Dr. med. Dr. med. dent.  Christian Zahl
Dr. med. Dr. med. dent. Christian Zahl (Foto: Autor)

Fachspezifisches klinisches Statement

Zahl, C.;Stanarius, T.; Lehmann, A.; Meyer, F.*
 Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie; Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.; Magdeburg
* Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie, Universitätsklinikum Magdeburg A.ö.R.; Magdeburg

SARS-CoV-2 wird nach aktuellen Erkenntnissen hauptsächlich durch Aerosole der Atemtröpfchen übertragen, die von infizierten Personen ausgeatmet werden. Die Viruslast wird im Rahmen des Testabstrichs primär in der Nasenhöhle, dem Nasopharynx und im Oropharynx nachgewiesen. Die von dort stammenden Trägeraerosole verbreiten das Virus. Auch bei asymptomatischen Personen können Aerosole beim Atmen, Sprechen und Singen produziert werden und gelten daher als signifikante Treiber für die Verbreitung von SARS-CoV-2.

Die Anflugkontamination mit SARS-CoV-2 ist anfällig gegen verschiedene gängige Desinfektionsmittel (z. B. Alkohole), wodurch das lipoproteinhaltige Virus-Core durch Denaturierung und Lipolyse zerstört wird. Im praktischen Klinikalltag nutzen wir diese Erkenntnis nicht nur bei der Haut- und Händedesinfektion, sondern auch bei der Reinigung von Oberflächen (sog. Flächendesinfektion) und Instrumenten.

In diesem Zusammenhang wurden Überlegungen angestellt, die Viruslast an den leicht zugängigen Nachweisorten des oberen Aerodigestivtraktes (Nasenhöhle, Nasopharynx und Oropharynx) durch die Anwendung antiseptischer Lösungen und Sprays zu untersuchen. Dieser praktisch relevante Ansatz hat das Ziel, die Anzahl der im Aerosol vorhandenen Viren zu senken.

In der aktuellen S1-Leitlinie der Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde e. V. (AWMF-Registernummer: 083-046) vom September 2020 wird im starken Konsens festgestellt, dass Mundspülungen, bzw. das Gurgeln mit Schleimhautantiseptika eine potenzielle Viruskonzentration im Rachen- und Mundraum sowie im daraus entstehenden Aerosol kurzfristig vermindern können (1).

Hier ist mit Bedacht auf die Wortwahl „potenziell“ zu verweisen. Die bisher publizierten Untersuchungsergebnisse bestätigen zwar die hypothetische Annahme, dass Mund- und Rachenspüllösungen in Kontakt mit dem Virus kommen, es fehlen aber praktische Anwendungsdaten am Patienten. Somit kann aufgrund fehlender, klinisch validierter Studien nicht von einer sicheren Reduktion von SARS-CoV-2 zum jetzigen Zeitpunkt ausgegangen werden.

Es bestehen berechtigte Hinweise darauf, dass zugelassene orale Antiseptika (Schleimhautantiseptika) eine begrenzte viruzide Wirkung haben könnten. Andererseits muss besonders bei einem progredienten Krankheitsverlauf der o. g. Denkansatz überdacht werden.

Zum Zeitpunkt der pulmonalen Affektion ist die Nachweisbarkeit im Nasen-Rachen-Raum und im Oropharynx nicht mehr sicher, wenn nicht sogar unmöglich. Dies konnten klinische Erfahrungen bestätigen. Dieser „shift of location“ bedeutet ohnehin, dass die Anwendung von oralen Antiseptika einzig in der initialen „nasooralen“ Krankheitsphase, welche oft asymptomatisch verläuft, denkbar wäre.
Die o. g. Schleimhautantiseptika werden auch in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, bzw. bei oralchirurgischen Eingriffen seit Jahren bzw. seit Jahrzehnten erfolgreich zur prätherapeutischen Senkung der oralen Erregerbelastung eingesetzt. Aktuell wird besonders die antivirale Wirkung von Povidone-Iod untersucht und eine vielversprechende Studie an der University of Ohio durchgeführt (8).

Es ist durchaus sinnvoll und empfehlenswert, entsprechend handelsübliche Präparate regelmäßig anzuwenden und somit eine zusätzliche adjuvante Möglichkeit zur Senkung der enoralen Viruslast, auch für SARS-CoV-2, zu erreichen.

Eine aktuelle Studie (Virucidal Efficacy of Different Oral Rinses Against Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2, The Journal of Infectious Disease, Volume 222, Issue 8, 15 October 2020, Pages 1289 – 1292) unterstützt ebenfalls diese Annahme (5).

Tab. 1: Empfehlenswerte gängige Mundspüllösungen
Tab. 1: Empfehlenswerte gängige Mundspüllösungen

 

Literatur:

  1. Herrera, D., et al., Is the oral cavity relevant in SARS-CoV-2 pandemic? Clin Oral Invest, 2020. 24(8): p. 2925-2930.
  2. Meng, L., F. Hua, and Z. Bian, Coronavirus Disease 2019 (COVID-19): Emerging and Future Challenges for Dental and Oral Medicine. J Res, 2020: p0022034520914246.
  3. Eggers, M., et al., In Vitro Bactericidal and Virucidal Efficacy of Povidone-Iodine Gargle/Mouthwash Against Respiratory and Oral Tract Pathogens. Infect Dis Ther, 2018. 7(2): p. 249-259.
  4. Kariwa, H., N.Fujii, and I. Takashima, Inactivation of SARS Coronavirus by Means of Povidone-Iodine, Physical Conditions and Chemical Reagents. Dermatology 2006. 212 (suppl 1): p. 119-123.
  5. Meister, T.L., et al., Virucidal Efficacy of Different Oral Rinses Against Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus 2. J Infect Dis, 2020. 222 (8): p. 1289-1292.
  6. Bernstein, D., et al., In vitro virucidal effectiveness of a 0,12%-chlorhexidine gluconate mouthrinse. J Dent Res, 1990. 69(3): p. 874-876.
  7. Park, J.B. and MN.-H. Park, Effect of chlorhexidine on the in vitro and in vivo herpes simplex virus infection. Oral Surgery, Oral Medicine, Oral Pathology, 1989. 67(2): p. 149-153.
  8. The Ohio State University College of Dentistry: Efficacy of Mouthwash in Reducing Salivary Carriage of COVID-19 Study. Director: David L Hall, DDS. 27.10.2020 - jetzt. https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04603794?term=oral+rinse&cond=Covid19&draw=2&rank=2#contacts
  9. Galván, M., et al., Periodontal effects of 0,25% sodium hypochlorite twice-weekly oral rinse. A pilot study. J Periodontal Res, 2014. 49(6): p. 696-702.
  10. Marui, V.C., et al., Efficacy of preprocedural mouthrinses in the reduction of microorganisms in aerosol: A sytematic review. J Am Dent Assoc, 2019. 150(12): p. 1015-1026.e1.
  11. Peng, X., et al., Transmission routes of 2019-nCoV and controls in dental practice Int J Oral Sci, 2020. 12(1): p. 9.

 


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