Dr. Simone Heinemann-Meerz
Dr. Simone Heinemann-Meerz

In der Management-Literatur ist das ein bekannter Begriff.Sobald ein Phänomen einen Namen bekommen hat, wird es zum allgemeinen Gesprächsgegenstand, in diesem Falle das Wort mit C. Corona oder Covid-19 oder …
In der Regel werden auf diese Weise komplexe Phänomene zur scheinbar klaren Sache. Die bloße Benennung solcher Phänomene suggeriert ein Verständnis und eine Klarheit, welche so nicht gegeben sind und welche dann durch mediale Bearbeitung simplifizierend erzeugt werden.

So entbehrt die Festlegung eines „R“-Wertes jeglicher wissenschaftlichen Grundlage. Das kann und darf die Politik willkürlich festlegen. Sie darf das nur nicht unter einem wissenschaftlichen Deckmantel tun. Von „50“ war die Rede, dann kam die „35“ und dann … jetzt scheint die 100 der Favorit zu sein. Inzwischen sind wir bei 200 in Sachsen-Anhalt (zum Zeitpunkt vor dem Druck des Ärzteblattes). Kurz vor Druck wurde noch schnell das Wort „Brückenlockdown“ erfunden.

Es reicht! Ein ganzes Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie fällt den Verantwortlichen in unserer Industrienation nichts weiter ein, als „wir bleiben zu Hause“ und „wir müssen auf den R-Wert/Inzidenz schauen“.

Das ist – so meine ich – einfallslos und weder klug noch alternativlos. Alternativlos war gestern, es war das Unwort des Jahres 2010.

Wir müssen weg von der Fokussierung auf Inzidenzwerte, hin zu einem evidenzbasierten Ansatz, der weitere Faktoren, wie die Zahl der schweren Verläufe, die Altersstruktur und die Herkunft der Ansteckungen berücksichtigt. Sämtliche staatlichen Stellen sollen mehr Tempo und Flexibilität beim Impfen und Testen an den Tag legen.

Es regt sich allerorts Widerstand und in vielen Regionen wird auf eine kluge Teststrategie gesetzt. Nur so kann man den Schaden, der durch die Eindämmungsmaßnahmen entsteht, hoffentlich begrenzen. Inzwischen gibt es zahlreiche Fachgesellschaften, die das auch so sehen.
Man hätte aus der Flüchtlingskrise 2015 mehr lernen können: Krisenmanagement, die rasche Digitalisierung der erfassten Daten u. v. a. m.

Das Registrieren der Flüchtlinge erfolgte damals per Hand. Das Notieren ausländischer Namen war fehleranfällig. Das analoge Röntgen in den Aufnahmestellen mutete mittelalterlich an… Respekt vor den Kollegen vor Ort. Die antike Technik konnten auch sie nicht immer kompensieren.

Jetzt haben wir eine Pandemie von nationaler Tragweite. Und wieder werden Zettel ausgefüllt, die Bundeswehr hilft gerne. Die Gesundheitsämter melden per Fax ans RKI, was datenschutzrechtlich fragwürdig ist. Ich habe kein Verständnis für die Nichtnutzung digitaler Möglichkeiten. Es reicht auch nicht die digitale Technik nur zu nutzen, sondern diese muss vernetzt agieren: ein Impfregister muss angelegt werden u. v. a. m.
Oder wie sollen die Impfzentren mit den Hausärzten kommunizieren, wer wann womit geimpft ist und wann eine Zweitimpfung benötigt wird? Wird es wieder Chaos geben?

Die von der Politik ausgewählten Experten tragen immer das Gleiche vor. Wenn man aber ein immer wiederkehrendes Problem mit immer den gleichen Maßnahmen und abenteuerlichen Begründungen bekämpfen will, kann das nichts werden. Das ist Orientierung auf Stillstand. Es wurden Millionen ausgegeben für wenig Nutzen, z. B. die Corona-App.Alles muss zurück auf Start: Digitalisierungsoffensive, bundeseinheitliche Koordinierung und ein abgestimmtes transparentes Krisenmanagement.


Verantwortung übernehmen, statt Stubenarrest ertragen … dazu sind die meisten Bürger bereit.


Dr. Simone Heinemann-Meerz
Präsidentin der Ärztekammer Sachsen-Anhalt