Leipzig wurde am 21. und 22. März zum Mekka der ostdeutschen Psychotherapeuten. An diesen Tagen lud die in Leipzig ansässige Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer zum 2. Ostdeutschen Psychotherapeutentag (OPT) ein und nahezu 500 Teilnehmer folgten der Einladung. Mit der Themenauswahl der Plenumsvorträge, wie „Was wirkt bei wem in der Psychotherapie“ und der Podiumsdiskussion zu „Nebenwirkungen von Psychotherapie“, schaute der Kongress den Therapeuten in der Praxis über die Schulter. Das allem übergeordnete Thema lautete „Therapeutische Beziehungen“, deren Differenzierungen und Implikationen für die Praxis in zahlreichen Vorträgen, Workshops und Diskussionen von unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurden.

Logo Ostdeutsche PsychotherapeutenkammerEin besonderes Anliegen des Kongresses war es darüber hinaus, Brücken zu bauen zwischen der psychotherapeutischen Praxis und ihrer wissenschaftlichen Erforschung. Und so wurde das Thema „Therapeutische Beziehungen“ konsequenterweise auch vor allem unter dem Gesichtspunkt beleuchtet, welche Erkenntnisse die Forschung für die Praxis liefern kann, was die Praxis wiederum zu einer für alle Beteiligten relevanten Forschung beitragen kann und was insgesamt dazu beitragen kann, um die Beziehungen zwischen Praxis und Forschung zu verbessern.

Den Auftakt bildete das Grußwort der Präsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer Andrea Mrazek, die alle Referenten und Teilnehmer begrüßte und in ihrer Rede den Bogen der Veranstaltungen von der Erforschung psychotherapeutischer Maßnahmen bis zu deren konkreten Umsetzung in den ostdeutschen Praxen der zahlreichen anwesenden Kollegen spannte. Auch die sächsische Sozialministerin Christine Clauß begrüßte die Teilnehmer und stellte die besondere Wichtigkeit der Psychotherapie für die Gesellschaft heraus. „Ich werde mich dafür einsetzen, dass Patienten künftig eine schnellere therapeutische Behandlung in Anspruch nehmen können“, stellte sie zum OPT heraus. Die Teilnehmer des OPT sicherten damit die Gesundheit als wichtiges und schützenswertes Gut, in dem sie zur effektiven Heilung psychisch Kranker beitrugen. „Wenn die Seele weint, dann sieht man keine Tränen“ betonte sie. Anschließend sprachen zwei der weltweit bekanntesten und renommiertesten Psychotherapieforscher vor dem vollbesetzten Plenum. Professor John Norcross von der University of Scranton, Pennsylvania, teilte in einem äußerst lebendigen und prägnanten Überblicksvortrag seine aus mehr als 25 Jahren aktiven Forscherlebens entstandenen Erkenntnisse mit seinem Publikum. Der Vortrag „Die therapeutische Beziehung: was wirkt bei wem? Beiträge der Forschung für die Praxis“ beschäftigte sich zunächst mit den allgemein wirksamen Bestandteilen von Psychotherapie. Er präsentierte sehr verständlich eine breite und überzeugende empirische Evidenz für seine Hauptthese, dass der Erfolg einer Therapie zu großen Teilen von der therapeutischen Beziehung abhänge und nicht von spezifischen therapeutischen Methoden. Anschließend stellte er konkrete therapeutische Verhaltensweisen vor, um die therapeutische Beziehung optimal zu gestalten. Diese Verhaltensweisen erhöhen die Effektivität von Psychotherapie erwiesenermaßen. Zu ihnen gehören beispielsweise die Herstellung der therapeutischen Allianz, unterschiedliche empathische Verhaltensweisen und Feedback für die Patienten. Als besonderes Highlight hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, das Thema mit Norcross am Nachmittag in einem Workshop zu vertiefen und zahlreiche Anregungen aus dessen Forschung für ihre eigene therapeutische Praxis gemeinsam mit ihm zu erarbeiten. Die Teilnehmer konnten konkrete Strategien erarbeiten, um die Passung von Therapeuten und Patienten zu verbessern.

Im Anschluss hielt der nicht minder bekannte Professor Louis Castonguay den öffentlichen Vortrag „Forschung für die Praxis: Wie hilfreich ist Psychotherapieforschung?“ Er gab Hinweise, wie die eigene psychotherapeutische Praxis durch konkrete empirische Befunde verbessert werden kann. Dies kann geschehen, ohne dass dabei die eigene – oft jahrelang bewährte Praxis – tiefgreifend verändert werden muss. Professor Castonguay beschäftigt sich hauptsächlich mit affektiven Störungen, aber seine Erkenntnisse lassen sich auch auf alle anderen Störungsbilder übertragen, die von den niedergelassenen und angestellten Psychotherapeuten behandelt werden. Aber auch andere Störungsbilder standen im Fokus der verschiedenen Veranstaltungen. Der Leiter des Institutes Psychologische Psychotherapie in Bochum, Professor Rainer Sachse, trug dem Plenum sein umfassendes Konzept zur „Therapie bei Persönlichkeitsstörungen“ vor und arbeitete anhand von lebensnahen und amüsanten Beispielen die Besonderheiten im Umgang mit diesen Patienten heraus. Aktuelle Forschungsergebnisse einer großangelegten, schulenübergreifenden Studie wurden von Professor Bernhard Strauß aus psychodynamischer Sicht und Professor Jürgen Hoyer aus verhaltenstherapeutischer Sicht präsentiert. Ein aktuelles, jedoch wenig beachtetes Thema wurde auf dem Podium diskutiert. Die Teilnehmer tauschten sich zu „Nebenwirkungen von Psychotherapie“ aus. Die Nachmittage waren dann jeweils praktischen Workshops zu unterschiedlichen Themen gewidmet. So ging es zum Beispiel um Strategien zur Vermeidung von Burnout bei Psychotherapeuten. Auch Themen aus der Kinder- und Jugendpsychotherapie wurde viel Raum gegeben. Es gab praktische Hinweise zur Arbeit mit Bezugspersonen von und Gruppentherapie mit Kindern und Jugendlichen. Aus dem Bereich Psychoonkologie und Neuropsychologie wurden Workshops angeboten.

Den Abschluss des Kongresses bildete ein öffentlicher Vortrag zur Volkskrankheit Rückenschmerz. Der Mainzer Psychotherapeut und Schmerzspezialist Dr. Paul Nilges brachte das Thema sehr allgemeinverständlich in seinem Vortrag „Ich hab´s doch im Rücken und nicht im Kopf“ auf den Punkt und deckte Mythen und Fakten rund um Schmerzen und deren Behandlung auf. So widerlegte er die weitverbreitete Annahme, dass Männer allgemein mehr Schmerzen haben als Frauen und stellte sehr deutlich heraus, dass man chronischen Schmerzen anders beikommen müsse als durch eine rein medikamentöse Therapie. Das zahlreich erschienene Publikum stellte im Anschluss noch viele Fragen und konnte auch praktische Hinweise zum Umgang mit Schmerzen mit nach Hause nehmen.

Dr. Andrea Walter
Wissenschaftliche Referentin
Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer