Bekämpfung der überdurchschnittlich hohen Herzinfarktsterblichkeit in Sachsen-Anhalt: Neues Forschungsvorhaben in Magdeburg

Die koronare Herzkrankheit (KHK) ist die Vorläuferkrankheit des Herzinfarkts und die häufigste Herzerkrankung mit schätzungsweise sechs Millionen Betroffenen in Deutschland. Jährlich sterben über 128.000 Menschen an der KHK, darunter mehr als 55.000 am Herzinfarkt. Sachsen-Anhalt steht laut Deutschem Herzbericht 2014 mit 103 Herzinfarkttoten pro 100.000 Einwohner gemeinsam mit Brandenburg (105) an der Spitze der Bundesländer mit der höchsten Herzinfarktsterblichkeit in Deutschland. „Deshalb sind unsere Anstrengungen groß, mit Hilfe wissenschaftlicher Analysen Strategien zu entwickeln, die es ermöglichen, Risikogruppen früh für ihr Infarkt-Risiko zu sensibilisieren und so die Sterblichkeit durch Herzinfarkt und andere Herzkrankheiten zu senken“, betont Prof. Dr. med. Rüdiger C. Braun-Dullaeus, Direktor der Klinik für Kardiologie, Angiologie und Pneumologie am Universitätsklinikum Magdeburg und Beiratsmitglied der Deutschen Herzstiftung. Zwei von der Deutschen Herzstiftung finanziell unterstützte wissenschaftliche Projekte in Sachsen-Anhalt mit diesem Ziel wurden anlässlich des Auftakts der bundesweiten Herzwochen („Herz in Gefahr: Koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt“/Infos: www.herzstiftung.de/herzwochen.html) in Magdeburg vorgestellt.

Prof. Dr. Rüdiger C. Braun-Dullaeus, Leiter des MEDEA-Projekts, während der Pressekonferenz in Magdeburg.  Foto: Deutsche Herzstiftung
Prof. Dr. Rüdiger C. Braun-Dullaeus, Leiter des MEDEA-Projekts, während der Pressekonferenz in Magdeburg. Foto: Deutsche Herzstiftung

Um anhand der Untersuchungsregion Magdeburg die genaueren Umstände von Herzinfarkten wie z. B. Risikofaktoren und Vorerkrankungen der Betroffenen, ihr Entscheidungsverhalten im Herznotfall und ihr Vorwissen über die Herzinfarkt-Warnzeichen zu analysieren, führt das Universitätsklinikum Magdeburg gemeinsam mit der Technischen Universität München und dem Helmholtz Zentrum München in Sachsen-Anhalt das Forschungsvorhaben „Magdeburger Untersuchung der Verzögerung bei Patienten mit akutem Koronarsyndrom (MEDEA)“ (Magdeburg Examination of Delay in Patients Experiencing an Acute Coronary Syndrom) durch. Das Projekt wird von der Deutschen Herzstiftung seit 2014 mit 120.000 Euro gefördert. Dabei werden Ergebnisse und Fragestellungen aus dem Münchener MEDEA-Projekt für die Untersuchungsregion Sachsen-Anhalt/Magdeburg angewendet.

West-Ost-Vergleich: Rückschlüsse auf Herzinfarktrisiko in München und Magdeburg
„Wenn wir MEDEA-Daten zur westdeutschen Großstadt München, die uns vorliegen, zukünftig mit den Daten aus dem Magdeburger MEDEA-Projekt vergleichen, könnte das enorm helfen, ein Interventionsprogramm zur Verbesserung der Infarktversorgung zu entwickeln, das auch lokale Faktoren wie die Arbeitsmarktsituation, den Sozialstatus oder die Altersstruktur eines ostdeutschen Bevölkerungsgebiets für die Erstellung von Risikoprofilen berücksichtigt“, betont der Leiter der Münchener und (gemeinsam mit Prof. Braun-Dullaeus) der Magdeburger MEDEA-Studie Prof. Dr. med. Karl-Heinz-Ladwig vom Helmholtz Zentrum München und der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Klinikums rechts der Isar der TU München. So spielt den Forschern zufolge für prähospitale Verzögerungen das Alter eine große Rolle. Für die ostdeutschen Länder wird ein besonders großer Anteil Hochal-triger vorausgesagt.

