Heeß-Erler, G., Klement, A., Struck, H.G., Taube, K.M., Klöss, Th., Universitätsklinikum Halle(Saale)

Hintergrund

Durch demographischen Wandel, Verlust jüngerer Bevölkerungsanteile und soziale Veränderungen wird zukünftig in Sachsen-Anhalt die Morbiditätslast der Bevölkerung steigen. Trotz abnehmender Bevölkerungszahl ist daher mit einem steigenden Bedarf an ärztlicher Versorgung zu rechnen [1]. Gleichzeitig ist ein Mangel an ärztlichem Nachwuchs in vielen Fachgebieten und Regionen bereits über alle Versorgungssektoren hinweg feststellbar [2]. Daher ist es eine wichtige Aufgabe, junge Ärztinnen und Ärzte durch attraktive Weiterbildungsangebote für die Herausforderungen der Gesundheitsversorgung der Zukunft und Aufgaben in Forschung und Lehre zu qualifizieren und an das Land Sachsen-Anhalt zu binden.

Die bundesweite Evaluation der Weiterbildung hat neben einigem inhaltlichen Nachbesserungsbedarf auch gezeigt, dass nicht alle Weiterbildungsstätten wirklich weiterbilden. Von 40 039 Weiterbildungsbefugten (WBB) meldeten nur
17 392 auch mindestens einen Weiterzubildenden (WBA) [3]. Von insgesamt 484 WBB in Sachsen Anhalt sind 57 (12%) Angehörige des Universitätsklinikums Halle (UKH). Von den im Lande gemeldeten 1400 WBA absolvieren 327 (23%) junge Kolleginnen und Kollegen derzeit Ihre Weiterbildung im UKH. Vor dem Hintergrund eines Anteils des UKH von weniger als 5 % an allen Krankenhausbetten in Sachsen-Anhalt (1148 von 25400 laut Krankenhausplan des Landes) wird die weit überproportionale Beteiligung des UKH an der Zukunftssicherung ärztlicher Versorgung unseres Landes deutlich [4].

Um seiner Verantwortung als einem Zentrum der ärztlichen Weiterbildung in Sachsen-Anhalt gerecht zu werden, hat das UKH in den letzten beiden Jahren seine Anstrengungen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung intensiviert. Seitdem sind am UKH im Auftrag des Klinikumsvorstandes drei Weiterbildungskoordinatoren zur Steuerung dieser Prozesse für alle vorgehaltenen Fächer sowie für die Allgemeinmedizin tätig. Damit soll die flächendeckende Einführung und Stabilisierung einer strukturierten Weiterbildung am UKH unterstützt, die bisher bundesweit durch die Weiterzubildenden unterdurchschnittlich bewertete Vermittlung „wissenschaftlich begründeter Medizin“ gestärkt und die Situation in kritisierten Weiterbildungsgebieten kontinuierlich verbessert werden [3].

Dazu wurde 2010/11 für die durch fehlenden ärztlichen Nachwuchs besonders betroffenen theoretischen und klinisch-theoretischen Fächer (z.B. Anatomie, Biochemie, Pathologie) ein Konzept zur Schaffung kombinierter Weiterbildungscurricula erarbeitet und in die Praxis umgesetzt. Zur Förderung der Weiterbildung in Gebieten der klinischen Medizin, insbesondere in den „common-trunk“-Fächern (Innere Medizin, chirurgisches Fachgebiet), sowie der Allgemeinmedizin wurden im gleichen Zeitraum alle klinischen Einrichtungen des Universitätsklinikums Halle in den Koordinations- und Entwicklungsprozess einbezogen. Zeitgleich erfolgte eine qualitative Evaluation der fachspezifischen Weiterbildungsstrukturmerkmale am UKH aus Sicht von Befugten und Ärzten in Weiterbildung mit dem Ziel der Beförderung der „Weiterbildungskultur“ [5].

