am 28. und 29.03.2014 in Wörlitz

Brennende gesundheitspolitische Themen prägten den Verlauf der diesjährigen, wie immer gut besuchten, Tagung am Rande des zum Frühling erwachenden Wörlitzer Parks.

„Mit der Landespolitik aktive Gestaltung der Pädiatrie in Sachsen-Anhalt“ lautete das Motto eines gesundheitspolitischen Frühschoppens in Dessau, von dem Dr. Uwe Mathony, Chefarzt der dortigen Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, zum Auftakt der Veranstaltung berichtete. Volksvertreter aller Fraktionen waren eingeladen. Leider kam nur der Mandatsträger der CDU/CSU. Trotzdem war der Frühschoppen nicht umsonst. Es konnten viele gesundheitspolitische Themen, die die stationäre und ambulante kinderärztliche Versorgung in unserem Flächenland Sachsen-Anhalt betreffen, angesprochen werden.

So ging es um den Sicherstellungszuschlag für Kinderkliniken, der eher als Versorgungszuschlag (s. u. Vortrag Scheel) bezeichnet werden sollte. Auch die Themen Spezialambulanzen und Zukunft der Kinderkrankenpflege konnten inhaltlich vorgetragen und diskutiert werden.

Hier gibt es großen Finanzierungsbedarf, insbesondere für den neonatologischen Intensivbereich. Offen blieb die immer wieder gestellte Frage, woher wir das Fachpersonal nehmen, welches infolge der Beschlüsse des gemeinsamen Bundesausschusses ab Januar 2017 notwendig sein wird.
Wir wissen schon heute, dass in den nächsten 10 – 15 Jahren in unserem Fachgebiet ein Fallzahlrückgang zu erwarten ist. Dies bedeutet die Schaffung neuer Strukturen in der stationären und ambulanten Versorgung. Sie sollte im Interesse der uns anvertrauten Patienten immer flächendeckend sein. Dies ist in der stationären Medizin z. Z. noch möglich. Im ambulanten Sektor zeigen sich bereits große Lücken. So sprach Herr Dr. Mathony den Wunsch aller Tagungsteilnehmer nach mehr gemeinsamen Veranstaltungen mit den Mandatsträgern unseres Bundeslandes aus.

Auf Bundesebene fortgeführt wurde die Thematik durch den Geschäftsführer der Gesellschaft der Kinderkrankenhäuser Deutschlands – GKinD, Jochen Scheel, mit seinem Vortrag „Perspektiven der stationären und ambulanten Versorgung“. Hier ging es um die Struktur der stationären Pädiatrie, ihre Leistungsfähigkeit im DRG-System, die tagesklinische Versorgung, Spezialambulanzen, Institutsambulanzen und um das Thema „Sozialpädiatrische Zentren“.

In Deutschland ist in den letzten 20 Jahren ein Rückgang der Fachabteilungen für Kinder- und Jugendmedizin um 17 % zu verzeichnen. (s. Tab.)

Durchschnittlich betrachtet verfügt in Deutschland eine Kinderklinik über 53 Betten, von denen 34 belegt sind. In den belegten Betten werden 2600 Fälle betreut. Weiter sprach Herr Scheel das spannende Thema Requirierung von Patienten für die Kinderklinik an. Dabei kommt er zu dem Resümee, dass für die Kinder- und Jugendmedizin eigentlich kein Potenzial mehr zur Gewinnung von Patienten vorhanden ist. Anders sieht es in der Kinderchirurgie aus. Rein rechnerisch könnte sich die Patientenzahl verdoppeln, wenn alle kinderchirurgischen Fälle tatsächlich auch in Kinderchirurgien betreut würden. Hier sind erhebliche Anstrengungen nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in ganz Deutschland gefragt.

Im weiteren Verlauf ging Herr Scheel dann konkret auf Sachsen-Anhalt ein. In unserem Bundesland existieren von über 36 Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin 1995 im Jahre 2012 nur noch 21. Die Kinderchirurgie verfügte 1995 über vier, heute nur noch über drei Fachabteilungen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist mit ihren sechs Fachabteilungen trotz offenbar steigenden Bedarfs auf dem niedrigen Niveau von 1995 geblieben.

Das Problem Kinderkliniken und Abrechnungssystem nach DRG-System wurde zu einem weiteren Vortragsschwerpunkt. Der deutlich ungleiche wirtschaftliche Wettbewerb gegenüber der Erwachsenenmedizin wurde herausgearbeitet. Die generelle Benachteiligung zeigt sich u. a.

