Ein Kompromiss zwischen Anspruch und Möglichkeiten

Dr. med. Henning Böhme
Dr. med. Henning Böhme

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

das Wort Strukturreform ist ein ständiger Begleiter deutscher Krankenhausplanung. Da diese den Bundesländern obliegt, sehen wir kontinuierlich neue Gutachten und Reformvorschläge in den einzelnen Bundesländern.

Zuletzt haben NRW und auch Niedersachsen umfassende Strukturreformen angekündigt. Auch Sachsen-Anhalt steht diesbezüglich natürlich unter kontinuierlichem Veränderungsdruck in Bezug auf seine Krankenhauslandschaft.

War der letzte Krankenhausplan eine mutlose Fortschreibung bestehender Strukturen, unter Einarbeitung von wirtschaftlich resultierenden Standortverlusten, so soll in der aktuellen Legislaturperiode „mal wieder“ ein Gutachten zu effizienteren und besseren Strukturen der Krankenhauslandschaft in unserem Land führen.

Aber was sind eigentlich die Faktoren, die in solch einer Planung berücksichtigt werden sollten? Zu allererst natürlich der Anspruch der Patientinnen und Patienten an eine wohnortnahe und qualitativ hochwertige Versorgung. Die Kostenträger sehen Versorgungsqualität und Bezahlbarkeit als wichtigste Zielparameter künftiger Planungen. Das Land möchte einerseits die Hochschulmedizin als Leuchtturm der medizinischen Versorgung sichern aber andererseits die Sicherstellung einer sehr guten medizinischen Versorgung, auch in der Fläche unter Berücksichtigung von Trägervielfalt und begrenztem Investitionsvermögen oder -willen, gewährleisten.

Wie aber könnte eine solche Krankenhauslandschaft in unserem Land aussehen? Sicher ist, man wird nie allen Ansprüchen gerecht werden. Wir müssen den Realitäten ins Auge blicken, dass sowohl die finanziellen als auch die menschlichen (Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal, MFA etc.) Ressourcen gerade in unserem Land begrenzt sind.

Bewährt hat sich diesbezüglich eine Dreiteilung in Grund-, Schwerpunkt- und Maximalversorger. Aus meiner Sicht sollte jeder Grundversorger zumindest eine traumatologische, viszeralchirurgische und internistische Versorgung anbieten. Bei einem so dünn besiedelten Land wie Sachsen-Anhalt kommt es sicherlich eher auf die räumliche Erreichbarkeit (z. B. innerhalb von 30 Minuten) als auf die Anzahl der zu versorgenden Einwohnerinnen und Einwohner als Standortkriterium an. Die nächsthöhere Versorgungstufe stellen dann Schwerpunktversorger dar, die zusätzlich leistungsfähige Intensivstationen, Geburtshilfe und Pädiatrie sowie Kardiologie mit 24 h-Herzkatheter und Stroke-Units vorhalten sollten. Diese sollten in guter räumlicher Verteilung über das Land angeordnet werden. Die beiden Universitätskliniken als Maximalversorger sind gut im Land lokalisiert und sollten schon aus diesem Grund beide erhalten bleiben, wobei auch hier Schwerpunktbildungen in Bezug auf hoch spezialisierte Fachbereiche sinnvoll erscheinen.

Eminent für den Erfolg zukünftiger Strukturreformen ist, dass sie nicht mehr nur noch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und von Gesundheitsökonomen entwickelt werden dürfen sondern der ärztliche Sachverstand als Partner in diese Überlegungen einbezogen wird, damit langfristige Strukturlösungen die solide Grundlage für eine Planungssicherheit darstellen können. Reformen im Takt der Legislaturperioden stehen der nachhaltigen Entwicklung einer leistungsfähigen Krankenhauslandschaft entgegen. Im Ergebnis einer optimierten Krankenhausstruktur in unserem Land muss dann aber auch zwangsläufig eine verlässliche und auskömmliche Investitionsfinanzierung durch das Land stehen, damit sich die Krankenhäuser im sich weiter zuspitzenden „Kampf“ um hochspezialisierte Arbeitskräfte sowohl auf ärztlicher als auch auf pflegerischer Seite wettbewerbsfähig und attraktiv präsentieren können.

Die Ärztinnen und Ärzte Sachsen-Anhalts und insbesondere die Ärztekammer stehen dafür mit Sachverstand und Gestaltungswillen zur Verfügung.

Es grüßt sie herzlich

Ihr Henning Böhme
Mitglied des Vorstands der
Ärztekammer Sachsen-Anhalt