Jörg Böhme

Liebe Kolleginnen,
Liebe Kollegen,

nun ist wieder ein neues Jahr angebrochen. Die Probleme, die wir im letzten Jahr bzw. in den letzten Jahren diskutierten, werden uns auch in diesem Jahr wieder beschäftigen. Ein Lösung ist nicht in Sicht.

Wir haben in der letzten Zeit viel über die Organspende, die Probleme mit dem Spenden und dem damit zusammenhängenden Mangel an Spenderorganen gesprochen. Haben aber keine Lösung gefunden. In vielen Bereichen der Gesellschaft heißt es, die Starken müssen die Schwachen unterstützen, ob in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf oder der Finanzierung unserer Gesellschaft. Gern bin ich, sind wir bereit, unseren Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten. Gern bin ich Teil dieser Solidargemeinschaft. Aber bei der Organspende vermisse ich die Solidarität der Anderen. Ich bin seit Jahren Organspender und hoffe, sollte ich einmal auf ein Spenderorgan angewiesen sein, dass ich bis zur Transplantation durchhalten werde. Die Frage, wer Schuld an diesem Problem hat, will ich nicht weiter erörtern. Seit der Mangel immer größer wird, reift in mir der Wunsch, mich nur noch mit denen, die auch bereit sind, Organspender zu sein, zu solidarisieren. Jeder kann sich mit dem 19. Lebensjahr (oder später, aber nicht mehr, wenn er auf ein Organ angewiesen ist) entscheiden, ob er im Falle eines Falles Organempfänger und damit auch Organspender wird. Wo ist das Problem? Jeder kann dies entsprechend seiner Überzeugung tun. Gern will ich auch weiterhin mit denen in einem Boot sitzen, die auch bereit sind, mir im Falle einer Erkrankung nicht nur mit Worten beizustehen. Gegen eine Widerspruchslösung wie in anderen Ländern bin ich, aber eine Entscheidung zu diesem Thema kann jedem Bürger (bei entsprechender Aufklärung) abverlangt werden. Wir können dieses Problem nicht noch weiter hinausschieben...

Diskutiert wird jetzt schon längere Zeit über die Sterbehilfe. „Geboren um zu leben“ und dann am Ende qualvoll sterben zu müssen. Dies kann es nicht sein. Passive Sterbehilfe ist in der Gesellschaft allgemein anerkannt und ist ausreichend in der Berufsordnung der Ärztekammer Sachsen-Anhalt geregelt. Anders ist dies bei der aktiven Sterbehilfe. Diese lehne auch ich ab. Über die Hilfe zum Suizid, die nicht durch unsere Berufsordnung sanktioniert wird, ist schon viel geschrieben worden. In der Pflicht zu sein, diese bei meinen Patienten (bin Hausarzt) machen zu müssen, habe ich ethisch moralische Probleme. Dem Patienten bei Erfüllung entsprechender Voraussetzungen die Medikamente zur Verfügung zu stellen, sollte ausschließlich in ärztlicher Hand liegen. Auch das aktive Handanlegen kann ich mir nicht vorstellen. Im Rahmen meiner mittlerweile über 20-jährigen ärztlichen Tätigkeit bin ich nie in diese Situation gekommen. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Frage nach dem Lebenssinn gestellt, die ich nicht für hilfreich halte. Der Sinn des Lebens wird von jedem Bürger anders gesehen. Da kann die Patientenverfügung hilfreich sein. Ein Leben ohne Bewusstsein kann ich mir für mich selbst nicht vorstellen. Aber wer soll die aktive Sterbehilfe durchführen? Der Intensivmediziner, gefangen zwischen den unendlichen Möglichkeiten der Hightech-Medizin oder der Hausarzt, wenn der Patient dann dort noch einmal ankommt. Wenn es um die aktive und passive Hilfe zum Suizid geht, sollte der Palliativmediziner der erste Ansprechpartner sein. Er hat die Sach- und Fachkunde um dem Patienten, dem vom Patienten Bevollmächtigten, den Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ein Suizid ohne jeglichen medizinischen Hintergrund im Sinne von fehlendem Lebenssinn und -inhalt soll es in Deutschland niemals geben. Aber insbesondere in diesen Fällen reden wir von einigen wenigen Patienten. Wenn dies trotzdem möglich sein soll, dann für alle Patienten, auch denen, die sich eine Reise ins Ausland nicht leisten können.

Es gibt viele Probleme. Aber die Lösung endlos zu diskutieren und nicht zum Ende zu kommen, widerspricht dem ärztlichen Handeln, dass wir in unserer täglichen Arbeit mit und an dem Patienten leisten.

Jörg Böhme

Foto: Jörg Böhme