Typische Verletzungsmuster im Leistungssport und deren bildgebende Diagnostik

Dr. Richard Brill
Dr. Richard Brill (Foto: privat)

Dr. Richard Brill 1, apl. Prof. Dr. Klaus Bohndorf 1, Prof. Dr. Karl-Stefan Delank 2, apl. Prof. Dr. phil. René Schwesig 3,
Prof. Dr. Dr. Walter A. Wohlgemuth 1

1  Universitätsklinik und Poliklinik für Radiologie, Universitätsklinikum Halle (Saale)
2  Department für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Universitätsklinikum Halle (Saale)
3  Department für Orthopädie, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Labor für Experimentelle Orthopädie und Sportmedizin, Universitätsklinikum Halle (Saale)

Einleitung


Akute Sportverletzungen können gerade im Profi-Sport Athleten vor existenzielle Herausforderungen stellen, da sie nicht nur die körperliche Integrität bedrohen, sondern auch die berufliche Basis in Frage stellen können. Die Mannschaft und die Trainer sind ebenso involviert. Entsprechend ist eine schnelle und genaue Diagnose, fußend auf der klinischen Untersuchung und fachgerechter radiologischer Bildgebung, Grundlage für eine adäquate Therapie.

Ausmaß und Ort der Verletzung zeigen typische Muster, die sich von anderen Traumata  unterscheiden können. Die genaue Beurteilung des Verletzungsausmaßes bestimmt jedoch nicht nur die akute Therapie, sondern gibt auch Hinweise für den notwendigen Rehabilitationsprozess und hat das Ziel der Verkürzung der Zeit bis zur Wiedererlangung der Leistungsfähigkeit, der „time-to-competition“ (Guermazi 2017). Sportverletzungen sind dabei gegenüber z. B. anderen Verletzungen nicht prioritär zu diagnostizieren, sondern eben spezifisch.

Der folgende Artikel gibt zunächst eine Übersicht über die bildgebenden Verfahren, an deren erster Stelle die Magnetresonanztomographie (MRT) steht, und bespricht dann einige typische Verletzungsmuster im Leistungssport und deren bildgebende Diagnostik.


Radiologische Diagnostik von akuten Sportverletzungen


Bei akuten Sportverletzungen wird die radiologische Diagnostik in Abhängigkeit von der Fragestellung durch folgende Modalitäten erfolgen:

  1. Konventionelles Röntgenbild
  2. Computertomographie
  3. Ultraschall
  4. Magnetresonanztomographie


Das konventionelle Röntgenbild liefert primär nur Aussagen bezüglich der knöchernen Struktur und zum Frakturausschluss, es wird daher meist vor allem bei schweren Verletzungen mit Frakturverdacht primär eingesetzt. Weichteile können hier nur sehr bedingt beurteilt werden und liefern nur indirekte Hinweise auf Verletzungen (Schwellung, Erguss). Bei der Computertomographie wird dagegen ein dreidimensionales Volumen (Scanvolumen) mit einer sehr guten Kontrast- und Ortsauflösung für knöcherne Strukturen und einer mäßigen, jedoch gegenüber dem konventionellen Röntgenbild deutlich erhöhten Weichteilauflösung erfasst. Der Datensatz erlaubt triplanare Rekonstruktionen in allen Schnittebenen und ist damit das Standardverfahren, um komplexe Frakturen darzustellen bzw. Frakturausläufer genau zu detektieren. Ebenso können in der CT Infraktionen und Avulsionen dargestellt und auch dislozierte Knochenfragmente genau analysiert werden. Die CT ist auch heute noch die Standardmodalität, um bei der Beurteilung des Röntgenbilds eine Fraktur auszuschließen. Die MRT ist zwar bei dieser Frage sensitiver, allerdings weniger spezifisch.  Knochenmarködeme und der Gelenksknorpel sind mittels CT nicht beurteilbar. Weichteilverletzungen können in der CT nur bedingt beurteilt werden. Besser als im konventionellen Röntgenbild sieht man die Weichteile direkt und kann Muskulatur, Fettgewebe und teilweise auch Hämatome unterscheiden. Gibt man zusätzlich iodhaltiges Kontrastmittel, können auch die Durchblutung (CT-Perfusion) und Gefäße direkt (CT-Angiographie) darstellt werden. Für die Diagnose von begleitenden Gefäßverletzungen (z. B. traumatische Gefäßdissektionen) ist dies essentiell.

