Dr. rer. nat. Goetz Wahl
(Foto: privat)

Wahl, G.¹
1 Dez. 21 Gesundheits- und Hygienemanagement, Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt

Ergebnisse von Eltern- und Schülerbefragungen 

Einleitung

Kopfschmerzen werden in Industrienationen zunehmend als wichtiges Gesundheitsproblem bei Kindern angesehen; mehrere Studien berichten dabei von einer Zunahme der Diagnose- bzw. Anamnesehäufigkeit in den letzten Jahrzehnten.1, 2

Ob es sich dabei um eine objektive Zunahme der Morbidität oder um eine steigende Sensibilität der Medizin und der Bevölkerung gegenüber Kopfschmerzen handelt, ist unklar.2 In jüngster Vergangenheit gibt es Hinweise darauf, dass in Deutschland die Diagnosehäufigkeit bei 3- bis 12-jährigen Kindern wieder sinkt.3 Ziel der vorliegenden Studie war es, die aktuelle Verbreitung von häufigen Kopfschmerzen bei Kindern in Sachsen-Anhalt abzuschätzen und Hinweise zu möglichen Ursachen und Auswirkungen solcher häufigen Kopfschmerzen bei Kindern zu gewinnen.

 

Methoden

Für die Untersuchungen wurden einerseits die Elternfragebögen der kinderärztlichen „Reihenuntersuchungen“ des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) in Kindertagesstätten und Schulen in den Jahren 2015/2016 ausgewertet, nämlich von etwa 30.000 Kindern bei den Schuleingangsuntersuchungen (SEU), 8.000 Kindern bei den Untersuchungen in 3. Klassen (SR3) und 9.000 Kindern bei den Untersuchungen in 6. Klassen (SR6). Die Daten der Reihenuntersuchungen werden vom Landesamt für Verbraucherschutz (LAV) im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung (GBE) für das Land Sachsen-Anhalt eingezogen und ausgewertet. Andererseits wurden Fragebögen von etwa 3.600 Kindern aus einer schriftlichen, anonymen Befragung von Sechstklässlern zu ihrer subjektiven Gesundheit und ihrem gesundheitsrelevanten Verhalten herangezogen, welche das LAV ebenfalls im Rahmen der GBE im Jahr 2012 in Abstimmung mit dem Landesbeauftragten für den Datenschutz, dem Landesverwaltungsamt und den beteiligten Schulen und Eltern durchgeführt hatte (Surv6).4

In den hier ausgewerteten Fragebögen wurden Kopfschmerzen nur allgemein, nicht differenziert nach verschiedenen Kopfschmerzarten oder Schmerzstärken erhoben. Alle folgenden Auswertungen beziehen sich auf „häufige Kopfschmerzen“ bei Kindern. Der Begriff „häufige Kopfschmerzen“ ist dabei wie folgt definiert: Bei den Reihenuntersuchungen des ÖGD bedeutet er, dass die Eltern im Fragebogen im Abschnitt 8 (Befindlichkeitsstörungen) bei der Frage: „Hat Ihr Kind häu-figer …?“ bei „Kopfschmerzen“ ein Kreuz gesetzt haben (eine weitere Graduierung des Begriffs „häufig“ erfolgt im Elternfragebogen nicht). Bei den Auswertungen des Surv6 bedeutet der Begriff „häufige Kopfschmerzen“, dass die Sechstklässler im Abschnitt C bei der Frage: „Hattest Du folgende Schmerzen in den letzten 3 Monaten?“ bei „Kopfschmerzen“ die Kategorie „ja, wiederholt“ angekreuzt haben (außerdem gab es hier die Antwortmöglichkeiten „nein“ und „ja, einmalig“).

Unterschiede in der Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen wurden mit dem Chi2-Test auf Signifikanz überprüft. Der mögliche Einfluss verschiedener Faktoren auf die Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen und der mögliche Einfluss von häufigen Kopfschmerzen auf die Prävalenz verschiedener anderer Untersuchungs- und Befragungsergebnisse wurden in SPSS® mit binären logistischen Regressionsanalysen untersucht.

 

Ergebnisse

Häufigkeit nach Elternauskunft: Der Anteil der Kinder mit häufigen Kopfschmerzen war laut Elternauskunft bei Einschülern noch gering (1,8 %), stieg dann aber bei Drittklässlern und Sechstklässlern auf 11,1 % bzw. 16,9 % (Abb. 1).

Häufigkeit nach Selbstauskunft: Wurden Zwölfjährige im Rahmen des Surv6 selbst gefragt, so gaben 33,3 % an, in den letzten 3 Monaten wiederholt Kopfschmerzen gehabt zu haben. Das ist eine dreimal höhere Prävalenz von „häufigen Kopfschmerzen“ als die im selben Untersuchungsjahr bei der landesweiten SR6 von Eltern berichtete (11,6 %) (Abb. 2).

Geschlechtsspezifik: Die Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen war bei Schulkindern – sowohl nach Elternauskunft als auch nach Selbstauskunft – bei Mädchen immer signifikant höher als bei Jungen (Abb. 1 und 2). Das Geschlecht hatte bei Schulkindern auch dann einen signifikanten Einfluss, wenn in Regressionsanalysen weitere, gleichzeitige Einflussfaktoren berücksichtigt wurden (siehe unten und Tab. 1 und 2). Bei Kindern der Schuleingangsuntersuchung (in Sachsen-Anhalt i.d.R. 5-Jährige) waren noch keine statistisch signifikanten Geschlechtsunterschiede festzustellen (Abb. 1, Tab. 1).

Einflüsse auf bzw. durch Kopfschmerzen bei Kindern: Sowohl bei den jährlichen Reihenuntersuchungen als auch im Surv6 im Jahr 2012 werden bzw. wurden neben Kopfschmerzen viele andere Gesundheitsparameter erhoben. Durch binäre logistische Regressionsanalysen wurde untersucht, ob einige dieser Untersuchungs- und Befragungsbefunde ursächlich oder konsekutiv mit dem Befragungsbefund „häufige Kopfschmerzen“ gekoppelt sind.

Mögliche Ursachen: Als Risikofaktoren für häufige Kopfschmerzen traten in mindestens einer (meist mehreren) der Untersuchungspopulationen unter anderen hervor: Tragen einer Brille, häufiges Alleinfühlen, regelmäßige Einnahme von Medikamenten, Leben in einem Raucherhaushalt, lange tägliche Computer-/Internet-Nutzung, langes tägliches Fernsehen, Adipositas. Als Schutzfaktoren traten hervor: sich gut mit den Eltern verstehen, in einem Haushalt mit beiden Eltern leben, zuhause frühstücken. Die Trägerschaft der Schule (bei der SR3), die Schulform (bei der SR6) und das Geschlecht (bei SR3, SR6, und Surv6) beeinflussten die Prävalenz häufiger Kopfschmerzen, wobei diese in öffentlichen Grundschulen, in Sekundarschulen und bei Mädchen jeweils höher war als in „freien“ Grundschulen, in Gymnasien und bei Jungen.

Mögliche Auswirkungen: Häufige Kopfschmerzen hatten unter anderem einen negativen (verstärkenden) Einfluss auf: Verhaltensauffälligkeiten, schlechtere Ergebnisse in Entwicklungstests, verminderte subjektive Fitness, Appetitlosigkeit, vermindertes Spaßempfinden, Therapiebedürftigkeit, Sportbefreiungen. In allen Untersuchungen bestand eine sehr starke Assoziation zwischen häufigen Kopfschmerzen und Schlafschwierigkeiten, wobei keine Aussage über die Richtung des Einflusses gemacht werden kann.

Die Signifikanzen und Einflussstärken der in den verschiedenen Untersuchungen/Befragungen getesteten Parameter sowie die Liste derjenigen getesteten Befunde, die keinen statistisch signifikanten Einfluss zeigten bzw. nicht durch häu-fige Kopfschmerzen beeinflusst waren, sind in Tab. 1 und 2 abzulesen.

Diskussion

Aufgrund abweichender Untersuchungszeiträume, Altersgruppen und Frageinstrumente lässt sich nicht sicher sagen, ob die Prävalenz (häufiger) Kopfschmerzen bei Kindern in Sachsen-Anhalt derzeit höher oder geringer als im Bundesdurchschnitt ist; sie scheint jedoch in einer ähnlichen Größenordnung zu liegen wie in anderen deutschen Studien.1, 2

Der festgestellte deutliche Anstieg der (von Eltern berichteten) Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen bei Kindern in Sachsen-Anhalt zwischen Vorschulalter, Grundschulalter und „Mittelschulalter“ (6. Klasse) könnte ein Hinweis darauf sein, dass einrichtungsbezogene, familiäre und/oder soziale Belastungen und Konflikte der Kinder in dieser Lebensspanne zunehmen. Viele Studien zeigen, dass psychische Konflikte und Belastungen mit Kopfschmerzen assoziiert sind,1, 2 wobei allerdings nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, ob diese psychischen Belastungen bei kindlichen Kopfschmerzen Auslöser, Folge oder beides sind.5

Dass bei Sechstklässlern die von den Kindern selbst berichtete Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen etwa dreimal höher war als die von den Eltern berichtete, ist ein beunruhigender Befund. Anscheinend sind Eltern nicht ausreichend über Beschwerden ihrer Kinder informiert, weil sie diese zu wenig beachten und/oder weil die Kinder diese ihren Eltern zu wenig zeigen bzw. mitteilen. Zusätzlich könnte es auch sein, dass Eltern wider besseres Wissen die Gesundheit ihrer Kinder bei Befragungen (zumal den amtlichen des ÖGD) bewusst oder unbewusst etwas „schönfärben“. Dass die Sechstklässler bei direkter Befragung ihre Beschwerden dramatisiert haben, ist angesichts der präzisen Fragestellung im Surv6 und der gewährten Anonymität eher unwahrscheinlich. Vielmehr ist es sehr wahrscheinlich, dass die Elternauskünfte die tatsächliche (in diesem Fall subjektive) Prävalenz häufiger Kopfschmerzen bei Kindern stark unterschätzen. Dies ist auch das Ergebnis anderer Studien.2

Viele der hier festgestellten Einflüsse auf bzw. von häufigen Kopfschmerzen bei Kindern (Tab. 1 und 2) finden sich auch in anderen Studien wieder und sind meist selbsterklärend. Bemerkenswert ist hier und in vielen anderen Studien der starke protektive Einfluss des familiären Umfeldes auf Kopfschmerzen, wenn dieses „intakt“ ist bzw. der starke negative Einfluss, wenn dieses „instabil“ ist. Besonderer Erwähnung bedürfen im Folgenden die potenziellen Einflussfaktoren Übergewicht/Adipositas, Bewegung und Geschlecht.

Das Vorliegen von Adipositas begünstigte in unseren Analysen das Auftreten von häufigen Kopfschmerzen. Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht/Adipositas und Kopfschmerzen bei Kindern wird auch in anderen Studien beschrieben.6, 7, 8 Die möglichen Gründe für diese Assoziation sind vielfältig und nicht abschließend geklärt. Einerseits haben beide Faktoren (Übergewicht und Kopfschmerzen) ein ganzes Bündel von gemeinsamen Risikofaktoren, über die sie wahrscheinlich verknüpft sind, vor allem: mangelnde Bewegung, psychische Belastungen und Schlafmangel.6 Andererseits wird diskutiert, ob Adipositas eventuell auch einen direkten, neuroinflammatorischen Einfluss auf Kopfschmerz besitzt.6

Mangelnde Bewegung, hier definiert als eine sportliche Aktivität der Kinder von weniger als ein Mal pro Woche, hatte in unseren Analysen keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen bei Sechstklässlern (Tab. 2). Darüber, ob körperlich-sportliche Aktivität einen Einfluss auf kindliche Kopfschmerzen hat, besteht Uneinigkeit: Während die meisten Autoren von einem protektiven Effekt berichten,1, 7, 8 sehen andere keinen Zusammenhang5,9 bzw. finden sogar einen negativen (verstärkenden) Einfluss.10 Dass der Bewegungsparameter <1-mal Sport/Woche in unseren Analysen keinen Einfluss zeigte, könnte also verschiedene Gründe haben: a) körperlich-sportliche Aktivität hat eventuell tatsächlich keinen erheblichen Einfluss auf Kopfschmerzen bei Kindern, b) der Grenzwert (< bzw. >1-2-mal/Woche) ist ungünstig gewählt und/oder c) der Einflussfaktor Adipositas, welcher eng mit mangelnder Bewegung und weiteren ungesunden, kopfschmerzfördernden Lebensstilen assoziiert ist, hat den hier verwendeten Bewegungsfaktor <1-mal Sport pro Woche aus den Regressionsanalysen verdrängt.

Das Geschlecht hat in fast allen Studien zu Kopfschmerzen bei Kindern einen wichtigen Einfluss. Dabei haben Mädchen ab einem bestimmten Alter sowohl nach Selbst- als auch nach Elternauskunft fast immer häufiger Kopfschmerzen als Jungen.2 Auch in unseren Analysen war die Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen in 6. Klassen bei Mädchen sowohl nach Selbstauskunft als auch nach Elternangaben höher als bei Jungen. Dies ist eventuell darauf zurückzuführen, dass viele Sechstklässlerinnen schon in die Pubertät eingetreten sind, sich die hormonellen Umstellungen auf die Kopfschmerzprävalenz auswirken und die Regelschmerzen in die Berichte über Kopfschmerzen einfließen. So zeigten die Originalauswertungen des Surv6, dass bei Sechstklässlern der Einfluss des Geschlechts auf Kopfschmerzen in den Regressionsanalysen verschwindet, wenn man die Antworten auf die gleichzeitig gestellte Frage nach „Regelschmerzen“ in die Analysen einbezieht.4 Als weitere Erklärungen für die häufigeren Kopfschmerzberichte bei Mädchen werden unter anderem diskutiert, dass a) Mädchen im Schulalter „stressanfälliger“ als Jungen sind und dieser „Stress“ Kopfschmerzen begünstigt, b) Mädchen ihre gesundheitliche Situation generell schlechter einschätzen als Jungen und sich dies auch in Selbst- und Elternberichten zu Kopfschmerzen niederschlägt,4 c) Mädchen objektiv oder subjektiv häufiger als Jungen Empathie der Eltern bzgl. ihrer Kopfschmerzen erfahren und diese deshalb auch häufiger erleben und/oder äußern.5 Die zuletzt genannten Gründe a) bis c) könnten erklären, warum in unseren Untersuchungen auch schon bei Drittklässlern bei Mädchen eine höhere Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen gefunden wurde als bei Jungen.

Warum in unseren Analysen einige naheliegende Faktoren wie Visusminderung, Strabismus, diastolischer Hochdruck, späte Zubettgehzeit keinen Einfluss auf die Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen hatten, muss noch genauer untersucht werden.

Alle hier gemachten Aussagen zu Kopfschmerzen bei Kindern in Sachsen-Anhalt unterliegen einer Einschränkung, weil der zugrunde gelegte Parameter häufige Kopfschmerzen eine gewisse Unschärfe aufweist: Erstens wird in den Elternfragebögen der Reihenuntersuchungen des ÖGD kein Bezugspunkt und keine Skalierung des Begriffs „häufigere Kopfschmerzen“ erfasst, sondern es wird ein weitgehender, intuitiver Konsens der Eltern bzgl. dieses Begriffes vorausgesetzt. Zweitens ist die Definition von häufigem Kopfschmerz bei den Reihenuntersuchungen („häufiger“ ohne weitere Präzisierung) etwas abweichend von derjenigen beim Surv6 („wiederholt innerhalb der letzten 3 Monate vor der Befragung“) und eine 100%ige Vergleichbarkeit damit nicht gegeben. Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die Richtung aller hier gemachten Aussagen Gültigkeit hat, weil a) die Definitionen von häufigen Kopfschmerzen bei Surv6 und SR6 nicht so verschieden sind, dass dadurch der enorme Prävalenzunterschied zwischen den Selbstauskünften und den Elternauskünften zu Kopfschmerzen bei Sechstklässlern erklärt werden könnte, und weil b) die Unschärfe der Elternaussagen zu Kopfschmerzen bei den Reihenuntersuchungen höchstwahrscheinlich keiner Systematik unterliegt, sondern rein zufallsbedingt ist. Damit hat der Vergleich der Kopfschmerzprävalenz zwischen SEU, SR3 und SR6 Bestand (weil er auf der jeweils identischen, zufallsbedingten Unschärfe basiert). Auch wird die Belastbarkeit der bei den Reihenuntersuchungen identifizierten Einflussfaktoren (Tab. 1) durch die zufallsbedingte Unschärfe des Begriffs häufige Kopfschmerzen nicht geschmälert, sondern eher noch erhöht.

