Logo Lungenklinik Ballenstedt/HarzEine Einrichtung stellt sich vor

Seit 2010 wird in der Lungenklinik Ballenstedt Beatmungsentwöhnung angeboten, seit Oktober 2012 auf einer eigens konzipierten Weaningstation mit zunächst 6 und jetzt 8 Beatmungsplätzen. Mit Wirkung vom 21.11.2014 gelang die Zertifizierung durch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Im April erfolg-te die Zertifikatübergabe aus den Händen des DGP-Pastpräsidenten
Prof. Dr. med. Tobias Welte von der MHH Hannover im Rahmen einer Festveranstaltung im Beisein von Vertretern aus Medizin und Politik des Landes Sachsen-Anhalt.

Entwöhnung von der Langzeitbeatmung
Dem Aspekt der Langzeitbeatmung kommt in der Intensivmedizin eine stetig zunehmende Bedeutung zu. Chronisch kranke Patienten werden immer älter. Immer ältere, immer kränkere Patienten werden immer invasiveren Therapien zugeführt. Das bedeutet zwangsläufig, dass immer mehr Patienten auf Intensivstationen betreut werden müssen, deren Verlauf kompliziert ist. Gelingt die Entwöhnung von der Beatmung nicht, werden sie häufig direkt in die Heimbeatmung entlassen, woraus eine stark steigende Zahl außerklinisch invasiv beatmeter Patienten resultiert.

Das Ziel müsste und könnte aber sein, nur die Patienten außerklinisch invasiv zu beatmen, die dadurch wirklich Lebensqualität erfahren. Dazu bedarf es auf die speziellen Bedürfnisse invasiv langzeitbeatmeter chronisch kritisch kranker Patienten abgestimmter Versorgungskonzepte unter Einbeziehung von spezialisierten Zentren.

Langzeitbeatmete Patienten haben in der Regel multiple Probleme
Die gesamte Muskulatur des Körpers ist durch die langfristige Immobilisation stark geschwächt – intensive Physiotherapie ist notwendig. Nahezu jeder langzeitbeatmete Patient hat eine relevante Schluckstörung – logopädische Übun-gen können dabei helfen, diese wieder zu beheben. Dazu kommen weitere Probleme der Intensivmedizin wie das regelhaft vorhandene Delir oder die Sedativa-induzierte Darmlähmung und multiple Grunderkrankungen.

Mit einem auf diese speziellen Probleme abgestimmten Weaningkonzept, in das alle Berufsgruppen aktiv und strukturiert mit eingebunden sind, gelingt uns Beatmungsentwöhnung – warum:

Eine bestmögliche Versorgung von schwerkranken multimorbiden Patienten auf einer Weaningstation ist zu erzielen, wenn in jeder Schicht mit gleichbleibender Qualität in allen Teilbereichen mit dem Patienten intensiv gearbeitet werden kann. Häufig scheitert dies daran, dass die beteiligten Berufsgruppen organisatorisch voneinander getrennt agieren. Logopädie ist oft selten auf einer Intensivstation der Regelversorgung vorhanden. Die Phy-siotherapie hat häufig nur begrenzte Ressourcen und versorgt die Patienten eher im Rahmen einer passiven Bewegungstherapie. Die Pflege fühlt sich lediglich für die allgemeine Mobilisation zuständig und die Ärzteschaft beschäftigt sich oft ausschließlich mit dem medizinischen Aspekt.

Innovative Organisationsstrukturen
Hier geht die Weaningstation der Lungenklinik Ballenstedt einen neuen Weg, um im ärztlich geleiteten Team berufsgruppenübergreifend unter Nut-zung aller Potentiale der Teammitglieder wesentlich bessere Behandlungsergebnisse für den Patienten zu erzielen.
Hierfür wurde das Team mit dem 2. Platz des Medizin-Management-Preises 2014 ausgezeichnet.

Die Bereiche Pflege und Medizin sind sowohl medizinisch als auch organisatorisch eng verflochten. Der Leiter des Projektes ist Arzt und trotzdem der direkte Vorgesetzte der Pflegekräfte und ihnen fachlich weisungsbefugt. Jeder Mitarbeiter im Team übernimmt berufsfremde Tätigkeiten. Dazu werden alle pflegerischen Mitarbeiter auch in Techniken z. B. der Bronchoskopie, Logopädie, Krankengymnastik und Medizin qualifiziert. Spezielle Curricula wurden entwickelt. Ein umfassendes pathophysiologisches Verständnis aller Mitarbeiter der verschiedenen Berufsgruppen, sowohl der Ärzte als auch der Pflege, wird gefordert – aber auch gefördert!
Im organisatorischen Bereich werden ebenso neue Wege beschritten. Durch Einbindung und Verantwortungsübernahme aller Mitarbeiter auch in administrative Aufgaben, können alle Ressourcen und speziellen Talente spezifisch genutzt werden, was zum Erfolg des Projektes beiträgt.