Der Ultraschall mit B-Mode (brightness Modulation) mit klassischem („schwarz-weiß“) Bild ist bereitflächig verfügbar, „kostengünstig“ (weil inadäquat bezahlt) und nebenwirkungsfrei. In Abhängigkeit von der Frequenz des erzeugten Ultraschallsignals gibt es unterschiedliche Schallköpfe (3 MHz – 20 MHz), die bei höherer Frequenz eine sehr hohe Ortsauflösung, jedoch eine geringere Eindringtiefe (Oberflächenschallkopf) aufweisen und bei niedrigerer Frequenz eine geringere Ortsauflösung bei höherer Eindringtiefe ermöglichen. Die Ultraschalluntersuchung erlaubt eine sehr gute Beurteilbarkeit insbesondere der oberflächlicher gelegenen Weichteile und kann so verschiedene Muskulatur-, Bänder- und Sehnenverletzungen differenzieren, je oberflächlicher desto aussagekräftiger. Die farbkodierte Duplexsonographie sowie die Kontrastmittelapplikation ermöglichen Aussagen über die Durchblutung. Mittels Elastographie kann zudem die Gewebetextur („Gewebehärte“) bestimmt werden, dies ist jedoch noch keine Routine.


MRT und Sportverletzungen

Die Magnetresonanztomographie ist die Methode der ersten Wahl für die dezidierte Untersuchung von Weichteilverletzungen im Sport. Die Methode erreicht die höchste Weichteilauflösung sowie die beste Sensitivität und Spezifität in der nicht-invasiven Diagnostik von Sportverletzungen, sofern man den Knochen selbst außer Acht lässt. Sie ist – entgegen landläufiger Meinung – in starkem Maße vom Untersucher, weniger vom Gerät, abhängig, da dieser eine Vielzahl von entscheidenden Messparametern, angepasst an die  Fragestellung, vor der Untersuchung festlegen muss (Spulenwahl, Ebenenwahl, Sequenzwahl, Sequenzdetails, Schichtdicke, Matrix u.v.m.). Der große Vorteil der MRT ist, dass praktisch die gesamte Anatomie gleichzeitig („in einem Rutsch“) gesehen und beurteilt werden kann: Der Knochen (Fraktur, Fissur, Avulsion), das Knochenmark (Knochenmarködem, Mikrofraktur), die Muskulatur (Ödem, Einblutung, Faserriss, Teilruptur, Ruptur), die Bänder/Sehnen (Ödem, Teilruptur, Ruptur) sowie der Gelenkknorpel. Die MRT liefert aber nicht nur „schöne“, aussagekräftige und häufig diagnostische Bilder. Diese Bilder können, nach entsprechender Speicherung und mit einfachen Viewern, von jedem und jederzeit eingesehen und (mit)beurteilt werden.


Akute Muskelverletzung

Die Muskelverletzung ist eine der häufigsten Verletzungen im Sport. Über 90 % der Verletzungen im Sport zeigen eine Muskelbeteiligung, z. B. eine Kontusion oder Muskelfaserrisse. Komplette Muskelabrisse sind hingegen selten (Järvinen 2005).

Der Ultraschall ist eine effektive, schnelle und einfache Methode, um Muskelverletzungen zu diagnostizieren (Smith 2009). Die Magnetresonanztomographie kann mit hoher Sensitivität auch kleine Muskelveränderungen detektieren und ist dem Ultraschall diesbezüglich überlegen. Dies gilt insbesondere bei tiefer liegenden Verletzungen, wie an den Ursprüngen der ischiokruralen Muskulatur Die MRT ist die Referenzmethode zur exakten Klassifizierung von Muskelverletzungen (Guermazi 2017).

Vor der MRT-Untersuchung sollte eine Markierung entlang des Schmerzmaximums auf die Haut aufgebracht werden. Der Untersuchungsbereich bzw. der Untersuchungsumfang bestimmt die Wahl und Anzahl der Oberflächenspulen. Als Protokoll eignen sich folgende Sequenzen (Wörtler 2014):
Basisprotokoll Muskelverletzung:

  1. Koronare (seltener sagittale) T1wSE-/TSE-Sequenz,
  2. Koronare (seltener sagittale) STIR-Sequenz oder intermediär gewichtete TSE-Sequenz (TE=35–50ms) mit Fettsättigung,
  3. Transversale STIR-Sequenz oder intermediär gewichtete TSE-Sequenzmit Fettsättigung,
  4. Transversale T2w TSE-Sequenz ohne Fettsättigung.