Eine weitere Einschränkung der vorliegenden Untersuchung ist, dass sie auf Fragebögen basiert, die nicht primär für die Erfassung von Kopfschmerzen konzipiert sind/waren, sondern für die Erfassung einer Vielzahl unterschiedlichster Parameter zur Einschätzung des allgemeinen Gesundheitszustandes der Kinder. Dadurch sind die Fragen zu den einzelnen Parametern sehr kurz und differenzieren im Falle von Kopfschmerzen z. B. nicht nach Art und Intensität der Schmerzen.

Eine Stärke der hier vorgestellten Analyse ist die sehr große Anzahl der ausgewerteten Fragebögen und die dadurch gewonnene Repräsentativität für das Bundesland.

Kopfschmerzen sind ursächlich und/oder konsekutiv mit vielen anderen Gesundheitsparametern gekoppelt. Bei Kindern sind dies vor allem: psychische Beeinträchtigungen, Schlafstörungen und Übergewicht/Adipositas (vgl.1, 2, 5-8 und Abb. 3). Diese Gesundheitsstörungen und Kopfschmerzen werden oft durch dieselben grundlegenden Lebensstilfaktoren beeinflusst. Deren wichtigste sind: 1) (un-)gesunde Ernährung, 2) (nicht) ausreichende Bewegung, 3) (fehlender) Schutz vor Konflikten und Stress und 4) (über-)mäßiger Gebrauch elektronischer Medien. Der Lebensstilfaktor Konsum legaler und illegaler Drogen spielt erst bei Jugendlichen und Erwachsenen eine wichtige Rolle.

Aufgrund dieser gemeinsamen Einflussfaktoren bei Kopfschmerzen, Schlafstörungen, psychischen Beeinträchtigungen und Übergewicht werden „allgemeine“ Maßnahmen der Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung im Kindesalter, welche auf mehrere dieser Lebensstilfaktoren zielen, immer auch einen positiven Effekt auf die Verhinderung oder Reduktion von Kopfschmerzen bei Kindern haben. Ein solches ganzheitliches Programm zur Prävention und Gesundheitsförderung bei Schulkindern ist zum Beispiel „Klasse2000“.11

Bei Kindern, die schon unter häufigem und heftigem Kopfschmerz leiden, können psychologische Trainingsprogramme Erfolg zeigen2: In einer Studienpopulation von 234 Kindern im mittleren Alter von 11 Jahren mit durchschnittlich 9 Kopfschmerztagen pro Monat zeigte ein kognitiv-behaviorales Trainingsprogramm eine Reduktion der Kopfschmerztage um etwa 30 bis 50 % und einen stark verbesserten Umgang der Kinder mit dem eigenen Kopfschmerz.12

 

