Logo Zahnärztekammer Sachsen-AnhaltIn den zurückliegenden Wochen ist in den Medien viel von frühkindlicher Karies die Rede gewesen. Die Frage stellt sich: Warum gerade jetzt – ist das etwas Neues?

Relativ neu ist der Begriff, der sich offenbar durchgesetzt hat, alternativ auch als Early Childhood Caries (ECC) verwendet wird und der das vielen gebräuchliche Wort „Nuckelflaschenkaries“ abzulösen scheint. Die frühkindliche Karies mit ihren extremen Erscheinungsbildern von kariös völlig zerstörten Milchzähnen schon im dritten und vierten Lebensjahr, von denen nur noch braune Reste übrig sind, wird seit Jahren bei einem Anteil von – regional unterschiedlich – 8 bis 15 Prozent der Kinder beobachtet, und dieser Anteil ist besorgniserregend stabil. Vielfach sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien betroffen, aber durchaus nicht nur: Quer durch alle Schichten gibt es Eltern, die es besonders gut machen wollen, aber einfach nicht ausreichend informiert sind und somit das Gegenteil ihres Wollens erreichen.

In Sachsen-Anhalt werden Daten zur frühkindlichen Karies seit einigen Jahren bei den Reihenuntersuchungen der Jugendzahnärzte aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst mit erhoben. In Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Verbraucherschutz sind sie seitdem Teil der Gesundheitsberichterstattung. Nach dem zu Beginn des Jahres 2014 veröffentlichten Update hatten im Schuljahr 2012/2013 11,3 Prozent der untersuchten Ein- bis Dreijährigen Zähne, die von frühkindlicher Karies betroffen waren. (In den Schuljahren 2009/2010 und 2010 und 2011 waren es sogar 12,6 Prozent.) Verlässliche Vergleichswerte zu anderen Bundesländern liegen nicht vor, da die ECC nicht überall systematisch erfasst und dokumentiert wird.

Die Situation hat die zahnmedizinische Wissenschaft und Standespolitik veranlasst, gemeinsam ein Konzept zur Zurückdrängung der ECC zu erarbeiten, dessen Kernpunkt die bessere Aufklärung der Eltern und die zeitigere Prävention durch Zahnkontrollen vom ersten Zähnchen an sind. Es ist kürzlich der Öffentlichkeit vorgelegt worden. Die folgenden Ausführungen basieren auf diesem Konzept bzw. zitieren es auszugsweise:

Definition und Klassifikation

Fachlich setzt sich zunehmend die Definition durch, nach der die frühkindliche Karies ein kariöser Defekt an einer Milchzahnfläche ist, der innerhalb der ersten drei Lebensjahre im Mund des kleinen Kindes auftritt.
Die Klassifikation der frühkindlichen Karies unterscheidet drei Typen nach Schweregrad:

ECC Typ I: milde bis moderate Form, tritt isoliert an Milchmolaren und/oder Schneidezähnen auf (häufig zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr)

ECC Typ II: moderate bis schwere Form, zeichnet sich durch Kariesläsionen an den Schneidezähnen des Oberkiefers bei kariesfreien Schneidezähnen des Unterkiefers aus. Altersabhängig können auch Milchbackenzähne betroffen sein. Die ersten Läsionen zeigen sich meist schon kurz nach Durchbruch der Milchzähne.

ECC Typ III: schwere Form, fast alle Milchzähne des kleinen Kindes sind betroffen, auch die unteren Schneidezähne. Diese Form tritt in der Regel zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr auf.

Ursachen und Folgen der frühkindlichen Karies

Die Gründe für das Entstehen der ECC sind mehrdimensional. Zu den Determinanten gehören Risikofaktoren aus dem Sozial- und Verhaltensbereich.
Eine wichtige Voraussetzung ist die Übertragung von oralpathogenen, kariogenen Keimen insbesondere von der Mutter auf das kleine Kind in den ersten Lebensmonaten im Rahmen sozialer Kontakte. Nach dieser „Infektion“ des Kindes mit kariogenen Keimen führt ein hochfrequentes Nahrungsangebot aus der Nuckelflasche, häufig angeboten als zucker- und teilweise säurehaltige Getränke, Säfte, Tees etc., oder als süße Zwischenmahlzeiten in Form von Schokolade, Kuchen, Keksen usw. zur Entwicklung einer frühkind-lichen Karies. Durch das permanente Flaschennuckeln, oftmals auch nachts zur „Selbstbedienung“ des Kleinkindes, werden die oberen Schneidezähne ständig von süßen Getränken umspült. Je häufiger diese kariogene Nahrung konsumiert wird, desto schneller entsteht die ECC und breitet sich aus.

Dieses Verhalten geht häufig auch mit einer inadäquaten Zahn- und Mundhygiene des Kleinkindes durch die Eltern einher. So wird kaum das Zähneputzen mit dem Durchbruch des ersten Milchzahnes durchgeführt. Gleichzeitig ist die Zufuhr von Fluoriden unregelmäßig oder unzureichend.

