Dr. Simone Heinemann-Meerz ( SHM ) - PräsidentinLiebe Kolleginnen und Kollegen!

Ich wünsche Ihnen allen ein gutes und vor allen Dingen ein gesundes neues Jahr. Gehen Sie es mit Schwung und Optimismus an. Auch in diesem Jahr werden wir uns wieder mit vielen Dingen auseinandersetzen müssen: Angenehmes, Unangenehmes, Nerviges, Erstaunliches, Positives. Das ist nicht immer so einfach. Die Bundestagswahl wirft ihre Schatten voraus. Im Gesundheitssektor unserer Republik wird es auch in diesem Jahr wieder turbulent zugehen. Erste Wahlgeschenke - Praxisgebühr - sind schon erfolgt.

Ich möchte heute ein Thema ansprechen, welches in Zukunft zunehmend eine Rolle spielen wird: der Umgang mit anderen Kulturen. Wir alle betreuen Patienten, die aus anderen Kulturkreisen stammen. Und wir haben auch täglich in zunehmender Zahl mit Kollegen zu tun, die andere kulturelle Wurzeln haben. Eines der wichtigsten Kulturgüter spielt dabei eine große Rolle : die Sprache. Im Jahr 2011 lebten ca. 16 Millionen Migranten in Deutschland. Ein Fünftel der Bevölkerung weist einen Migrationshintergrund auf. In der Altersgruppe der unter 5-jährigen Kinder hat ein Drittel einen Migrationshintergrund. Diese Situation lässt sich nicht zurückdrängen, ob es gefällt oder nicht. Im Gegenteil. Die demographische Entwicklung im Land, die Zuwanderung, der Fachkräftemangel u.v.a.m.zwingen uns, eine Form von Kultursensibilität zu entwickeln, mit der wir alle leben können. Kultursensibilität ist das Vermögen in Denken, Verhalten, Wahrnehmen und Kommunizieren im Umgang mit Menschen anderer Kulturkreise, sich sensibel auf diese einstellen zu können. Dabei darf aber auch erwartet werden, dass dieses aufeinander Einstellen auf Gegenseitigkeit beruht. Die Akzeptanz anderer Lebensmuster setzt aber auch die Selbstreflexion der eigenen persönlichen kulturellen Prägung voraus. Das eigene Denken, Handeln, Fühlen und das persönliche Handlungsmuster im täglichen Leben muss sich jeder selbst bewusst machen und dessen Wurzeln kennen.

„Man soll die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Aber man soll auch dafür sorgen, dass die Dinge so kommen, wie man sie nehmen möchte.“ (Curt Goetz)

Wir müssen diese interkulturelle Begegnung auch als Chance begreifen. Die kommunikative Auseinandersetzung mit den sich hieraus ergebenden Themen ist unausweichlich.Ob ein Patient aus Glaubensgründen eine biologische Herzklappe aus Rinder- oder Schweineperikard erhält, ist für uns alle mit Sicherheit unproblematisch.Bei der Beschneidungsdebatte scheiden sich schon die Geister. Die Empfehlungen der Bundesärztekammer zu diesem Thema kann man sicher gut mittragen: umfassende Aufklärung der Eltern, Schmerzfreiheit und Einhaltung der Regeln der ärztlichen Kunst. Letzteres ist aber schon eine versteckte Unschärfe. Was ist ärztliche Kunst? Kann diese auch von Nichtärzten realisiert werden? Wenn Sie dieses Ärzteblatt in der Hand halten, wird das Gesetzt hierzu aller Wahrscheinlichkeit nach schon verabschiedet sein. Mehr Zeit für eine sachliche und vor allem prinzipielle Auseinandersetzung mit diesem Thema hätte ich mir gewünscht.

Wie verhalten wir uns als Ärzte, wenn ganz offensichtlich die Anerkennung der Frau und deren Gleichberechtigung nicht respektiert wird? Ich hatte in meiner Praxis schon einige solcher Erlebnisse, bei denen mir nicht ganz wohl war.
Die Säkularisierung ist von uns voll akzeptiert und wird schon fast intuitiv gelebt. Wie viele Ausnahmen hiervon darf der Staat machen? In welchem Umfang dürfen bestimmte Bevölkerungsgruppen hier Entgegenkommen erwarten?

Im Grundgesetz ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit verbürgt. Aber auch die Religionsfreiheit ist hier verankert.
Müssen wir in einer gesamtgesellschaftlichen Debatte einige Dinge neu oder zumindest schärfer definieren? Es herrscht in der Bevölkerung eine lebhafte Debatte über die interkulturelle Kompetenz von Ärzten mit Migrationshintergrund. Zurecht wird betont und eingefordert, dass die Beherrschung der Sprache als Schlüssel zur Integration und Verständigung eine herausragende Bedeutung hat.

In diesem Kulturdialog haben sich inzwischen viele Instanzen zu Wort gemeldet. Dieser Dialog muss inner- und außereuropäisch geführt werden. In erster Linie müssen jedoch unsere eigenen kuturellen Wurzeln, Werte und Ansprüche definiert werden, sonst wird uns der Blick über den Tellerrand nicht gelingen. Nur dann ist die Bestimmung von Toleranzgrenzen möglich.

Ich würde mich freuen, wenn ich den einen oder anderen Kollegen zu einem Leserbrief animiert habe.
Auf ein gutes neues Jahr mit Weitblick.

Dr. Simone Heinemann-Meerz ( SHM ) - Präsidentin