Rund 9000 Menschen fanden sich an 4 Kongresstagen im CityCube Berlin ein
Rund 9000 Menschen fanden sich an 4 Kongresstagen im CityCube Berlin ein

Dem Leitthema „Die Psychiatrie und Psychotherapie der Zukunft“ sahen nicht nur der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, sondern erneut um die 9.000 Teilnehmer mit großem Interesse entgegen.

In seinem Grußwort verwies er darauf, dass knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 79 Jahren im Verlaufe eines Jahres an einer psychischen Erkrankung leiden. Dabei zählen depressive Erkrankungen und Angststörung zu den häufigsten Formen. Dank unseres flächendeckenden Versorgungssystems mit seinen sehr gut ausgebildeten Ärztinnen und Ärzten sowie psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten haben sich die Diagnostik psychischer Leiden sowie die Versorgung der betroffenen Menschen in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich verbessert. Psychische Leiden werden heute als das angenommen, was sie sind: Krankheiten, die erfolgreich behandelt werden können. Doch trotz Ausweitung der Versorgungskapazitäten, z. B. im Bereich der ambulanten psychotherapeutischen Leistungserbringer, in den letzten Jahren aber zunehmend auch der Kapazitäten im stationären Bereich können wir noch besser werden. Noch zu oft kommt es zu Wartezeiten auf einen ambulanten oder stationären Behandlungsplatz. Dies insbesondere in strukturschwachen Regionen. Er verwies auf die Chancen der Digitalisierung und auf bereits eingeführte erfolgreiche computer- und internetgestützte Therapieprogramme.

Arno Deister bei der Eröffnung
Arno Deister bei der Eröffnung

Der zu dem Zeitpunkt noch amtierende Präsident Prof. Dr. Arno Deister, Itzehoe, verwies darauf, dass Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung und Wartezeiten auf Therapieplätze bei psychischen Erkrankungen ein bisher unerreichtes Ausmaß erreicht hätten. Hinzu käme, dass das zwar gut ausgestattete, aber auch hoch fragmentierte Versorgungssystem in Deutschland kaum noch zu überschauen sei. Deswegen sei es nötig, Schweregrad-gestufte regionale Versorgungsnetze mit verbindlichen Regeln zur Koordination der Hilfsangebote und Steuerung der Patientenwege zu installieren. Hierzu müsse der Gesetzgeber Anreize schaffen.

Erneut forderte er, dass das geplante „Deutsche Zentrum für psychische Gesundheit“ die Lücke in der Deutschen Forschungslandschaft schließen könnte. Dabei sollten verschiedene universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen unbedingt gleichberechtigt beteiligt werden. Die Qualität psychiatrischer Versorgung hängt maßgeblich von ausreichend Personal und Zeit für Patientenkontakte ab. Die Voraussetzungen dafür in Zukunft zu sichern, ist der gemeinsame Bundesausschluss aufgerufen, rechtzeitig eine verbindliche Mindestpersonalanforderung für psychiatrische Kliniken vorzulegen, ihre vollständige Refinanzierung muss ebenfalls gewährleistet werden.

In seinem Statement wies der Präsident Elect Prof. Dr. Dr. Andreas Heinz, Berlin, darauf hin, dass die Erforschung psychischer Störungen durch ihre hohe Komplexität in dem entsprechenden Forschungsvorhaben eine große Herausforderung darstelle. Es gelingt aber immer besser, die psychischen, neurobiologischen und sozialen Aspekte psychischer Erkrankungen zu verstehen. Neben exzellenten Einzelprojekten sind dazu weiterhin große nationale, aber auch internationale Forschungsverbünde notwendig. Drei zentrale exemplarisch genannte Forschungsbereiche erwähnte er:

  1. Forschung zur Entstehung psychischer Erkrankungen
  2. Forschung zur Relevanz des sozialen Umfeldes
  3. Forschung zu innovativen Versorgungsmodellen

 

Sabine Köhler und Andreas Heinz bei der Eröffnungspressekonferenz
Sabine Köhler und Andreas Heinz bei der Eröffnungspressekonferenz

