Björn Gebauer
Björn Gebauer
Foto: privat

Gebauer, B.1, Wintrath, L.1, Mahendran, P.1, Meißner, C.2, Meyer, F.3

1 Medizinische Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
2 Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Klinikum Magdeburg GmbH
3 Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie, Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.

#) Es wird auf eine geschlechtsneutrale Darstellung verwiesen, die jeweils die Sicht Medizinistudierender (gleichermaßen von Famulantin/Famulus, PJ-ler[in], Praktikant[in]) sowohl weiblichen und männlichen Geschlechts wiedergibt bzw. diese anspricht.

Einleitung
Die Visite ist tragender Aspekt im klinisch geprägten Tagesablauf fast jeder medizinischen, insbesondere klinischen Disziplin. Deren pünktliche, straffe, kompetente und hierarchisch geordnete Bestreitung hat weitreichende Auswirkungen auf ein effektives Klinik- bzw. Stationsmanagement.

Ziel des vorliegenden Manuskripts ist es, basierend auf

  • selektiven Referenzen der themenbezogenen aktuellen Literatur zur Lehre in der Humanmedizin (jedoch ohne originäre Basisliteratur) und
  • gebündelten Erfahrungen von
    • Medizinstudierenden fortgeschrittener Semester (und)
    • aktiv in der humanmedizinischen Lehre tätiger ärztlicher Kollegen,

die „Klinische Visite“ prinzipiell aus betont medizinisch-studentischer Sicht zu charakterisieren und akteursspezifische Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Eine chirurgische Prägung kann nicht komplett ausgeschlossen werden, jedoch werden allgemeingültige Aussagen für die klinische Medizin angestrebt.

Methode
Narrative Kurzübersicht

Kernpunkte
1) Grundaussagen

Die Visite ist ein zentrales Element im täglichen klinischen Ablauf (Tab. 1). Daher nimmt sie auch einen dominanten Platz in der klinischen Lehrunterweisung von Studierenden aller Jahrgänge im Rahmen klinischer Praktika (Hospitation, Famulatur, Studentenaustausch etc.) ein. Dies gilt insbesondere für das 6. Studienjahr des Humanmedizinstudiums hinsichtlich der beiden klinischen Pflichttertiale in der Inneren Medizin und Chirurgie (bzw. ihren Teildisziplinen) als auch ggf. wahlweise in anderen klinischen Fächern (z. B. operativ: Gynäkologie, Urologie, Orthopädie, HNO, Ophthalmologie vs. konventionell: Pädiatrie, Neurologie, Psychiatrie u. a.).

Anerkenne und lebe den zentralen Platz der „Visite“ als bedeutsamstes Führungselement betreuerischerseits und die herausragende Betreuungsfunktion aus Patientensicht. Eruiere die Rolle der Visite als einmalige Chance, um mit dem Patienten zu interagieren.

Entsprechend einer versuchten Definition sind unter Visite alle gebündelten Maßnahmen der Zusammenfassung, Auswertung und Interpretation aktueller, kürzlich erhobener und mittelfristig zurückliegender anamnestischer, klinischer, laborchemischer, bildgebender und konsiliarischer Befunde (teils bereits schriftlich als definitiver Befund dokumentiert, teils schon vorab gewertet) zu verstehen. Dies ist weiterhin durch eine personelle Präsenz vorwiegend „bed side“ des für eine medizinische Organisationseinheit (Station, Abteilung, Klinik) zuständigen medizinischen Personals (Stationsarzt, Oberarzt, Assistenzarzt, PJ-ler, Stationsschwester, zuständige Gruppenschwester, ggf. Oberschwester etc.), und ein interaktives Gespräch hauptsächlich mit dem Patient, aber auch teils zwischen den medizinischen Kräften, bevorzugt zweimal pro Tag (wochentags, abgewandelt mindestens
1x/Tag an Sonn- und Feiertagen), gekennzeichnet.

Sie wird des Weiteren komplettiert durch

  • untersuchungstechnische klinische und psychische Befund-erhebungen,
  • schriftliche Neu- und modifizierende/konkretisierende Anordnungen als auch
  • verlaufsdokumentierende schriftliche Bemerkungen in der Patientenakte (Papierform versus computerbasiert) mit (therapie-)strategischer Ausstrahlung durch Anordnungen sowie Festlegungen des Vorgehens und Re-Evaluationsintervallen auf den zukunftsnahen Patientenverlauf.

Unter Visite sind alle gebündelten Maßnahmen mit personeller Präsenz medizinischen Personals am Patienten zum Zweck

  • der Untersuchung,
  • des Gesprächs,
  • der Vorgehensfestlegung (und)
  • der Dokumentation

zu verstehen.
Im Einzelnen sind aus dem klinischen Alltag folgende Begrifflichkeiten bekannt, die weitestgehend selbsterklärend sein dürften:

  • allgemeine klinische (Stations-)Visite – täglich durch das Stationspersonal (siehe oben)
  • Chefvisite
  • Oberarztvisite
  • Kurvenvisite
  • Lehrvisite
  • ITS-/IMC-Visite
  • Pflegevisite
  • Röntgenvisite
  • Wochenendvisite etc.

und nur selektiv weiterführende Erläuterung erfahren sollen.

Nutze die Visite als suffizientes Steuerungs-, Führungs- und Betreuungsinstrument und gebrauche die Visitenzeit effektiv.

Die allgemeine klinische Visite stellt das weithin bekannte tägliche organisatorische Stützelement im Klinik- bzw. Stationsablauf dar, das der amtierende Stationsarzt bzw. sein Beauftragter führt. Sehr stark wird die Visite vom Gespräch bestimmt, dem natürlich für den gewünschten tragenden Effekt entsprechende Schulung in Gesprächsführung und (langjährige) Erfahrung zugrunde liegen sollten. Besonderen Stellenwert erlangt dieser Aspekt nicht zuletzt wegen des nicht selten bestehenden Zeitmangels. Dem Patienten diesen Eindruck nicht zu vermitteln, ist die große Kunst des visiteführenden Personals. 

Der Stationsarzt oder sein Beauftragter führt die Visite, insbesondere das visitetragende Gespräch, das er eröffnet, unter Einbeziehung/Befragung des teilnehmenden ärztlichen Personals, einschließlich des Studierenden.

Mache Dich mit den durchaus etwas divergierenden Herangehensweisen und Gesprächstechniken der jeweiligen Ärzte vertraut, um so Deinen persönlichen Stil für den künftigen Klinikalltag zu entwickeln.

Wesentlicher Aspekt ist natürlich auch die Wahrnehmung des Patientenbefindens, seiner Einstellung, Meinung und Haltung zum subjektiven Empfinden des eigenen Status und Verlaufs.

Begegne dem Patienten auf Augenhöhe, trainiere das Patientengespräch, übe Dich in adäquater Wortwahl und Empathie.

In der Chefvisite nimmt der Abteilungsoberarzt und/oder Klinikdirektor teil. Ratsam ist die regelmäßige und berechenbare Durchführung z. B. wöchentlich einmal, um anstehende Entscheidungen zu Diagnostik, Therapie und Vorgehen mit dem hauptverantwortlichen Entscheidungsträger zu treffen. Daneben sollen Fortschritte im Betreuungsgang des Patienten in hierarchischer Absprache erreicht werden. Darüber hinaus sind Chefvisite-Elemente bedarfsgerecht durch ausgewählte oder Einzelvisitierungen außerhalb der Reihe denkbar, z. B. bei

  • wechselhaften klinischen Verläufen,
  • plötzlich anstehenden Änderungen im klinischen Fallmanagement (Op-/Interventionsindikation, Notfallkonstellation, Zustandsverschlechterung) (oder)
  • weiterführendem Gesprächsbedarf mit dem Patienten.


Orientiere Dich an Kollegen in ihrer Rolle als Positivbeispiel, entwickle selbstbewusst, aber bescheiden Dein eigenes Persönlichkeitsprofil als Arzt.

Die Kurvenvisite ist eine Modifikation der sonst allgemein eher gesprächsbasierten Visite im Patientenzimmer/am Patientenbett, um sich ausschließlich auf

  • die Besprechung sonstiger Visitenaspekte ausschließlich im Kreis des medizinischen Personals,
  • Vorgehensüberlegungen (sowie)
  • Dokumentationsaspekten, insbesondere bei Nachholebedarf oder nicht erfüllten und bestrittenen Anforderungen in dieser Hinsicht bei der regulären Visite „bed side“

zu konzentrieren.

Insbesondere hier können sich Studierende in der kollegial-individuellen Durchführung, ja sukzessive in der eigenständigen Übernahme hinsichtlich der aufgeführten Teilaspekte üben.

Der Studierende ist vom ersten Tag seines klinisch-fachspezifischen Tertials an aktiv in die Visite einbezogen/einzubeziehen und kann durchaus mit zum stützenden Träger bei entsprechendem Engagement, Willen und persönlicher Initiative avancieren, das für den Studierenden eine willkommene und geeignete Vorbereitung auf den anstehenden beruflichen Einstieg ausmachen kann.

Arbeite fair und kollegial mit ärztlichem Personal und den Pflegekräften zusammen, insbesondere bei der Visite i.S. der Darstellung als Team und bei der Umsetzung der Visite-basierten Anordnungen. Sei offen und zuverlässig zu Patient und Kollegen, halte Wort. Sei ein Teamplayer!

Es wird nicht zuletzt auf vorherigen theoretischen Wissens- und klinischen Erfahrungserwerb aus den obligatorischen Lehrveranstaltungen und -inhalten wie Pflegepraktikum, Vorlesung, Blockpraktikum und Famulatur bzw. diverser individuell wahrgenommener fakultativer Veranstaltungen aufgebaut.


Zwischenmenschliches
Studierende können ihre spezifische Stellung in der klinischen Hierarchie, wenn auch tendenziell unter heutigen Vorzeichen eher überwiegend flach ausgerichtet, eine sehr aktive, informative und brückenbildende Rolle einnehmen. Mit der Stellung und den stationären Pflichten von Studierenden (z. B. Blutabnahme, iv-Injektion, Platzieren einer iv-Flexüle, Erhebung von Anamnese und klinischem Status etc.) nahe am Patienten / mit häufiger Begegnung mit dem Patienten werden nicht nur Basisinformationen zu den Patienten, ihrem Befinden und klinischen Verlauf aufgegriffen. Studierende sind damit auch geschätzter Informationsgeber mit einer ggf. unverstellten Sichtweise im kollegialen Informationsaustausch unter dem medizinischen Personal.

Sukzessive sollen Studierenden neben den allgemeinen und hinreichend bekannten spezifischen studentisch bzw. PJ-basierten Pflichten im Stationsbetrieb Teilaufgaben auch in der Visiteabhaltung übertragen werden. Die verantwortliche Betreuung von einzelnen Patienten (ggf. zunehmende Anzahl) im stationären Betreuungsverlauf kann dabei durchaus auch die Visitenbestreitung unter Beistand bzw. Kontrolle des ärztlichen Personals beinhalten.

Dem Studierenden obliegt die

  • Vorstellung der zur Betreuung übergebenen Patienten,
  • Informationsweitergabe von besonderen Aspekten aus Anamnese und klinischem Status (sowie)
  • gleichberechtigte Ergänzung von relevanten Detailinformationen.

Für Studierende in alternativen Einsatzfeldern, z. B. Klinikambulanz, sollten adäquate Rotationsmöglichkeiten eingeräumt bzw. alternative bzw. komplementäre Lehrinhalte gewährleistet werden wie z. B. die bewusste visitenähnliche Abhaltung von ambulanten Patientenwiedervorstellungen.

Die Studierenden werden so für einen zügigen Einstieg in ihren nach dem 6. Studienjahr folgenden klinischen Alltag vorbereitet. Für jene, die ein eher theoretisches Fach gewählt haben, ist die obligatorische Erfahrung ebenso von hohem Stellenwert, da sie damit ihren klinischen Erfahrungsstand als bedeutsamen Baustein des Humanmedizinstudiums konsolidieren. Dieser kann ihnen späterhin im Bedarfsfall von unschätzbarem Nutzen im ggf. erforderlichen klinischen Bezug ihrer spezifischen Tätigkeit sein oder werden.

Nicht zuletzt nimmt die Visite auch einen zentralen Platz im „PJ-Logbuch“ (Manuskript in Vorbereitung), dem verbindlichen Dokument der Ausbildungsinhalte im Rahmen des „PJ“ ein (siehe dort).

Hervorzuheben sind Initiativen wie „Fit für PJ“ (persönliche Mitteilung, Dr. Stieger, Magdeburg/Würzburg) von Lehrkräften der Medizinischen Fakultät der Otto-von-Guericke-Universität zu Magdeburg, die die Inhalte der klinischen PJ-Tertiale vor der aktiven Absolvierung bereits in theoretischen Lehrunterweisungen und Simulationen in einem Intensivkurs über eine Woche „durchspielen“.

Eine besonders wertvolle Rolle spielen Lehrvisiten für den Studierenden, die auch im eher knappen täglichen Zeitrahmen gepflegt werden sollten und die o. a. Abläufe simulieren unter Einnahme der Rolle des Visite-führenden Arztes durch den Studierenden.

Übernimm Verantwortung für einige Patienten hinsichtlich eines kompletten ärztlich ausgerichteten Fallmanagements einschließlich der Visitenführung bzw. (wiederholter) Visite-basierter Patientenvorstellung.

Das gewünschte Ziel eines wirksam ausgerichteten „PJ“ und anderer studentisch geprägter Lehraufenthalte für den Medizin-Studierenden in klinischen Bereichen ist, nachhaltige Eindrücke aus der PJ-/Famulatur-/Praktikums-Zeit zu erzielen. Diese sollten bis weit in eine spätere eigene klinische Tätigkeit ausstrahlen durch

  • den erzielten Effekt der Lehrunterweisung (und)
  • die vermittelte Vorbildwirkung gerade auch hinsichtlich einer angemessenen, substanziell wertvollen und empfehlenswerten Visitedurchführung.

Sei maximal präsent, auch über die Visite hinaus.

2) Weiterführende Aspekte

Verhalten bei der Visite – wer spricht zuerst?
Die Reihenfolge dürfte hinreichend bekannt sein. Nach adäquater Begrüßung beim Betreten des Patientenzimmers/Herantreten an den Patienten stellt der verantwortliche Arzt (oder der Studierende) den Patienten so kurz wie möglich, aber so ausführlich wie nötig vor, entweder neu oder im zeitlichen Fortgang (stationär/ambulant) hinsichtlich neuer Verlaufsaspekte. Danach wird der Patient aufgefordert bzw. ermutigt, sein aktuelles Befinden zu schildern. Anschließend werden sowohl dem betreuenden Kollegen als auch dem Patienten problembezogene Fragen gestellt. In der Regel werden zuerst Fragen der/des ranghöchsten Arztes/Ärztin beantwortet. Anschließend können die KollegInnen in Ausbildung das Wort ergreifen, sofern dies für die aktuelle Visite notwendig ist. Zum Verständnis dieser Hierarchie sei gesagt, dass Chef- und Oberärzte/innen in der Regel für weit mehr Patienten verantwortlich sind als die Kollegen im Stationseinsatz, somit bleibt ihnen pro Patient absolut weniger Zeit, in der für sie relevante Dinge geklärt werden können. Außerdem verfügen sie über meist mehr Erfahrung als das weitere ärztliche Personal, sodass ihre Orientierungen durchaus diagnoseweisend oder therapieentscheidend sein können. Diese Hierarchie stellt somit keine „Geringschätzung“ der Studierenden dar, sondern ist lediglich die geeignetste Form eine Visite zu führen.

Wie stelle ich einen Patienten vor?
Die ersten Patientenvorstellungen und dann womöglich noch im Rahmen der Chefarzt- bzw. Oberarzt-Visite sollten Gegenstand eingehenden Trainings z. B. im „SkillsLab“ sein. Die Vorstellung allein könnte bei Medizinstudierenden Stress auslösen. Im Studium sollte die Patientenvorstellung daher im Rahmen von Blockpraktika und Famulaturen bereits hinreichend geübt worden sein. Da keine Allgemeingültigkeit und strukturiertes Lehrkonzept hierfür vorliegt, sind viele Studierende auch mit Beginn der Famulatur/des PJ diesbezüglich immer noch unsicher. Aus diesem Grund sollten Studierenden frühestmöglich eigene Patienten zur Visite zugeteilt werden und die Patientenvorstellung so oft wie möglich mit entsprechendem Feedback trainiert werden. Nur durch eigene Erfahrungen kann der Studierende daraufhin sensibilisiert werden, welche Informationen aktuell relevant sind und welche nicht. Folgender kurzer Leitfaden kann dem Studierenden dabei an die Hand gegeben werden:

  1. Name und Alter des Patienten,
  2. Aufnahmegrund und Leitsymptome; bei kritischem Zustand mit Vitalparametern
    • zusätzlich ggf. fachspezifische Angaben (anstehende Entscheidung über Op-Indikation/therapeutisches Vorgehen etc.),
  3. relevante Begleiterkrankungen oder -zustände bzw. Angaben aus der Anamnese
    • Beispiele hierfür sind Schwangerschaft, Allergien, Vor-Operationen etc.,
  4. Medikamentenanamnese, Risikofaktoren und soziale Situation
    • letztere insbesondere bei Visiten kurz vor Entlassung,
  5. kurzer internistisch geprägter Status mit Fokus auf pathologische Befunde,
  6. chirurgisch geprägter Lokalbefund,
  7. bisherige Diagnostik inkl. Befunde sowie initial begonnene Therapie
    • hieran sollte sich die Arbeitsdiagnose anschließen,
  8. geplantes weiteres Vorgehen,
  9. kritische Reflexion der bisherigen Behandlung und Alternativen.


Visitenteilnehmer
Die Anzahl und Profession der Teilnehmer einer Visite ist sehr variabel. Ein Arzt/eine Ärztin wird seine/ihre Patienten täglich visitieren, um den Verlauf beurteilen zu können und ggf. Änderungen an Therapie oder zusätzliche Diagnostik zu veranlassen. Meist wird diese Visitenform durch eine ergänzende Oberarzt-Visite in probaten Intervallen komplettiert. Auf Stationen ist es üblich, dass morgens die Ärzte die Visite zusammen mit einer Pflegekraft durchführen. Teilnehmer ärztlicherseits sind Stationsärzte, Fach- und Oberärzte, die der Station zugeordnet sind und/oder den Patienten operiert haben. Im Rahmen einer Chefarzt-Visite können je nach Klinikgröße und Organisationsstruktur durchaus 10-15 ärztliche Teilnehmer zusammenkommen. Ergänzt werden kann die Teilnehmerschaft noch durch fachspezifische Professionen wie Psychoonkologen, Physiotherapeuten, „study nurse“ oder Case-Manager sowie Gruppenvertreter wie Studierende.


