Thomas Dörrer
Thomas Dörrer

Unsere Medizin wird immer spezieller, spezialisierter und kleinteiliger. Was wir seit Jahren bei den Ärzt:innen beobachten, wird auch immer mehr bei den medizinischen Gesundheitsberufen klarer.

Völlig egal, ob man die Krankenhauspflege nimmt, die Wundversorgung, die Physiotherapie oder die Physician Assistants (siehe Pressemitteilung, S. 22). Im Prinzip werden alle Bereiche genauso spezieller und spezialisierter. Da ist es nur eine logische Konsequenz, ja eine Notwendigkeit, die Ausbildungen anzupassen. Auch die zunehmende wissenschaftliche Beobachtung der Gesundheitsberufe ist nur eine logische Folge. Sinnvoll ist sie allemal. Und wer soll das machen, wenn nicht die Gesundheitsberufe selbst? Eine Akademisierung ist Voraussetzung dazu! Und das, liebe Kolleg:innen, ist gut und stellt keine Konkurrenz zum Medizinstudium dar!

Aber wie soll das in der Praxis funktionieren? Kann man die akademische Ausbildung eines Gesundheitsberufes so aufbauen, dass die Absolvent:innen nach Abschluss dieser Ausbildung eigenverantwortlich und vollumfänglich selbstständig an Patient:innen arbeiten können, dürfen und vielleicht auch sollen? Die Kostenträger und Politik wittern hier natürlich ihre Chance, Kosten zu sparen. Dies ginge aber nur, wenn man ärztliche Versorgung substituiert. Ist das das Ziel?
Sind Patient:innen, wenn sie für jedes ihrer gesundheitlichen Probleme fachspezifisch betreut werden, ganzheitlich versorgt? Meine klare Einschätzung: Nein, sind sie nicht! Und diese Fachspezifizierung würde mit einer Substitution ärztlicher Leistungen noch kleinteiliger werden. Immer mehr Mitspieler:innen würden an Patient:innen arbeiten, immer mehr Köche in einer Küche sozusagen.

Wenn uns die Natur eines lehrt, dann doch, dass wir die Komplexität eines Organismus vielleicht gut verstehen, vielleicht auch gut einschätzen können. Zumindest denken wir das! Aber wenn dem so wäre, dürfte es ja keine unvorhersehbaren Verläufe mehr geben! Und die gibt es doch zahlreich. Also haben wir doch nach wie vor die Komplexität der Natur nicht vollständig erfasst. Das Beste, was uns so weit wie möglich diese Komplexität lehren kann, ist eine gute, möglichst vollumfänglich und tiefgründige Ausbildung in der Medizin: unser Medizinstudium.

Je spezieller die Medizin wird, umso wichtiger ist die ganzheitliche Betrachtung der Patient:innen. Das trifft für die ärztliche Versorgung zu, erst recht aber für die nicht-ärztliche. Natürlich können und sollen gut ausgebildete Gesundheitsberufe autark arbeiten, bestimmte Untersuchungen oder Therapien durchführen! Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, die Folgen der Therapie, generell die Folgen des Handelns an Patient:innen müssen aber in die ganzheitliche Betrachtung einfließen! Um das auch nur ansatzweise zu können, bedarf es aber auch einer ganzheitlichen Ausbildung. Und da gibt es nur eine: das Medizinstudium.

Spezialisierung ist gut und wichtig. Das Ganzheitliche dabei aber aus den Augen zu verlieren, ist gefährlich und wird am Ende mehr kosten als eine Substitution einsparen könnte. Deswegen kann ich nur zu einem Schluss kommen: Die Substitution ärztlicher Leistungen kann grundsätzlich nicht die Lösung sein, die Delegation kann jedoch zu einer Entlastung der Ärzt:innen und damit zu einer besseren Versorgung der Patient:innen führen. Und das sollte unser aller Ziel sein.

Ihr Thomas Dörrer
Vizepräsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Foto: Archiv