Dr. med. Jörg Böhme
Dr. med. Jörg Böhme

Sachsen-Anhalt verzeichnet eine weitere Abnahme der Bevölkerung mit einer relativen und absoluten Zunahme älterer Bürgerinnen und Bürger. Gleichzeitig erhöht sich die Anzahl der freien Arztsitze in der ambulanten Medizin. Aber auch in den stationären Einrichtungen macht sich insbesondere im ländlichen Raum der ärztliche Fachkräftemangel bemerkbar. Die Anzahl der Medizinstudienplätze muss erhöht werden und es muss mehr Geld für die medizinische Versorgung der Patienten bereitgestellt werden. Die Politik wird versuchen, die entstehenden Versorgungslücken durch noch mehr Delegation und auch durch die Substitution ärztlicher Leistungen zu schließen. Dies zwingt uns, sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

Seit mehr als zehn Jahren können sich Angehörige medizinischer Berufe zur VERAH (Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis) fortbilden. Sie verfügen damit über die Kompetenz, Ärztinnen und Ärzte in der ambulanten Praxis durch die Übernahme delegierbarer medizinischer Leistungen bei der Begleitung und Unterstützung von Patienten und Angehörigen zu entlasten. Die Delegation ärztlicher Leistungen an die Versorgungsassisten ist ein Baustein zur Sicherstellung der wohnortnahen haus- und fachärztlichen Versorgung, solange es uns nicht gelingt, ausreichend Absolventen unserer medizinischen Fakultäten in Sachsen-Anhalt zu halten.

Mit dem Physician Assistant (Arztassistent) beginnt sich ein neuer akademischer medizinischer Beruf in der medizinischen Versorgung durchzusetzen. In einem Bachelorstudiengang erwirbt der Arztassistent die formalen Voraussetzungen, um delegierbare Tätigkeiten selbstständig auszuüben, die zuvor dem Arzt vorbehalten waren. Die Aufgabe des Arztassistenten sind vielfältig und sollen das ärztliche Personal entlasten.

Es laufen die ersten Gespräche, die Ausbildung zum Physician Assistant in Sachsen-Anhalt an einer Fachhochschule zu etablieren. Es soll ein Physician Assistant für den stationären und den ambulanten Bereich ausgebildet werden. Der Ersatz ärztlicher Arbeitsplätze durch Physician-Assistant-Stellen wird die wirtschaftliche Situation der Einrichtungen im Vergleich zu den Einrichtungen in der Peripherie ohne Physician Assistant weiter verbessern. Der Unterfinanzierung der stationären Einrichtungen wird durch den Ersatz ärztlicher Leistung begegnet.

Die Delegation scheint im Vergleich zur Substitution für uns als Berufsgruppe das kleinere Übel zu sein. Mit der Substitution würde eine neue Versorgungsebene mit neuen Schnittstellen entstehen. Wir haben schon jetzt genug Probleme, unsere Schnittstellen zu beherrschen. Mit der Möglichkeit der Substitution ärztlicher Leistungen werden die Entfernung auf dem Land und die Morbidität in der Fläche auch nicht kleiner. Eine Kostenersparnis ist eher unwahrscheinlich. Eine Substitution ärztlicher Leistungen außerhalb der Arztpraxen im ambulanten Bereich bedeutet immer auch eine Haftungsverlagerung. Wir sehen schon heute in den Pflegeheimen, dass auf Druck der Verwaltung, auch für die Dinge, die die Pflegekraft entsprechend ihrer Qualifikation selbst verantworten könnte, eine Rückversicherung durch die betreuenden Ärzte verlangt wird, um sich abzusichern. Eine neue Versorgungsebene im ambulanten Bereich wird nicht zu einer Arbeitsteilung führen, sondern den Arztpraxen noch mehr Patienten zur Abklärung von Banalitäten und Befindlichkeitsstörungen zuführen.

Wir alle sollten in Zukunft dafür sorgen, dass ausreichend Ärzte ausgebildet werden und auf dem Lande und auch in den entlegensten Ecken für eine wohnortnahe haus- und fachärztliche Versorgung zur Verfügung stehen. Die Patienten haben in einem hoch entwickelten Gesundheitswesen ein Anrecht auf eine flächendeckende medizinische Versorgung durch Ärztinnen und Ärzte. Die Delegation ärztlicher Leistungen ist im gewissen Umfang hilfreich. Eine Substitution ärztlicher Leistungen ist konsequent abzulehnen.

Dr. med. Jörg Böhme
Vorstandsmitglied der Ärztekammer Sachsen-Anhalt