Prof. Hermann-Josef Rothkötter
Prof. Hermann-Josef Rothkötter

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, liebe Leserinnen und Leser,

die konstituierende Kammerversammlung hat mich als Chefredakteur des Ärzteblattes Sachsen-Anhalt gewählt, für das entgegengebrachte Vertrauen möchte ich mich herzlich bedanken. Über lange Jahre hat Frau Dr. Heinemann-Meerz die Chef­redaktion übernommen – dafür gebührt ihr unser aller Dank. Das Redaktionsteam in der Ärztekammer, besonders Frau Fremmer und Herr Brehme als Pressesprecher, haben umsichtig die vielfältigen Aufgaben bei der Auswahl der fachlichen Beiträge sowie bei der Veröffentlichung der Informationen aus dem Kammerbereich übernommen, vielen Dank dafür. Eine wichtige Rolle spielt der Redaktionsbeirat, der bei den wissenschaftlichen Artikeln die Redaktion berät. Und – viele von uns lesen gerne die Buch-Rezensionen von Herrn Professor Erle.

Wir alle müssen gemeinsam eine Richtung entwickeln, wie unsere Zeitschrift mit ihren digitalen Ergänzungen unsere Anforderungen erfüllt. Das Ärzteblatt lebt von der Beteiligung der Lesenden – Ihre Anregungen und Ihre Beiträge sind herzlich willkommen. Die drängenden Fragen, die wir Ärztinnen und Ärzte und alle Mitarbeitenden im Gesundheitswesen und in der medizinischen Forschung und Lehre haben, finden sich in den Wahlprogrammen der Parteien kaum, daher hat eine kritische wie konstruktive Begleitung der Gesundheits- und Wissenschaftspolitik der Landesregierung ihren Platz im Ärzteblatt.

Wir befinden uns in einer ungewohnten und schwierigen Zeit, oft gefangen in der Trias Angst – Erfahrung – Wissen. Für sich genommen kennen wir diese Aspekte unseres Lebens an vielen Stellen. Als im Frühjahr 2020 zum ersten Mal in Europa einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung der Viruspandemie erforderlich und umgesetzt wurden, wussten wir alle aus den Nachrichten bereits um die Situation in China und anderen Ländern. Es traten auch bei uns große Ängste auf – vergleichbare Erfahrungen hatten wir „Jüngeren“, die den 2. Weltkrieg und den 13.08.1961 nicht erlebt haben, noch nicht gemacht.

Die Herausforderung kommt aus „unserem Fach“ – der Medizin. Pandemien hat es immer wieder gegeben, so die vielen Pestausbrüche im Mittelalter. Die Grundfakten der Spanischen Grippe 1917/1918 werden im Staatsexamen im Fach Mikrobiologie und Virologie abgefragt. Die lebensbedrohliche Polioepidemie in den 1950er Jahren betraf auch einige Regionen in Deutschland.

Aber all dies Wissen bekam im vergangenen Jahr einen neuen Kontext – die Bedrohung wurde hautnah. Die Ängste sind vielfältig und betreffen die Infektion an sich, die Sicherheit der Familien und Freunde sowie der Kolleginnen, Kollegen, Patientinnen, Patienten und Studierenden. Ungeahnt und beängstigend waren und sind die Fragen, die es in den Praxen, in den Kliniken und in Forschung und Lehre zu entscheiden gilt. Beratungen mittels Videokonferenzen waren nur ein sehr rudimentärer Ersatz für gewohnte persönliche Interaktion. Wir hatten keine Grundlagen und Erfahrungen für die Handlungskonzepte.

Selten wurde so deutlich, welche entscheidende Rolle die medizinische Forschung spielt. Die forschende Virologie wird schon seit Jahren in vielen Universitäten nicht mehr unterstützt. Es gibt viele Tendenzen, die Labormedizin, die Mikrobiologie, die Virologie und in Teilen ebenfalls die Immunologie nur noch als diagnostische dienstleistende Fächer zu erhalten. Entscheidende und sensationelle Beiträge zur Entwicklung der mRNA-Impfstoffe entstanden in der Industrie. Das zeigt auch die unzureichende Ausstattung der Forschung in der Universitätsmedizin.

Für die Zukunft müssen besonders zwei Richtungen verfolgt werden: Der Weg aus der Pandemie mittels umfassender Impfprogramme und die langfristige signifikante finanzielle Unterstützung der medizinischen Forschung in Praxen, Kliniken und Instituten durch die Gesundheits- und Wissenschaftspolitik der Länder und des Bundes.

Wenn wir Ärztinnen und Ärzte mit den anderen Gesundheitsberufen zusammenstehen, können wir diese fachlichen Herausforderungen meistern und die Forderungen an die Politik durchsetzen.

Herzliche Grüße
Hermann-Josef Rothkötter

Foto: Pressestelle Medizinische Fakultät Magdeburg