Zusammenfassung

Anhand von Elternfragebögen der Reihenuntersuchungen des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in Kindertagesstätten und Schulen sowie Schülerfragebögen eines landesweiten Surveys zur subjektiven Gesundheit von Sechstklässlern wurden Prävalenz, Ursachen und Auswirkungen von häufigen Kopfschmerzen bei Einschülern, Drittklässlern und Sechstklässlern in Sachsen-Anhalt untersucht. Die Prävalenz häufigerer Kopfschmerzen nahm zwischen Vorschulalter, Grundschulalter und „Mittelschulalter“ (6. Klasse) deutlich zu. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass einrichtungsbezogene, familiäre und/oder soziale Belastungen in dieser Entwicklungsphase der Kinder zunehmen. Bei Sechstklässlern war die von den Kindern selbst berichtete Prävalenz von häufigen Kopfschmerzen dreimal höher als die von den Eltern berichtete. Dies ist ein Hinweis darauf, dass Eltern wahrscheinlich nicht ausreichend über den subjektiven Gesundheitszustand ihrer Kinder informiert sind. Unter weiteren, ebenfalls bei den Reihenuntersuchungen und beim Survey erhobenen Gesundheitsparametern waren etliche, die einen verstärkenden oder schützenden Einfluss auf häufige Kopfschmerzen bei Kindern zeigten. Andere Gesundheitsparameter wurden ihrerseits von häufigen Kopfschmerzen beeinflusst.

Die Ergebnisse der Analysen verdeutlichen, dass häufige Kopfschmerzen ein ernst zu nehmendes Gesundheitsproblem bei Kindern auch in Sachsen-Anhalt sind und präventive, gesundheitsförderliche und ggf. sogar schon kurative Maßnahmen angezeigt sind.

 

Korrespondenzanschrift:
Dr. rer. nat. Goetz Wahl
Dez. 21 Gesundheits- und Hygienemanagement
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Literatur

  1. Straube, A., Heinen, F., Ebinger, F. & von Kries, R.(2013). Kopfschmerzen bei Schülern: Prävalenz und Risikofaktoren. Deutsches Ärzteblatt, 48, 811-818.
  2. Kröner-Herwig, B. (2014). Kopfschmerz bei Kindern und Jugendlichen. Epidemiologie, biopsy- chosoziale Korrelate und psychologische Behandlung.  Bundesgesundheitsblatt, 57(8), 928-934.
  3. Grobe, T., Steinmann, S. & Szecsenyi, J. (2017). Kopfschmerzen – Schwerpunktteil. In: BARMER (Hrsg.): Arztreport 2017. Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse. Asgard Verlagsservice GmbH, Siegburg. 259 Seiten.
  4. Landesamt für Verbraucherschutz Sachsen-Anhalt, Hrsg. (2015). Subjektive Gesundheit und gesundheitsrelevantes Verhalten von Sechstklässlern in Sachsen-Anhalt. Ein landesweiter Survey im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung. Eigenverlag. 124 Seiten.
  5. Gaßmann, J., Vath, N, van Gessel, H. und Herwig-Kröner, B. (2009). Risikofaktoren für Kopfschmerzen bei Kindern. Deutsches Ärzteblatt, 31/32, 509-516.
  6. Ravid, S., Shahar, E., Schiff, A. & Gordon, S. (2013). Obesity in children with headaches. Association with headache type, frequency, and disability. Headache, 53, 954-961.
  7. Milde-Busch, A., Blaschek, A., Borggräfe, I., Heinen, F., Straube, A., von Kries, R. (2010). Associations of diet and lifestyle with headache in high-school students: results from a crosssectional study. Headache, 50, 1104–14.
  8. Robberstad, L., Dyb, G., Hagen, K., Stovner, L.J., Holmen, T.L., Zwart, J.A. (2010). An unfavorable lifestyle and recurrent headaches among adolescents: the HUNT study. Neurology, 75, 712–717.
  9. Gordon, K.E., Dooley, J.M., Wood, E. (2004). Self-reported headache frequency and features associated with frequent headaches in Canadian young adolescents. Headache, 44, 555–61.
  10. Carlsson, J., Larsson, B., Mark, A. (1996). Psychosocial functioning in schoolchildren with recurrent headaches. Headache, 36, 77–82.
  11. Storck, C. & Beer, S. (2013). Klasse2000. Theoretischer Hintergrund und Evaluationsergebnisse. In: Verein Programm Klasse 2000 e.V. (Hrsg.). Nürnberg, 3. Auflage 2013, 15 Seiten.
  12. Kröner-Herwig, B. & Denecke, H. (2007). Die Behandlung von Kopfschmerz bei Kindern und Jugendlichen – Eine Praxisstudie. Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin, 28, 373-385.

 

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