vom 08.10.2017 bis 12.10.2017

Der übliche Jahreskongress der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) fand in diesem Jahr deutlich früher und an anderen Wochentagen statt. In Zusammenarbeit mit der World Psychiatric Association (WPA), einem Zusammenschluss psychiatrischer Fachgesellschaften aus 118 Ländern, gelang es, 11.000 Teilnehmer in die Hauptstadt zu locken. Die deutsche Fachgesellschaft verfügt zurzeit über rund 9.000 Mitglieder. Durch die vielseitige Zusammenarbeit nationaler und internationaler Experten konnte ein breit aufgestelltes Programm angeboten werden.

Der WPA-Präsident, Prof. Dinesh Bhugra, London, wies bereits im Vorfeld auf der Bundespressekonferenz darauf hin, dass weltweit 300 Millionen Menschen an Depressionen leiden, 47 Millionen an einer Demenz erkrankt und 21 Millionen von Schizophrenie betroffen sind. Psychische Erkrankungen stellen heute eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen für die Gesellschaft dar.

50 % der Bevölkerung leiden im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Damit ist nicht nur ein großer Leidensdruck für die Betroffenen verbunden, die daraus resultierenden Kosten betragen allein in Europa 450 Milliarden Euro pro Jahr. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Hälfte der Weltbevölkerung psychiatrisch weiter schlecht versorgt. Es werden pro 200.000 Einwohner häufig nur ein Psychiater und weniger vorgehalten. Zur Eröffnung wies er auf den kleinen blauen Anstecker in Form eines Schmetterlinges hin – der Schmetterling symbolisiert in vielen Kulturen die Psyche. Er steht für Veränderung, Wiedergeburt und Auferstehung während seines Lebenszyklus. Die blauen Exemplare hätten eine besondere Bedeutung, diese stehen für Glück und Wunder. Die künftige Präsidentin, Frau Prof. Helen Herrman, Melbourne, berichtete über die Facetten mentaler Gesundheit sowie von Krankheit über die Lebensspanne in unterschiedlichen Populationen sowie Lebensbedingungen.

WPA-Präsident Prof. Dinesh Bhugra und DGPPN President Elect Prof. Andreas Heinz bei der feierlichen Kongresseröffnung. Der Weltkongress der Psychiatrie im Oktober 2017 lockte über 10.000 Teilnehmer aus 130 Nationen in die Messe Berlin (oben rechts).

Margret Osterfeld, Mitglied im Unterausschuss der Vereinten Nationen zur Prävention von Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe, berichtete, dass sich seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in Deutschland die rechtlichen Normen psychiatrischen Handelns gewandelt hätten. Doch von einer Umsetzung dieser menschenrechtlichen Vorgaben sind wir weit entfernt. Gerade die Partizipation am gesellschaftlichen Leben (Art. 9 UN-BRK) wird oft behindert, durch Heimeinweisungen und gesetzliche Betreuungen, die in den Psychiatrischen Kliniken initiiert werden.

Prof. Dr. Arno Deister, Präsident der DGPPN, verwies noch einmal aus deutscher Sicht darauf, dass hier über 17 Millionen Erwachsene jedes Jahr an einer psychischen Störung leiden, was etwa der Einwohnerzahl von Nordrhein-Westfalen entsprechen würde. Die dadurch verursachten direkten und indirekten Kosten würden sich auf etwa 100 Milliarden Euro/Jahr belaufen. Das psychiatrisch-psychotherapeutische Hilfe- und Versorgungssystem in Deutschland steht deshalb vor großen Herausforderungen – auf welche zukunftsfähige Antworten noch gefunden werden müssen. Das Engagement für psychische Gesundheit muss vorangetrieben und die damit im Zusammenhang stehende Forschung langfristig und strukturell gefördert werden.

Amtsübergabe bei der WPA: Prof. Dinesh Bhugra (r.) ist neuer Past President, Prof. Helen Herrman (Mitte) WPA-Präsidentin, Dr. Afzal Javed (l.) ist neuer President Elect

Das DGPPN-Vorstandsmitglied Prof. Andreas Meyer-Lindenberg verwies darauf, dass wir heute an der Schwelle zum Durchbruch stehen, um die Ursachen und Mechanismen psychischer Erkrankungen richtig verstehen zu können. Daraus können effektive Therapien entwickelt werden.

Aus der Sicht der DGPPN ist es unverständlich, dass die Psychiatrie und Psychotherapie in der gegenwärtigen Förderperiode nicht zu den Themenfeldern gehört, die über die deutschen Zentren für Gesundheitsforschung (DZG) unterstützt würden. Er wiederholt die Forderung an die künftige Bundesregierung, hier unbedingt eine Kurskorrektur vorzunehmen und ein deutsches Zentrum für psychische Erkrankungen (DZP) zu schaffen.

Herr PD Dr. Alkomiet Hasan fasste in Bezug auf die medikamentöse Therapie zusammen, dass es durchaus bereits Medikamente mit hoher Wirksamkeit bei psychiatrischen Erkrankungen gebe, jedoch seien diese häufig mit einer relevanten Nebenwirkung ver-bunden. Hier gelte es, neue pharmakologische Therapien zu entwickeln, die bekannte Prinzipien mit neuen Methoden kombinieren, um bei besserer Verträglichkeit die Versorgungssituation zu verbessern. Nicht immer müssen neue Pharmaka integriert werden, sondern auch lange bekannte Prinzipien aus der gesamten Medizin sollten neu erprobt werden (sogenanntes Drug repurposing). Auch wenn die diagnostischen Manuale den Eindruck erwecken, dass psychische Störungen homogen sind, gehört es heute zum psychiatrischen Allgemeinwissen, dass die klinische und auch die wissenschaftliche Realität eine andere ist. Gerade in der Psychiatrie haben wir es mit sehr heterogenen Patientenkollektiven zu tun, bei denen Genetik, Lebensgeschichte und Umweltfaktoren miteinander interagieren. Neue Medikamente müssen stets in einem psychosozialen Gesamtbehandlungsplan eingebettet werden, um die Lebensqualität und das subjektive Wohlbefinden des Patienten zu verbessern.

Für die deutschen Teilnehmer war der internationale Kontakt sehr förderlich, aber auch der reflektierende Blick auf unsere eigenen Verhältnisse, bei denen wir im Gesamtgesundheitssystem weltweit sehr geachtet und anerkannt stehen.

Der nächste Kongress wird wieder, wie zeitlich gewohnt, vom 28.11.2018 bis 01.12.2018 im CityCube Berlin, dann sicher mit absolut und relativ mehr aktiven Teilnehmern aus Sachsen-Anhalt, stattfinden.

CA a. D. Dr. med. W.-R. Krause
Blankenburg/Harz

Fotos: DGPPN/Claudia Burger

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