Worauf Ärzte und Medizinstudenten bei der Nutzung sozialer Medien achten sollten

III.    Online Freundschaften und deren Grenzen

a. Das Arzt-Patient-Verhältnis
…wie viel Online-Freundschaft passt zum Arzt-Patient-Verhältnis?…

Fallbeispiel 3:

Sie bekommen als Arzt auf ihrem Privat-Account eines sozialen Netzwerks eine Freundschaftsanfrage – der Name kommt Ihnen irgendwie vertraut vor. Das Profilfoto des Anfragenden hilft Ihnen leider nicht weiter – es zeigt einen Hund. Sie nehmen die Anfrage an und müssen anschließend feststellen, dass es sich um einen Patienten handelt, den Sie kürzlich behandelt haben. Sie bekommen eine Nachricht des Patienten, dass er seinen nächsten Kliniktermin nicht einhalten kann und daher gerne die Ergebnisse der Biopsie, die Sie während seines stationären Aufenthalts durchgeführt haben, wissen möchte. Der Patient verbindet die Bitte mit einem Kommentar über ein Foto in Ihrem Profil, das Sie in Badehose am Strand zeigt.

Trotz aller persönlichen Bindung zwischen Arzt und Patient muss das Verhältnis zwischen beiden ein professionelles sein, das scharf von einer rein persönlichen Beziehung getrennt werden muss.

Wenn Ärzte ihren Patienten Zugang zu ihrem persönlichen Profil eines sozialen Netzwerks erlauben, bekommen Patienten Einblicke in das persönliche Leben der Ärzte, wie sie diese im üblichen Arzt-Patient-Verhältnis nicht bekommen würden. Hierdurch könnten leicht Grenzen überschritten werden, die das Arzt-Patient-Verhältnis nachteilig beeinflussen könnten. Die Schwelle für solche Grenzüberschreitungen ist in Online-Medien bei vielen Menschen sehr niedrig ausgeprägt, wodurch es neben der Beeinflussung des Arzt-Patient-Verhältnisses auch zu Verletzungen der Schweigepflicht und anderen (berufs-)rechtlichen Konsequenzen kommen kann.

Fallbeispiel 3 weist noch auf ein weiteres Problem bei Online-Freundschaften hin: Im Internet kann der Arzt nie sicher sein, mit wem er wirklich verbunden ist – die Authentizität des Patienten bleibt unklar (siehe auch Fallbeispiel 7). Hätte der Arzt in obigem Fallbeispiel tatsächlich den Biopsiebefund versendet, hätte er vertrauliche Daten preisgegeben und wäre das Risiko eingegangen, die ärztliche Schweigepflicht zu brechen.

Wenn ein Patient einen Arzt also um eine Freundschaft in einem sozialen Netzwerk ersucht, sollte dieser mit einer höflichen Nachricht mitteilen, dass er regelhaft keine Online-Freundschaften mit Patienten eingeht.

Eine andere Möglichkeit ist die Einrichtung einer rein professionell-beruflich genutzten Seite, auf der unter Beachtung der entsprechenden Hinweise (siehe z. B. http://www.laekb.de/10arzt/60Arztrecht/10Online_Recht/index.html oder https://www.aekn.de/assets/downloadcenter/files/Infos-fr-Klinik--Praxis/Checkliste2013.pdf) die praktischen Aspekte seiner ärztlichen Arbeit dargestellt werden. Für solche Seiten gilt es jedoch ebenfalls einige Besonderheiten zu beachten, die die ärztliche Profession mit sich bringt (z. B. Gefahr der Selbstoffenbarung von Patienten u. ä.). Diese Besonderheiten werden in den folgenden Fallbeispielen dargestellt.

Wenn Ärzte wenig Erfahrung mit sozialen Medien haben und dennoch in sozialen Medien präsent sein wollen, sollte die Hilfe von professionellen Dienstleistern mit den notwendigen Kenntnissen der speziellen ärztlichen Regelungen in Anspruch genommen werden. Fragen Sie bei Unklarheiten auch bei Ihrer Landesärztekammer nach!

b. Interkollegialer Austausch über soziale Netzwerke
….Netiquette als Bestandteil der ärztlichen Profession….