Weiterbildungsförderung klinisch-theoretische Fächer

Wie im Masterplan für das UKH 2009 beschlossen und von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften schon 2005 gefordert, soll die Weiterbildung von Ärzten in den theoretischen und klinisch-theoretischen Fächern attraktiver gestaltet werden [6]. Deshalb wurden sechs zusätzliche Weiterbildungsstellen für Ärzte in diesen Fachgebieten zunächst jeweils über einen Zeitraum von zwei Jahren geschaffen. Es sind fächerübergreifende, individuelle Weiterbildungsabläufe vorgesehen. Hierzu können die einzelnen Gebiete den Schwerpunkten „Forschung“,„Infektion“ und „Morphologie“ zugeordnet werden, wobei sich der/die Bewerber/in gleich oder vor Ablauf der 2 Jahre für eines der theoretischen oder klinisch-theoretischen Fächer entscheiden kann.
Durch ein wiederkehrendes Audit auf Ebene der WBB und WBA wird die Prozessqualität überprüft und Defizite von den Weiterbildungskoordinatoren mit den entsprechenden Einrichtungen analysiert und Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Abläufe gemeinsam festgelegt.

Weiterbildungsförderung „common-trunk“-Fächer

Allen WBA wird eine Rotation durch andere Abteilungen oder Kliniken des UKH durch strukturierte Weiterbildungspläne in den „common-trunk“-Fächern angeboten. Die Rotationen erfolgen in sechsmonatigen Intervallen durch alle Abteilungen des Departements für Innere Medizin bzw. in den chirurgischen Kliniken nach dem Curriculum des jeweiligen Fachgebietes laut Weiterbildungsordnung. Individuelle Arbeitsvertrags- und Arbeitszeitregelungen sollen zur besseren Vereinbarkeit von Berufs- und Familienleben beitragen. Verlässliche Vertragslaufzeiten von initial 2 Jahren, mit Anschlussmöglichkeit bis zum Facharztabschluss sichern die längerfristigen beruflichen Perspektiven. Die budgetäre Führung der Weiterbildungsstellen erfolgt gemeinsam durch die vier Kliniken des Departements für Innere Medizin bzw. durch die gewählte chirurgische Klinik [5].

Weiterbildungsförderung Allgemeinmedizin

Seit dem 01.10.2009 fördert das UKH die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin mit anfänglich drei und seit 14.04.2011 mit sechs Rotationsstellen. Rotationsmöglichkeiten bestehen in den Kliniken der Inneren Medizin (Kardiologie/Angiologie, Gastroenterologie/Pneumologie, Nephrologie/Rheumatologie, Hämato-Onkologie) in der Pädiatrie, Psychiatrie/Psychosomatik, Orthopädie und Unfallchirurgie, HNO, Dermatologie und in der Zentralen Notaufnahme. Die Weiterbildungsabschnitte werden nach den Vorgaben der Weiterbildungsordnung von den WBA selbst frei gewählt und mit dem Weiterbildungskoordinator individuell vereinbart. Seit 2009 haben so insgesamt 15 WBA für Allgemeinmedizin am UKH durchschnittlich jeweils drei stationäre Weiterbildungsabschnitte absolviert. Dabei waren häufig gewählte Rotationen neben der Inneren Medizin die Pädiatrie und die Psychosomatik. Darüber hinaus beteiligt sich das UKH aktiv an Aufbau und Entwicklung der Verbundweiterbildung Allgemeinmedizin Halle/Saalekreis. Hier finden sich neben dem UKH sechs weitere Lehrkrankenhäuser der Region und 14 weiterbildungsbefugte Hausärzte in einer regionalen Arbeitsgruppe unter dem Dach der landesweiten Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin (KOSTA) zusammen. Regelmäßige AG-Treffen von WBB wie Klinikleitern und Praxisinhabern mit den WBA sichern sowohl den niedrigschwelligen Kontakt zwischen den Partnern ebenso wie die Kooperation über Fach- und Klinikgrenzen hinweg. Zusätzlich werden sechsmal jährlich fachspezifische Tutorien für WBA zur kontinuierlichen Vorbereitung auf die Facharztprüfung als Fortbildungsveranstaltungen von der Sektion Allgemeinmedizin der MLU angeboten. Aktuell befinden sich in allen Kliniken und Praxen des Verbundes 46 Ärzte in Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Die Verbundweiterbildung Halle/Saalekreis gehört damit zu den erfolgreichsten regionalen Weiterbildungsverbünden Deutschlands [7].

Weiterbildung ist gute Unternehmenskultur

Die Problematik, gut ausgebildetes bzw. qualifizierungswilliges ärztliches Personal zu finden, macht auch vor Universitätskliniken nicht halt. Das bedeutet für die Kliniken ein deutliches Umdenken bei der Anwerbung von Mitarbeitern. Prinzipiell sollte dem neuen Mitarbeiter signalisiert werden, warum gerade diese Stelle für ihn attraktiv ist. Zum anderen kann die Bindung von geeigneten Mitarbeitern nicht früh genug beginnen. Für Universitätskliniken beginnt dies im studentischen Bereich bereits mit attraktiven Angeboten in der Lehre bzw. praxisnahen Kursen und Seminaren. Frühzeitig können und sollen Plätze für Famulatur und Praktisches Jahr angeboten werden. Hier bilden sich bei potenziellen Mitarbeitern häufig schon Interessengebiete heraus, die nachfolgend dann zu engagierten Bewerbungen um Weiterbildungsstellen führen. So kann auch die Besetzung von Weiterbildungsstellen bzw. alternativen Rotationsstellen möglichst längerfristig geplant und damit die Bedarfstellung in Krankenversorgung, Forschung und Lehre abgesichert werden.

Das Stichwort „gute Unternehmenskultur“ wird für den wachsenden Gesundheitsmarkt eine zunehmende Rolle spielen. Nicht nur eine attraktive Vergütung, auch Anerkennung und Wertschätzung, Entwicklungs-, Einfluss- und Lernmöglichkeiten, gute soziale Beziehungen und Kommunikation am Arbeitsplatz sind essentielle Bausteine einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur. Für den längerfristigen Unternehmenserfolg spielen diese Faktoren eine zentrale Rolle.

Prinzipiell werden den an einer Mitarbeit am UKH interessierten Bewerbern mögliche Entwicklungschancen aufgezeigt und unter Berücksichtigung der persönlichen Lebensphasen bzw. –zyklen besprochen. Beispielsweise könnte prioritär eine Platzvergabe in der Kindertagesstätte des UKH ermöglicht und/oder eine stufenweise Wiedereinstiegsplanung nach Erziehungs- oder längerer Abwesenheitszeit angeboten werden. Sofern notwendig und gewünscht, wird der Mitarbeiter durch einen Mentor für eine definierte Zeitspanne begleitet.

Organisatorisch bedeutet dies für das Unternehmen zunächst einen erhöhten Aufwand beim Auswahlverfahren und bei der Entwicklungsplanung. Weiterhin muss der Weg des Mitarbeiters im Unternehmen begleitet werden, was auch häufigere Abstimmungsgespräche mit den weiterbildungsbefugten Klinikdirektoren bedeutet. Dies geschieht mittels schriftlicher Befragungen und begleitender Interviews durch die Weiterbildungskoordinatoren sowie deren persönliche Ansprechbarkeit für die Belange der WBA. Der von uns eingeschlagene Weg ist personell und zeitlich anspruchsvoll. Wir versprechen uns davon jedoch einen erheblichen Mehrwert durch vertieftes gegenseitiges Vertrauen, Zusammengehörigkeitsgefühl sowie erhöhter Mitwirkungsbereitschaft an der Weiterentwicklung der eigenen Arbeitsumgebung. Dies vermindert potenziell die Personalfluktuation, die an Universitätskliniken als Weiterbildungsstätte stark ausgeprägt ist. Vertiefte Bindung an das Universitätsklinikum sorgt für einen festen Personalstamm, der wiederum eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung sowie Aus- und Weiterbildung für zukünftige Absolventen erst möglich macht und gleichzeitig menschlich und fachlich überzeugende Vorbilder bietet [8].

Zusammenfassung

Das Universitätsklinikum Halle trägt erheblich zur Qualifizierung und Bindung des ärztlichen Nachwuchses in Sachsen-Anhalt bei. Das Beschreiten „neuer Wege“ zur Verbesserung der Weiterbildungsabläufe ist eine Herausforderung besonders für die Koordinatoren und Weiterbildungsbefugten, aber auch eine große Chance zur Entwicklung des Standortes. Es lohnt sich daher in die Förderung der Weiterbildung ärztlicher Mitarbeiter zu investieren - auch wenn dies gelegentlich auf innerbetriebliche Widerstände trifft. Der organisatorische und finanzielle Aufwand, den qualifizierte Weiterbildung erfordert, sollte in der öffentlichen Diskussion um Aufgaben und Kosten von Universitätsmedizin stärker berücksichtigt werden [9].

Literatur bei den Verfassern

Korrespondenzanschrift:
Weiterbildungskoordinatoren:
Prof. Dr. med. HG Struck (operative Fächer)
Prof. Dr. med. KM Taube (konservative Fächer)
Prof. Dr. med. A. Klement (Allgemeinmedizin)
Universitätsklinikum Halle(Saale)
Postfach
06097 Halle(Saale)