Fatale Zeitverluste beim Herzinfarkt: Warum zögern die Betroffenen?
Bei der Versorgung von Herzinfarktpatienten zählt jede Minute, da der Infarkt jederzeit lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen (Kammerflimmern) auslösen kann und zum Untergang von Herzgewebe führt. „Erst die Behandlung in der Klinik kann das Herz vor schweren Schäden und den Patienten vor lebensbedrohlichen Komplikationen bewahren“, betont der Kardiologe und Notfallmediziner Prof. Dr. med. Dietrich Andresen vom Vorstand der Deutschen Herzstiftung. „Voraussetzung ist, dass bei Infarktverdacht sofort mit der Notrufnummer 112 ein Rettungswagen mit Notarzt alarmiert wird.“ Trotzdem warten Betroffene mehrere Stunden oder gar Tage ab, bis sie medizinische Hilfe anfordern. Nach Ergebnissen der Münchener MEDEA-Studie mit insgesamt 619 untersuchten Infarktpatienten liegt die Verzögerungszeit im Schnitt bei Männern bei 194 Minuten, bei Frauen bei 230 Minuten, bis der/die Patient/in mit Infarktsymptomen die Klinik erreicht. Schaut man genauer auf die Infarktpatienten über 65 Jahre, sind die Verzögerungszeiten noch länger (Männer: 222 Min./Frauen: 266 Min.). Vor allem diese Verzögerungen im Entscheidungsverhalten von Infarktpatienten in der besonders kritischen Phase zwischen Herzinfarktereignis und Behandlung in der Klinik („Präshospitalphase“) in den Griff zu bekommen, also auf ein Maß zu verkürzen, dass der behandelte Infarktpatient die Klinik möglichst ohne Folgeschäden am Herzen wieder verlassen kann, ist das Ziel der MEDEA-Studie. „Wo wir dringlichen Klärungsbedarf sehen, sind die genauen Motive hinter dem Verzögerungsverhalten der Patienten, bis sie über den Notruf 112 medizinische Hilfe anfordern“, so
Prof. Braun-Dullaeus.

Was beschleunigt, was lähmt das Entscheidungsverhalten?
Aktuelle Ergebnisse der Münchener MEDEA-Studie konnten z. B. belegen, dass die Todesangst (entgegen langjähriger Vermutungen) nicht lähmend auf das Entscheidungsverhalten der Betroffenen wirkt, sondern eher mobilisierend für rascheres Handeln (Wählen der 112). Ferner können Alter und Geschlecht für die Wahrnehmung der Herzinfarktsymptome eine wichtige Rolle spielen. MEDEA zeigt auch: „Je älter die Patienten, die einen Herzinfarkt erleiden, sind, desto geringer wird der Anteil derjenigen mit spezifischen Symptomen wie Brustschmerz, Kurzatmigkeit, Schwitzen und Erbrechen. Das trifft besonders für Frauen, die älter als 65 Jahre sind. Dies erklärt vielleicht auch die deutlich höhere Infarktsterblichkeit im hohen Alter besonders bei Frauen und sollte bei Vorsorgeuntersuchungen, bei Routinekontrollen beim Kardiologen oder in der Nachsorge in den Fokus rücken“, berichtet Prof. Ladwig.

RHESA: Wichtige Erkenntnisse zu den Herzinfarkt-Risikofaktoren
Ebenso wichtig für die Bekämpfung der Herzinfarkt-Sterblichkeit in Regionen mit einer überdurchschnittlich hohen Infarktsterblichkeit sind regionale Herzinfarktregister, so etwa das Regionale Herzinfarktregister Sachsen-Anhalt (RHESA), das Herzinfarkte (tödliche und nicht-tödliche) in einer städtischen (Halle/Saale) und einer Landbevölkerung (Altmark) untersucht. RHESA wird u. a. von der Herzstiftung finanziell unterstützt und hat nach ersten Ergebnissen wichtige Erkenntnisse etwa zu den häufigsten Risikofaktoren (Rauchen, Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte, Diabetes) und zum Alarmierungsverhalten der Registerpatienten zutage gefördert. „Immer noch warten Infarktpatienten im Schnitt mehr als eine Stunde bis zum Notruf 112. Dadurch erhöht sich das Sterberisiko der Betroffenen deutlich. Unsere Daten zum Alarmierungsverhalten von Infarktpatienten könnten langfristig dazu verhelfen, geeignete Strategien zur schnelleren Alarmierung des Rettungsdienstes zu entwickeln“, unterstreicht Dr. rer. medic. Stefanie Bohley, Koordinatorin des RHESA. Durch verstärkte Bevölkerungsaufklärung über die Herzinfarkt-Alarmzeichen oder die KHK-/Herzinfarkt-Risikofaktoren ließen sich viele stationäre Aufnahmen und Sterbefälle durch Herzinfarkt vermeiden.

Ein kostenfreier Herzinfarkt-Risikotest der Deutschen Herzstiftung ist online unter www.herzstiftung.de erreichbar oder als Faltblatt erhältlich bei der Herzstiftung unter Tel.: 069 955128-400.

| Pi UKM, RHESA, Deutsche Herzstiftung