Dr. med. Petra Bubel
Dr. med. Petra Bubel

Nach wie vor bewältigen die Haus- und Fachärzte in Klinik und Praxis mit ihren Mitarbeitenden die Pandemie sowie die Krankenversorgung der aus der Ukraine geflüchteten Menschen. Vor dem Hintergrund des sich weiter verschärfenden Ärztemangels müssen die Strukturen unseres Gesundheitswesens „demografiefest“ und zukunftsfähig reformiert werden. Dabei kommt niemand mehr an den überalterten Sektorengrenzen vorbei.

Das hatte schon die Bundesregierung in der letzten Regierungsperiode erkannt und im Konzept der Bund-Länder-Arbeitsgruppe zielführende Reformansätze erkennen lassen. Aber erste gesetzliche Schritte sind nicht mehr erfolgt.

Im Koalitionsvertrag von SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP ist zu lesen: „Um die Ambulantisierung bislang unnötig stationär erbrachter Leistungen zu fördern, setzen wir zügig für geeignete Leistungen eine sektorengleiche Vergütung durch sogenannte Hybrid-DRG um.“ Näheres ist bisher aus dem Bundesgesundheitsministerium nicht bekannt, weder wie der Begriff Hybrid-DRG zu verstehen ist, noch was das Ministerium unter „zügig“ versteht. Genau in dieser Phase überholt eine andere Reform die Erwartungen.

Schon vor zwei Jahren hat sich der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) mit eigenen Überlegungen und mit einer einfachen Grundüberlegung in die Diskussion eingebracht: Der Patientin und dem Patienten ist es im Grunde egal, ob sie/er leistungsrechtlich ambulant oder stationär behandelt wird und es interessiert sie/ihn auch nicht, ob ihr/sein sie/ihn behandelnder Arzt bzw. behandelnde Ärztin in einem zugelassenen Krankenhaus oder in einer zur vertragsärztlichen Versorgung zugelassenen Praxis oder einem MVZ tätig ist. Hauptsache die ärztliche Qualifikation ist gegeben, die Versorgung erfolgt nach modernen evidenzbasierten Maßstäben und es liegt ein kompetentes Notfall- und Komplikationsmanagement vor. Das gilt für alle operativen Leistungen und insbesondere auch für alle konservativen und interventionellen Leistungen.

Entlang dieser Grundüberlegungen hat der SpiFa mit seinen Verbänden ein Konzept mit folgenden Gesichtspunkten diskutiert, welches im Sinne der Koalitionsvereinbarung für sich alleine steht, von Sektorengrenzen absieht, aber auch in die Überlegungen zu § 115b SGB V integrierbar ist und konsequent sowie notwendigerweise über die Grenzen des Kataloges hinausgeht. Das Konzept lebt von einem Wettbewerb mit gleichlangen Spießen zwischen Klinik und Praxis, ermöglicht eine lückenlose „Patient-Journey“ und die Innovationseinführung medizinischer Leistungen jenseits der veralteten Ideologie von „Erlaubnis- und Verbotsvorbehalt“.

Das Konzept des SpiFa zu intersektoralen Leistungen umfasst u. a. folgende Punkte: Medizin – und damit die Versorgung kranker Menschen – ist einem ständigen Wandel durch Fortschritt und Innovation unterlegen. Die vor mehr als 5 Dekaden gefundene starre Sektorengrenze zwischen ambulanter und stationärer Versorgung ist vor diesem Hintergrund nicht mehr zeitgemäß. Die gesetzlichen, strukturellen und bürokratischen Hürden werden beseitigt, wobei mit der Verschlankung des Vierten Abschnittes des 4. Kapitels des SGB V eine Verbesserung der Patientenversorgung einhergeht. Die Einhaltung der Struktur- und Qualitätsanforderungen vorausgesetzt, ist die Augenhöhe zwischen qualifizierten, niedergelassenen Fachärzten und Krankenhäusern gewahrt. Eine durch Versorgungsbedarfe charakterisierte, gemeinsame Planungssteuerung garantiert die Sicherstellung mit intersektoralen Leistungen.

Zudem soll die vor der „Corona-Krise“ im Fokus stehende Diskussion um eine verbesserte Versorgung im Notfall und um den Abbau medizinisch und wirtschaftlich nicht notwendiger stationärer Kapazitäten in Deutschland mit diesem Konzept wieder fortgeführt werden, ohne dass die wichtige Diskussion um eine auf Krisen jeder Art reaktionsfähige medizinische Versorgung negativ auf die vorstehende Strukturdiskussion einwirkt.

Bringen wir uns ein in die Diskussion für ein „demografiefestes“ und zukunftsfähiges Gesundheitswesen.

Mit besten Grüßen

Ihre Petra Bubel
Mitglied des Vorstands der Ärztekammer Sachsen-Anhalt

Foto: Peter Gercke