eine Generation von jungen Ärzten bringt die Medizin in Bewegung

Profilbild Prof. Dr. med. Udo Rebmann

Ärzte- und Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ist nun auch von ewig Ignoranten nicht mehr wegzudiskutieren. 38 % der vakanten Stellen lassen sich nicht oder nur noch schwer besetzen. Junge Leute für Kliniken oder Praxen anzuwerben ist schwierig.
Betrachtet man die 100 beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland, stehen große Autofirmen und börsenorientierte Unternehmen an der Spitze. Das ist zwar gut für das Ingenieur-Land Deutschland, aber schlecht für das Gesundheitswesen, das weit abgeschlagen genannt wird. Das, trotz des hohen Ansehens des Arztberufes in der Bevölkerung. Woran liegt das?

Die heutigen Berufseinsteiger sind nach 1985 geboren, das Berufseintrittsalter wird im Vergleich zur Vergangenheit durch gesellschaftliche Veränderungen (keine Wehrpflicht) immer geringer, die generelle Lebenserfahrung damit auch – die sogenannte Generation Y. Aufgewachsen ist diese Generation ohne große wirtschaftliche Sorgen und immer gut behütet im Zeitalter der globalen Vernetzung. Bösartige Zeitgenossen bezeichnen das als „gut gepampert“. I-Phone und App machen alles möglich – diese Generation ist technologieaffin – „Wissen gibt’s im Internet“. Durch Facebook und Twitter ist sie total vernetzt.
Ist dabei aber ihre soziale Interaktion ausreichend? Diese Generation ist gekennzeichnet durch eine hohe Flexibilität zeitlich wie örtlich. Wenn ihre Erwartungen an einen Arbeitsplatz nicht erfüllt werden, ziehen sie einfach weiter. Anreizsysteme von „früher“ funktionieren nicht mehr – Karriere muss nicht zwingend sein. Das Interesse an wissenschaftlichen Arbeiten nimmt ab, der Stellenwert von Promotion und Habilitation sinkt deutlich. Hierarchien werden abgelehnt, Kompetenz aber bevorzugt. „Von wem kann ich was lernen?“ Sie wollen eine „tolle“ Ausbildung, gutes Coaching, aber keine Bevormundung.
Für die Auswahl der Arbeitsstelle spielen ein gutes Arbeitsklima, eine strukturierte breite Ausbildung, soziale Einbindung, fachliche Führung und Freizeit eine entscheidende Rolle. Damit wird Karriere für Arzt und Pflegekraft neu definiert.
Eigene Erfahrung: Vorstellungsgespräch – 1 Tag – Hospitation – Abschlussgespräch: „Herr Professor, es war bei Ihnen gut, habe viel gesehen, nette Kollegen, guter Umgang miteinander – war toll. Ihre Klinik kommt für mich in die Auswahl meiner Ausbildungsstelle.“ So hat sich die Welt geändert!
Nach aktueller Umfrage wollen Ärzte eher angestellt arbeiten. Die Zeit der Gründer mit Risikobereitschaft scheint vorbei. Zunehmend wird Teilzeit zum Beschäftigungsstandard, vor allem bei weiblichen Kollegen. Daraus resultierend sind bereits Dienstplan, Ausbildung und Verfügbarkeit logistisch hoch aufwendige Themen. Strukturstarke Regionen, attraktive Städte, geregelte Arbeitszeiten und hoher Freizeitanteil bestimmen die Arbeitgeberwahl.
Was ist mit Engagement, Moral und Charisma dem ärztlichen Beruf gegenüber? Was ist zu tun, um diese Generation nicht zu verlieren? Grundsätzlich ist unsere Führungskultur den Gegebenheiten anzupassen. Während in der Industrie Mentorprogramme von Arbeitgeberseite angeboten werden, sind wir in der Medizin auf Führungsaufgaben nicht vorbereitet – „learning by doing“. Das muss sich ändern. Wir sollten Integrationsfigur im „Taubenschlag“ sein, vor allem um soziale Verantwortung und damit Teamkompetenz, die stellenweise erheblich ausbaufähig ist, zu stärken. Klare Ansprachen sind notwendig, müssen aber begründet werden. Ein individuelles Coaching ist dringend notwendig. Die Generation Y „will sofort alles machen“ kann aber noch nichts. Hands-on-Ausbildung steht im Vordergrund – weniger die Theorie. „Die steht ja im Internet“. Zusammengefasst „Selber lernen ist schwierig“.
Mit den vorgestellten Maßnahmen können Werbeträger für die eigene Klinik/Praxis im Wettbewerb um gutes Personal entstehen. Aber auch an Arbeitsplatz und Träger der Einrichtung werden zielgerichtete Erwartungen gestellt. Das betrifft sowohl die Vereinbarkeit von Beruf und Familie (Kita-Platz), aber auch die soziale Einbindung mit strukturierter Einarbeitung, regelmäßigem Feedback und „der Chef muss präsent sein“. Der Chef als unumschränkter „Herrscher“ über Privat- und Berufsleben als Gladiator seines Faches hat ausgedient. Träger sind aufgefordert, neben Verbundstrukturen in der Ausbildung und Führungskräfteentwicklung „Werte der Unternehmenskultur“ zu schaffen, denn Menschen machen den Unterschied.

Die ältere Generation kann den Gedanken an „immer weiter pampern“ nicht los werden. Aber zu jeder Zeit gesellschaftlicher Umbrüche gab es dieses Phänomen. Schon 470 – 399 v. Chr. schrieb der griechische Philosoph Sokrates: „Die Jugend liebt heute den Luxus, sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt mehr vor älteren Leuten und diskutiert, wo sie arbeiten sollte“. Betrachten wir es als unsere vornehmste Aufgabe, unsere jungen Kollegen situationsgerecht auszubilden und zu betreuen. „Ein Vorsprung hat, wer da anpackt, wo die anderen noch reden“. (J. F. Kennedy)

Prof. Dr. med. Udo Rebmann