Krankenkassen und Industrie. Ärzte, Datenschützer, Politiker, Patientenvertreter fordern, dass ausschließlich der Patient Herr über seine Daten ist und selbstbestimmt beispielsweise per Smartphone und nicht ausschließlich am Praxistresen über deren Gebrauch entscheidet.

Das Evaluationsgutachten der Universität Erlangen-Nürnberg bezweifelt nicht nur die Praxistauglichkeit der TI im Echtzeitmodus, sondern auch die Fähigkeit der Industrie, bis Ende 2018 eine zuverlässige Funktionalität des Systems zu gewährleisten und alle potenziellen Teilnehmer anzuschließen. Es bestehen erhebliche Zweifel, dass die externe Wartung der Konnektoren durch einen international agierenden Dienstleister den erheblich verschärften Datenschutzregelungen der EU-DSGVO gerecht wird. Und nicht zuletzt fehlt mit der unzureichenden Internet-Breitbandnetzabdeckung in Deutschland die netztechnische Voraussetzung für eine umfassend und störungsfrei funktionierende TI.

Selbst eine Reihe großer Krankenkassen fordert die Entrümpelung des geplanten Systems, patientendominierte Zugänge und entwickelt eigene Gesundheits-Apps auf Smartphone-Basis.

Dass solche Lösungen im Zeitalter des Cloudcomputings der geplanten TI längst den Rang ablaufen, zeigen nicht nur die zahllosen Apps der Silicon Valley-Startups und der Medienkonzerne, die längst entdeckt haben, dass unsere Daten der Goldstaub der Zukunft sind. Unsere Nachbarn in der Schweiz haben einen interaktiven und dynamischen elektronischen Impfpass entwickelt (www.meineimpfungen.ch), der smartphone-basiert und in der Cloud, durch den Patienten dominiert und durch den Arzt validiert, schon jetzt eine Reihe der Funktionen beherrscht, die für die TI nach jetziger Planung in den Sternen stehen. Wir in Deutschland suchen ihn noch, den Impfpass. Den aus Papier.

Tatsächlich spricht einiges für die Forderung von Bundesärzte­kammerpräsident Frank Ulrich Montgomery, den Reset-Knopf zu drücken und bei der dringend notwendigen Digitalisierung im Gesundheitswesen zeitgemäße, zukunftsorientierte und sichere Wege zu beschreiten. Bundesminister Spahn versprach, nach der parlamentarischen Sommerpause Details zumindest für alternative Datenzugriffe per Smartphone vorzustellen. Nehmen wir ihn beim Wort.

Dr. med. Gunther Gosch