Dipl. Med. H. ThurowSehr geehrte Kolleginnen, sehr geehrte Kollegen,
das Thema individuelle Gesundheitsleistungen ist häufig in den verschiedensten Medien präsent und wird zunehmend kritisch betrachtet. In diesem Kontext wird dann auch schnell unser gesamter Berufsstand der Geschäftemacherei bezichtigt. Daher kommen wir nicht umhin, uns immer wieder mit diesem Thema auseinanderzusetzen, gehören doch bei den meisten von uns entsprechende Angebote zum Berufsalltag.

1998 von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eingeführt, nachdem der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung überarbeitet und Leistungen gestrichen wurden, werden IGeL-Leistungen seitdem von Medizintechnikherstellern, der Pharmaindustrie und von Abrechnungsberatern forciert an uns Ärzte herangetragen.

Ende der 90er Jahre waren sie absolutes Neuland für uns, aber zugleich willkommen, um sinkende Honorare durch Streichung erstattungsfähiger Leistungen wenigstens teilweise ausgleichen zu können. Zweifelsohne haben viele dieser Angebote ihre Berechtigung, so zum Beispiel reisemedizinische Beratungen und Reiseimpfungen, Tauglichkeitsuntersuchungen für Sport oder Beruf, medizinisch kosmetische Leistungen oder erweiterte Vorsorgeuntersuchungen; sie werden von den Patienten gewünscht und benötigt. Andererseits gibt es auch Angebote, die kritisch diskutiert werden müssen. Am wichtigsten scheint mir aber, dass man uneingeschränkt überzeugt ist von dem, was man als IGeL anbietet und sich selbst oder seine Angehörigen einer solchen diagnostischen oder therapeutischen Maßnahme unterziehen würde. Es sollte im Regelfall der Patient sein, der an uns herantritt mit seinem Wunsch nach entsprechenden Leistungen, oder es sollte sich dieser Wunsch aus dem Arzt – Patienten – Kontakt heraus ergeben.

Informationen über das Angebotsspektrum in der Praxis sind legitim, die Konfrontation der Patienten bereits beim Erstkontakt am Praxisempfang jedoch kontraproduktiv, trägt derartiges Vorgehen doch ganz sicher nicht zur Vertrauensbildung bei, sondern festigt vielmehr das schlechte Image der IGeL.

Eine ausführliche Beratung ist unerlässlich, alternative Möglichkeiten, Risiken und Grenzen von Selbstzahlerleistungen müssen erläutert und über die anfallenden Kosten muss aufgeklärt werden. Im Idealfall erhalten die Patienten Informationsmaterialien in Textform. Anschließend sollte den Patienten genügend Zeit für ihre Entscheidungsfindung eingeräumt werden, vielleicht benötigen sie weiterführende Informationen oder möchten sich mit Angehörigen beraten.
Dies ist der Grundstein für ein vertrauensvolles Arzt – Patienten – Verhältnis und ich bin sicher, auch für den therapeutischen Erfolg. Außerdem macht uns ein besonnener Umgang mit IGeL weniger angreifbar durch die Medien.

Wäre es nicht eine Errungenschaft, wenn wir als Ärzteschaft und Anbieter dieser Leistungen ein geeignetes Forum finden, objektiv über das Thema zu informieren und zu beraten?

Dipl. Med. H. Thurow
Geschäftsstelle Dessau