Dr. med. Gunther Gosch
Dr. med. Gunther Gosch

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

traditionell sind die letzten Wochen des Jahres eine Zeit der Rückbesinnung. Bitte gestatten Sie mir, in diesem Zusammenhang Ihr Augenmerk auf die Rolle von Kindern und Jugendlichen in der COVID-19-Pandemie zu lenken. Gerade in dieser Bevölkerungsgruppe der zukünftigen Erwachsenen werden uns politische, wirtschaftliche, psychologische und ganz besonders bildungs- und kulturpolitische – auch einem fehlerhaften Pandemiemanagement geschuldete – Folgen nicht nur medizinisch beschäftigen.

COVID-19 ist in der Regel bei Kindern und Jugendlichen keine schwere Erkrankung; die übergroße Mehrzahl der Infektionen besonders bei jüngeren Kindern verläuft asymptomatisch oder mit milden Symptomen; Todesfälle bei Kindern und Jugendlichen ohne Vorerkrankungen sind extrem selten. Über die Bedeutung von Long-COVID bei Kindern existieren aktuell – anders als politisch kolportiert – keine validen Daten. Trotzdem wurden und werden Kinder und deren Eltern entgegen ärztlichem Sachverstand nichtpharmakologischen Interventionsmaßnahmen unterzogen, deren krankheitsauslösende Bedeutung erheblich problematischer ist als die in dieser Altersgruppe klinisch wenig bedeutsame Infektion mit SARS-CoV-2.  Studien zufolge hat die Politik der Corona-Lockdowns weltweit zu einer erheblichen Zunahme physischer und psychischer Erkrankungen bei Kindern geführt. So haben Fälle von Depressionen, Angstzuständen, Einsamkeit und Selbstgefährdung deutlich zugenommen. Neben medizinisch fragwürdigen Lockdownmaßnahmen wie der Schließung von Kinderspielplätzen, Kindergruppen, Kitas und Schulen ist auch eine überzogene Rezeption der COVID-19-Relevanz für Kinder durch die Politik, die Medien und in den Social Medias mitverantwortlich.  Auch in Deutschland sind Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen deutlich weniger in Anspruch genommen worden als vor der Pandemie. Im Jahresvergleich 2021 zu 2020 ist in impfenden Praxen ein Rückgang der Häufigkeit von Schutzimpfungen über alle Altersgruppen von mehr als einem Drittel zu verzeichnen. Dringend notwendige Therapien in Inklusions-Einrichtungen, in ergo- und logotherapeutischen Praxen sowie Psychotherapien sind zum Teil komplett unterblieben. Dem aktuellen Kinder- und Jugendreport der DAK zufolge wurden im Vergleich 2020 zu 2019 etwa 60 % mehr Mädchen und Jungen wegen Adipositas und ca. 10 % mehr Kinder und Jugendliche wegen Essstörungen wie Bulimie und Anorexie stationär behandelt. Manifestationen schwerer Erkrankungen wie Leukämien und Diabetes mellitus bei Kindern wurden später erkannt als vor der Pandemie.

Auch für die Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen stehen inzwischen wirksame mRNA-Impfstoffe zur Verfügung, die es erlauben, besonders Risikopatienten vor potentiell schweren Verläufen von COVID-19 zu schützen. Die Nebenwirkungsrate ist, abgesehen von bislang wenig kompliziert verlaufenen Myokarditiden bei einigen wenigen Jungen und männlichen Jugendlichen, vergleichbar mit der von Erwachsenen. Die STIKO empfiehlt – anders übrigens als das vergleichbare Expertengremium JCVI in Großbritannien – die Impfung ab dem 12. Geburtstag,  beurteilt indes die Bedeutung der Impfung in dieser Altersgruppe als für den Verlauf einer vierten Pandemie-Welle kaum relevant. Nach der Notfallzulassung eines mRNA-Impfstoffes für Kinder zwischen 5 und 12 Jahren in den USA ist auch in Deutschland erneut inakzeptabler politischer Druck auf Kinder, Eltern und Ärzte zu spüren. Einer Einschätzung der DGPI (Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie) zufolge ist mit einer Impfempfehlung durch die EMA, das PEI und die STIKO für die jüngeren Kinder nicht vor 2022 zu rechnen.

Die nichtpharmakologischen Interventionen der vergangenen beiden Jahre haben besonders bei sehr jungen Kindern im Rahmen des erheblich reduzierten Kontaktes zu verschiedenen Krankheitserregern zu einem unzureichenden Priming des physiologisch unreifen Immunsystems  beigetragen. Die dadurch eingegangene immunologische Schuld macht sich bereits seit den Sommermonaten durch einen präsaisonalen und erheblichen Anstieg u. a. von RSV-Infektionen nicht nur bei Risikokindern bemerkbar. Klinische Relevanz und Hospitalisierungsinzidenz von RSV-Infektionen bei Kindern dürften die von COVID-19 aktuell weit übertreffen. Deutschlandweit stoßen kinder- und jugendmedizinische Praxen wie Kinderkliniken an die Grenzen ihrer Behandlungskapazitäten. Das wiederum muss die Aufmerksamkeit auf das Problem der existenzbedrohenden Unterfinanzierung von Kinderkliniken lenken. Es ist zu hoffen, dass der bevorstehende Politikwechsel nicht nur eine Rückbesinnung auf die umfassende Einbeziehung ärztlichen Sachverstandes mit sich bringt, sondern auch eine zukunftssichere Vergütungsstruktur in der stationären Kinder- und Jugendmedizin mit Ausgleich hoher Vorhaltekosten und Auslastungsschwankungen. Anderenfalls besteht besonders in Zeiten von Krankheitsausbrüchen die Gefahr, Kinder und Jugendliche in Krankenhäusern nicht mehr adäquat medizinisch versorgen zu können. Ich wünsche Ihnen und unseren Patienten gesegnete Weihnachten und ein besseres Jahr 2022,

Ihr Gunther Gosch
Mitglied des Vorstandes der Ärztekammer Sachsen-Anhalt