Muskelverletzungen können anhand des Entstehungsmechanismus in 2 Typen differenziert werden. Die direkte Muskelverletzung (Kontusion/Prellung) durch äußere Gewalteinwirkung und die indirekte Muskelverletzung (Zerrung bis Muskelrisse) durch akute oder chronische  Überbelastung unterschiedlichen Ausmaßes. Die indirekte Muskelverletzung ist dabei weitaus häufiger als die direkte (Kieb 2010).

Abb. 1: Akuter Muskelfaserbündelriss (Pfeil) in der koronaren, T2-gewichteten, fettgesättigten MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)
Abb. 1: Akuter Muskelfaserbündelriss (Pfeil) in der koronaren, T2-gewichteten, fettgesättigten MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)

Die direkte Muskelverletzung (Kontusion) wird im deutschen Sprachgebrauch auch als Prellung bezeichnet, medizinisch als Muskelkontusion, mit steigender Verletzungsschwere beginnend bei einem Muskelödem bis hin zu einer umschriebenen Einblutung. Ihre Lage ist oft mit einem umgebenden Ödem in den Weichteilen assoziiert und ihre Lokalisation abhängig von der Sportart (Abb. 1). Im Fußball ist vorwiegend der Quadrizepsmuskel bzw. Muskelbauch betroffen, insbesondere in den medialen, ventralen und lateralen Anteilen (Ryan 1991). Dabei kann der angespannte Muskel mehr Energie aufnehmen bei direkten Anpralltraumen als der entspannte Muskel (Crisco 1996).

Die indirekte Muskelverletzung (Zerrung bis Muskelrisse) entsteht durch ein Missverhältnis von Anspannung und Überdehnung, oft bei exzentrischer Überbeanspruchung. Die Folge sind Scherkräfte, die zu Strukturdefekten führen (Exeter D 2010). Der myotendinöse Übergang bzw. myotendinous junction (MTJ) ist hierbei am häufigsten betroffen (Lee 2012).

Die mit am häufigsten betroffenen Muskeln haben die anatomische Gemeinsamkeit, dass sie zwei Gelenke überspannen und einen hohen Anteil an schnellen Fasern (Typ II) aufweisen (Ekstrand 2011). Darunter fallen folgende Muskelgruppen:

  • Ischiokrurale Muskulatur, hier besonders der Biceps femoris,
  • Wade/Gastrocnemius und Soleus, hier besonders der mediale Gastrocnemiuskopf,
  • Adduktoren, hier besonders der Adductor longus.


Wir orientieren uns bei der Beurteilung von Muskelverletzungen an der Einteilung in 4 Schweregrade durch Müller-Wohlfahrt et al. (2010 und 2013):

  1. Schmerzhafte Muskelverhärtung: Im MRT ausschließlich Muskelödem, keine rupturierte Struktur darstellbar
  2. Sog. „Muskelzerrung“: Alle darstellbaren Fasern, nach einer groben Regel sind es Sekundärbündel mit einem Durchmesser bis 5 mm, sind in ihrem Verlauf ohne Kontinuitätstrennung abgrenzbar. Es liegt ein kräftiges Ödem vor, was zu dem Bild einer „Fiederung“ führt. Ein intramuskuläres Hämatom findet sich nicht.
  3. Muskelfaserriss: Bei Typ-3a-Verletzungen liegt eine Dyskontinuität nur weniger Fasern vor (<= 5 mm Querausdehnung). Bei Typ 3b übersteigt die Querausdehnung 5 mm. Ein Hämatom hat sich in der Rissstelle gebildet.
  4. Komplette Ruptur bzw. sehniger Muskelausriss.


Finden sich in der Muskulatur ausschließlich Ödeme, so ist differentialdiagnostisch zu bedenken, dass direkt nach einer Belastung kurzfristig ödematöse Signalveränderungen beobachtet werden können. Der sog „Muskelkater“ ist Stunden und Tage nach einer starken Belastung in gleicher Weise sichtbar (Fischer 2014).