  • in dem Verhältnis Fallzahl zu höheren Vorhaltekosten,
  • in dem breiten Leistungsspektrum der Kinderkliniken (bis 500 unterschiedliche DRG, Erwachsenenkliniken decken lediglich ein Spektrum von bis zu 300 unterschiedlichen DRG ab),
  • in einer Akutversorgungsquote von ca. 80 % mit einer Notfallquote von über 50 %.

Da der Anteil von Kindern und Jugendlichen bei stagnierender bzw. rückläufiger Geburtenzahl nur 16 % an der Gesamtbevölkerung beträgt, können wir unsere Leistungszahlen nicht steigern. In Erwachsenenkliniken betrug die Fallzahlsteigerung in den letzten acht Jahren fast 15 %!
So gab 2012 die gesetzliche Krankenversicherung für Krankenhausbehandlungen insgesamt fast 62 Milliarden Euro aus, von denen nur 4 Milliarden Euro an die Gruppe der bis 20-Jährigen geflossen sind.

Fazit ist, dass Kinderkliniken an der allgemeinen Fallzahlsteigerung nicht teilnehmen können.
Sie brauchen und fordern Versorgungssicherheit, trotz rückläufiger Patientenzahlen.

Aus diesem Grund müssen unsere Kliniken hinsichtlich der Strukturqualität Mindeststandards erfüllen und die Entfernungen zwischen den Kliniken sollten nicht mehr als 40 km oder 30 Minuten betragen.

Am Ende seines Vortrages stellt Herr Scheel nochmals klar, dass sich aufgrund der ungleich höheren Vorhaltekosten für die Kinderklinik das DRG-System als ungeeignet herausgestellt hat und fordert den „Versorgungszuschlag Kindergesundheit“.
 
An dieser Stelle dankten die Tagungsteilnehmer der GKinD mit ihrem Geschäftsführer, dem Vorstand und den weiteren Mitarbeitern herzlich für die geleistete Arbeit hinsichtlich der Sicherstellung des Versorgungsauftrages in der Kinder- und Jugendmedizin bzw. Kinderchirurgie an 365 Tagen im Jahr über 24 Stunden.

Herr Tino Sorge, CDU/MdB, (MdB seit 2013), ordentliches Mitglied im Aus-schuss Gesundheit des Deutschen Bundestages wurde als nächster Referent begrüßt. Er stellte sich in einer ehrlichen und offenen Diskussion all den Themen, die von Herrn Scheel bereits angesprochen worden waren. So brennen den Klinikärzten besonders die Finanzierung, die Pflege und natürlich die GBA-Beschlüsse mit ihren vielfältigen Auswirkungen unter den Nägeln. Auch die Diskussion um die Themen „Wie viel Universitäten braucht unser Bundesland“ und „Können wir uns auch zukünftig eine universitäre Kinderchirurgie leisten“ wurde lebhaft geführt. Herr Sorge versprach dem Auditorium, all die vielfältigen Anregungen mit in den Bundestag zu nehmen, um sie dann in entsprechenden Ausschüssen zu diskutieren. Wir freuen uns heute schon auf die weitere Zusammenarbeit mit ihm zur nächsten Tagung.

Die Diskussion und Abstimmung über eine Resolution an Herrn Minister Möllring (Wissenschafts- und Wirtschaftsminister des Landes Sachsen-Anhalt) für den Erhalt eines Lehrstuhls „Kinderchirurgie“ prägte den weiteren Verlauf der Tagung. Es kam zur Einigung auf einen entsprechenden Text, der verabschiedet wurde und dem Ministerium gesendet wird.

Nach der Pause ergriff Herr Dr. Eichelmann, Vorsitzender des Weiterbildungsausschusses der Landesärztekammer Sachsen-Anhalt, das Wort. Er stand uns Rede und Antwort zum Thema „Entwicklung der neuen Musterweiterbildungsordnung“. An der Diskussion beteiligten sich alle Chefärzte rege. Abschließend war allerdings zu erfahren, dass trotz straffer Zeitschiene sicherlich erst in zwei Jahren mit einer neuen Weiterbildungsordnung zu rechnen sei.

Der Abschluss unserer diesjährigen Klausurtagung wurde vom Vorsitzenden Dr. Axel Schobeß selbst gestaltet. Er berichtete über eine erfolgreiche Hypothermiebehandlung bei einem asphyktischen Neugeborenen.
                    
Beim Abschied ins wohlverdiente Restwochenende hatten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen schon die nächsten Tagungstermine im November 2014 und März 2015 im Gepäck.

Dr. med. Cornelius PreschDr. med. Cornelius Presch     
stellv. Vorsitzender der Vereinigung leitender Kinderärzte
und Kinderchirurgen Sachsen-Anhalt
AMEOS Klinikum Halberstadt
Frau-Mutter-Kind-Zentrum
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin