Dr. Christian Regenbrecht
Dr. Christian Regenbrecht
Portraitfoto: K. Schempp/cpo

Christian RA Regenbrecht 1,2; Roland Croner 3; Ali Canbay 4; Johannes Haybäck 1

1 Institut für Pathologie, Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.
2 cpo – cellular phenomics & oncology Berlin-Buch GmbH
3 Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie, Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.
4 Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie & Infektiologie, Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Leser des Ärzteblattes,
mit dem folgenden Artikel soll eine kleine Serie von zunächst drei konzipierten Beiträgen der Pathologie, Gastroenterologie und Viszeralchirurgie des Universitätsklinikums Magdeburg A.ö.R. eingeleitet werden, die sich mit modernen Aspekten fachspezifischer Betätigungsfelder, insbesondere zur Behandlung solider Tumoren beschäftigen. Dabei sollen neben den ureigen fachgebietsbezogenen, vor allem neuen Themenfeldern die interdisziplinären Spezifika der 3 stark interagierenden Fachdisziplinen zum viszeralmedizinischen Diagnoseprofil herausgearbeitet werden, wie sie sich insbesondere am Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R. nutzbringend in der Patientenversorgung darstellen und in einem modern ausgerichteten therapeutischen Management eingesetzt werden. Während sich die Pathologie im ersten Artikel mit der neuen Methode der „3D Zellkulturmodelle zur Vorhersage der Chemosensitivität in soliden Tumoren“, einem hochaktuellen methodischen Thema gerade im Zeitalter der sich herausbildenden, stark individualisierten Therapie beschäftigt, wird sich die Gastroenterologie mit innovativen Methoden der viszeralmedizinischen Diagnostik bzw. ggf. diagnosespezifisch indizierter interventionell(-endoskopisch)er Therapiemaßnahmen auseinandersetzen. Die Viszeralchirurgie wird das Thema der angezeigten „complete mesocolic excision“ (CME) bei der operativen Versorgung des Kolonkarzinoms, einem der häufigen Tumorentitäten im viszeralmedizinischen Betreuungsspektrum, behandeln, die – korrekt und kompetent ausgeführt – einen signifikanten Überlebensvorteil der betroffenen Patienten erbringt.  Neben der anregenden Wissensvermittlung soll die fachgebietsübergreifende Beschäftigung mit den vorgestellten neuen Themen auch eine Diskussion darüber anstoßen, die, die Darstellung eigener Erfahrungen und Ergebnisse als auch brandaktueller neuer Aspekte der medizinischen Betreuung aus der angesprochenen ärztlichen Kollegschaft befördert, gern auch in thematischer Ergänzung oder Erweiterung der bisher konzipierten Themen, sowie die notwendige Zusammenarbeit der drei herausgestellten Fächer, wie am Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R. gelebt, umrissen werden.
F. Meyer (im Namen der Profs. Haybäck, Canbay, Croner)

Einleitung

Krebs umfasst eine Reihe von Krankheitsbildern, in denen genetische Alterationen in einzelnen Zellen die Ursache für malignes Wachstum sind. Während der letzten 20 Jahre ist das Verständnis der Tumorbiologie exponentiell gewachsen, ohne dass die Behandlung von Tumorpatienten sich in gleichem Maße verbessert hätte. Hier wird eine Plattform am Institut für Pathologie der Universitätsklinik Magdeburg beschrieben, die in Zusammenarbeit mit der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie entsteht. Diese Plattform inte­griert Daten von Ultra-Deep Sequencing, zielgerichtete Proteomik und Chemosensitivitätstestung von Patienten-abgeleiteten 3D-Tumormodellen in die klinische Routine, um so die zuverlässige Identifizierung von effektiven therapeutischen Strategien für den einzelnen Patienten zu ermöglichen.

Seit mehr als 10 Jahren verspricht die Genomik prospektiv individualisierte Therapieoptionen anhand von spezifischen Mutationsmustern von Tumor und Metastase abzuleiten. Indes ist eine solche Vorhersage des Ansprechens des Tumors auf eine Therapie für eine signifikante Anzahl von Fällen nicht möglich (Abbildung 1). Selbst wenn therapeutisch angreifbare „targetable“ Aberrationen identifiziert werden, ist dies noch kein Garant für ein erfolgreiches Ansprechen des Tumors auf die Therapie. Unabhängige Methoden, den therapeutischen Effekt zu bestätigen, oder neue Behandlungsoptionen aufzuzeigen, wären gleichermaßen für den Arzt, wie auch den Patienten willkommen.

Abb. 1: Der Großteil der Patienten profitiert heute nicht von der verordneten Chemotherapie. Nur etwa 50 %* der Tumoren zeigen einen nachweislichen Rückgang aufgrund der Erstlinientherapie. Dieser suboptimale Behandlungserfolg ist darauf zurückzuführen, dass – trotz gleicher klinischer Diagnose – die molekularen Ursachen, die zur Tumorbildung führen, sehr unterschiedlich sein können. Diese Unterschiede versuchen wir zu identifizieren und darauf basierend vorherzusagen, welches die optimale Behandlung für jeden Tumor ist. *gemittelt über mehrere Tumorentiäten (Foto: C. Regenbrecht/cpo)
Abb. 1: Der Großteil der Patienten profitiert heute nicht von der verordneten Chemotherapie. Nur etwa 50 %* der Tumoren zeigen einen nachweislichen Rückgang aufgrund der Erstlinientherapie. Dieser suboptimale Behandlungserfolg ist darauf zurückzuführen, dass – trotz gleicher klinischer Diagnose – die molekularen Ursachen, die zur Tumorbildung führen, sehr unterschiedlich sein können. Diese Unterschiede versuchen wir zu identifizieren und darauf basierend vorherzusagen, welches die optimale Behandlung für jeden Tumor ist. *gemittelt über mehrere Tumorentiäten (Foto: C. Regenbrecht/cpo)

 

Um diesen Bedarf zu adressieren, beschreiben wir hier eine begleitende Chemosensitivitätstestung für Patienten mit fortgeschrittenem Kolonkarzinom, wie sie zur Zeit am Universitätsklinikum Magdeburg erprobt wird. Die Grundlage für diese Testung bilden frische, Patienten-abgeleitete Tumor-3D-Modelle, sogenannte „Organoide“ (Abbildung 2), die es ermöglichen, im Labor eine fast beliebige Anzahl von Wirkstoffen und Wirkstoffkombinationen zu testen und in einem behandlungsrelevanten Zeitraum die bestmögliche Behandlungsstrategie für den einzelnen Patienten zu identifizieren.

Abb. 2: Immunfluoreszenzaufnahme eine PD3D Organoid eines Kolorektalkarzinoms. Gefärbt sind Zellkerne (blau), EZRIN (grün), EPCAM (rot). (Foto: J. Regan/cpo)
Abb. 2: Immunfluoreszenzaufnahme eine PD3D Organoid eines Kolorektalkarzinoms. Gefärbt sind Zellkerne (blau), EZRIN (grün), EPCAM (rot). (Foto: J. Regan/cpo)

In der präklinischen Forschung werden diese Organoide bereits systematisch als Intermediärmodell zwischen Tumorzelllinien in vitro und in vivo Xenograft Modellen für verschiedene Indikationen wie z. B. Kolorektalkarzinom, Pankreaskarzinom und Prostatakarzinom eingesetzt (Baker et al.; Boj et al.; Clevers; Gao et al.; Huang et al.; Nash et al.). Die Methodik unterscheidet sich stark von der traditionellen Zellkultur, da sie das Wachstum der Tumorzellen in
drei Dimensionen erlaubt. Tumorzellen, die in 3D wachsen, behalten weitestgehend ihre Zell-Zell und Zell-Matrix Interaktionen und sind so dem Ursprungstumor ähnlicher als Zellen, die zweidimensional auf einem Plastik-Substrat wachsen (Baker and Chen; Barbone et al.; Frankel et al.; Jamieson et al.; Mueller-Klieser; Pampaloni et al.; Pickl and Ries).

Ein weiteres Evidenzlevel wird erreicht, indem die Daten aus den Substanztestungen und den Sequenzanalysen durch gezielte Proteomik unterstützt werden. Dieser Prozess, das sogenannte „Reverse Clinical Engineering“, wird schrittweise in die pathologische Befundung sowie in die Tumorkonferenzen Einzug halten und für eine Vielzahl von Patienten den Behandlungsverlauf positiv beeinflussen.

Hochdurchsatzmethoden haben es bereits in der Vergangenheit erlaubt, Substanzen parallel an vielen Zelllinien (NCI-60) zu testen und ein Großteil unseres heutigen Wissens über Wachstumsinhibtion und Tumor-Zelltod gehen auf solche Studien zurück (Shoemaker). Eine neuere Studie der pharmakogenomischen Interaktionen in Tumorzellen verknüpft den Genotyp mit dem zellulären Phänotypen, um so zielgerichtet Subpopulationen von Zellen behandeln zu können (Iorio et al.). Allerdings spiegeln diese Zelllinien-Modelle die Biologie des Tumors nicht adäquat wider. Dies ist auch die Ursache für die hohe Ausfallquote von präklinischen Substanzen in klinischen Studien und belegt die Grenzen existierender präklinischer Modelle eindeutig (Li et al.; Paul et al.). Die Vorhersagegenauigkeit von in vitro Substanztestungen ist daher stark von der biologischen Abbildung der Eigenschaften des Donor-Gewebes abhängig.

Die Taxonomie von Tumoren ist die klassische Domäne der Pathologen, die die Tumorzellmorphologie nutzen, um die klinische Versorgung des Patienten zu unterstützen. Mit der voranschreitenden Entwicklung von molekularen Biomarkern, sind die Pathologen in der Lage Tumor-Subgruppen zu identifizieren. Für manche dieser Subgruppen konnte eine dramatische Verbesserung der klinischen Antwort durch zielgerichtete Therapien, wie Trastuzumab oder Imatinib erreicht werden.

Die Bedeutung dieser Daten für die Behandlung von Tumorpatienten bleibt jedoch beschränkt, da es nur wenige personalisierte präklinische Modelle gibt, an denen die biologische Funktionalität dieser Veränderungen getestet werden könnte (Arrowsmith and Miller, 2013). Durch die Etablierung personalisierter in vitro Tumor-Organoid Modelle und den Einsatz von Hochdurchsatz-Sensitivitätstestungen kann am Universitätsklinikum Magdeburg die konzentrationsabhängige Sensitivitätstestung mit detaillierten genomischen Profilen komplementiert und so eine direkte korrelative Aussage über die Verbindung von Tumorgenom und Chemosensitivität des Tumors gemacht werden. Somit haben die Autoren die Möglichkeit, mit Hilfe der Modelle ausgewählte Signalwege mit bis zu 200 (phospho)-spezifischen Antikörpern vor und nach Substanzbehandlung zu untersuchen und die funktionelle Inhibition auf Proteinebene nachzuweisen (Treindl et al.).


Methodik

Gemeinsam mit der Klinik für Allgemein- und Viszeralchi­rurgie und dem Berliner Start-Up cpo GmbH wurde am Institut für Pathologie des Universitätsklinikums Magdeburg für Patienten mit fortgeschrittenem Kolonkarzinom ein Algorithmus entwickelt, bei dem zusätzlich zur klinischen Routine frisches Tumorgewebe während des Schnellschnitts in einer speziell entwickelten Nährlösung asserviert wird. Das so asservierte Gewebe kann für bis zu 30 Stunden gelagert werden, bevor es im Zellkulturlabor für die Substanztestung aufgearbeitet wird. Dazu wird das Gewebe physiko-chemisch dissoziiert, in einer Stützmatrix eingebettet und bei 37° C inkubiert.

In der Regel wachsen die Patienten-abgeleiteten Organoide (PD3D) innerhalb von 14 Tagen so gut, dass mit den personalisierten Hochdurchsatz-Chemosensitivitätstestungen begonnen werden kann. Dazu werden die PD3D-Organoide vereinzelt und in 384-well Platten ausgesät, bevor sie mit ansteigenden Konzentrationen der zu testenden Therapeutika und Inhibitoren inkubiert werden. Nach 4 Tagen erfolgt die Messung der Viabilität der Zellen und die Berechnung der halb-lethalen Konzentration (IC50). Der IC50-Wert wird mit dem maximal möglichen Plasmaspiegel (cmaxplasma) der betreffenden Substanz als Referenz verglichen. Liegt der IC50-Wert über dem cmaxplasma, ist es äußerst wahrscheinlich, dass die entsprechende Substanz nicht im Patienten wirken wird.

In einer 2018 veröffentlichten co-klinischen Studie wurde die korrekt negative Wirkung von Therapeutika im fortgeschrittenen Kolonkarzinom zu 100 % richtig vorhergesagt (Vecchione et al.). Zusätzlich zu den Substanztestungen wird am Institut für Pathologie eine Sequenzierung ausgewählter Kolonkarzinom-assoziierter Gene im Donortumor und abgeleiteten PD3D-Modell durchgeführt. Diese dient der Modellvalidierung und einer zusätzlichen Konkulsivitätsprüfung. Die Daten aus Sequenzierung und Substanztestung werden dann in der Tumorkonferenz vorgestellt und interdisziplinär diskutiert.


Ergebnisse


Patienten-spezifische Sensitivitätstestungen

In einer internationalen Pilotstudie (Schuette et al.) wurde die Sensitivität von 94 Patienten-abgeleiteten 3D (PD3D) Kolonkarzinom-Modellen gegenüber 16 Substanzen, inkl. Chemotherapeutika sowie gerichteten Signalweg-Inhibitoren getestet. Dabei wurde eine starke Korrelation für sämtliche Substanzen in allen Organoidmodellen beobachtet. In Anlehnung an die RECIST-Kriterien wurden für die IC50 Werte vier Response-Kategorien definiert: stark, mäßig, gering oder resistent. Dabei zeigten die PD3Ds eine breite Streuung von Empfindlichkeiten bezüglich der Behandlung mit verschiedenen Arzneimitteln. Systemische Chemotherapeutika erzielten allgemein nur schlechte Reaktionen, insbesondere Oxaliplatin stellte sich in Monotherapie erwartungsgemäß als ineffektiv heraus.

Die Sensitivität gegenüber Irinotecan war, wie bereits von anderen Gruppen gezeigt, marginal. Multikinase Inhibitoren (MKI) führten – ebenfalls in Monotherapie – zu nur geringfügiger Reduktion der Zellvitalität. Vandetanib, das sowohl gegen VEGFR als auch EGFR gerichtet ist, war der potenteste MKI. Responder gegenüber einer therapeutisch induzierten EGFR-Blockade stellten zumeist den KRAS/BRAF Wildtyp dar oder waren Träger von BRAF-G466V und zeigten eine reduzierte Kinaseaktivität. Die Behandlung mit MEK oder mTOR-Inhibitoren erzielte in einzelnen Modellen objektive Reaktionen. Funktionell wurden diese Befunde mittels zielgerichteter Proteomik (DigiWest) validiert. Die differenzielle Aktivierung tumorrelevanter Signalwege auf Ebene des (Phospho-)proteoms hilft funktionell zu erklären, weshalb bestimmte Zielstruktur-spezifische Therapievorschläge für die hier beschriebenen Fälle nicht haben wirken können, bzw. haben wirken müssen.

Basierend auf den Daten der Kohorte, wurde die Methodik bereits erfolgreich für individuelle Patienten angewendet: Bei einer jungen Patientin mit kolorektalem Karzinom und Lebermetastasen wurden aus 5 unterschiedlichen, jedoch synchron entnommenen Tumorregionen parallel PD3D-Modelle zur Chemosensitivitätstestung etabliert. Obwohl die Mutationsmuster denen anderer Tumoren in der Tumorbank ähnlich waren, zeigen alle Modelle klar unterscheidbare Sensitivitätsprofile. Diese unterscheiden sich im gleichen Tumor um das bis zu 30-Fache zwischen den Regionen. Die Relevanz dieser Ergebnisse zeigt die Validierung im Tiermodell, wobei die vorgeschlagenen, zielgerichteten Substanzen bessere und nachhaltigere Therapieerfolge zeigten als standard-of-care Chemotherapien.


Diskussion

Obwohl die Anwendung von funktionellen Sensitivitätstestungen in der Onkologie noch in ihren Kinderschuhen steckt, wurde Notwendigkeit und Machbarkeit einer Kliniknahen Analyse der Kombination von genomischen Daten mit den Sensitivitätsdaten von patientspezifischen In-vitro-Modellen einer lebenden Biobank gezeigt. Diese Plattform hat das Potenzial effektive Therapien für Patienten zu identifizieren, die nach heutigen Standards austherapiert sind und könnte als Matrize für zukünftige klinische Studien dienen.

Eine Schlüsselfrage bei der Evaluierung des klinischen Potenzials präklinischer Modelle hängt von deren Fähigkeit ab, die komplexen molekularen und biologischen Charakteristika des Donor-Tumors abzubilden. Die Autoren zeigten, dass die abgeleiteten Modelle die genetische Landschaft der Spendertumoren rekapitulieren und entdeckten klonale Unstimmigkeiten, der Intratumorheterogenität (ITH) zugeschrieben werden können. Ein Umstand, der zeigt, wie wichtig eine zuverlässige Begutachtung durch den Pathologen ist, um repräsentative Modelle etablieren zu können. Diese Frage muss in CRC-personalisierten Settings berücksichtigt werden und erfordert idealerweise die Etablierung multipler ITH-rekapitulierender Modelle, die das 1 x 1 x 1 Schema in Frage stellen. Genomweite Transkriptom-Muster zeigen, dass wichtige zelluläre Signalwege sowohl in vitro, wie in vivo konserviert sind. Wobei diese Aussage Modell-inhärent nur bedingt auf das immune und stromale Umfeld zutreffend ist. Für die klinische Bewertung der In-vitro-Effektivität einzelner Substanzen auf das individuelle PD3D-Modell wurden die maximalen Plasmaspiegel als Grenzwert gesetzt. Die Autoren demonstrieren in dieser Studie die hohe Leistungsfähigkeit der integrativen Analyse zum Erfassen der Komplexität der CRC-Biologie. Das Verständnis des molekularen Aufbaus eines individuellen Tumors und Modells ist ein Paradigma, das mit einer wachsenden Verfügbarkeit von kostengünstigen Sequenzierungsmethoden und der Verfügbarkeit von leistungsfähigen Analysewerkzeugen zukünftig immer leichter durchzuführen ist.

Technische und klinische Herausforderungen der Sensitivitätstestungen

Obwohl die Protokolle für ausgewählte Tumorentitäten (Kolonkarzinom, Mamakarzinom) bereits sehr gut etabliert sind und in bis zu 80 % der Fälle eine individualisierte Substanztestung in einem klinisch relevanten Zeitraum erlauben, müssen die Zellkulturmethoden für andere Tumorindikationen noch verbessert werden, bevor sie Einzug in die Tumorkonferenzen halten. Der limitierende Faktor für alle anzulegenden Modelle ist die Verfügbarkeit und Qualität der Tumorresektate, aus dem die PD3D-Modelle angelegt werden sollen. Neben dem Volumen des Gewebestückchens (min. 3 x 3 x 3mm) spielen Viabilität der Zellen, KI-67 Proliferationsindex und Apoptose bzw. Nekrose eine definierende Rolle.

Ein weiterer kritischer Faktor für die klinische Verfügbarkeit dieser Plattform ist die Zeit, die von der Etablierung der Zellkulturen bis zum Vorliegen der Ergebnisse vergeht. Obwohl die Protokolle darauf ausgelegt sind, diese Zeit zu verkürzen, ist nicht immer eine Substanztestung innerhalb von wenigen Wochen durchzuführen. Um die Identifikation klinisch nutzbarer Substanzen zu maximieren, wurden von mehr als 80 Patienten mit kolorektalem Karzinom 3D-In-vitro-Modelle etabliert und im PDX-Modell validiert. Die Validierung im Tiermodell bietet zusätzliche Möglichkeiten, um die Effektivität und potenzielle Toxizität von bisher nicht gebräuchlichen Substanzkombinationen im Säugetier zu testen.

Diese wichtigen präklinischen Daten fließen dann in zukünftige Screenings im Vergleich zur Standardtherapie mit in die Entscheidungsfindung ein.


Ausblick

Die Autoren hoffen, im Rahmen des hier vorgestellten Projekts zielgerichtete Wirkstoffe (einzeln oder in Kombination) für den individuellen Patienten zu identifizieren und die Behandlungssituation entscheidend zu verbessern.

Insbesondere die Möglichkeit des „Reverse Clinical Engineering“, also mehrere Regionen desselben Tumors funktionell untersuchen zu können, hilft, zukünftig bereits in der Erst- oder Zweitlinientherapie auf eine systemische Therapie verzichten zu können und stattdessen die Tumorlast mit der Hilfe von Kombinationen zielgerichteter Substanzen signifikant und nachhaltig senken zu können.

Dabei wird die Plattform kontinuierlich ausgebaut und zeitnah weitere Entitäten (u. a. Mamakarzinom, Lungenkarzinom) umfassen. Darüber hinaus werden zur Zeit Co-Kultur- Modelle mit Patienten-spezifischen T-Zellen getestet, die dann auch eine Vorhersage über aktuelle immunonkologische Therapien erlauben. Im Rahmen einer prospektiven Studie werden die hier beschriebenen Methoden nicht nur auf eine Probe pro Tumor angewendet, sondern systematisch auf bis zu fünf Regionen unterschiedlicher Lokalität innerhalb des Tumors erweitert. Damit wird der Intra-Tumorheterogenität, also der Vielfalt der nebeneinander existierenden Zellklone in einem Neoplasma Rechnung getragen.

Abb. 3: Erweiterung der heutigen Tumorpathologie am Universiätsklinikum Magdeburg um komplexe Ex-vitro-Modelle. Im Rahmen von Tumorbiopsien bzw. Resektionen werden, wenn möglich, Patiententumor-spezifische 3D-Zellkulturen (PD3D) sowie Tiermodelle (PDX) angelegt. Dieses zusätzliche Material bildet die Grundlage für eine „lebende Biobank“, die der Grundlagen- bzw. translationalen Forschung zur Verfügung steht. Ferner dienen die Modelle der individualisierten Chemosensitivitätstestung und in Kombination mit Genomik und Proteomik der Komplementierung der pathologischen Befundung, sodass diese Daten bei Patienten in fortgeschrittenen Krankheitsverläufen im Rahmen von interdisziplinären molekularen Tumorkonferenzen diskutiert werden können. (Foto: SciStyle/cpo)
Abb. 3: Erweiterung der heutigen Tumorpathologie am Universiätsklinikum Magdeburg um komplexe Ex-vitro-Modelle. Im Rahmen von Tumorbiopsien bzw. Resektionen werden, wenn möglich, Patiententumor-spezifische 3D-Zellkulturen (PD3D) sowie Tiermodelle (PDX) angelegt. Dieses zusätzliche Material bildet die Grundlage für eine „lebende Biobank“, die der Grundlagen- bzw. translationalen Forschung zur Verfügung steht. Ferner dienen die Modelle der individualisierten Chemosensitivitätstestung und in Kombination mit Genomik und Proteomik der Komplementierung der pathologischen Befundung, sodass diese Daten bei Patienten in fortgeschrittenen Krankheitsverläufen im Rahmen von interdisziplinären molekularen Tumorkonferenzen diskutiert werden können. (Foto: SciStyle/cpo)


Zusammenfassung


Für Patienten mit fortgeschrittenen Kolonkarzinomen, die bisher nicht von einer Leitlinien-konformen Therapie profitiert haben, wurde eine Plattform für Hochdurchsatz-Sensitivitätstestungen an Patienten-abgeleiteten 3D-Zellkulturmodellen etabliert (Abbildung 3).

Durch die Integration von Patienten-spezifischen Chemosensitivitätstestungen an PD3D-Zellkulturmodellen ist das Institut für Pathologie in der Lage, für Patienten mit fortgeschrittenem Kolonkarzinom:

  • die Antwort individueller Tumore auf spezifische Substanzen zu vergleichen und indiviualisierte Empfehlungen auszu­sprechen, die bei der Therapieentscheidung helfen sollen;
  • einzuschätzen, wie der individuelle Tumor unter Therapie adaptiert und mit Tumorrezidiven gerechnet werden muss;
  • vorherzusagen, welche Behandlung nach Ausschöpfen der Leitlinien-konformen Therapie zielführend sein kann;
  • eine Datenbank aufzubauen, die Substanzsensitivität mit der Tumorgenomik in Bezug setzt, um so zukünftig auch potenzielle Therapien vorschlagen zu können, wenn ausschließlich genomische Daten vorliegen.

Zukünftige Weiterentwicklungen dieser Evidenz-basierten Strategie werden ständig verbesserte Modelle sowie die wachsende Integration systemmedizinischer Methoden sein, die es erlauben werden, die komplexe Tumorgenomik mit der therapeutischen Antwort des Tumormodells zu korrelieren und so eine Plattform für die Evidenz-basierte Onkologie bereitzustellen.


Korrespondenzanschrift:

Universitätsklinikum Magdeburg
Dr. Christian RA Regenbrecht
Institut für Pathologie
Leipziger Str. 44 (Haus 28)
39120 Magdeburg


Literatur

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