Lerneffekt Visite
Nach eruierter Meinung nimmt der Lerneffekt für die Studierenden in der Regel mit Zunahme der Teilnehmerzahl ab. Im Rahmen einer „kleinen“ Visite können dem Studierenden bei entsprechendem zeitlichen Rahmen bzw. zeitlich gegebener Reserve individuell Fähigkeiten und Wissen vermittelt werden. So ist es von großem Wert, Studierenden charakteristische Untersuchungsbefunde zu demonstrieren. Dies kann beispielsweise durch gemeinsame Auskultation eines kardialen Vitiums oder Demonstration interessanter chirurgisch geprägter Lokalbefunde geschehen – auch unter Zusammenholen mehrerer Studierender. Aber auch im Rahmen einer Visite mit vielen Teilnehmern kann allein durch das Vorstellen der eigenen Patienten ein durchaus beachtlicher Lerneffekt für die spätere tägliche Arbeit entstehen. Nicht zuletzt eignen sich Studierende im Rahmen der Vor- und Nachbereitung einer Visite selbständig relevantes Wissen an. Dieses ist für die spätere Praxis unabdingbar, da beispielsweise Handelsnamen vieler Pharmaka im Studium nie gelehrt werden, in der Klinik aber Alltag sind.


Fall-Problem-Lösung bei der Visite
Die Visite ist besonders geeignet, fallspezifische Probleme gezielt anzusprechen und im Fachkonsil (der Teilnehmer) effektiv (d. h. zeitnah und umsetzungswirksam) zu diskutieren, soweit Planbarkeit gegeben ist und der Visitenrahmen (zeitlich, Kreis notwendiger Teilnehmer) nicht gesprengt wird.


Frequenz
Grundsätzlich üblich sind 1-2x Visiten/Tag auf der Normalstation, auch am Wochenende, um neben ärztlich geprägter Wahrnehmung des Krankheitsverlaufs und adäquater befundgerechter Reaktion auf Änderungen dem Patienten und der Pflege eine vom Zeitintervall angemessene Rückkopplung zu geben.

Auf der IMC bzw. ITS sind aufgrund der möglichen Kurzfristigkeit der Ereignisse und patientenindividueller Verläufe 2 obligatorische Visiten (ggf. noch häufiger bei Bedarf) ratsam.
Neben der Visite sind häufigere klinische Untersuchungen bei Problempatienten erforderlich, die Visitencharakter tragen können (Beispiel: Kind, 7 Jahre, am Mittag aufgenommen mit Bauchschmerzen zum Ausschluss einer Appendicitis acuta –hier sollten kurze klinische Kontroll-Intervalle der ärztlichen Konsultation erfolgen!).


„Dos“ und „Don‘ts“ (Wann sage ich was, wann „halte ich den Mund“, welche Themen gehören nicht in die Visite?)
Studierende sind durchaus berechtigt und sollten zudem ermutigt werden, in der Visite an passender Stelle das Wort zu ergreifen. Diese Option zu gewähren, ist Zeichen einer entwickelten kollegialen Gesprächs- und Verständigungskultur auf der Station. Dies ist insbesondere in Situationen gegeben, in denen den Studierenden bekannte Informationen einen relevanten Einfluss auf die aktuell diskutierte Diagnose oder Therapie haben (Beispiel: Der Patient gibt gegenüber dem Studierenden an, dass in seiner Familie vermehrt Gerinnungsstörungen vorliegen würden, er dies bei sich aber nie hat abklären lassen. Sollte in der Visite nun die Option einer operativen Intervention besprochen werden, so sollte der Studierende auf die fragliche Gerinnungsstörung hinweisen).

Außerdem sollte man – sofern einem die Informationen verlässlich bekannt sind – auf Fragen antworten, die in den Raum gestellt werden (Beispiel: „Wie hoch ist das CrP [C-reaktive Protein] von Pat. XY?“). Jederzeit sollten selbstverständlich allgemeingültige Verhaltensregeln eingehalten werden. Dementsprechend sollte jeder aussprechen dürfen, ohne unterbrochen zu werden. Im klinischen Alltag sind jedoch direkte Zwischenfragen vorgesetzter Kollegen (Oberarzt/Chefarzt) häufig und sollten von dem Studierenden unter Beachtung des engen zeitlichen Rahmens (s. o.) akzeptiert werden.

