Thomas Dörrer
Foto: Archiv

Schaut man sich die Statistiken zur Ärzteversorgung an, muss man feststellen, dass wir noch nie so viele Ärztinnen und Ärzte hatten wie im Moment. Und doch reden wir ständig vom Ärztemangel – in nahezu allen Bereichen. Wie geht das zusammen?

Die Gründe hierfür sind sehr vielschichtig. Zum einen sind es medizinische Gründe. Unsere Medizin wird zunehmend spezialisiert. Das führt dazu, dass natürlich mehr Man- und Womanpower erforderlich ist. Während es bis vor einigen Jahren zum Beispiel den Allgemeinchirurgen gab, der nahezu alles chirurgisch versorgt hat, gibt es jetzt Chirurgen für Bauch, Brust, Gefäße, Hand, Unfall usw. Aber ist das eine falsche oder schlechte Entwicklung? Ich meine nein. Mit immer speziellerem Wissen, Können und Techniken geht die ärztliche Spezialisierung nun mal einher. Und je spezialisierter die Medizin wird, umso wichtiger werden Generalisten, die den Überblick nicht verlieren und die Fäden zusammenhalten. Dies kann dem Patienten nicht überlassen werden. Hierzu bedarf es Objektivität, übrigens auch, wenn wir Ärzte zu Patienten werden. Auf der anderen Seite sehen wir eine Generation an jungen Medizinern und Medizinerinnen, bei denen die Bereitschaft, mehr als das übliche Maß an Zeit oder Energie in ihren Job zu investieren, sinkt. Wo Freizeit, Familienzeit und Ruhezeit einen wesentlich höheren Stellenwert besitzen, als das bei unseren Vorgängern der Fall war. Und ist das zu kritisieren? Ich meine auch hier nein. Dazu kommen dann noch gesetzliche Vorgaben des Arbeitnehmerschutzes, die selbstverständlich auch für angestellte Ärzte gelten, ambulant wie stationär.

Dies und sicher noch andere Aspekte führen dazu, dass die absolute Zahl der Ärzte zwar steigt, aber dass aus diesem Fakt noch lange keine suffiziente Aussage bezüglich der Versorgungsstruktur getroffen werden kann. Wie kommt es nun, dass wir über die Studierendenzahl diskutieren? Wenn man bedenkt, dass bundesweit seit 1991 knapp 10.000 Studienplätze abgeschafft wurden, ist diese Diskussion in meinen Augen schon sinnvoll. Diese Plätze wurden aber nicht primär aus Geldmangel oder Ähnlichem abgebaut. Nein, Anfang der 1990er wurde das Studium reformiert. In diesem Zuge kam es zur Einführung von Seminaren, also weg von der reinen Vorlesung. Die Seminargruppen wurden aber in der Studierendenanzahl beschränkt, was ja auch Sinn ergibt. Damit wurden aber nur noch so viel Studierende zugelassen, wie es erlaubt war, diese Seminare durchzuführen.
Eine Besonderheit in Sachsen-Anhalt kann man an der MLU Halle-Wittenberg finden – die Klasse Allgemeinmedizin. Das Projekt, in dem Studierende vom ersten Semester an in hausärztlichen Mentorenpraxen im ländlichen Bereich ausgebildet werden, hat immensen Zuspruch erfahren. So haben sich im WS 2017 42 Studierende für dieses Projekt beworben, das sind also knapp 20 Prozent der Erstsemestler. Das ist ein toller Erfolg, damit wird die Allgemeinmedizin als Grundversorger in unserem System an der Universität deutlich gestärkt. Dadurch wird sich die Absolventenzahl erhöhen, die sich zur Fachärztin oder zum Facharzt für Allgemeinmedizin weiterbilden lassen. Das ist auch nötig, besteht doch nach wie vor der größte Nachbesetzungsbedarf bei den Hausärzten.

Wenn jetzt aber die Studierendenzahl gleichbleibt und mehr Studierende Hausärzte werden, werden natürlich weniger Ärzte in andere Fachrichtungen gehen. Ist das eine gute Entwicklung? Nun, für die Grundversorgung ja – auf dem ersten Blick. Denn die Grundversorgung ist nur solange gut, solange die spezialisierte Versorgungsebene ambulant wie stationär gut existiert. Nun muss der Zugang zum Studium ja sowieso reformiert werden. Dann könnte man die Chance nutzen, mit dieser Reform die Qualität der Studierenden zu verändern. Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt hat die Landarztquote gefordert. Wie diese umgesetzt werden soll, wird geprüft. Hier soll der oder die Studierende gefördert werden, die sich verpflichten als Ärztin oder Arzt in ländlichen Regionen zu arbeiten, und zwar erstmal unabhängig der Fachrichtung, also nicht nur Allgemeinmediziner! Ländliche Regionen sind alle Regionen außer Halle, Magdeburg und vielleicht noch Dessau-Roßlau oder Wittenberg. Wir brauchen doch auch Kolleginnen und Kollegen jeglicher Fachrichtung in Wernigerode, Stendal oder Zeitz. Wir könnten also alle von dieser Landarztquote profitieren. Würde nun aber einzig die Einführung dieser von uns geforderten Quote das Problem Ärztemangel lösen? Heißt dann Landarztquote innerhalb der im Moment bestehenden Studienplätze oder zusätzlich zu diesen? Würde man mit einer Erhöhung der Studierendenzahl mehr Ärztinnen und Ärzte in die Versorgung bringen? Braucht das Land also mehr Studierende? Fragen, die jeder von uns sich durch den Kopf gehen lassen sollte, denn der Ärztemangel betrifft uns alle. Und dann lassen Sie uns gemeinsam eine Strategie bilden und gemeinsam an einem Strang ziehen. Das wünsche ich mir.

Ihr Thomas Dörrer