Frau Dr. Sabine Köhler, Jena, als Mitglied im DGPPN-Vorstand hob die verbindliche Zusammenarbeit und Vernetzung der Leistungserbringer als Garant für eine verbesserte zukunftsfähige psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung hervor. Sie meinte, die Tätigkeit als Psychiater im vertragsärztlichen Bereich sei so attraktiv, weil hier eine intensive Begleitung von Menschen in deren Lebensumfeld und über die Lebenspanne möglich sei. Gerade die Patienten mit chronisch psychischen Erkrankungen sind auf eine Langzeitbegleitung angewiesen.

Herr Prof. Dr. Thomas Pollmächer, Ingolstadt, verwies darauf, dass mit seinem Urteil zu Zwangsmaßnahmen das Bundesverfassungsgericht im Juli 2018 der Vorstellung der DGPPN entsprochen habe: Freiheitsentziehende Maßnahmen unter Zwang dürfen demnach in öffentlichen Einrichtungen grundsätzlich nur mit einem Richtervorbehalt zum Einsatz kommen. Da Zwangsmaßnahmen und Fixierungen immer auch einen Eingriff in das Grundrecht auf die Freiheit einer Person darstellen, muss der oberste Grundsatz in der Versorgungspraxis sein, alle Möglichkeiten zur Vermeidung von Zwang auszuschöpfen. Eine gemeinsame Haltung aller psychiatrischen Professionellen und die Schaffung von Rahmenbedingungen, die eine zeitgemäße patientenorientierte und menschwürdige Behandlung erst ermöglichen, sind dafür essenziell. Eine entsprechende S3-Leitlinie zur „Verhinderung von Zwang“ stellt eine hervorragende Orientierungshilfe dar. Allen Empfehlungen liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Entscheidungen soweit möglich gemeinsam mit dem Patienten getroffen werden, d. h. alle Maßnahmen, die geeignet sind, das Vertrauen und die Zusammenarbeit zwischen psychisch erkrankten Menschen, Angehörigen und Professionellen zu verbessern, wirken generalpräventiv gegenüber aggressivem und gewalttätigem Verhalten.

Das dankenswerterweise auch noch als gedruckte Version mit 356 Seiten vorliegende Kongressprogramm deckte alle Interessengebiete der Teilnehmer ab. Es waren dieses Mal die Themen auch räumlich nahezu optimal zugeordnet. Gelegentlich hätte der/die Teilnehmer/in sich gern geteilt zeitlich, um parallel verlaufende Veranstaltungen besuchen zu können. Entsprechende zusammenfassende Informationen sind aber weiterhin noch abrufbar. Die gerade umfirmierte Deutsche Gesellschaft für ärztliche Entspannungsverfahren, Hypnose, Autogenes Training und Therapie (DGAEHAT) hatte so auch die Gelegenheit unter dem Vorsitz von Herrn Prof. Dr. Thomas Löw, Regensburg, und Dr. Wolf-Rainer Krause, Blankenburg, ein eigenes Symposium anzubieten.

Erneut blieb aber die aktive Teilnehmerschaft aus Sachsen-Anhalt leider unter den Möglichkeiten des Bundeslandes, in dem einmal der Begriff „Psychiatrie“ geprägt wurde. Bei den begleitenden Vorstandswahlen der DGPPN wurde kein Mitglied aus unserem Bundesland gewählt. Erwartungsgemäß wurde Prof. Andreas Heinz, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, zum Präsidenten gewählt. Seine auch international hervorragende Vernetzung hatte er bereits im Vorjahr beim Weltkongress bewiesen.

Der diesjährige Kongress wird vom 27. bis 30. November erneut im City-Cube Berlin unter dem Thema „Innovative Forschung für eine personenzentrierte Psychiatrie und Psychotherapie“ stattfinden.

Informationen zu diesem Kongress und zur Anmeldung finden Sie unter: www.dgppnkongress.de/

Dr. W.-R. Krause
CA a. D. Blankenburg/Harz

Fotos: DGPPN/Claudia Burger