Struktur der Weaningstation
Aktuell stehen 8 Beatmungsentwöhnungsplätze ausschließlich in Einzelzimmern zur Verfügung. Jedes Zimmer hat einen freien Blick auf die landschaftlich reizvolle Umgebung des Harzes, an dessen Rand die Lungenfachklinik liegt. Das Farbkonzept wirkt beruhigend, kognitives Input wird in Form von Deckengestaltung genauso angeboten wie audiovisuell. Ganz bewusst gibt es üppig bemessenen Stauraum, das medizinische Gerät wurde möglichst dezent verbaut. Die Station wirkt groß, gemütlich, aufgeräumt und vor allem ruhig. Das alles ist für die psychische Rekonditionierung der Patienten absolut entscheidend. Die technische Ausstattung entspricht trotzdem dem Standard einer modernen Intensivstation. Zum hämodynamischen Monitoring werden PICCO und Rechtsherzkatheter genutzt. Eigene Ultraschallgeräte einschließlich TEE, Videoendoskopie und die Möglichkeit der Dialyse stehen zur Verfügung. Der atmungsspezialisierten Einheit stehen verschiedenste Intensivrespiratoren zur Verfügung, eine bevorzugte Technik ist NAVA.

Das Ballenstedter Konzept
Im Durchschnitt sind die Patienten bereits 33 Tage invasiv beatmet, bevor sie in unser Weaningzentrum verlegt werden. Sie weisen sämtliche vorbeschriebenen Komplikationen auf, die sich aus dem langen Behandlungszeitraum ergeben können.

Voraussetzung für unseren Erfolg der Beatmungsentwöhnung mit Erreichen des Idealzieles der Geräteunabhängigkeit ist eine intensive rehabilitative Arbeit unter Einbeziehung umfangreicher physiotherapeutischer und logopädischer Elemente. Die Arbeit ist sehr personalintensiv und bedarf in erster Linie eines adäquaten Personalschlüssels, der tagsüber eine 2:1 Pflege gewährleistet. Mit diesem Aufwand gelingt es uns, ca. 60% der zu uns verlegten Patienten von der Invasivbeatmung zu entwöhnen. Die palliativmedizinischen Qualifikationen der Klinik ergänzen das Angebot für Patienten in terminalen Situationen.

Es gibt Patienten, bei denen eine invasive außerklinische Beatmung sinnvoll und notwendig ist. Diese Patienten können nicht spontan atmen und empfinden trotz der Invasivbeatmung Lebensqualität. Das sind in einem Beatmungszentrum aber sehr viel weniger, als zu vermuten wäre. Mit dem erforderlichen personellen Aufwand gelingt es sehr oft, Patienten, die in weniger spezialisierten Einheiten als nicht entwöhnbar gelten, doch noch von der Beatmung über eine Trachealkanüle zu befreien. Aus unserer Klinik werden nur ca. 3% der Weaningpatienten in die invasive Heimbeatmung entlassen.

Auf unserer Weaningstation werden pro Jahr ca. 180 Patienten aus Sachsen-Anhalt und Niedersachsen behandelt. Nach dem Verständnis unserer Fachgesellschaften ist es medizinisch, ethisch und wirtschaftlich sinnvoll, in einem Weaningzentrum zu prüfen, ob Entwöhnungspotential besteht, bevor die Indikation für eine häusliche Invasivbeatmung gestellt wird.

Dr. med. Jan Hinrichs, Leitender Oberarzt der Abteilung Beatmungsmedizin,

Dr. med. Barbara Wagener, Ärztliche Geschäftsführerin Lungenklinik Ballenstedt/Harz gGmbH

Dr. med. Jan HinrichsKorrespondenzsanschrift:
OA Dr. med. Jan Hinrichs
Leitender OA der Abteilung für
Beatmungsmedizin Lungenklinik Ballenstedt/Harz gGmbH
Robert-Koch-Str.26/27
06493 Ballenstedt
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