Fallbeispiel 4:

Ein Assistenzarzt wurde für sechs Wochen vom Dienst suspendiert, nachdem er seine Oberärztin in einem sozialen Netzwerk als „blöde alte Stasi-Schnepfe“ bezeichnet hatte. Ein anderer Kollege der beiden Ärzte hatte den Eintrag gesehen und informierte die Krankenhausleitung. Der Beschwerdeführer sah sich aufgrund der massiven verbalen Entgleisung des Kollegen zu diesem Schritt gezwungen. Der Assistenzarzt entschuldigte sich für den Kommentar und veranlasste die Löschung des Eintrags von der Seite.

Das Beispiel zeigt, dass Online-Beziehungen auch im beruflichen Umfeld problematisch sein können. Die Entscheidung zu einer solchen Äußerung wäre an anderer Stelle in der Öffentlichkeit wahrscheinlich sorgfältiger abgewogen worden. Das Beispiel zeigt aber auch, dass die Abwägung, ob Sie Arbeitskollegen (Arbeitgeber, Ärzte, Studenten, Pflegepersonal und andere Gesundheitsberufe sowie Hilfspersonal) Zugang zu Ihren persönlichen Informationen gewähren, ebenfalls sorgfältig getroffen werden sollte.

Viele Ärzte haben bereits die Entscheidung getroffen, sich mit Kollegen über soziale Medien auszutauschen. Diese Entscheidung muss in dem Bewusstsein erfolgen, dass eine unbekannte Anzahl von Personen sehen kann, was in den sozialen Netzwerken geäußert wird. Eine entsprechende Ausdrucksweise sollte dabei selbstverständlich sein – ebenso wie bei Äußerungen eines Arztes in anderen öffentlichen Räumen!

Wenn Sie in sozialen Netzwerken feststellen, dass sich in Postings von Kollegen in Wort-, Bild und sonstigen Beiträgen beleidigendes, diffamierendes oder ähnliches Verhalten zeigt, sollten Sie es als Bestandteil Ihres ärztlichen Verhaltenskodex begreifen, den Kollegen hierauf aufmerksam zu machen. In oben genanntem Beispiel wäre es vermutlich hilfreich gewesen, den Assistenzarzt diskret auf die Äußerung hinzuweisen. Durch eine SMS, eine E-Mail oder einen Anruf hätte so vermutlich Schaden von allen Beteiligten abgewendet werden können.

IV. Weitere berufsrechtliche Aspekte

…das sogenannte Fernbehandlungsverbot…

Fallbeispiel 5:

Eine Gruppe von Ärzten möchte Jugendlichen über Facebook anbieten, Fragen zu gesundheitlichen Themen zu beantworten. Die Ärzte möchten das soziale Netzwerk nutzen, um über ein modernes Kommunikationsmedium bei Jugendlichen Interesse für gesundheitliche Themen zu wecken.
Auf der Seite der Ärztegruppe werden nun viele Fragen von Jugendlichen gepostet – das Angebot wird gut angenommen. Da die Fragen der Jugendlichen teilweise sehr individuell sind, werden die Ärzte rasch mit der Frage konfrontiert, ob die Beantwortung der Fragen im Einzelfall gegen die Berufsordnung verstößt – nämlich gegen das sogenannte Fernbehandlungsverbot! Für die Ärzte stellt sich die Frage, ob es eine klare Trennlinie zwischen redaktionell allgemeinen Gesundheitsaussagen und einer unzulässigen Einzelfallberatung gibt.


Die (Muster-)Berufsordnung beinhaltet in § 7 Absatz 4 die folgende Regelung, die als Fernbehandlungsverbot bezeichnet wird:

Ärztinnen und Ärzte dürfen individuelle ärztliche Behandlung, insbesondere auch Beratung, nicht ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien durchführen. Auch bei telemedizinischen Verfahren ist zu gewährleisten, dass eine Ärztin oder ein Arzt die Patientin oder den Patienten unmittelbar behandelt.

