Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde im City-Cube Berlin

DGPPN 2019Unter dem Leitthema „Innovative Forschung für eine personenzentrierte Psychiatrie und Psychotherapie“ fand vom 27.11. bis 30.11.2019 der größte europäische Kongress für Psychiatrie und Psychotherapie auf dem Berliner Messegelände statt.

Erneut zog es weit über 9.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Berlin. In über 650 Einzelveranstaltungen, darunter 80 Workshops und 40 State-of-the-Art-Symposien wurden aktuelle Themen aus Forschung, Diagnostik und Therapie diskutiert. Die Eröffnung oblag dem derzeitigen DGPPN-Präsidenten Prof. Andreas Heinz, Direktor der Charité, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Er zeigte in seinem Eröffnungsvortrag wie biologische, psychische und soziale Faktoren interagieren und verwies darauf, dass neue Technologien und digitale Möglichkeiten in Diagnostik und Behandlung vermehrt zum Einsatz kommen sollten. Sinnvoll sei es auch, von Anfang an, Betroffene und Angehörige mit in die Forschung einzubeziehen.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz
Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz

Die Unterschriftenaktion „Mehr Personal und Zeit für psychische Gesundheit“ der gleichnamigen Petition des DGPPN BApK beim Bundestag fand natürlich regen Zulauf.

Aufgrund belegbarer negativer Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit wurde über die Thematik intensiv diskutiert und von der Kongressorganisation kleine, aber wichtige Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels bereits realisiert, wie z. B. weniger gedruckte Programme, stattdessen Einsatz einer multifunktionalen Kongress-App sowie recycelbare Wasserflaschen.

Unter den über 2.000 Referenten waren die renommiertesten Fachvertreter welt- und europaweit vertreten, u. a. Prof. Russell Foster, Oxford – GB, Christian Lüscher – CH, Siri Hustvedt – New York/USA, ebenso jene aus dem deutschsprachigen Raum.

Aus Sachsen-Anhalt waren die Klinik-Direktoren der Universitätskliniken, aber auch eine Reihe von aktiven Chefärztinnen und Chefärzten präsent.

Auf den Pressekonferenzen wies u. a. Frau Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller, MPI Leipzig, darauf hin, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen weiterhin weniger soziale Beziehungen als Gesunde haben und sie stehen nach wie vor oft im Abseits. Probleme im Bereich Arbeit und Wohnen kämen oft hinzu, das wirke sich negativ auf die Zufriedenheit aus und belaste natürlich die Seele. Zwischenzeitlich würde die psychosoziale Therapie neben der ärztlich-psychotherapeutischen Behandlung eine zentrale Säule in der Behandlung schwer psychisch erkrankter Menschen darstellen. Sie ebnen den Weg für ein Leben mit Anschluss an die Gesellschaft sowie mit sozialer Teilhabe. Entsprechende Leitlinien seien nun frei zugänglich und zusätzlich in einfachem Deutsch für eine verbesserte Teilhabe erfasst. Auch dies diene der zentralen Forderung der Vereinten Nationen nach „Inklusion von psychisch erkrankten Menschen“.

Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer
Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer

Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer, Ingolstadt, zukünftiger Präsident der DGPPN berichtet aus der Kommission „Ethik und Recht“, dass grundlegend jeder Mensch das Recht habe, über seine Lebensführung und über Maßnahmen, die seine Gesundheit betreffen, selbst zu entscheiden. Dieses Recht zu achten ist eine zentrale ethische Grundlage jedes ärztlichen Handelns. Psychische Erkrankungen können jedoch bei einem kleinen Teil der Betroffenen die Selbstbestimmungsfähigkeit zeitweilig oder langfristig einschränken bzw. aufheben. Aber auch diese Patienten haben ein Recht auf Behandlung. Gefährdet ein Patient sich oder andere in diesem Zustand und lehnt eine medizinische Maßnahme ab, geraten Ärzte in ein ethisches Dilemma zwischen der Pflicht, den Willen des Patienten zu achten und der Pflicht, sich für das Wohlergehen des Patienten einzusetzen. Hinzu kommen Interessen Dritter, Angehöriger oder der Gesellschaft. Die gesellschaftliche Einstellung hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gewandelt: von einer paternalistisch-fürsorglichen zu einer autonomiefokussierten Haltung. Dies hat u. a. zur Entwicklung von Patientenverfügungen und Behandlungsvereinbarungen geführt, die es den Patienten ermöglichen, ihre Behandlungswünsche für eine Situation in der Zukunft festzulegen, in der sie nicht entscheidungsfähig sind.

Prof. Dr. med. Michael Seidel, Bielefeld, erwähnte, dass Menschen mit geistiger Behinderung die Personengruppe bilden, die erfahrungsgemäß besonders von den Barrieren in der ambulanten und stationären psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung betroffen sind. Dies steht im Widerspruch zu dem besonders hohen psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgungsbedarf, der gerade für diese Gruppe wegen ihrer überdurchschnittlich hohen Belastung durch psychische Störungen kennzeichnend ist.

Angesichts der Komplexität an Herausforderungen, die der Artikel 25 der UN-BRK (Behindertenrechtskonvention) mit sich bringt, ist das entschlossene Engagement aller Beteiligten zur Besserung der Versorgungssituation von Menschen mit geistiger Behinderung angezeigt.

Die DGäEHAT (Deutsche Gesellschaft für ärztliche Entspannungsverfahren Hypnose, Autogenes Training und Therapie) hatte die Gelegenheit in einem der vielen Symposien, „Neues aus der Hypnoseforschung“ unter Vorsitz von Prof. Thomas Löw, Regensburg und dem Referenten darzustellen, u. a. wurde über die langfristige Wirksamkeit von Hypnotherapie in der Depressionsbehandlung, die Auswirkung positiver Suggestionen in der Allgemeinanästhesie, über einen äußerst praktikablen Suggestibilitätstest sowie über ein Stressbewältigungsprogramm berichtet. Die Thematik schien dieses Mal auch besonders junge Interessenten anzulocken, da kurz vorher in der Musterweiterbildungsordnung Hypnose, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation namentlich für alle psychiatrisch/psychotherapeutischen Arzt-Weiterbildungen erwähnt wurden. Diese Präsentationen fanden mit Unterstützung des WBDA (Wissenschaftlicher Beirat deutschsprachiger Hypnosegesellschaften) statt.

Diverse Preise der unterschiedlichen Kategorien u. a. Wissenschaft, Promotion, Versorgung … sah viele strahlende Preisträger/-innen, leider in diesem Jahr ohne einen Vertreter aus unserem Bundesland. Wie auf jedem DGPPN Kongress fand die Mitgliederversammlung statt. Hier konnte zum einen das 10.000 Mitglied begrüßt werden, zum anderen mussten nun, wie in allen vergleichbaren wissenschaftlichen Gesellschaften, die Beiträge erhöht werden.

Mittlerweile laufen die aktiven Vorbereitungen für den diesjährigen Kongress vom 25.11. bis 28.11.2020, wie nun seit Jahren bewährt, in Berlin (siehe auch www.dgppnkongress.de).

Dr. W.-R. Krause
CA a. D. Blankenburg/Harz

Fotos: DGPPN/C. Burger