Wichtig ist zu erwähnen, dass Verdachtsdiagnosen, insbesondere wenn diese mit problematischer Prognose vergesellschaftet sein können, nicht durch Studierende im Patientenzimmer vorgetragen werden sollten. Derartiges ist beispielsweise im Rahmen einer Kurvenvisite im Austausch mit den ärztlichen KollegInnen möglich oder mit dem Hinweis „ante portas“ außerhalb des Patientenzimmers im gewünschten Kreis der patientenunabhängigen Visitenteilnehmer „zu Ende“ zu besprechen.

Letztendlich ist das Überbringen einer (Verdachts-)Diagnose und das anschließende Patientengespräch über Therapie und Prognose Aufgabe des approbierten ärztlichen Personals. Ein solches Gespräch kann von der Ärztin/vom Arzt jedoch delegiert werden, sofern sie/er dieses supervidiert. In einem solchen Rahmen kann sehr effektiv und realitätsnah die ärztliche Kommunikation trainiert werden. Auch bezüglich der „Don‘ts“ gilt, dass allgemeine Höflichkeitsregeln befolgt werden sollten. So gilt einzig dem aktuellen Patienten die Aufmerksamkeit des Studierenden und nicht dem Nachbarpatienten, der Stationsklingel, dem mobilen Telefon der Station oder gar dem eigenen Handy! Die ungestörte Durchführung einer Visite hat neben Notfall und Chefanfrage eine der höchsten Prioritäten im Stations-/Krankenhausablauf, dem sich insbesondere auch Kräfte und potenzielle Ansprechpartner mit Kontaktbegehr von außen diszipliniert unterzuordnen haben.

Verhaltensweise: Während der Visite Augenkontakt zum Patienten halten, damit er sich verstanden und wertgeschätzt fühlt, nicht die Hände in den Kitteltaschen, keine Zwischengespräche.


Wer ist wann aktiv?
Der allgemeine Ablauf einer Visite ist oben bereits hinreichend beschrieben. Aber auch rund um die Visite gibt es Aufgaben für Studierende. Betreuen diese ein oder mehrere Patienten(-zimmer), so sollten im Vorfeld der Visite die aktuellen Befunde (Radiologie, Labor, Mikrobiologie, Funktionsuntersuchungen usw.) studiert werden, damit diese später bei gegebener Relevanz besprochen werden können. Im Idealfall hat der Studierende den entsprechenden Patienten auch aufgenommen und weiß über die familiäre und soziale Situation Bescheid. Dies kann besonders bei Visiten kurz vor Entlassung des Patienten relevant werden. Sollte vor der Visite noch Zeit sein, ist es empfehlenswert, die Patienten kurz zuvor selbst noch zu visitieren, um das aktuelle Befinden und den Verlauf zu kennen und ggf. darzustellen. Dies lässt sich gut mit Verrichtungen am Patienten (z. B. morgendliche Blutentnahme, Verbandswechsel o. ä.) verbinden.

Im Nachgang der Visite sollte der Studierende sich um die Anmeldung von Untersuchungen oder Therapien kümmern, die in der Visite besprochen wurden. Dies sollte selbstverständlich immer im Auftrag von oder in Rücksprache mit den entsprechenden approbierten Kollegen unternommen werden.

Zusammenfassung

Die Visite ist die zentrale Schnittstelle der Patientenbetreuung. Nur durch sie kann Teamwork gelingen. Durch ihre Komplexität (intra- und interprofessioneller Austausch, kommunikative Aspekte, Umgang mit Emotionen) ist sie für Studierende eine Herausforderung. Gleichzeitig stellt sie eine gute Gelegenheit dar, Fähigkeiten der Studierenden in den genannten Aspekten zu verbessern und klinisch bedeutsames Wissen von Kollegen zu erlernen. Dementsprechend wichtig ist es, sich als Studierender auf die Visite jeweils gut vorzubereiten, aktiv an ihr teilzunehmen, sie suffizient nachzubereiten und letztlich schrittweise an ihr zu wachsen.

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Korrespondierender Autor:
Prof. Dr. med. F. Meyer
Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und
Transplantationschirurgie
Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.
Leipziger Straße 44, D-39120 Magdeburg
Tel.: 0391/67 15500, Fax: 0391/67 15570
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