Alle vorliegenden Erkenntnisse weisen darauf hin, dass die Lebensphase zwischen 0 und 3 Jahren bis zum Durchbruch des voll entwickelten Milchzahngebisses prägend und von hoher Bedeutung für das weitere Kariesrisiko im Milch- und bleibenden Gebiss ist. Kinder mit frühkindlicher Karies entwickeln auch im Erwachsenengebiss signifikant mehr Karies.

Als Spätfolge der ECC wird ein negativer Einfluss auf die kindliche Entwicklung, auf die schulische Leistungsfähigkeit und auf das Sozialverhalten beschrieben. Auch die Infektanfälligkeit der Kinder ist erhöht. Normalgewichtige Kinder weisen gegenüber übergewichtigen Kindern signifikant weniger Kariesbefall auf.

Schließlich wird die ECC auch im Zusammenhang mit dem Thema Kindesvernachlässigung benannt. Medizinische Vernachlässigung liegt dann vor, wenn Eltern über den Krankheitszustand (der Zähne) ihres Kindes aufgeklärt und informiert wurden und dennoch einer angebotenen (zahnärztlichen) Behandlung nicht nachkommen. So ist eine schlechte Mundgesundheit von Kleinkindern ein wichtiger Prädik-tor zur Einschätzung der psychosozialen Entwicklung und zur Beurteilung von Interventionsstrategien.

Handlungsempfehlungen aus zahnmedizinischer Sicht

Aus dem Dargestellten ergibt sich bereits, dass Karies kein „Schicksal“ ist, sondern sich vermeiden lässt. Information und Anleitung zur Prophylaxe (Ernährung, Mundhygiene) sind ein zentraler Punkt dabei. Für Kinder, die älter als 30 Lebensmonate sind, ist die zahnärztliche präventive Betreuung bereits im Rahmen der zahnärztlichen Früherkennungs-Richtlinie sichergestellt. Da ein Teil der Kinder aber schon weit vor dem 30. Lebensmonat eine frühkindliche Karies entwickelt, muss die Betreuung viel früher, nämlich ab dem sechsten Lebensmonat, einsetzen. Der erste zahnärztliche Termin nach der Geburt sollte bereits beim Durchbruch der ersten Milchzähne stattfinden. Dass Eltern dies umsetzen, ist derzeit bundesweit noch die Ausnahme.
In das vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vorgegebene ärztliche Kinder-Untersuchungsheft (gelbes Heft) sollte dafür ein verbindlicher Hinweis auf eine zahnärztliche Früherkennungsuntersuchung (FU) ab dem 6. Lebensmonat aufgenommen werden. Analog zu den kinderärztlichen Früherkennungsuntersuchungen (U) werden zahnärztliche Untersuchungen (FU) zur Vermeidung der ECC an drei Terminen, beginnend zwischen dem 6. bis 9. Lebensmonat (FU1), empfohlen. Eine besonders intensive Betreuung sollte zwischen dem 12. und 30. Lebensmonat erfolgen, da in diesem Zeitraum die Etablierung von Ernährungs- und Mundhygienegewohnheiten sowie der individuellen oralen Flora stattfindet.
Welche Maßnahmen wird der Zahnarzt ergreifen?
Das Tätigkeitsspektrum der zahnärztlichen Betreuung der unter Dreijährigen umfasst vor allem gesundheitserzieherische, gesundheitsförderliche und präventive sowie in geringem Umfang kurative Maßnahmen.

Beispielhaft seien genannt:

  • Mundgesundheitscheck, insbesondere unter Beachtung der Entstehungsmechanismen von frühkind­licher Karies wie: deutliche Plaqueakkumulation, Gingivitis oder kariöse Initialläsionen; Aufklärung über Hygienemaßnahmen, Einübung der Zahnputztechnik durch Eltern
  • Ernährungsberatung der Eltern
  • Fluoridanamnese, allgemeine Fluoridempfehlungen und gegebenenfalls lokale Fluoridierung der initialen Kariesläsionen mit Lack
  • Sanierung bei Bedarf

Liegen bei einem Kind in dieser Altersgruppe initiale Kariesläsionen vor, ist neben der Keimzahlsenkung durch verringerten Konsum zuckerhaltiger Speisen und Getränke eine gezielte, lokal auf die Initialläsion begrenzte Applikation von Fluoridlack zur Remineralisation als Therapie angezeigt.

Der Bohrer ist also längst nicht mehr das einzige und auch nicht mehr das erste Mittel der Wahl gegen die Karies. Je früher erste Anzeichen kariöser Läsionen entdeckt werden, desto weniger invasiv kann die Therapie erfolgen. Und desto weniger traumatisch gestaltet sich der Zahnarztbesuch für das Kind.

Dr. Nicole Primas
Referentin für Präventive Zahnheilkunde
im Vorstand der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt