Prof. Sir Michael Marmot, neuer Präsident des Weltärztebundes
Prof. Sir Michael Marmot, neuer Präsident des Weltärztebundes

am 16. Oktober 2015 in Moskau, Russland

Im Mai 2011 hat sich Mary erhängt. […]
Sie war vierzehn Jahre alt. Sie gehörte der „First Nation“ an, den Ureinwohnern Kanadas. Ihre Geschichte hat, wie alle Suizide, ihre Besonderheiten. Sie wurde körperlich und emotional zu Hause und in ihrer Gemeinschaft missbraucht, möglicherweise sogar sexuell. […]

Beamte schrieben den Suizid einem dysfunktionalen Kinderfürsorgesystem zu und dem Umstand, dass niemand ihre Beschwerden über den Missbrauch ernst genommen oder auf diese reagiert hat.

Es gibt eine andere Art auf Marys tragisch verkürztes Leben zu blicken. Dies heißt zu realisieren, dass obwohl ihre persönliche Tragödie einzigartig war, es viele junge indigene Kanadier gibt, die ähnliche Tragödien erleiden mussten. In der Tat ist die Suizidrate in der (kanadischen Provinz) British Columbia unter den indigenen Jugendlichen fünf Mal höher als im Durchschnitt aller jungen Kanadier. […]

Der Ausgangspunkt ist Armut, bitterliche Armut, ein niedriger Bildungsgrad und eine hohe Arbeitslosigkeit. Allein rund 200 Gruppen von Ureinwohnern gibt es in British Columbia, die mehr oder weniger alle in Armut leben. Zugleich haben 90% der Suizide von Heranwachsenden in 12% der Gruppen stattgefunden. Warum einige und nicht andere? Der Unterschied liegt in der mit Verantwortung gestärkten Gemeinschaft. Befähigte Gemeinschaften beteiligten sich an den Forderungen nach Land, der Selbstverwaltung, hatten die Kontrolle über die Ausbildung, Polizei, Feuerwehr und Gesundheitseinrichtungen und den Aufbau von kulturellen Einrichtungen. Die Resultate waren eindeutig: je größer die kulturelle Kontinuität und die Kontrolle der Gemeinschaft über ihr Schicksal, desto niedriger war die Suizidrate unter Jugendlichen. Armut ist schlimm, aber Armut ist kein Schicksal. Die Bestärkung der Gemeinschaften mit Verantwortung kann Leben retten helfen. […]

2011 sind im Londoner Stadtteil Tottenham urbane Unruhen ausgebrochen. Der Auslöser war der Tod eines Schwarzen durch die Polizei. Aber, so unakzeptabel dies auch ist, es war nicht der eigentliche Grund. Die Ursache war Ungleichheit. Ich habe einmal die Gegend von Tottenham angeführt als die mit der schlechtesten Lebenserwartung für Männer in London – 18 Jahre weniger als in der reichsten Gegend. […] Es ist nicht überraschend, dass die Ausschreitungen in einer Gegend mit der schlechtesten Gesundheit ausgebrochen sind. Ein schlechter Gesundheitszustand führt nicht zu Gewalt, noch führen Unruhen zu Erkrankungen – zumindest nicht unmittelbar. Relativer Mangel führt zu beidem: urbanen Unruhen und Erkrankungen. Neunzig Prozent der jungen Menschen, die in den Ausschreitungen festgenommen wurden, waren nicht in einem Arbeitsverhältnis, einer Ausbildung oder Lehre.

Ähnliches ereignete sich in Baltimore in den Vereinigten Staaten. Als ein Schwarzer in Polizeigewahrsam umgekommen ist, brachen Unruhen aus. Nicht gleichmäßig in der gesamten Stadt, sondern in der Gegend mit Abbruchhäusern, geringem Bildungsgrad und Einkommen sowie zwanzig-jähriger Benachteiligung bei der Lebenserwartung im Vergleich zu wohlhabenden Gegenden. Ungleichheit belastet die Bindung in einer kohäsiven Gesellschaft. […] Die unmittelbare Auswirkung ist zivile Unruhe. Der langfristige Effekt ist die gesundheitliche Ungleichheit.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass die Art, wie wir unsere Belange auf kommunaler oder im Grunde auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene regeln, Angelegenheiten von Leben und Tod sind. Als Ärzte können wir nicht untätig dabeistehen, während unsere Patienten darunter leiden, wie unsere Gesellschaften organisiert sind. Die Ungleichheit sozialer und ökonomischer Bedingungen steht dabei im Zentrum.
Es gibt drei Aspekte bei Marys Tragödie, die es wert sind, betont zu werden. Der erste ist das grundlegende Problem der Gewalt gegen Mädchen und Frauen […]Zweitens habe ich bereits die Stärkung der Gemeinschaften hervorgehoben. Aber die Stärkung des Einzelnen ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Eine Schlüsselrolle bei der Befähigung von Frauen ist, global gesehen, Bildung. Es ist deutlich erwiesen: Je höher die Bildung von Frauen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, zur Betroffenen häuslicher Gewalt zu werden. Der dritte ist die Bedeutung von geistigen Erkrankungen: Geistige Erkrankungen und der Substanzmissbrauch bilden global die wichtigste Ursache für Beeinträchtigungen. […]
Es gibt ein klares soziales Gefälle bei der intellektuellen, sozialen und emotionalen Entwicklung: Je höher die soziale Stellung von Familien ist, desto besser entwickeln sich Kinder und desto bessere Werte erreichen sie bei allen Entwicklungsmaßnahmen. Diese Stratifikation der frühkindlichen Entwicklung […] entsteht durch die Ungleichheit der sozialen Umstände. […]

Der ideale Zeitpunkt, um Ungleichheit bei der Gesundheit anzugehen ist durch Gerechtigkeit von Beginn an. Aber eine Maßnahme in jedweder Phase des Lebenszyklus kann etwas bewegen. Die Linderung von Altersarmut, Zahlung eines Existenzminimums, Reduzierung des Brennstoffmangels, Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Verbesserung der Stadtteile und Einleitung von Schritten, die soziale Isolation von alten Menschen zu reduzieren, kann Leben retten. […]

Die Gesundheitsunterschiede zwischen arm und reich, so dramatisch sie sind, sind nur ein Teil des Problems. […] Es ist belegt, dass es ein soziales Gefälle bei der Gesundheit gibt, das vom oberen Teil der Gesellschaft zum unteren verläuft. […] Wir haben für England errechnet, dass es, falls jeder die gleiche Lebenserwartung wie die oberen 10%, bezogen auf die Bildung hätte, wir jährlich 202.000 Tote, d. h. über 500 am Tag, weniger hätten. Ein Problem ist Armut, ein anderes ist Ungleichheit. Beide schädigen die Gesundheit und führen zu einer ungerechten Verteilung von Gesundheit. […]
Jetzt stehe ich hier, demütig beim Antritt meines Amtes als Präsident des Weltärztebundes. Gibt es da nicht einen Widerspruch? Der Weltärztebund hält die höchsten ethischen Standards bei der Ausübung der ärztlichen Tätigkeit hoch. Er spricht furchtlos, wenn das Recht der Ärztinnen und Ärzte, ihrer ehrenwerten Berufung zu folgen, bedroht wird. Als Präsident möchte ich, dass der Weltärztebund die selbe moralische Klarheit nutzt, um aktiv gegen die Ursachen von Erkrankungen und, was ich die Ursachen der Ursachen nenne, soziale Gesundheitsdeterminanten vorzugehen. […]

Kolleginnen und Kollegen, wir können die Ursache der Ursache von gesundheitlicher Chancengleichheit verändern, als Teil der Ausübung ärztlicher Tätigkeit. […]
Da gibt es einen weiteren Weg, wie wir es anders machen können. Ich möchte nicht gehen ohne den großen deutschen Pathologen, Rudolf Virchow zu zitieren, der gesagt hat: „Ärzte sind die natürlichen Anwälte der Armen.“ Wir können, wir werden, wir sollen über die Ungleichheit der sozialen Verhältnisse sprechen, welche der Gesundheit der Bevölkerung, der wir dienen, schadet. Das bedeutet auch, dass wir jedwede soziale Entwicklung erkennen und ansprechen sollten, die sich auf die gesundheitliche Chancengleichheit auswirkt: Klimawandel, Handel, Finanzkrisen. […]

Gesundheit und gesundheitliche Chancengleichheit sind nicht nur an sich selbst erstrebenswert, sondern reflektieren vielmehr, was das Leben lohnenswert macht: Die Freiheit, ein Leben zu führen, bei dem wir Grund haben, es zu schätzen. […]
Als Ärztinnen und Ärzte blühen wir im besten Fall auf im Dienste der sozialen Gerechtigkeit. Es gibt sehr viel Ungleichheit in der Welt […]

Ich lade Sie ein: Stehen Sie auf mit mir – against the organisation of misery!“


Die Auszüge der Rede wurden von der Bundesärztekammer aus dem Englischen übersetzt. Den vollständigen englischen Originaltext finden Sie unter: www.wma.net