Prof. Uwe Ebmeyer
Prof. Uwe Ebmeyer

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die zurückliegenden zwei Jahre Pandemie haben in großer Deutlichkeit eine Reihe von Schwachstellen in unserem Gesundheitssystem sichtbar gemacht. Der Krieg in der Ukraine lässt einige dieser Probleme wie durch eine Lupe betrachtet noch deutlicher erkennbar werden.

Bevor ich auf einen Teil dieser „Webfehler“ im Gesundheitssystem eingehe, gestatten Sie mir zunächst an dieser Stelle unser aller Mitgefühl und Verbundenheit mit den Menschen in und aus der Ukraine zum Ausdruck zu bringen.

Ich bin mir sicher, im Namen aller Ärztinnen und Ärzte Sachsen-Anhalts fordern zu können: Господин Путин, немедленно прекратите эту войну! – Herr Putin, beenden Sie diesen Krieg sofort!

Gleichzeit möchte ich mich bei allen Kolleginnen und Kollegen bedanken, die bereits auf die eine oder andere Art Solidarität mit den Menschen in der Ukraine gezeigt haben. Einen Spendenaufruf finden Sie sowohl in dieser Ausgabe des Ärzteblattes wie auch auf unserer Internetseite.

War oder ist unser Gesundheitssystem ausreichend auf außergewöhnliche Lagen vorbereitetet? Die Antwort auf diese Frage fällt leider nicht positiv aus. Egal, ob es sich primär um ein infektiologisches, toxikologisches oder traumatologisches Problem handelt, im Ergebnis kommt stets heraus, dass wir deutliche Defizite konstatieren müssen. Schon die aus heutiger Sicht relativ einfach zu bewältigenden Influenza-Wellen haben gezeigt, dass es zur Problemlösung außergewöhnlicher Lagen mehr bedarf als eilig eingerichtete Fieberambulanzen oder Abrechnungsnummern.

Ähnlich stellt sich die Situation bei den Arzneimitteln dar. Immer häufiger gibt es Lieferengpässe bei Medikamenten. Der aktuelle Lieferengpass für Tamoxifen ist nur ein Beispiel unter vielen. Die negativen Auswirkungen für unsere Patientinnen und Patienten können bei einigen Präparaten nur durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker kompensiert werden; das funktioniert aber leider nicht in jedem Fall. Wo sind sie, die immer wieder versprochenen Reserven?

Ein weiterer Aspekt: Unsere Krankenhäuser sind gemäß § 14b KHG LSA – Alarm- und Einsatzplanung für Katastrophenfälle verpflichtet, sich planerisch auf Sonderlagen vorzubereiten. Doch woher kommen die finanziellen Mittel für diese Vorbereitung? In Berlin müssen Krankenhäuser auf Sonderlagen nicht nur vorbereitet sein, sondern regelmäßig durch Großübungen ihre Einsatzbereitschaft belegen. Der Berliner Senat stellt dafür Haushaltsmittel bereit. Wer finanziert hierzulande die Vorbereitung auf Sonderlagen, wo noch nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebene Krankenhausfinanzierung vollumfänglich realisiert werden kann? Es sind aber nicht nur die finanziellen Aspekte, die es neu zu bewerten gilt, es sind auch organisatorische. Die Dekompensation des Öffentlichen Gesundheitsdienstes haben wir in den zurückliegenden Monaten miterleben müssen; trotz aller Bemühungen um eine bestmögliche Organisation. Auch bei der Durchführung der vielen kleineren und größeren Hilfsaktionen für die Ukraine und für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, stellt sich ein ähnliches Problem dar. Wer koordiniert und organisiert, dass die Hilfe auch dort ankommt, wo sie benötigt wird? Selbst hier im eigenen Land. Das Covid-19-Kleeblatt hat die Notwendigkeit und die Wirksamkeit steuernder Strukturen in den zurückliegenden Monaten eindrucksvoll gezeigt. Aber auch das Kleeblatt-Konzept musste erst ad hoc neu geschaffen werden; warum eigentlich?

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Krieg in der Ukraine und die Maßnahmen, die daraufhin auch innerhalb der Bundesrepublik ergriffen wurden, zeigen uns, dass wir als Gesellschaft in der Lage sind, uns auch größten Herausforderungen entschlossen zu stellen. Der Erhalt und die Sicherung der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes ist ein grundgesetzlich verankertes Recht, das ohne ein Gesundheitssystem, welches auch auf außergewöhnliche Lagen vorbereitet ist, nicht gewährleistet werden kann. Die Bundesregierung hat umfangreiche zusätzliche Maßnahmen für die Landesverteidigung ergriffen. Ich appelliere an die Verantwortlichen in der Politik, zu realisieren, dass es auch für unser Gesundheitssystem eine neue Initiative zur Vorbereitung auf außergewöhnliche Lagen geben muss.

Ihr Prof. Dr. med. habil. Uwe Ebmeyer
Präsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Foto: Peter Gercke