Dr. med. Thomas Langer
Dr. med. Thomas Langer

Neulich sah ich einen kurzen Ausschnitt eines Dokumentarfilms, in dem zwei lachende einheimische Teenager ein Kamel peitschten, welches trotz zusammengebundener Vorderläufe verzweifelt versuchte, ihnen zu entkommen. Diese elegante Fesselungsmethode ist bei den Beduinen üblich, um die Tiere in der Nähe der Behausungen zu halten. Sie können dann in begrenztem Umfang Gras fressen und keine großen Sprünge machen. Dieses Bild kam mir als Parabel in den Sinn, als ich mich mit den aktuellen gesetzlichen Vorgaben zur Verbesserung des fachärztlichen Termin-Managements beschäftigte. Von Politikern und Medien wird die moralische Peitsche schon seit einiger Zeit geschwungen. Termin-Servicestellen bei den Kassenärztlichen Vereinigungen sollen nun die Spreu vom Weizen trennen und ambulante Patienten mit dringlichen Problemen an die Fachärztin und an den Facharzt bringen.
Meines Ermessens hat man die Analyse der Situation und der zugrunde liegenden Ursachen von Seiten der Politik offenbar nur oberflächlich vorgenommen. Die Lage von Patienten, die keinen adäquaten Termin bekommen, ist ohne Zweifel nicht hinnehmbar. Über die Ursachen und die „Therapie“ lässt sich allerdings trefflich streiten. So gibt es beispielsweise bezüglich der Terminknappheit und der verfügbaren Ressourcen für die Patientenversorgung ganz erhebliche regionale Unterschiede. In Sachsen-Anhalt bedingt u.a. die höhere Morbidität Behandlungszahlen in den Facharztpraxen, die 25 % über dem Bundesdurchschnitt liegen. Privatpatienten treten in unserem Lande quantitativ nicht nennenswert in Konkurrenz zu Kassenpatienten.

Es gibt meiner Meinung nach ein schlagendes Argument, welches die gesetzliche Problemlösungsstrategie ad absurdum führt. Für die Mitarbeiter eines solchen Callcenters sind medizinische, wenn nicht sogar ärztliche Kenntnisse essentiell. Zum einen ist zu erwarten, dass banale Fälle weitergereicht werden. Andererseits können trotz Einhaltung der deadline von vier Wochen Patienten doch dringlichere Hilfe benötigen. Haftungsrechtliche Probleme sind vorprogrammiert.
Von der Gesellschaft für Allgemeinmedizin wird die allgemeinmedizinische, steuernde Kompetenz der Hausärzte gefordert und gefördert. Die vorbildliche und geachtete Ausbildung von zukünftigen Allgemeinärzten, z. B. an der halleschen Universität, trägt diesem Ziel Rechnung. Eine Einordnung der Fälle in dringlich oder nicht sollte m. E. in aller Regel den Hausärztinnen und Hausärzten vorbehalten bleiben. Das Problem der Weitervermittlung dringlicher Fälle muss kommunikativ geregelt werden. Es gibt viele gut funktionierende Netzwerke, die den Erfordernissen der entsprechenden Patienten gerecht werden. Besonders hinzuweisen ist auf die niedergelassenen Rheumatologen der Region, die in einem quasi Dienstsystem die rheumatologische Frühdiagnostik realisieren. Insofern fühlen wir uns durch die öffentliche Termindiskussion zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Ein hausärztlicher Kollege, dessen Ausführungen ich stets gerne lese, hat online in den Kommentaren zum Deutschen Ärzteblatt geäußert, dass die KVen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung in der Erfüllung ihres Sicherstellungsauftrags vom Gesetzgeber, der Großen Koalition und selbst von der gesamten Opposition nur noch gegängelt und getrieben werden, und somit keine offensiven Strategien entwickeln können.

Eine offensive Strategie ist aber aktuell dringend erforderlich. Facharzt- und Hausarztvertreter sehe ich auch und besonders im Rahmen der Kassenärztlichen Vereinigung in der Pflicht. Dies ist zweifellos Chefsache. Ein erster intelligenter Schritt in diese Richtung ist eine aktuelle Vereinbarung zur Überweisungssteuerung zwischen KVSA und der AOK Sachsen-Anhalt und der IKK. Es bleibt zu hoffen, dass diese Initiative bundesweit abfärbt und die anderen Kassen sich in diese Richtung bewegen.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die jetzt für Termin-Servicestellen geplanten Mittel besser in die direkte Versorgung der Patienten investiert werden sollten. Solche Callcenter werden die Versorgung voraussichtlich nicht verbessern. Eine der Voraussetzungen für den Erfolg ist eine bessere innerärztliche Kommunikation. Das persönliche Telefonat ist zwar schön, aber hierüber erreicht man manchen vielbeschäftigten Facharzt nicht gut. Besser funktioniert eine kurze schriftliche Anfrage per Fax oder mittels modernerer Techniken. Dieses Zusammenspiel müsste von der Kassenärztlichen Vereinigung gefordert und gefördert werden. Eine Dokumentation der Bemühungen und eine wissenschaftliche Begleitung könnten aber auch belegen, dass der Bedarf größer ist, als er mit den gegenwärtigen Ressourcen befriedigt werden kann.
Abschließend möchte ich noch vom Fortgang der Geschichte des eingangs erwähnten Kamels berichten. Als es ihm zu bunt wurde, drehte es sich um und spuckte den Quälgeistern ins Gesicht.

Dr. med. Thomas Langer