Was für Fernsehanstalten die Quote ist dem Ökonomen die Fallzahl.
Medicus – quo vadis?

Dr. Udo RebmannKrankenhäusern geht es schlecht – Unterfinanzierung ist die Diagnose. Das duale Finanzierungssystem funktioniert nicht mehr. Die Länder kommen ihrer Verpflichtung zur Refinanzierung von Investitionen der Krankenhäuser nicht mehr nach, obwohl darauf ein Rechtsanspruch besteht. Es besteht eine akute Unterdeckung, welche sich erheblich auf die Situation der Krankenhausmitarbeiter auswirkt!

Klar ist, dass in den vergangenen Jahren die Kosten für Energie, Wasser und Abwasser im Rahmen der Energiewende enorm gestiegen sind. Zusätzlich kam es zu einem Anstieg der Versicherungssummen der Krankenhäuser, die sich manche schon nicht mehr leisten wollen oder können. Hinzugekommen sind tarifmäßige Lohnsteigerungen für Ärzte und Pflegepersonal, die nur zum Teil durch die Kostenträger ausgeglichen wurden.
Die zu erwartenden Reaktionen der Krankenhausträger stellten sich rasch ein. Entweder durch Mengensteigerung mehr Leistung zu erlangen und damit die Einnahmen steigern oder Personalabbau um Kosten zu sparen. Aber wie schon im ambulanten Bereich führt das zu einer Hamsterradreaktion. Die letztendlich defizitäre Umsetzung des DRG-Systems für Krankenhäuser in Deutschland basiert darauf, dass die speziell dafür berufenen Kalkulationskrankenhäuser für das INEK (Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus) zur finanziellen Sicherung ihrer Situation sehr schnell personelle und operative Strukturierungsmaßnahmen z. B. Verweildauerverkürzungen durchsetzten. Das hatte die logische Folge – weniger Aufwand – weniger Geld und führte damit in den folgenden Jahren zu einer schlechteren finanziellen Bewertung der einzelnen DRGs. Durch diesen Systemfehler ist es zur Zeit in Deutschland nicht möglich die operative Behandlung einer Struma oder Galle kostendeckend abzubilden.

Sollten diese Operationen nicht mehr durchgeführt werden?
Ein weiterer fataler Anpassungsmechanismus der Krankenhausträger waren Personalkorrekturen. Entweder wurde qualifiziertes Personal nicht wieder ersetzt oder durch weniger qualifiziertes und damit billigeres Personal ausgetauscht. Veränderungen der strukturellen Abläufe im Krankenhaus reichen lange nicht aus, um diese Misere zu beheben. Die Qualität der medizinischen Versorgung wird in dieser Situation nicht besser. Weniger Personal hat nun mehr Patienten in der gleichen Zeit zu betreuen. Hingabe und Nachhaltigkeit der Betreuung und Pflege geraten in Zeitnot. Immer kürzere „Taktzeiten“ für jeden einzelnen Patienten erinnern an Industriebetriebe. Der Eindruck von Patienten, dass alle herumrennen, keiner Zeit hat, ein persönliches Gespräch oft fehlt, verfestigt sich zunehmend. Auch bei Ärzten induziert der höhere Patientendurchsatz pro Zeiteinheit Ängste, etwas zu übersehen oder Fehler zu machen.Die Aussage eines Kollegen stimmt nachdenklich. „In der Klinik ist es einfacher hart zu werden, als menschlich zu bleiben.“ Sind wir dafür angetreten?
Man hat manchmal das Gefühl, das Patienten Mitgefühl mit ihren behandelnden Ärzten und Pflegekräften im Krankenhaus haben. Ist das nicht eine verkehrte Welt?
In Abwandlung eines bekannten Buchtitels von Wolfgang Leonhard könnte man sagen: „Das Krankenhaus frisst seine eigenen Kräfte“.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich habe mir eine aktuelle Situationsbeschreibung im Krankenhaus erlaubt, die keine Schuldzuweisung an Geschäftsführungen oder Ärzte und Pflegende darstellen soll. Unser Gesundheitssystem bedingt diese von mir beschriebenen Situationen. Die große Frage ist, wie man aus dieser Situation herausfinden kann? Letztendlich geht es darum, das Diktat der Ökonomie zu verringern ohne es zu beseitigen, um ein leistungsfähiges Gesundheitswesen zu erhalten. Die Renovierung des DRG-Systems ist dazu eine dringend notwendige Voraussetzung. Auch wenn es politisch gewollt ist Krankenhausbetten zu schließen, stellt sich die Situation so dar, dass mittlerweile völlig unkontrolliert Krankenhäuser in die Insolvenz getrieben werden. Dabei spielt die Versorgungsrealität und -qualität keine Rolle, wie man an den beiden Universitätskliniken unseres Landes sehen kann.

Überkapazitäten, wenn sie überhaupt vorhanden sind, sind damit nicht zielgerichtet zu beseitigen. Es bedarf einer gesellschaftlichen Diskussion, mit der Fragestellung, was wollen und was können wir uns leisten in einer alternden Gesellschaft mit dem Anspruch hochmoderner Medizin für Jeden.
Politisches Klientel – Vorprellen von Kassenverbänden zur Schließung von Krankenhäusern sind wenig hilfreich. Systemkorrekturen sowie ein Zusammenspiel der entscheidenden Akteure müssen das Ziel sein – sind aber leider wenig wahrscheinlich.

Prof. Dr. Udo Rebmann