Akute Verletzungen am Kniegelenk

Röntgen und CT sind weiterhin der Standard in der akuten Traumadiagnostik: Frakturen, Fragmentstellung und Avulsionen sind auf diese Weise exzellent zu beurteilen.

Sonografie: „Erguss oder nicht?“ ist die am häufigsten gestellte Frage an die Sonographie des Kniegelenks, die auch exzellent beantwortet werden kann. Sie wird zudem immer mehr als Diagnostikum der ersten Wahl bei Verdacht oder zum Ausschluss von Verletzungen der Quadrizepsmuskulatur und deren Sehne eingesetzt. Dies gilt auch für Verletzungen und Tendinopathien der Patellarsehne. Bei komplexeren Verletzungen der anderweitigen periartikulär ansetzenden oder entspringenden Muskulatur ist die MRT vorzuziehen. Periartikuläre Raumforderungen oder auch flüssigkeitsgefüllte Strukturen (Bursen, Ganglien) sind eine Domäne der Sonographie, oft als Ersatz zur MRT.

Die MRT wird bei folgenden Fragestellungen nach akutem Trauma eingesetzt:

  • Meniskusschäden (degenerativ versus akut-traumatisch)
  • Knorpelschäden (osteochondrale akute Gelenkflächenveränderungen versus degenerative fokale und diffuse Chondropathie)
  • Bandrisse (Kreuz- und Kollateralbänder)
  • Veränderungen der Kapsel und kapselverstärkender Bänder der sog. „posterolateralen“ und „posteromedialen“ Ecke
  • Knöcherne Strukturen (Stress- und Insuffizienzfrakturen oder anderweitig okkulte Frakturen, traumatische Knochenkontusion)


Die Vorteile der MRT gerade bei der Akutdiagnostik am Kniegelenk liegen in der Gesamtbeurteilung des Gelenkes in Ergänzung und Erweiterung der klinischen Funktionsdiagnostik.

Der häufige Riss des vorderen Kreuzbandes ist als Kontinuitätstrennung oder einer Dislokation der Bandstümpfe offensichtlich. In Zweifelsfällen dominieren nur eine massive Signalerhöhung und Verdickung. Dann helfen indirekte Zeichen wie Knochenmarködeme an bestimmten Lokalisationen, verstärkt buckeliger Verlauf des hinteren Kreuzbandes, die anteriore Subluxation der Tibia über 7 mm gegenüber der Kontur des lateralen Femurkondylus, die Sensitivität zu erhöhen. Ein Kreuzbandriss kommt jedoch nur in Ausnahmefällen alleine vor. Meniskusrisse, Risse der Kollateralbänder und Verletzungen der Strukturen der posterolateralen Ecke sind in gleicher Sitzung mit zu detektieren.


Akute Verletzungen am oberen Sprunggelenk, Außenbänder und Syndesmose

Die Verletzung des Sprunggelenks ist mit eine der häufigsten Verletzungen im Sport (Van Dijk 1996; Hertel 2002; Best et al. 2016). Sie nehmen insbesondere im Teamsport eine exponierte Stellung ein (Abb. 2).

Abb. 2:  Prozentualer Anteil der Sprunggelenksverletzungen in ausgewählten Teamsportarten (Quelle: VBG Sportreport 2017, Saison 2015/2016, 1./2. Liga Männer, n ≈ 7.200 Verletzungen)
Abb. 2: Prozentualer Anteil der Sprunggelenksverletzungen in ausgewählten Teamsportarten (Quelle: VBG Sportreport 2017, Saison 2015/2016, 1./2. Liga Männer, n ≈ 7.200 Verletzungen)

 
Ca. 70 bis 80 % der Sportler verletzen sich nach einer primären Sprunggelenksverletzung erneut am Sprunggelenk (Clanton et al. 2012; Hertel et al. 2002). Am häufigsten ist der laterale Bandapparat betroffen (Hertel 2002; Best et al. 2016). Etwa zwei Drittel der Sprunggelenksverletzungen werden in der Literatur als Distorsionen klassifiziert (Clanton et al. 2012; Walls et al. 2016).

Die das Sprunggelenk stabilisierenden Bänder sind die Syndesmose als Bandverbindung zwischen Tibia und Fibula, der Außenbandkomplex, bestehend aus den drei Außenbändern (ATFL = Anterior Talo Fibular Ligament, CFL = Calcaneo Fibular Ligament, PTFL = Posterior Talo Fibular ligament) und der Innenbandkomplex (Lig. deltoideum) mit seinen tiefen und oberflächlichen Anteilen.

Eine einfache Distorsion des oberen Sprunggelenks wird in der Routine mit einer klinischen Untersuchung und ggf. einem konventionellen Röntgenbild zum Frakturausschluss klinisch diagnostiziert (Van Dijk 1996). Das MRT wird in der Routine bisher noch nicht als Diagnostik der ersten Wahl angewandt, lediglich bei Spitzensportlern und bei chronischer Instabilität besitzt das MRT einen festen Stellenwert (Kerkhoffs 2012). Eine Verletzung der Syndesmose kann mit dem konventionellen Röntgenbild nicht detektiert werden. Das MRT kann im Gegensatz zum Röntgenbild die Syndesmose dagegen effektiv und sicher beurteilen. Ebenso können die Innen- und Außenbänder sicher visualisiert und eine Verletzung exakt dargestellt werden.

Der Verletzungsmechanismus, der zur Ruptur der Außenbänder führt, ist Supination, kombiniert mit Innenrotation und Inversion. Die typische Abfolge des Verletzungsmechanismus ist von vorne nach hinten, d. h. erst ATFL, dann CFL, zuletzt folgt das PTFL. Das vordere Außenband (ATFL) zeigt unter Belastung die geringste Reißfestigkeit aller Außenbänder (Renstrom 1988) und ist das am häufigsten rupturierte Außenband (Abb. 3). Das mittlere Außenband (CFL) ist das am zweithäufigsten rupturierte Außenband. Das PTFL ist das am seltensten rupturierte Außenband und ist nur bei massiven Traumen (Safran 1999) beteiligt. In Zahlen ausgedrückt, rupturiert das ATFL bis zu 85 %, das CFL zwischen 50 %-75 % und das PTFL weniger als 10 % (Roemer 2014). Zusätzlich zu den Verletzungen des Außenbandkomplexes kommt es zur begleitenden Verletzung der Syndesmose zwischen 1 %-18 % (McCollum 2013).

Abb. 3: Ruptur (Pfeil) des anterioren talofibularen Ligaments (ATFL) in der transversalen protonendichtegewichteten, fettgesättigten MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)
Abb. 3: Ruptur (Pfeil) des anterioren talofibularen Ligaments (ATFL) in der transversalen protonendichtegewichteten, fettgesättigten MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)

In der bisher größten Studie von Sportlern (Roemer 2014) mit Sprunggelenksdistorsion zeigte sich eine Ruptur der Außenbänder bis zu 56 % ohne Verletzung der Syndesmose. Eine Verletzung der Syndesmose bestand bis zu 20 % mit oder ohne Verletzung der Außenbänder. Die am häufigsten detektierte Begleitverletzung mit 44 % waren bone bruises, besonders im lateralen Talus (Talusschulter). Ein „bone bruise“ ist eine subchondrale Knochenkontusion, also ein subchondrales Knochenmarködem bei Krafteinwirkung auf den subchondralen Knochen (Bohndorf 2001). Diese Knochenmarksödeme sind über eine längere Zeitspanne nach Verletzung bzw. im Verlauf nachweisbar und ergeben sich in 39 % in den ersten 3 Wochen, in 44 % nach 4-12 Wochen und in 25 % nach 12 Wochen (Labovitz 1998). Die Langzeitprognose eines Bone bruise am Sprunggelenk ist jedoch gut, es normalisiert sich 6–12 Monate nach dem Trauma (Sijbrandij 2000). Subchondraler Knochen ist dabei reich an Nervenfasern. Diese Tatsache führt bei Verletzungen zu Schmerzen im Knochen, diese Heilung kann bis zu 1 Jahr dauern (Zanetti 1997).

Knorpelverletzungen sind zu einem hohen Prozentsatz (66-90 %) mit Außenbandverletzungen kombiniert, aber nicht alle Knorpelverletzungen sind mit einem Bone bruise assoziiert (Van Dijk 1996). Osteochondrale Defekte am Sprunggelenk können folgenlos ausheilen oder teilweise in eine chronische subchondrale Zyste übergehen. Die Entwicklung eines symptomatischen Defekts hat viele Ursachen. Die entscheidende Rolle hierbei spielt die insuffiziente Heilung der subchondralen Grenzlamelle (Van Dijk 2010).

Eine typische Einteilung der akuten Sprunggelenksverletzungen, basierend auf Bildgebung und Unfallmechanismus, ist der Literatur zu entnehmen (Brill 2016). Diese Übersichten geben ebenso Aufschluss über die Differentialdiagnosen der Taluskantenverletzung und chronische Folgeschäden (alte Verletzung, Osteochondrosis dissecans und Pseudozysten).


Gelenkflächenpathologie

Die Osteochondrosis dissecans (OD, OCD) im engeren Sinne ist eine Ossifikationsstörung beim wachsenden Skelett und tritt deshalb nur bei Kindern auf. Es handelt sich um eine Wachstumsstörung des epiphysären Wachstumsknorpels mit der Folge eines chronischen Ossifikationsdefekts (Toth 2015).

Die Entwicklung einer Osteochondrosis dissecans verläuft in drei typischen Stadien:

  1. Osteochondrosis latens (lokale Knorpelnekrose des artikulären Epiphysenknorpels),
  2. Osteochondrosis manifesta (lokale Störung der enchondralen Ossifikation),
  3. Osteochondrosis dissecans (Dissekatbildung im Areal des nekrotischen Knorpels mit Ausbreitung und Defektentstehung am Gelenkknorpel).


Die Ätiologie der OD ist am Schwein belegt (Ytrehus 2007) und kann auf den Menschen übertragen werden. Mikrotraumen mit der Folge einer Durchblutungsstörung wird hierbei eine führende Rolle zugeschrieben (Taranow 1999).

Makrotraumen der Gelenkfläche beim Sportler sind als eigene Entität zu sehen und haben mit einer Osteochondrosis dissecans nichts zu tun. Die Klassifikation von Clanton (Clanton 1982) zeigt in den 5 Stadien (I–V) den klassischen Verlauf analog zur OD. Die Gabe von intravenösem Kontrastmittel kann zur Beurteilung der Vitalität des separierten Fragments eingesetzt werden, aber auch zur Bewertung der Grenzzone und zur Differenzierung, ob in der Grenzzone Flüssigkeit vorhanden ist (Bohndorf 2001).

Es gibt auch klinisch stumme Formen der OD, die im Erwachsenenalter symptomatisch werden, beim Sportler aufgrund einer chronischen repetitiven  Überbelastung (Abb. 4a und b). Aufgrund der Ätiologie der Erkrankung ist das OD-Areal zur Knorpeloberfläche konvex (Ytrehus 2007) und nicht wie ein Abscherfragment konfiguriert. Da es sich bei der OD auch um eine subchondrale Pathologie handelt, ist der darüber liegende Knorpel intakt und bricht erst im Stadium der beginnenden Separation auf. Sowohl die OD als auch das alte osteochondrale Fragment können sklerosieren, nekrotische Areale aufweisen und dislozieren. Die morphologische Differenzierbarkeit ist dann häufig nicht mehr gegeben.

Abb. 4a: Chronische repetitive Überlastungsverletzung (Pfeil) bei einem Spitzensportler, die anamnestisch bisher nicht symptomatisch zu sein schien. Koronare, protonendichtegewichtete MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv) Abb. 4b: Gleicher Patient, hier koronare, protonendichtegewichtete, fettgesättigte MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)
Abb. 4a: Chronische repetitive Überlastungsverletzung (Pfeil) bei einem Spitzensportler, die anamnestisch bisher nicht symptomatisch zu sein schien. Koronare, protonendichtegewichtete MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)
Abb. 4b: Gleicher Patient, hier koronare, protonendichtegewichtete, fettgesättigte MRT (Foto: Universitätsradiologie und Poliklinik für Radiologie, Halle PACS-Archiv)



Fazit


Zusammengefasst basiert die differenzierte Bildgebung akuter Sportverletzungen heute stark auf der Magnetresonanztomographie, die insbesondere die Weichteilverletzungen in Ausdehnung, Lokalisation und Klassifikation am genauesten zu beurteilen vermag.

Frühzeitig eingesetzt, leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Einleitung einer differenzierten Therapie der spezifischen Verletzungen bei allen Arten von Sportverletzungen im Hobby- wie im Profibereich.

Korrespondenzanschrift:
Prof. Dr. Dr. Walter A. Wohlgemuth
Universitätsklinikum Halle (Saale)
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