Damit ist es Ärzten beispielsweise untersagt, therapeutische Empfehlungen unter den genannten Rahmenbedingungen abzugeben. Würde also beispielsweise ein Patient über ein soziales Netzwerk einen Arzt kontaktieren und dieser anhand der Anamnese und der Laborwerte einen Eisenmangel diagnostizieren und ein Eisenpräparat empfehlen, ohne das gewährleistet ist, dass ein Arzt den Patienten physisch präsent betreut, wäre dies eine unzulässige Fernbehandlung.

Abzugrenzen von einer solchen Einzelfallberatung oder -behandlung über Kommunikationsmedien ist die Beantwortung von allgemeinen Gesundheitsaussagen auf diesem Wege. Ärzte dürfen also allgemeine medizinische Fragen beantworten – beispielsweise „Was ist ein Karpaltunnelsyndrom?“ oder „Ist hoher Blutdruck schädlich?“.

Die Grenze zwischen einer Einzelfallberatung bzw. -behandlung und der Beantwortung von allgemeinen Gesundheitsfragen ist teilweise schwer zu definieren. Im Zweifelsfall sollte jedoch dem Ratsuchenden im Sinne der Patientensicherheit immer empfohlen werden, einen Arzt aufzusuchen.

…..berufswidrige Werbung über soziale Medien…

Fallbeispiel 6:

Ein Orthopäde mit sportmedizinischem Schwerpunkt postet auf seiner Facebook-Seite unter einem Foto, das ihn gemeinsam mit Usain Bolt zeigt:
„Wenn auch Sie den Bogenschützen machen wollen, vergessen Sie den Standard-Sportmediziner und kommen Sie zu mir!“

Der Einsatz sozialer Medien im ärztlichen Bereich ist auch im Hinblick auf die Kommerzialisierung des Arztberufs kritisch zu beleuchten. In der (Muster-)Berufsordnung (§ 27 Erlaubte Information und berufswidrige Werbung) wird Ärzten die sachliche berufsbezogene Information gestattet.
Eine anpreisende, irreführende oder vergleichende Werbung dagegen wird als berufswidrig untersagt. Zweck dieser Vorschriften ist die Gewährleistung des Patientenschutzes und die Vermeidung der bereits erwähnten Kommerzialisierung des Arztberufs, die dem Selbstverständnis der Ärzte zuwider läuft.
Doch wie ist diese Regelung in der (Muster-)Berufsordnung nun konkret zu verstehen? Die Rechtsprechung in diesem Bereich hat gezeigt, dass sich detaillierte Regelungen wegen der Vielzahl der Fallgestaltungen nicht bewährt haben. Die zentrale Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten (Zentrale Ethikkommission) bei der Bundesärztekammer hat hierzu 2010 Stellung genommen.

10 Regeln für Ärzte in sozialen Medien

•    Ärztliche Schweigepflicht beachten
•    Keine Kollegen diffamieren – Netiquette beachten
•    Berufliches und privates Profil voneinander trennen
•    Grenzen des Arzt-Patient-Verhältnisses nicht überschreiten
•    Fernbehandlungsverbot beachten
•    Keine berufswidrige Werbung über soziale Medien
•    Datenschutz und Datensicherheit beachten
•    Selbstoffenbarung von Patienten verhindern
•    Zurückhaltung bei produktbezogenen Aussagen
•    Haftpflichtversicherung checken

In der nächsten Ausgabe des Ärzteblattes Sachsen-Anhalt können Sie etwas zu Datenschutz und Datensicherheit sowie zu weiteren rechtlichen Aspekten lesen (letzter Teil der dreiteiligen Serie). Die nächste Ausgabe erscheint am
14. Juni 2014.

Eine komplette Übersicht aller 3 Teile erhalten Sie online unter: www.t1p.de/SozialeMedien. Teil 1 erschien im Ärzteblatt Sachsen-Anhalt, Heft 4/2014, S. 55 ff.