Dr. Michael BüdkeBesorgten Kranken Ängste und Befürchtungen zu nehmen, gehört zu unseren ureigensten Aufgaben. Die Therapie wirkt besser, wenn nicht Angst dagegen arbeitet. Auch besorgte Gesunde kennen wir alle. Ärztlicher Rat kann hier wichtig sein, um eine Fixierung und krankhafte Entwicklung zu vermeiden.

Viele körperliche Reaktionen auf das, was man heute Stress nennt, gehörten Jahrtausende lang zum Leben dazu, ohne dass man ärztliche Hilfe suchen musste. Die Menschen erbleichten und erröteten, fielen in Ohnmacht, es wurde ihnen speiübel oder das Herz klopfte. Meist wusste man, woran es lag und was dagegen hilft. Eine Ruhepause, ein Gespräch, ein Tee, Zuwendung durch Mitmenschen. Auch ein fälliger Streit, eine Trennung, Geschrei. Noch vor wenigen Jahren wussten fast alle, wie man Befindlichkeitsstörungen und Bagatellerkrankungen mit medizinischen Hausmitteln kuriert. Das ist heute vielfach in die Sphäre der medizinischen Behandlung verlagert. Schnell soll es gehen, damit man den Anforderungen gewachsen bleibt. Die Ursachen der Beschwerden – natürlich sind es stets äußere – hat man schnell online gefunden: Viren, Bakterien, Zecken, vielgestaltige seltene Syndrome, Tumore usw. Selbstverständlich macht das besorgt. Das Symptom ist da und es könnte ja die schlimmstmögliche gegoogelte Ursache haben. Nun muss der Arzt ran.

Nicht nur dieser Wandel in der Informationsflut und ihrer Wahrnehmung durch Patienten stellt uns vor neue Herausforderungen. Es gibt auch eine Besorgtheits-Medienlandschaft. Die arbeitet ganz gezielt und eng verflochten mit der Werbewirtschaft. Und im Internet findet man nicht nur alles Wissen dieser Erde, sondern auch die Potenzierung aller Ängste und die gesamte (vorher unveröffentlichte) Dummheit, die schon Einstein für unendlich hielt (beim Universum war er sich da nicht sicher). Da ist die bewährte Stufendiagnostik nicht mehr gefragt. Ärztliche Erfahrung, verantwortungsvolles Wahrscheinlichkeitsdenken, Vorgehen nach einem im konkreten Fall sinnvollen Plan? Zügiges Herausfiltern von funktionellen Beschwerden und leichten Erkrankungen? Wenige Chancen dafür. Es gibt zwar Medien, die das aufklärend unterstützen. Zunehmend aber Angstmacher und Sensationshascher. Jährlicher !!!ZECKENALARM!!! verkauft sich besser als sachliche Information. Den Leser mit der Frage nach einem Kardio-MRT zum Hausarzt, oder besser gleich zum Kardiologen, zu treiben, macht mehr her als geduldige Aufklärung über Ernährungsweise und Lebensstil. Da könnte sich der Konsument ja abwenden.

Manchen von uns kommt der Besorgnistrend nicht ungelegen. An besorgt Gemachte lassen sich IGeL-Angebote besser verkaufen, die sie, gut informiert und ohne Ängste, vielleicht gar nicht haben wollten. Damit laufen wir in eine Falle. Die ärztliche Arbeitszeit wird beansprucht zur Ausräumung künstlich erzeugter Besorgnisse oder für Kommerz. Sie wird noch knapper für die Behandlung Kranker. Statt mir für multimorbide alte Patientinnen Zeit nehmen zu können, erkläre ich einem ängstlichen Menschen mögliche Nebenwirkungen eines frei verkäuflichen beworbenen Schrott-Produktes („Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“). Wir werden Meister der nicht medizinisch begründeten Ausschlussdiagnostik. Das kostet nicht nur Zeit.

Apropos Zeit: ein guter Artikel in der ZEIT 20/2014 ist zwar lesenswert, weil er fundiert über Hypochondrie und Somatisierungsstörungen berichtet. Aber er berührt nicht unsere Hauptprobleme im ärztlichen Alltag. Die sind, was unnötige Besorgnisse und ihre medizinischen Folgekosten betrifft, gesellschaftlich, auch juristisch, verursacht und durch Medien geschürt. Oder sehen Sie das anders?

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Dr. Michael Büdke