Dr. med. Lutz Lindemann-SperfeldÄrzte sind Menschen und Menschen unterlaufen Fehler, auch in der Medizin. Jeder Behandlungsfehler ist ein Fehler zu viel, denn hinter jedem Fehler steht auch ein Schicksal.
Wir kehren diese Fehler aber nicht unter den Tisch, sondern lernen aus ihnen und setzen uns dafür ein, dass den betroffenen Patienten schnellstmöglich geholfen wird.
Aus dem Grunde sind wir froh, dass sich in den vergangenen Jahren eine neue Fehlerkultur im Gesundheitswesen entwickelt hat.

Wenn früher ein junger Assistenzarzt einen Fehler machte, diesen offenbarte und der Chefarzt ihn nach alter Manier zusammenstauchte, hat dieser junge Arzt den nächsten Fehler verschwiegen. Das ist falsch. Heute wird offen über Fehler und Beinahe-Fehler diskutiert und daraus gelernt.
Umso trauriger ist es, dass die AOK mit ihrer Panikmache, in Deutschland stürben jährlich 5-mal soviel Menschen im Krankenhaus an Behandlungsfehlern wie im Straßenverkehr, diese Bemühungen um eine offene Fehlerkultur zunichte macht.
Die Daten, die die AOK zur Präsentation ihres Krankenhausreportes vorgestellt hat, sind reine Spekulation. Bei etwa
5 – 10 % der 18,8 Millionen Krankenhausbehandlungen findet ein unerwünschtes Ereignis, wie z. B. eine allergische Reaktion oder eine Entzündung einer Operationswunde statt. Demnach kommen Fehler mit einer Häufigkeit von 1 % aller Krankenhausfälle vor und tödliche Fehler mit einer Häufigkeit von rund 1 ‰. Ein Fall von 1000 bedeutet auf dem heutigen Versorgungsniveau rund 19.000 Todesfälle in deutschen Krankenhäusern pro Jahr auf der Basis von Fehlern.
Dabei beruft sich der AOK-Bundesverband auf Zahlen aus dem Jahr 2007.

Prof. Geraedts von der Uni Witten/Herdecke betont: „Wir gehen jedoch davon aus, dass diese Zahlen immer noch aktuell sind und es weiterhin Handlungsbedarf gibt.“ Diese Schätzung hat mit einer wissenschaftlich validierten Studie nichts zu tun. Diese Zahlen sind einfach unseriös.
Der wissenschaftliche Dienst der AOK begibt sich mit diesem Rundumschlag gegen Krankenhäuser auf ein glattes Parkett. Denn der Gegenvorwurf, dass die Krankenkassen den Einzug betriebswirtschaftlichen Denkens in den Klinikalltag zumindest mit zu verantworten haben, ist nicht unberechtigt. Fehler, das ist sattsam bekannt, häufen sich immer dann, wenn Menschen, wodurch auch immer, überfordert sind und der Versuch, Kliniken auf Profitabilität zu trimmen, legt den Grundstein für Überforderung: durch enge Zeitvorgaben, angelerntes Personal, den Rückgriff auf Subunternehmer. Die Arbeitsverdichtung betrifft sowohl den ärztlichen als auch den pflegerischen Bereich.

In deutschen Kliniken ist derzeit z.B. eine Pflegekraft für
10,3 Patienten zuständig. In den meisten EU-Ländern liegt der Schlüssel bei 4 – 6 Patienten, in Norwegen sind es 3,8.
Hier ist es erforderlich, dass die Krankenkassen auch die finanziellen Mittel für eine angemessene Personalausstattung und ein Qualitätsmanagement zur Verfügung stellen, anstatt den Sparzwang zu erhöhen und die Qualität anzuprangern.

Die Bundesregierung hat das Problem erkannt. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe kündigte an, er wolle dafür sorgen, dass  die Krankenkassen künftig den Kliniken mehr Geld für das Pflegepersonal zahlen werden. Er hat eingesehen, gute und fachkundige Behandlung ist nur möglich, wenn Pflegekräfte und Ärzte nicht dauerhaft überlastet sind. Denkbar sei, dass eine Klinik, die mehr Pflegekräfte pro Station beschäftigt, mehr Kassenzahlungen erhalten soll als eine mit knapper Personalausstattung.

Nie hatten wir höhere Sicherheitsstandards in den Kliniken. Jede medizinische Behandlung birgt aber Risiken, die auch unter optimalen Bedingungen zu unerwünschten Ereignissen führen können.

In den letzten Jahren wurden verschiedene Maßnahmen zur Patientensicherheit umgesetzt, unter anderem: Einführung von CIRS-Systemen (anonyme Meldung kritscher Vorfälle mit fachlicher Kommentierung, um künftig solche Fälle zu vermeiden), spezielle Besprechungen kritischer Fälle (sogenannte Mortalitäts- und Morbiditätkonferenzen), festgelegte Regeln für den Umgang mit sicherheitsrelevanten Situationen, Checklisten im OP, um Patienten und geplante OP zu verifizieren, Team-Timeouts unmittelbar vor Beginn einer Operation mit gemeinsamer Kontrolle von Patientenidentität, geplanter OP und zu operierender Seite sowie Zählkontrollen von Verbandmaterial und Instrumenten vor dem Wundverschluss, Teilnahme am Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System, Teilnahme an der Aktion „Saubere Hände“, elektronische Medikamentenkontrolle, um schädliche Medikamenteninteraktionen zu vermeiden. Das ist nur eine kurze Aufzählung der bereits etablierten Sicherheitssysteme, welche ständig ausgebaut werden.

Das alles zu ignorieren und mit Hinweis auf eine veraltete Studie plakativ von 19.000 Toten im Jahr zu sprechen, ist unverantwortlich. Dies schürt bei der Bevölkerung Ängste, verunsichert, zerstört Vertrauen.

Die Frage ist, was bezweckt die AOK mit dieser Hetzkampagne. Hinsichtlich der aktuellen Forderungen des neuen Bundesgesundheitsministers nach mehr Qualität im Gesundheitswesen ist jetzt ein denkbar günstiger Zeitpunkt für die Kasse, das Thema Patientensicherheit aufzugreifen und damit gleich zu Beginn der neuen Legislaturperiode die altbekannte Forderung nach einer stärkeren Spezialisierung der Kliniken und nach Selektivverträgen mit einzelnen Häusern zu erneuern.

Dient der Report als Grundlage für Problemlösungen, ist er eine gute Basis auf dem Weg zu mehr Patientensicherheit. Soll er nur vom Anteil der Krankenkassen an den Problemen ablenken, wäre er die Papierkosten nicht wert.

Nie war die Bereitschaft der Krankenhäuser größer, Qualität und Sicherheit weiter zu entwickeln. Allerdings dürfen Kliniken, wenn es um die Finanzierung des Mehraufwandes geht, nicht allein gelassen werden.

Die Patienten sind in deutschen Kliniken gut aufgehoben. Dafür arbeiten unsere Ärzte und Pflegekräfte im Land Tag und Nacht, auch am Wochenende. Unser Berufsstand hat es nicht verdient, pauschal diskriminiert und angeprangert zu werden.

Dr. med. Lutz Lindemann-Sperfeld
Vizepräsident der Ärztekammer Sachsen-Anhalt

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